Nr. 3 (2026)
DOI: 10.5282/o-bib/6290

Wem gehört die Geschichte? : das Landesarchiv Schleswig-Holstein 1870–2020 / Tillmann Bendikowski, Silke Götsch-Elten, Rainer Hering. – Göttingen : Wallstein Verlag, 2025. – 221 Seiten : Illustrationen. – ISBN 978-3-8353-5731-0 : EUR 28.00 (auch als E-Book erhältlich)

„Dieses Archiv hätte es ohne einen Krieg nicht gegeben. So lässt sich die Entstehungsgeschichte des Preußischen Staatsarchivs in Schleswig-Holstein auf den Punkt bringen.“ (S. 9). Gemeint ist der Deutsch-Dänische Krieg des Jahres 1864, infolgedessen Dänemark die Herzogtümer Schleswig und Holstein abtreten musste. Schleswig kam direkt unter preußische Verwaltung, Holstein wurde zwei Jahre österreichisch verwaltet und fiel 1866 dann ebenso Preußen zu. Neben geografischen und materiellen Fragen begann aber auch ein mehrjähriger Kampf um jene Archivalien, welche die beiden Herzogtümer betrafen. Es handelte sich sowohl um Verwaltungsakten wie auch historisch wertvolle Urkunden, zurückgehend bis ins Mittelalter. Eine Einigung sollte jedoch noch länger auf sich warten lassen. Nach der vollständigen Eingliederung der Herzogtümer in den preußischen Staat und der Gründung der preußischen Provinz Schleswig-Holstein entstand 1870 auch hier ein Preußisches Staatsarchiv. Der Sitz befand sich in der damaligen Provinzhauptstadt Schleswig und – mit Ausnahme einer 25-jährigen Unterbrechung von 1922 bis 1947, als sich das Archiv in Kiel befand – ist Schleswig bis heute die Heimat geblieben. 2020 feierte das heutige Schleswig-Holsteinische Landesarchiv seinen 150. Geburtstag.

Aus diesem Anlass ist erstmals eine Gesamtdarstellung seiner Geschichte von 1870 bis 2020 in Buchform erschienen. Es handelt sich jedoch nicht um eine durchgehende Monografie, sondern um einen Sammelband mit drei unterschiedlich langen Beiträgen. Im ersten und ausführlichsten mit dem Titel „Archivalien zwischen den Nationen. Das Preußische Staatsarchiv Schleswig-Holstein 1870 bis 1949“ behandelt der Historiker und Journalist Tillmann Bendikowski die Geschichte des Archivs bis 1949. Der zweite Beitrag mit dem Titel „Standortbestimmung: Archiv und Öffentlichkeit. Das Schleswig-Holsteinische Landesarchiv 1950-1992“ von der Kieler Volkskundlerin Silke Götsch-Elten schließt hieran nahtlos an und führt die Geschichte des Landesarchivs bis 1992 fort. Der dritte und zugleich kürzeste Beitrag mit dem Titel „Mehr Archivierung wagen! Das Landesarchiv im 21. Jahrhundert“ stammt vom derzeit amtierenden Leiter des schleswig-holsteinischen Landesarchivs Rainer Hering. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stehen insbesondere die Aufgaben und Herausforderungen eines modernen Archivs der Gegenwart.

Das Archiv, welches infolge des Krieges entstand – auch um die preußische und deutsche Geschichte in Schleswig-Holstein zu etablieren – hatte zunächst kaum eigene Archivalien. Erst nach langen Verhandlungen kam es 1875 zu einer Auslieferung der ersten Dokumente aus Kopenhagen, jedoch mehr Verwaltungsakten und weniger historische Urkunden. Infolge der Abtretung von Nordschleswig wurde erneut um Akten und Urkunden gerungen.

Der Nationalsozialismus wurde zunächst von vielen preußischen Archivaren begrüßt, standen sie doch oftmals in den Traditionslinien des Kaiserreichs und hatten die Weimarer Republik nie ganz akzeptiert. Durch den Ariernachweis, den Beamte zu erbringen hatten, gab es insbesondere mit der Sippenforschung eine neue Aufgabe. Das Kieler Staatsarchiv erlebte neue Rekorde bei den Besucherzahlen und bemühte sich gleichzeitig um die Übernahme von Materialien, welche durch die Gestapo oder andere Polizeibehörden beschlagnahmt wurden.

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs gab es schnell erste Überlegungen, die Archivalien vor möglichen Kriegseinwirkungen zu schützen. Mit den zunehmenden Luftangriffen der Alliierten auf deutsche Städte stieg die Tendenz, Ausweichplätze für die Materialien zu finden. Bis zum Ende des Krieges wurden über 90 % des Bestandes aus dem Kieler Staatsarchiv ausgelagert, etwa in alten Gutshöfen, Bergwerken oder Klöstern. Die allermeisten Dokumente überstanden den Krieg, jedoch gab es nunmehr ein räumliches Problem: Durch die Zerstörung des Kieler Gebäudes war der dortige Standort nicht mehr nutzbar und da an ein Ersatz-Gebäude in unmittelbarer Nähe nicht zu denken war, wurden die Archivalien schließlich in einem ehemaligen Marinelazarett in Kronshagen eingelagert. Dort hatte man es allerdings mit vermehrten Diebstählen zu tun. Die alten Dokumente dienten als Tauschobjekte oder zum Heizen. Neuer provisorischer Standort wurde schließlich das dritte Obergeschoss des Schlosses Gottdorf in Schleswig, womit das Archiv an seinen alten Standort zurückkehrte.

Die Suche nach einem dauerhaften Standort prägte die Arbeit des Archivs in der Nachkriegszeit und bildet somit auch im Beitrag von Silke Götsch-Elten einen Schwerpunkt. Das Unterbringungsproblem konnte erst 40 Jahre später dauerhaft gelöst werden, als das Archiv in das eigens zu diesem Zweck umgebaute Kronprinzenpalais in Schleswig einziehen konnte. „Für das Landesarchiv begann in den Jahren 1991 und 1992 eine neue Ära. Der Archivneubau ermöglichte erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg eine sachgerechte Unterbringung und Behandlung des Archivguts, bot moderne Arbeitsplätze für die Beschäftigten, stellte ausreichend Arbeitsplätze für Nutzer und Nutzerinnen zur Verfügung und bot zugleich mit seinen Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen einen Ort, an dem Themen der Landes- und Archivgeschichte wissenschaftlich bearbeitet und diskutiert sowie an eine breite Öffentlichkeit vermittelt werden konnten.“ (S. 178).

Ein weiteres Thema der Nachkriegszeit betraf die Zugänglichkeit der Archivalien. Dies war eine allgemeine Frage, besonders kontrovers war aber die Diskussion um die Entnazifizierungsakten. Erst mit dem Wandel der Geschichtskultur in den 1970er- und 1980er-Jahren erfolgte hier ein Umdenken. Allgemeine Regelungen brachte die Verabschiedung des Landesarchivgesetzes im Jahr 1992.

Unter dem Titel „Mehr Archivierung wagen!“ beschreibt Rainer Hering im letzten Beitrag die gegenwärtige Lage des Landesarchivs. Thematisiert wird das Verhältnis von Archiv und Demokratie sowie die Notwendigkeit der Öffentlichkeitsarbeit für eine moderne Gedächtniseinrichtung. Hering geht ein auf die regelmäßigen Ausstellungen, die eigene Bibliothek sowie die eigene Schriftenreihe des Archivs. Eine besondere Herausforderung ist etwa die Digitalisierung. Archive müssen heute auch digitale Dokumente archivieren und durch regelmäßige Datenmigration die Voraussetzung dafür schaffen, dass diese auch in mehreren Jahrzehnten noch zu lesen sind. „Blickt man abschließend auf eineinhalb Jahrhunderte staatliche Archivgeschichte in Schleswig-Holstein zurück, so ziehen sich einige Herausforderungen seit Gründung des Staatsarchivs Schleswigs durch bis in die Gegenwart“ (S. 207). Dazu gehören laut Hering etwa die bis heute teils mangelnde Anbietung von Archivalien und die Knappheit finanzieller Mittel.

Die vorliegende Geschichte des Schleswig-Holsteinischen Landesarchivs reiht sich ein in eine ganze Welle der wissenschaftlichen Befassung mit Archiven (vgl. Beispiele in Anmerkungen 1–3). Immer häufiger geht es darum, Archive nicht nur als bloße Wissensspeicher zu sehen, sondern auch als Akteure im Lauf der Geschichte. Auch in Schleswig-Holstein bemühte sich das Staats- bzw. Landesarchiv in unterschiedlichen Kontexten aktiv um historische Materialien, sei es nach Gebietsverschiebungen oder auch nach den Feldzügen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Das Archiv setzte im Alltag die nationalsozialistische Ideologie um und beteiligte sich an der Sippenforschung und der damit verbundenen Arisierung der Gesellschaft im Dritten Reich. Zu allen Zeiten sah sich das Archiv als Bewahrer der Geschichte und somit als Sinnstifter für Heimat und Identität. In vielen Bundesländern und Regionen wurden solche Überlegungen im Rahmen von Konferenzen und Tagen diskutiert und anschließend in Sammelbänden publiziert.1 Monografien behandelten einzelne Epochen – etwa des Reichsarchivs oder des Hamburger Staatsarchivs.2 Und auch über die Geschichte des preußischen Staatsarchivs in Schleswig von 1870 bis 1947 existiert bereits eine Studie von Sarah Schmidt, auf die sich Tillmann Bendikowski in seinem Beitrag ausdrücklich bezieht.3

In der Verlagsbeschreibung wird damit geworben, es werde „erstmals (…) die Geschichte eines staatlichen Archivs in Deutschland von der Gründung bis in die Gegenwart monografisch dargestellt.“4 Doch auch, wenn das Buch diese Vorreiterrolle einnimmt, das Potenzial wurde leider nicht ganz ausgeschöpft. Gerade in der ersten monografischen Gesamtdarstellung würde man erwarten, dass auch der Forschungsgegenstand selbst, nämlich Archive in der Rolle als historische Akteure, näher beleuchtet wird. Bis auf eine kurze Bemerkung in der Einleitung unterbleibt dies leider komplett. Insbesondere, weil die Historie des Archivwesens in Schleswig-Holstein noch nicht in dieser Form in den Blick genommen wurde, wäre eine Forschungsdiskussion und Einordnung wünschenswert gewesen.

Die drei genannten Teile des Buches weisen dann auch eine unterschiedliche Qualität auf. Am wenigsten gibt es bei jenem von Silke Götsch-Elten einzuwenden. Bis auf ein paar kritische Einordnungen – die Identitätsstiftung der Nachkriegszeit wird direkt in Verbindung mit völkischem Denken gesetzt – hat sie einen sehr guten und auf eigener Quellenbasis basierten Beitrag verfasst, welcher die Geschichte zwischen 1950 und 1992 darstellt und die entscheidenden Punkte wie die Zugänglichkeit von Archivgut, die Entnazifizierungsakten, das Archivgesetz und die Suche nach neuen Räumlichkeiten beinhaltet.

Der Zeitraum des von Tillmann Bendikowski abgedeckten Beitrags wurde – wie erwähnt – bereits von der Historikerin Sarah Schmidt ausführlicher untersucht. Bendikowski verweist in seinem Beitrag in nicht weniger als 100 Fußnoten auf die Darstellung von Schmidt. Bei knappen 110 Seiten Text betrifft dies im Schnitt fast jede Seite. Zwar erläutert Bendikowski bei der ersten Nennung selbst, dass Sarah Schmidts Arbeit die „wichtigste Grundlage der vorliegenden Ausführungen“ sei. Gleichzeitig bedankt er sich bei der Autorin für die Unterstützung und auch die „Zurverfügungstellung von Recherche- und Archivmaterial“. (S. 14, Fußnote 6). Dies wirft zugleich die Frage auf, in welchem Umfang der Beitrag auf eigenständigen Quellenrecherchen gegenüber der bereits vorliegenden Studie beruht. Grundsätzlich ist das natürlich kein Verstoß gegen wissenschaftliche Standards, schließlich sind alle Verweise angegeben. Aber es bestärkt doch die Frage, wofür es dieses Beitrages dann bedarf bzw. ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, die Historikerin Sarah Schmidt hätte selbst eine verkürzte Fassung ihrer Darstellung für dieses Buch beigesteuert. Für eine zweite Perspektive – neben Schmidts Arbeit – wäre es hingegen besser gewesen, sich weniger an ihrer Struktur und noch mehr an eigener Quellenforschung zu orientieren.

Der dritte Teil des Buches, welcher vom derzeitigen Archivdirektor Rainer Hering persönlich geschrieben wurde, weist eine zeitliche Lücke auf. Der vorherige Text von Silke Göttsch-Elten endet im Jahr 1992, Hering beginnt jedoch gleich mit den aktuellen archivischen Aufgaben und Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Zwar holt er bei einzelnen Themen immer wieder aus bis in die 1990er- und 2000er-Jahre, doch können diese punktuellen Rückgriffe die lückenlos chronologische Darstellung der beiden vorangegangenen Beiträge nicht gleichwertig ersetzen. Einige Formulierungen Herings sind im Kontext einer wissenschaftlichen Darstellung des Landesarchivs darüber hinaus eher kritisch zu sehen. So schreibt er beispielsweise im Zusammenhang mit der Öffentlichkeitsarbeit: „Die große Zustimmung des Publikums lässt sich nicht nur an den vielen positiven Rückmeldungen, beispielsweise im Gästebuch des Landesarchivs, ablesen.“ (S. 186). Die Schriften des Landesarchivs werden „überregional wie international rezipiert“ (S. 188). Die Bibliothek wird „rege genutzt.“ (S. 189). Ohne die positiven Rückmeldungen des Publikums und die rege Rezeption und Nutzung hier infrage stellen zu wollen, klingen diese Formulierungen eher nach einer Festschrift denn nach einer historisch-kritischen Darstellung, zumal sie ohne jegliche Verifikation oder Nachweise getätigt werden. Hier wird das Dilemma deutlich, die Gegenwartssituation vom gegenwärtigen Direktor des Landesarchivs darstellen zu lassen. Einerseits verfügt er natürlich über die besten Informationen, andererseits kann er die notwendige Distanz und Objektivität zum eigenen Handeln nicht leisten, worunter ein Stück weit der Beitrag leidet.

Trotz der genannten Punkte handelt es sich bei dem Buch um eine gelungene kompakte Gesamtdarstellung der 150-jährigen Geschichte des Schleswig-Holsteinischen Landesarchivs. Der Text ist gut lesbar geschrieben und das Buch mit seinen knapp 200 Seiten sowohl für die wissenschaftliche als auch für die breite allgemeine Fachöffentlichkeit interessant. Eine erste Forschungslücke wird insbesondere bei der Nachkriegsgeschichte geschlossen. Doch die Archivgeschichte des Landes Schleswig-Holstein ist damit noch längst nicht erschöpfend erforscht. Eine weitere Beschäftigung und kritische Auseinandersetzung – ähnlich wie dies für andere Regionen und Bundesländer bereits geschehen ist – ist wünschenswert und sollte in einer noch ausführlicheren Form stattfinden.

Am Ende des Buches wird – dem Titel entsprechend – nochmals die Frage aufgeworfen, wem denn nun die Geschichte gehöre. Die Frage ließe sich über die 150 Jahre sicherlich unterschiedlich beantworten. Geschichte war stets ein politisches Instrument, diente zur Identifikation, aber auch als Mittel zur Unterdrückung oder gar ethnischen Säuberung. Für das Landesarchiv im 21. Jahrhundert wird die Frage folgendermaßen beantwortet: „Die Geschichte, um den Titel dieses Buches wieder aufzugreifen, gehört den Bürgerinnen und Bürgern. Damit besitzen sie aber auch die Verantwortung, die Geschichte zu erforschen und zu schreiben.“ (S. 209). Geschichte wird heute demokratisch verwaltet. Und damit das so bleibt, ist auch die Auseinandersetzung mit den bestandserhaltenden Institutionen so wichtig. Und hierfür leistet das Buch in jedem Fall einen wertvollen Beitrag.

Anmerkungen

1 Vgl. Frank, Joachim W.; Brakmann, Thomas (Hg.): Aus erster Quelle. Beiträge zum 300-jährigen Jubiläum des Staatsarchivs der Freien und Hansestadt Hamburg, Hamburg 2013; Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (Hg.): Die Staatlichen Archive Bayerns in der Zeit des Nationalsozialismus, Köln; Weimar; Wien 2019; Fleischmann, Peter; Seiderer, Geord (Hg.): Archive und Archivare in Franken im Nationalsozialismus, Neustadt/Aisch 2019; Graf, Sabine; Kahleyß, Julia; Steinführer, Henning (Hg.): Archive in Niedersachsen und der Nationalsozialismus. Kontinuitäten und Brüche, Göttingen 2026.
2 Vgl. Herrmann, Matthias: Das Reichsarchiv (1919-1945). Eine archivische Institution im Spannungsfeld der deutschen Politik, Kamenz 2019; Schmidt, Sarah: Das Staatsarchiv Hamburg im Nationalsozialismus, Hamburg 2016.
3 Schmidt, Sarah: Archivarbeit im Wandel. Das Beispiel des preußischen Staatsarchivs in Schleswig-Holstein 1870–1947 (Veröffentlichungen des Landesarchivs Schleswig-Holstein 121), Hamburg 2021.
4 Webpräsenz des Buches auf der Website des Wallstein Verlags, https://www.wallstein-verlag.de/9783835357310-wem-gehoert-die-geschichte.html, Stand: 27.09.2026.

Fabian Boehlke, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, https://orcid.org/0000-0001-7715-8971

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