Nr. 3 (2026)
DOI: 10.5282/o-bib/6309

Nachruf auf Ewald Brahms (1960–2026)

Völlig unerwartet ist Ewald Brahms, Direktor der Universitätsbibliothek Hildesheim und langjähriges Vorstandsmitglied des VDB – Vereins deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare, am 25. Mai 2026 verstorben.

Porträtfoto von Ewald Brahms

Abb. 1: Ewald Brahms (1960–2026). Foto: privat

In Ostfriesland geboren und aufgewachsen, studierte Ewald Brahms in Göttingen sowie in Boulder (Colorado) Anglistik und Amerikanistik und trat, nachdem er in Saarbücken zum erzählerischen Werk von Edgar Allan Poe promoviert worden war, in den höheren Bibliotheksdienst ein. An das Referendariat an der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe und der Bibliotheksschule in Frankfurt schloss sich eine mehrjährige Tätigkeit als Referent und Programmdirektor im damaligen Bibliotheksreferat der Deutschen Forschungsgemeinschaft an, wo er die Förderung der damals noch recht neuen digitalen Bibliotheksinfrastrukturen in Deutschland maßgeblich mitgestaltete. 2002 kehrte in sein Heimatbundesland zurück, zunächst als Referent für Informationsmanagement und E-Learning im niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) und dann seit 2006 als Direktor der Universitätsbibliothek Hildesheim.

Als deren langjähriger Direktor verstand Ewald Brahms seine Einrichtung stets als mehr als nur einen Ort der Bücher. Unter seiner Leitung wurde die UB Hildesheim zu einem Modell moderner Informationsinfrastruktur mit der Smart Library, einem der ersten Bibliotheksgebäude Deutschlands mit intelligentem Energiemanagement. Besonders prägend war Ewald Brahmsʼ Einsatz für technische Innovationen und zukunftsorientierte Lösungen. Brahms begleitete und gestaltete maßgeblich die Weiterentwicklung digitaler Verwaltungsstrukturen und bibliothekarischer Services. Die Auszeichnung der von ihm geleiteten Bibliothek als Digitaler Ort Niedersachsens durch das Land war eine verdiente Anerkennung dieses Weges. Die besondere Stärke von Ewald Brahms lag in der Vernetzung mit anderen Bibliotheken und in seinem Engagement in überregionalen Kooperationen. Früh erkannte er, dass die Zukunft der bibliothekarischen Recherche in gemeinsam entwickelten, offenen Systemen liegt. Die UB Hildesheim gehörte zu den Gründungspartnern des beluga-core-Projekts (einer Kooperation norddeutscher Bibliotheken auf der Basis der Open-Source-Software VuFind) und hatte sich schon sehr frühzeitig an der Entwicklung einer Smartphone-App für Bibliotheken, der BibApp, beteiligt.

Auf der Ebene des Landes Niedersachsen wirkte Ewald Brahms von 2012 bis Ende 2014 als Vorsitzender des Niedersächsischen Beirats für Bibliotheksangelegenheiten des MWK. In dieser Funktion vertrat er die wissenschaftlichen Bibliotheken des Landes gegenüber dem Niedersächsischen MWK sowie in nationalen Fachgremien. Zentrale Führungspositionen nahm Ewald Brahms auch im Gemeinsamen Bibliotheksverbund (GBV) ein, zunächst als Vertreter des Ministeriums wie später auch in seiner Rolle als Direktor einer niedersächsischen Universitätsbibliothek.

Schon früh engagierte sich Ewald Brahms im VDB. Er war maßgeblich an der Gründung des Regionalverbands Nordwest beteiligt, dessen Gebiet sich von Niedersachsen bis nach Schleswig-Holstein erstreckt, und übernahm zunächst das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden, dann auch das des Regionalverbandsvorsitzenden. 2011 wurde er als stellvertretender Vorsitzender in den (Bundes-)Vorstand des VDB gewählt und war maßgeblich an der Planung und Durchführung mehrerer Bibliothekartage beteiligt.

Als studierter Anglist und Amerikanist, der längere Zeit in den USA verbracht hatte, lag Ewald Brahms die Pflege der internationalen Beziehungen besonders am Herzen. 2015 übernahm er daher im Vorstand des VDB die Verantwortung für die internationalen Kontakte. In dieser Funktion organisierte er beispielsweise die Online-Vortragsreihe Digitale Transformation und Openness in deutschen und britischen wissenschaftlichen Bibliotheken gemeinsam mit der British Library und der Vereinigung der Research Libraries im Vereinigten Königreich (RLUK) und war an der Konzeption der Tagungsreihe der deutschsprachigen Verbände (DACHS) beteiligt. Bei Bibliothek & Information International (BII), der Kommission von Bibliothek und Information Deutschland (BID) für internationale Zusammenarbeit, vertrat er den VDB und übernahm 2016 für mehrere Jahre den Vorsitz dieses Gremiums. Dabei unterstützte er den internationalen Fachaustausch durch Stipendienprogramme für deutsche und ausländische Kolleginnen und Kollegen und wirkte am BID-Partnerland-Programm mit.

Privat hatte Ewald Brahms zwei große Leidenschaften: das Rennradfahren und das Fotografieren. An den Wochenenden war er oft schon am frühen Morgen mit dem Rad unterwegs und konnte mit seiner Kamera Eindrücke und Stimmungen in beeindruckender Weise festhalten. Am Abend schätzte der ausgesprochene Frühaufsteher ein gutes Essen und einen leckeren Tropfen und stellte sich dazu auch selbst an den Herd. Zusammen mit seiner Frau, einer Anglistin, die er während der gemeinsamen Zeit als Wissenschaftler am Sonderforschungsbereich „Literarisches Übersetzen“ kennengelernt hatte, verband ihn eine besondere Affinität zur französischen Kultur und Landschaft, aber auch zum nordamerikanischen Halbkontinent.

In all seinen Funktionen zahlte sich sein großes Talent aus, Menschen zusammenzuführen. Seine Offenheit, sein Humor und seine Zugewandtheit ließen auch weit über den kollegialen Umgang tiefe persönliche Freundschaften entstehen. Ewald Brahms bleibt in Erinnerung als zuverlässiger, integrer, freundlicher und besonders zugewandter Kollege. Sein überraschender Tod reißt eine schmerzliche Lücke, die nicht zu schließen ist.

Klaus-Rainer Brintzinger, Universitätsbibliothek der LMU München, https://orcid.org/0000-0001-5948-1820

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