Einer privaten Bibliothek, schreibt der Universalgelehrte Hermann Conring bereits im Jahr 1666 in lateinischer Sprache, ist fast immer nur kurze Dauer beschieden. „In den meisten Fällen stehen und fallen sie mit ihren Sammlern; höchst selten nur gehen sie auf ihre Erben über, die ebensolche Bücherliebhaber sind oder derart vermögend, dass die Notdurft des täglichen Lebens nicht ihre Auflösung erzwingt.“1
War die Zukunftsprognose für Privatbibliotheken also schon im 17. Jahrhundert düster, so ist sie im 21. Jahrhundert geradezu rabenschwarz. Private Sammlungen leiden heute zusätzlich unter dem Bedeutungsverlust des gedruckten Buches als Kulturgut – worauf nicht zuletzt der Verfall der Marktpreise verweist –, unter dem Schwinden des einstigen Distinktionsmerkmals einer großen Büchersammlung und unter der ubiquitären Verfügbarkeit elektronischer Texte. Vermutlich standen noch nie so viele über Jahrzehnte aufgebaute Sammlungen vor ihrer Auflösung wie heute. Eine Generation, die kaum noch nachvollziehen kann, warum ihre Eltern und Großeltern ihre Arbeits- und Wohnzimmer mit Büchern füllten, und die selbst kein Buchvertrauen mehr hat, steht beim Tod der ursprünglichen Besitzer vor einem schier unlösbaren Problem.
Dass dies eine durchaus virulente Frage ist, zeigte sich auch an der Zusammensetzung des Publikums eines Symposiums über die „Zukunft der Privatbibliothek“, das am 21. Mai 2026 im Freien Deutschen Hochstift Frankfurt am Main stattfand.2 Im gut gefüllten Vortragssaal saßen zahlreiche Menschen, denen ganz praktische Fragen auf den Nägeln brannten: Was soll mit dem ererbten bzw. mit dem eigenen Bücherbestand (sofern es sich um schon ergraute Personen handelte) geschehen? Wohin damit? Wären die drei Panels nicht so anregend und teilweise sogar unterhaltsam gewesen, wären diese wohl enttäuscht nach Hause gegangen. Denn Patentlösungen konnte niemand anbieten, schon gar nicht der teilnehmende Antiquar Wolfgang Rüger, dessen Einschätzung der Aufnahmefähigkeit des antiquarischen Marktes sich mit den Worten „Lasst alle Hoffnung fahren“ überschreiben ließe.
Gerade diese Erwartungshaltung traf jedoch nicht den eigentlichen Gegenstand der Tagung. Die praktische Verwertbarkeit von Privatbibliotheken stand nicht im Zentrum. Vielmehr bestimmten systematische Überlegungen zum gegenwärtigen Status der Privatbibliothek und ihrer möglichen Zukunft die Diskussionen. Sie richteten sich vor allem an jenen Teil des Publikums, der keinen akuten Handlungzwang verspürte. Die drei Gesprächsrunden hatten folgende Themen:
Über das Sammeln von Büchern und das Schicksal der Privatbibliotheken (Anne Bohnenkamp, Wolfgang Rüger, Andreas Dietzel, Moderation: Lothar Müller).
Über das Leben, Wohnen und Arbeiten mit Büchern (Michael Hagner, Viola Hildebrand-Schat, Frank Witzel, Moderation: Ulrich Raulff)
Das Nachleben der Privatbibliotheken im Zeitalter der Digitalisierung (Hannah Wiemer, Petra Gehring, Michael Knoche, Lorenz Wesemann, Moderation: Thomas Steinfeld)
Schon diese Übersicht macht deutlich, dass weniger die Bibliotheken berühmter, literarisch oder wissenschaftlich Tätiger oder anderer Personen des öffentlichen Lebens im Mittelpunkt standen. Ebenso wenig ging es um bibliophile Spezialsammlungen oder Raritätenkabinette, deren Verkauf über den Antiquariatshandel oder Weiterleben in öffentlichen Bibliotheken immerhin noch denkbar ist. Das Interesse der beiden Tagungsleiter Lothar Müller und Thomas Steinfeld galt vielmehr dem Normalfall: den Sammlungen Bücher liebender Menschen, die ihre Bibliotheken als Arbeitsinstrument oder aus persönlicher Leidenschaft aufgebaut haben. Gerade für diese Bestände – nennen wir sie „Bücherliebhaber-Bibliotheken“ – ist die Ratlosigkeit über ihre Zukunft besonders groß. Pietät gegenüber der großen Leistung bei ihrem Aufbau und ihr möglicher wissenschaftlicher Wert verlangen nach Lösungen jenseits der Papiermühle.
Da schon mehrere Tagungsberichte vorliegen,3 beschränke ich mich hier auf einen Gesichtspunkt. Die Kernfrage scheint mir darin zu liegen, worin der Erkenntniswert solcher Bücherliebhaber-Bibliotheken für die Wissenschaft besteht.
Eine Privatbibliothek lässt die geistige Verfasstheit , die Interessen sowie das individuelle Selbst- und Weltverständnis der Person erkennen, die sie zusammengetragen hat – abhängig von der inhaltlichen Ausrichtung der Sammlung, ihrer Ordnung und der Art ihrer Nutzung. Zugleich sind Privatbibliotheken Zeugnisse ihrer Zeit, des herrschenden intellektuellen Klimas und der jeweiligen Möglichkeiten des Büchererwerbs; sie können deshalb für literatur- und kultursoziologische Fragestellungen aufschlussreich sein. Von Interesse ist auch die Art der Zusammensetzung. Denn Privatpersonen können ihre finanziellen Mittel in ganz eigenwillig definierte Sammelgebiete investieren – anders als öffentliche Bibliotheken, die sich an den Bedürfnissen ihrer Benutzerschaft orientieren müssen.4 In manchen Fällen schaffen sie so neue Sinnzusammenhänge und besitzen subversives Potenzial.5 Vor allem aber sind Bücherliebhaber-Bibliotheken reichhaltige Quellen der Rezeptionsforschung. Ihre Exemplare sind häufig individualisiert: durch Spuren des Gebrauchs und der Aneignung, Annotationen oder individuell für die Sammlung veranlasste Einbände.
Damit stellt sich zwangsläufig die Frage, wie diese Quellen für die Forschung erhalten werden können. Kann eine Buchrettung à la Peter Sodann Vorbild sein, der alles, was er an DDR-Büchern aufgreifen konnte, in irgendwelche Lagerhallen packte, aber nach der Rettungstat nicht mehr wusste, was aus den Büchermassen werden soll? Auf der Tagung wurden verschiedene andere Möglichkeiten diskutiert. Sollte dazu angeregt werden, Privatbibliotheken vor einer möglichen Zerstreuung elektronisch zu katalogisieren? Dies ergäbe allerdings nur Sinn, wenn eine Plattform existierte, die dies technisch erleichterte, die Ergebnisse sichtbar machte und vielleicht sogar kuratierte: ein Portal bemerkenswerter Privatbibliotheken. Früher übernahmen gedruckte Auktionskataloge häufig eine solche Dokumentationsfunktion. Würde vielleicht schon eine standardisierte Sammlungsbeschreibung genügen, ergänzt durch Fotografien besonderer Stücke oder aussagekräftiger Provenienzen? Auch dafür wäre eine geeignete Plattform erforderlich. Oder könnten Audiointerviews mit Menschen, die darin ihre eigene Bibliothek und deren Entstehung narrativ beschreiben, wenigstens teilweise die physische Überlieferung der jeweiligen Sammlung ersetzen?
Conrings Skepsis gilt im digitalen Zeitalter erst recht: Privatbibliotheken stehen und fallen in den meisten Fällen mit den Menschen, die sie zusammengetragen haben. Umso dringlicher erscheint die Frage: Wie lässt sich der wissenschaftliche Erkenntniswert von Bibliotheken privater Provenienz bewahren, wenn ihre materielle Erhaltung immer seltener möglich ist?