Am 4. August ist der Verleger Klaus G. Saur, seit 1999 Ehrenmitglied des VDB – Verein Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare, kurz nach seinem 85. Geburtstag gestorben. Klaus G. Saur war über viele Jahrzehnte eng mit dem deutschen und internationalen Bibliothekswesen verbunden.

Mit 22 Jahren übernahm er den von seinem Vater nach dem Krieg gegründeten „Verlag Dokumentation und Technik“ – damals ein kaum profitables Ein-Mann-Unternehmen – und baute es zum führenden Verlag für Nachschlagewerke und Bibliografien aus. Mit seiner markanten Persönlichkeit schaffte er es nicht nur, alle Nischen des Marktes – auch in den damals weitgehend abgeschotteten Ostblock-Staaten – zu erkunden, er kannte auch jede und jeden, zumindest jeden Bibliotheksdirektor und jede Bibliotheksdirektorin. Diese suchte er gerne kurz vor Kassenschluss auf, um ein absolut attraktives und kaum ablehnbares Angebot für eine der Neuheiten seines Verlags zu unterbreiten. Das Wachstum des Verlags wurde von Saurs unglaublicher Innovationskraft getrieben. Produkte wie die beiden Reihen des Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums (GValt und GVneu) , das Deutsche Biographische Archiv (DBA) oder die Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE) haben für Jahrzehnte die bibliothekarische Arbeit geprägt und zeitweise erheblich erleichtert. Denn zuvor musste man die von Saur in Gesamtverzeichnissen – zunächst handwerklich in Collagetechnik –zusammengeführten biblio- bzw. biografischen Angaben in einer ganzen Reihe von Einzelwerken mühsam zusammensuchen, was heute im Zeitalter großer Datenbanken und von KI kaum mehr vorstellbar ist. Hinzu kamen Lehrbuchklassiker wie das Bibliothekarische Grundwissen von Rupert Hacker und die Katalogisierung nach den RAK-WB von Klaus Haller und Hans Popst, aber auch im internationalen Kontext die Publikationsreihen der IFLA.
Einen besonderen Namen hatte sich Klaus G. Saur mit dem umfassenden Nachschlagewerk Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration gemacht, der ersten umfassenden biografischen Enzyklopädie der vom nationalsozialistischen Deutschland vertriebenen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Weitere biografische Verzeichnisse wie das Biographische Handbuch der deutschsprachigen wirtschaftswissenschaftlichen Emigration nach 1933 oder das Biographische Handbuch der Verleger, Buchhändler und Antiquare folgten, dazu Quellen aus dem Zentrum der Naziherrschaft wie die Edition der Akten der Parteikanzlei der NSDAP oder die Quellenedition Widerstand als Hochverrat mit der Wiedergabe aller Todesurteile des Volksgerichtshofs. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus war für Klaus G. Saur ein essenzieller Teil seiner eigenen Familienbiografie: Klaus G. Saurs Vater Karl-Otto Saur war als Stellvertreter Albert Speers ein ranghoher Nationalsozialist gewesen, der wohl auch nach Kriegsende seine politische Überzeugung nie abgelegt hatte. Der Sohn war sich dessen stets bewusst: Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, aber auch das Gedächtnis an die Opfer, an Emigration und Widerstand wurde zum Kern seines verlegerischen Ethos. Zum Ausdruck kam es in den Publikationsschwerpunkten seines Verlags, aber auch bei seinem frühem Israel-Besuch oder dem von ihm mitinitiierten Geschwister-Scholl-Preis1.
Viele Familienverlage führen den Namen des Inhabers oder des Gründers, aber beim K.G. Saur-Verlag war der Personenname stets Programm. Auch nachdem der Verlag deutlich gewachsen war und Ableger im Ausland gegründet hatte, war Klaus G. Saur dessen Motor und Zentrum. Dies blieb auch so, als Saur Ende der 1980er-Jahre seinen Verlag im Zuge der Verlagskonzentration und Internationalisierung an die damalige Reed-International-Verlagsgruppe verkaufte und der Verlag dann für zwei Jahrzehnte Teil eines internationalen Konzerns wurde.
Nach einer kurzen Phase des Ruhestands wurde Saur 2005 geschäftsführender Gesellschafter beim Verlag Walter de Gruyter und legte die Grundlage für die Entwicklung des damals zwar angesehenen, aber relativ kleinen und spezialisierten Familienverlags zu einem der Big Player in der internationalen Verlagslandschaft. Einer der ersten Verlage, der unter das Dach von De Gruyter schlüpfte, war Saurs früherer K.G. Saur-Verlag, den er für De Gruyter zurückkaufte.
Neben seinem ausgeprägten Geschäftssinn, der ihn zu einem der erfolgreichsten deutschen Verleger im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert machte, war Saur ebenso für seine Großzügigkeit wie für die Eloquenz seiner Reden bekannt. Beides prägte über viele Jahre hinweg die Deutschen Bibliothekartage, deren Empfänge – wie auch die der IFLA – von ihm gesponsert und stets mit einer fulminanten frei gehaltenen Rede eröffnet wurden, in der er Namen, Daten, Fakten in großer Zahl aus seinem beeindruckenden Gedächtnis fehlerfrei wiedergeben konnte. Dass er, der über Jahrzehnte ein wichtiger Geschäftspartner für alle großen Bibliotheken in der Welt war, überhaupt Verleger und nicht Bibliothekar geworden war, ist eine gewisse Ironie der Geschichte. Denn als er sich 1964 – ohne Abitur und ohne Studium – an der Bayerischen Bibliotheksschule bewarb, war er abgelehnt worden. Somit war es die bis heute andauernde formale Strenge des bayerischen Bibliothekswesens, die erst eine große Verlegerkarriere möglich gemacht hat.
Klaus G. Saur hat im Laufe seines Lebens viele Ehrungen empfangen. Er war Ehrenmitglied der IFLA und des Börsenvereins, Honorarprofessor am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Ehrendoktor wie Ehrensenator mehrerer Universitäten. Der VDB – Verein Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare verliert mit dem Tod von Klaus G. Saur sein langjähriges Ehrenmitglied.