Nr. 3 (2026)
DOI: 10.5282/o-bib/6316

Partizipation damals und heute : kulturelles Erbe und Identität in historischen und jüdischen Museen und Gedächtniseinrichtungen / herausgegeben von Bettina Gierke, Heike Pöppelmann und Hansjörg Pötzsch ; im Auftrag des Braunschweigischen Landesmuseum. – Berlin ; Boston : De Gruyter Oldenbourg, [2026]. – VI, 235 Seiten : Illustrationen. – (Forschungen und Berichte des Braunschweigischen Landesmuseums ; Neue Folge, Band 4). – ISBN 978-3-11-134642-7 : EUR 29.95 (auch als E-Book im Open Access verfügbar)

Der hier rezensierte Sammelband ist aus der Tagung „Partizipation und Engagement: Der Einfluss aktiver Bevölkerungsbeteiligung auf Kultur- und Gedächtniseinrichtungen“ entstanden, die am 17. und 18. April 2023 im Braunschweigischen Landesmuseum stattfand. Er erscheint als vierter Band der Neuen Folge in der Reihe „Forschungen und Berichte des Braunschweigischen Landesmuseums“. Herausgegeben wurde er von Bettina Gierke, der Leiterin der Sammlungen des Braunschweigischen Landesmuseums, seiner Direktorin Heike Pöppelmann und Hansjörg Pötzsch, dem Provenienzforscher aus der Bundesakademie für Kulturelle Bildung.

Die Idee zur Tagung ergab sich aus der Auseinandersetzung mit der Sammlung „Judaika“ des Braunschweigischen Landesmuseums von 2016 bis 2021, deren Ergebnisse eine der Grundlagen für die neue Dauerausstellung „Ein Teil von uns. Deutsch-jüdische Geschichte aus Niedersachsen“ ist (S. 1 f). Das Braunschweigische Landesmuseum, das 1891 als „Vaterländisches Museum“ gegründet wurde, ist eine der zahlreichen Museumsgründungen des 19. Jahrhunderts. Durch die Forschungen in Vorbereitung der Ausstellung wurde deutlich, dass „ein Großteil der Objekte durch die Sammlungsarbeit der jüdischen Gemeinschaft im Freistaat Braunschweig entstanden ist“ (S. 2).

Thematischer Schwerpunkt des Bandes ist also die Sammelleidenschaft der Bürgerschaft im 19. Jahrhundert, die auf zahlreiche Museen einen großen Einfluss hatte, wobei besonders Institutionen in den Fokus genommen werden, die jüdische Sammlungen betreuen. Untersucht werden die Beziehungen der Institutionen zu den engagierten Personen, die sich an der „Zu- über Mit- bis zur Zusammenarbeit“ beteiligen (nach der Definition von Anja Piontek).1

„An der Tagung und an der Publikation haben sich Referent*innen und Diskutierende aus Deutschland, Österreich, Israel, Großbritannien und den USA beteiligt. Sie vertreten kulturhistorische Einrichtungen, jüdische Museen, Kunstmuseen, Gedenkstätten sowie Forschungseinrichtungen und teilen ihre Erfahrungen mit den Auswirkungen von Partizipation auf ihre Institutionen – oft mit Fokus auf die eigene Geschichte“ (S. 3).

Das Buch gliedert sich in drei Kapitel:

Aus systematischen Gründen hätte man sich allerdings gewünscht, dass das Kapitel „Heutige Partizipation“ mit seinen aktuellen Fragestellungen an den Schluss gesetzt worden wäre.

Aufgrund seiner grundlegenden Definitionen ist der Auftaktartikel von Markus Walz mit dem Titel „Partizipation im Museum: Definition und Abgrenzung, Ausprägungen in Vergangenheit und Gegenwart“ für den Band sehr wertvoll. „Partizipation“ ist ein wichtiges Thema in der heutigen Kulturlandschaft. Die Entwicklung ging von „Kultur für alle“ zu „Kultur von allen“ bis zur „Kultur mit allen“.

„Partizipation wird als Museumsmanagement-Werkzeug definiert, das die Beteiligung Externer an den Entscheidungen und an der Weiterentwicklung der Institution Museum oder deren Eigentümer-Körperschaft zulässt.“ (S. 13). Dabei wird abgegrenzt gegen unerbetene Interventionen durch Dritte, Agitation der Museumsgäste durch die Museumsverantwortlichen und Interaktionsangeboten mit vorgeformtem Ergebnis. Außerdem wird Partizipation von „Selbstverwaltung, Zeitspende, Outreach, Audience Development, Inklusion“ abgegrenzt. Vier Partizipationstypen werden unterschieden:

  1. Kontribution (von der Institution gesteuerter Prozess, man darf Dinge beitragen)

  2. Kollaboration: aktive Mitwirkung an einem von der Institution gesteuerten Prozess

  3. Ko-Kreation: Mitglieder einer sozialen Gruppe erarbeiten gemeinsam mit Museumsfachleuten ein Projekt, von der Definition der Projektziele bis zur Fertigstellung

  4. Gastprojekte (hosted), von den Externen eigenverantwortlich entwickelt

Eine weitere Systematisierung erfolgt durch die Zuordnung der Möglichkeiten von Partizipation zu den sechs Kernaufgaben von Museen:

  1. Erforschen (z. B. Citizen Science, v. a. in den Naturmuseen),

  2. Sammeln (z. B. Herschenken privater Dinge, Sammelaufrufe),

  3. Bewahren (Partizipation nur eingeschränkt möglich),

  4. Interpretieren (dialogische Bildungsarbeit),

  5. Ausstellen (viel Mitwirkung denkbar) und

  6. Dokumentieren.

Der Aufsatz schließt mit dem Gedanken des Museums als „Agora“ (Marktplatz), dem Ort des Aushandelns und Verhandelns von Partizipation.

Der nächste Beitrag in dieser Sektion stammt von Felicitas Heimann-Jelinek und trägt den Titel „Deponierte Ansammlungen oder partizipative Sammlungen?“. Die Autorin geht der Frage nach, ob ein persönliches Deponat Aussagekraft für eine allgemeine Geschichte haben kann. Dabei wird auch die Frage nach den Deponierenden gestellt, deren Tätigkeit als partizipativ angesehen wird. Das Thema wird am Beispiel des Falls von Sophie Kutner (1880–1942) veranschaulicht. Sie schenkte 1923 mehrere persönliche Objekte und Ritual-Objekte der Familie Schwabe, die die letzten Mitglieder der jüdischen Gemeinde Hornburg waren. Hornburg liegt im Kreis Wolfenbüttel, der letzte Gottesdienst in der Synagoge war 1882. Die Hornburger Landsynagoge kam ebenfalls nach Braunschweig. Der Museumsdirektor Karl Steinacker (1910–1935) erkannte schon damals den Wert des Depots. Bis 2021 mussten jedoch die Objekte warten, bis sie vom „Deponat zum Exponat“ (S. 35) wurden und damit zeigen konnten, dass auch ein persönliches Deponat mit seiner Geschichte eine große Bedeutung für ein Museum haben kann.

Der letzte Beitrag in der ersten Sektion stammt von Nina Lucia Groß und Tilman Walther und hat den „Freiraum“ im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zum Thema, ein Raum, der prinzipiell allen zur Verfügung steht. Ausgeführt werden vier als „Tauschhandel“ bezeichnete Prozesse: 1. Definitionsmacht gegen Expertise von außen, 2. Legitimationshilfe gegen Distinktionsgewinn, 3. Expertise von außen gegen Umverteilung von Mitteln und 4. Kollaboration durch den Austausch von Expertisen. Bei diesem interessanten Ansatz hätte man sich noch konkretere Beispiele gewünscht.

Die zweite Sektion „Partizipativer Sammlungsaufbau in der Gegenwart“ enthält fünf Beiträge mit konkreten Beispielen von Partizipation in verschiedenen Einrichtungen. Die Sektion wird eröffnet von Eva Haverkamp-Rott, Astrid Riedler-Pohlers, and Susanne Weigand mit dem Beitrag „Patrimonialization and Cooperation. Jewish Cultural Heritage in Regensburg“. Der Artikel untersucht am Beispiel Regensburg, wie jüdische Geschichte und Kultur in den Museen und in der Altstadt, die zum UNESCO-Kulturerbe zählt, dargestellt werden. Zu diesem Zweck werden die bisherigen Aktivitäten in Regensburg, die von der Stadt initiiert wurden – beispielsweise Ausgrabungen (document Neupfarrplatz), ein Dokumentationszentrum, ein Denkmal für die mittelalterliche Synagoge, Forschungen über die Grabsteine, eine Ausstellung im Historischen Museum („Regensburg – Mittelalterliche Metropole der Juden“, 2019) und eine Online-Ausstellung von 2021 („Regensburg and ist Jewish community“) – näher betrachtet. Die zentrale Frage, die sich die Autorinnen dabei stellen, ist: Wie wurde und wird die jüdische Gemeinde Regensburg in die Aktivitäten einbezogen? Jüdische Geschichte wurde oft ohne ihre eigenen Repräsentantinnen und Repräsentanten erzählt. Dies soll sich durch das beschriebene Projekt ändern: Die Jüdische Gemeinde schreibt ihre Geschichte selbst – ein faszinierender Ansatz, der im besten Fall zu mehr Vertrauen der jüdischen Gemeinde in die Institutionen führen wird, die jüdische Geschichte Regensburg neu schreibt und mit weiteren Facetten bereichert.

Der folgende Aufsatz stammt von Christina Ludwig und trägt den Titel „Imagine all the people – Livin’ life in a new ‚museum‘. Einblicke in die Diskussionen um ein ‚Jüdisches Museum‘ in Dresden/Sachsen“. Thema ist die anvisierte Neugründung eines Jüdischen Museums in Dresden. Auch in diesem Projekt sollen die drei jüdischen Gemeinden der Stadt von Anfang an mit einbezogen werden. Als Ort wird der Alte Leipziger Bahnhof diskutiert, von dem aus Jüdinnen und Juden aus Dresden und Ostsachsen deportiert wurden. Von Anfang an wurden partizipatorische Methoden bei der Erinnerungsarbeit angewendet. Die Vorbereitungen erfolgten analog und digital. „Das Jubiläum ‚1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland‘ im Jahr 2021 nahm das Stadtmuseum Dresden zum Anlass, mit einem neuen Pilotformat den Diskurs um das ‚Jüdische Museum‘ in die 2006 eingerichtete stadtgeschichtliche Dauerausstellung zu integrieren. Ziel der Intervention ‚Rethinking Stadtgeschichte. Perspektiven jüdischer Geschichten und Gegenwarten‘ war es, eine niedrigschwellige Plattform für den anstehenden Aushandlungsprozess zu schaffen.“ (S. 73). Digital gab es Podiumsdiskussionen, BLOG und Umfrage.

In ihrem Beitrag „Herausforderungen, Chancen und Grenzen partizipativer Sammlungsprojekte am Jüdischen Museum Berlin“ (JMB) beschreibt Tamar Lewinsky zwei partizipative Projekte des JMB: „Objekttage“, das seit 2017 die vielfältigen Migrationsbiografien von Jüdinnen und Juden in Deutschland dokumentiert, und die ausstellungsfokussierte thematische Sammlung von Objekten zum jüdischen Leben in der DDR. Beim ersten Projekt sollten Jüdinnen und Juden ein Objekt aussuchen und präsentieren, das ihre Migrationsgeschichte illustriert und eine Geschichte erzählt. Die Objekte wurden dokumentiert, es gab Interviews und Porträtaufnahmen, die Möglichkeit von Schenkung oder Leihgabe wurde thematisiert. An dem international ausgerichteten Projekt nahmen 129 Personen teil. 2025 erschien dazu die Publikation „Objekttage“. An einer Podiumsdiskussion stellten drei Teilnehmende ihre Objekte vor. Das zweite Projekt steht im Zusammenhang mit der Ausstellung „Ein anderes Land. Jüdisch in der DDR“, die von September 2023 bis Januar 2024 im Altbau des JMB zu sehen war. Hier gab es einen Sammlungsaufruf mit einer breiten Resonanz und viele Schenkungen. Überzeugend arbeitet Tamar Lewinsky auch die Grenzen der Partizipation heraus, denn die endgültige Entscheidung ist meist eine kuratorische, auch wenn Akteure und Kuratorinnen im engen Austausch stehen.

Im Beitrag „Ein ‚Heimatmuseum‘ für Weltbürger*innen?“ befasst sich Anika Reichwald mit dem Jüdischen Museum Hohenems, das 1991 eröffnet wurde. Auch hier wurde mit partizipatorischen Methoden gearbeitet: Erwähnenswert ist die kollaborative Arbeit bei der Ausstellung „Ein gewisses jüdisches Etwas“ (2010). Das Museum ist bemüht, Communities anzusprechen, vor allem die Nachkommen Hohenemser Jüdinnen und Juden. Es gab keine Jüdische Gemeinde in der Nachkriegszeit mehr und es sind auch keine Judaica aus Hohenems vorhanden. So wurde ein wichtiges Netzwerk mit den Nachkommen aufgebaut, wodurch auch Objekte in die Sammlung kamen und sich die Frage stellte, wie man jüdische Objekte präsentiert. Das Museum hat auch sogenannte Outreach-Aktivitäten: „Europaplätze in Hohenems“ (2020) und „Über die Grenzen“ (2022), ein grenzüberschreitendes partizipatives Projekt im Vorarlberg, Schweiz und Liechtenstein.

Die Sektion wird abgeschlossen durch den Artikel von Nadine Panteleon mit dem Titel „Das ist unser HEIMATMuseum – Partizipation und Identifikation durch Bürgerbeteiligung im Börde-Museum.“ Das Museum ist ein Beispiel für eine Gründung aus dem Bürgertum heraus. Es wurde 1924 eröffnet und hat mit seinen vielfältigen Aktivitäten einen modernen partizipativen Ansatz.

Die dritte Sektion „Partizipativer Sammlungsaufbau in der Vergangenheit“ enthält sieben Aufsätze und wird eröffnet von Isobel Muirs Beitrag „Jewish members of Britain’s National Art Collections Fund, 1903–1930“ – der einzige Artikel, der eine Institution außerhalb des deutschen Sprachraums in den Fokus nimmt. Thema des Aufsatzes sind die jüdischen Mitglieder des National Art Collections Fund (NACF). Wichtige Akteure waren Max Rosenheim (1849–1911), ein deutsch-jüdischer Kaufmann, und Edward Albert Sassoon (1856–1912), ein anderes jüdisches Mitglied, geboren in Bombay und verheiratet mit Aline de Rothschild (1867–1909). Besonders hervorzuheben ist jedoch das Engagement von Isidore Spielmann (1854-1925), der gemeinsam mit anderen jüdischen Mitgliedern maßgeblich beim Ankauf der „Rokeby Venus“ („Venus vor dem Spiegel“ von Diego Velázquez) beteiligt war. Zusammenfassend urteilt Isobel Muir über das Verhältnis der jüdischen Mitglieder zur Institution: „Moreover, the NACF gave its Jewish members a visible means of proving that their “communal values” were not incompatible with national interests, and indeed those members of the Jewish community both British and “foreign” played a valuable role in upholding and promoting the nation’s cultural wealth.“ (S. 139).

Der nächste Artikel in dieser Sektion stammt von Hansjörg Pötzsch: „Passion – Partizipation – Profession. Karl Steinacker, bürgerliches Engagement und das Vaterländische Museum zu Braunschweig (heute: Braunschweigisches Landesmuseum)“. Dieses Museum war schon Thema im Artikel von Felicitas Heimann-Jelinek. Der Artikel beleuchtet näher die Rolle der Familie Steinacker in der Geschichte des Museums und vor allem die Umsetzung der Hornburger Synagoge. Eduard Steinacker (1839–1893) steuerte Objekte zur Ausstellung „vaterländische Erinnerungen“ (Juni 1890) bei, die die Gründung des Vaterländische Museum zu Braunschweig quasi vorbereitete. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Vaterländischen Museums, das ohne bürgerliches Engagement nicht denkbar wäre. Sein Sohn, der Kunsthistoriker Karl Steinacker (1872–1944), war von 1910 bis 1935 der erste professionelle Leiter des Museums, seine „Universalsammlung“ wurde zwischen dem Braunschweigischen Landesmuseum, dem Herzog Anton Ulrich-Museum und dem Städtischen Museum Braunschweig aufgeteilt. Karl Steinacker war bis zuletzt Museumsinspektor am Herzoglichen Kunstmuseum, das ihn als Direktor an das Heimatmuseum abordnete. Auch Steinackers Mutter, seine Tante Charlotte von Strombeck und er selbst waren „durch Schenkungen, Leihgaben und finanzielle Unterstützungen“ (S. 145) dem Museum verbunden. Karl Steinacker war es auch, der trotz Widrigkeiten die Hornburger Synagoge ins Braunschweiger Museum umsetzte. 1925 waren die Umsetzungsarbeiten abgeschlossen; die Synagoge ist heute das Kernstück der bedeutenden Judaica-Abteilung des Museums.

Der Aufsatz von Christopher Galler mit dem Titel „Das Bomann-Museum Celle als Resultat einer lokalen Bürgerbewegung“ behandelt ebenfalls eine bürgerliche Museumsgründung des 19. Jahrhunderts. Gründer war der Fabrikant Wilhelm Bomann (1848–1926). Zuwendungen für das Museum gab es auch von jüdischen Mitgliedern des Museumsvereins. In Celle gab es eine Jüdische Gemeinde von rund 80 Personen. Am Beginn des 20. Jahrhunderts wurde eine kleine „israelitische Abteilung“ eingerichtet und es wurden Judaica durch Mithilfe des jüdischen Lehrers Julius Löwenstein erworben. In der Folgezeit entwickelte sich das Museum „von einer bürgerlichen Initiative zu einem deutlich stärker kommunal getragenen Museum“ (S. 165).

Der Aufsatz von Claudia Selheim mit dem Titel „Zuwendungen: Schenkungen und Stiftungen jüdischer Provenienz am Beispiel des Germanischen Nationalmuseums“ widmet sich jüdischen Schenkern und Schenkerinnen. In Nürnberg wurde 1864 eine jüdische Gemeinde gegründet, ca. 1874 gab es eine Synagoge. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren 2 bis 3 % der Bevölkerung jüdisch. Jüdische Bürgerinnen und Bürger waren – wie der Artikel herausarbeitet – maßgeblich an den Projekten des Germanischen Nationalmuseums beteiligt: Beim Kauf und Umbau des Königsstiftungshauses (1897) trugen viele z. B. im Hopfenhandel tätige Jüdinnen und Juden zur Finanzierung bei, auch ausländische Personen leisteten ihren Beitrag. „Von den allein in der Einzeichnungsliste aufgeführten 152.000 Mark kamen 22.000 Mark, also knapp ein Siebtel, von Jüdinnen und Juden oder ihren Unternehmen, was ihre Bedeutung für den Ausbau des GNM in der damaligen Zeit zeigt und ihren Willen zur gesellschaftlichen Teilhabe unterstreicht.“ (S. 176). Auch beim Kauf der Beckh’schen Fabrik beteiligten sich viele Jüdinnen und Juden mit rund einem Zwölftel der Kaufsumme (S. 177). Daneben gab es Sachspenden und Einzelengagements, z. B. von den Brüdern Gerngros, die einen Aufruf starteten, dem Museum jüdische Objekte zukommen zu lassen.

Der Beitrag von Gabriele Köster mit dem Titel „Magdeburg: Eine Stadt sucht ein Museum“ zeigt ebenfalls die Gründung eines Museums aus bürgerlichem Engagement heraus. Es wurde 1893 gegründet. In Magdeburg gab es eine Kontroverse um das Museum und seinen Sinn. Das bürgerliche Engagement war eher als eine „elitäre Form“ zu verstehen.2 Heute will das Museum ein Museum für alle sein, wie es der Museumsdirektor Theodor Volbehr bereits 1907 schrieb: „Das Kaiser Friedrich Museum will ein Haus sein, das jedem Bewohner der Stadt das Verstehen der Kulturwelt, in der er lebt, erleichtert und damit seine Freude am Dasein vertieft.“ (S. 201).

Der Artikel von Kathrin Pieren mit dem Titel „The Jewish Museum of Westphalia – An Institution Rooted in Civil Society“ befasst sich mit dem besonderen jüdischen Museum in der nordrhein-westfälischen Stadt Dorsten: dem Jüdischen Museum Westfalen. Die Ausstellung „Dorsten unterm Hakenkreuz“ im Jahr 1982 war ein wichtiges Ereignis für die Stadtgesellschaft von Dorsten. 1987 wurde der Verein für jüdische Geschichte und Religion e. V. gegründet, der bis zu 550 Mitglieder hatte. Die Gruppe sammelte Dokumente und Judaica und bildet die Basis für das 1992 eröffnete Museum,3 das sich zunehmend professionalisierte. Johanna Eichmann war die erste damals noch ehrenamtliche Direktorin. Das engagierte „Jüdische Museum Westfalen“ ist heute aus der Museumslandschaft nicht mehr wegzudenken. Es geht neue Wege und berücksichtigt zunehmend die Lokalgeschichte. Die letzte Dauerausstellung war „LChaim! – Jüdisch in Westfalen“. Die Geschichte des Museums zeigt auf vielfältige Weise die Partizipation der Gesellschaft bei der Gründung und heutigen Aktivitäten.

Der letzte Beitrag von Jonathan Voges: „Engagement und Erinnern. Die Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße und das Schill-Denkmal von 1837 bis heute“ hat die partizipative Erinnerungsarbeit zum Thema. Problematische Vorfälle wie Schmierereien auf dem Gelände der Gedenkstätte zeigen die Grenzen der Partizipiation auf – „nämlich zum Beispiel dann, wenn bestimmte Gruppen meinen, ihre Slogans und politischen Ziele auf einen bestimmten Ort applizieren zu müssen – also sich aufgerufen fühlen, ihre eigenen Vorstellungen davon, wofür ein Denkmal oder eine Gedenkstätte stehen sollte (und wofür eben nicht), direkt, unvermittelt, unaufgefordert und unabgesprochen vor Ort einzubringen.“ (S. 219 f). Um dem Interesse an Partizipation Raum zu geben, stellt der Autor am Schluss seines Beitrags das Konzept „Offenes Archiv“ vor. Hier können von den an der Erinnerungsarbeit interessierten Besucherinnen und Besuchern Archivboxen mit Dokumenten bestückt werden. Es stellt sich jedoch die Frage, wer eine der Archivboxen befüllen darf und welche Art der Partizipation erwünscht und welche eher unerwünscht ist. Wie bei vielen anderen in diesem Band beschriebenen Projekten muss hier die Aufgabe und die Funktion von Kuratorinnen und Kuratoren sorgfältig definiert und immer wieder neu thematisiert und justiert werden.

Der ausgewogene Sammelband zu dem wichtigen Thema der Partizipation und ausgewählten jüdischen Sammlungen und Einrichtungen liest sich für Museumsfachleute, Historiker*innen und Judaist*innen gleichermaßen mit Gewinn.

Anmerkungen

1 Piontek, Anja: Museum und Partizipation. Theorie und Praxis kooperativer Ausstellungspraxis und Beteiligungsangebote, Bielefeld 2017, S. 97.
2 Auf S. 194 hat sich ein Tippfehler eingeschlichen: Beim Satz „Bereits im 1993 eröffneten städtischen Museum am Domplatz …“ muss es wohl „1893“ nicht „1993“ heißen.
3 Auf S. 210 steht als Bildunterschrift „Opening of the Jewish Museum Westphalia, June 28, 1982“. Bei der Jahreszahl muss es richtigerweise wohl „1992“ und nicht „1982“ heißen.

Petra Figeac, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, https://orcid.org/0000-0002-8066-0468

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