Nr. 2 (2026)
DOI: 10.5282/o-bib/6280

Themenschwerpunkt „Literatur und Daten in Gefahr“

Liebe Leser*innen,

im Herbst 2025 hatte o-bib den Themenschwerpunkt „Literatur und Daten in Gefahr – die Sicherung des freien Zugangs zu Informationen in Zeiten politischer Einflussnahme“ mit einem Call for Papers angekündigt. Erbeten waren Beiträge zu der Frage, „wie Bibliotheken den offenen Zugang zu ihren Beständen sicherstellen können“.1 Anlass für den Call waren insbesondere Entwicklungen in den USA und die damit verbundenen Befürchtungen, dass durch diese „für die Forschung relevante Infrastrukturen und Daten aufgrund politischer Einflussnahmen und Einschränkungen künftig nicht mehr oder nur unter erschwerten Bedingungen zugänglich sein werden.“

Ergänzend erläuterten wir im Call: „Dass diktatorische Regimes Säuberungen bei Daten und Literatur vornehmen, ist nicht überraschend und immer wieder zu beobachten, z. B. bei der Entfernung von politisch unerwünschter Literatur aus Hongkonger Bibliotheken in der Folge der Machtübernahme durch China. Dass aber auch demokratisch an die Macht gekommene Regierungen anfällig sind gegenüber ideologischem oder zunehmend radikalem Gedankengut, ist ein Schock für die freie Gesellschaft und Wissenschaft. Dabei ist schon seit einiger Zeit zu beobachten, wie die freie Wissenschaft – Garant für gesichertes, faktenbasiertes Wissen – weltweit vielerorts zur Zielscheibe von Agitation geworden ist und ihre Vertreter*innen diffamiert werden. Es wirkt sich auch auf Bibliotheken aus, wenn der Staat oder andere politische Akteure – egal aus welcher Richtung – versuchen, den Zugang zu bestimmten Publikationen oder Daten zu verhindern oder einzuschränken. Auch in Deutschland geraten Bibliotheksbestände zunehmend in den Fokus politischer Agitation, etwa, wenn die AfD unter anderem über parlamentarische Anfragen mit Verweis auf fragwürdige Quellen unterstellt, dass die Literatur in Bibliotheken nicht ausgewogen und zu linkslastig sei bzw. Bibliotheken Zensur ausübten.“

Aufgrund seiner grundsätzlichen (bibliotheks-)politischen Brisanz wurde das Thema in jüngerer Vergangenheit auch von anderen deutschsprachigen LIS-Fachzeitschriften aufgegriffen und in unterschiedlicher Form adressiert. Beispielsweise berichtete der Bibliotheksdienst im November 2025 unter dem Titel „Bibliotheken sind zentrale Infrastrukturen einer offenen Gesellschaft“ über den 3. Bibliothekspolitischen Bundeskongress des dbv.2 Im Februar 2026 wurde der Beschluss des Oberverwaltungsgerichts Münster zu mit einem eingeklebten Einordnungshinweis versehenen Medien der Stadtbücherei Münster in Bibliothek. Forschung und Praxis kommentiert.3 In Heft 6/2025 widmete sich die Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie der weltweiten Dimension des Themas mit einem umfangreichen Themenschwerpunkt.4 Auch in den einschlägigen bibliothekarischen Diskursmedien wie z. B. Bibcourse5 gab es Meinungsbeiträge zu verschiedenen Aspekten des Themas. Und auf der Abschlussveranstaltung der diesjährigen BiblioCon wurde der US-amerikanische Dokumentarfilm „The Librarians“6 gezeigt, der sich mit Eingriffen in Bibliotheksbestände beschäftigt.

Auch in o-bib sollte dem Thema deshalb besonderer Raum gegeben werden. Trotz seiner Aktualität und Bedeutung blieb jedoch die Zahl der Einreichungen zu dem im vorliegenden Heft 2/2026 präsentierten Themenschwerpunkt hinter den Erwartungen zurück. Wir können nur spekulieren, woran dies lag. Sicher hatten manche, die etwas zum Thema sagen wollten, schon andere Möglichkeiten gefunden, ihre Meinung zu äußern. Dabei spielen nicht zuletzt Social Media eine Rolle. Die Notwendigkeit für diese Formen des Austausches und der community-internen Verständigung über Sachverhalte ist wichtig und wird zunehmend bedeutender.

Mühsamer und zeitaufwendiger als solche manchmal recht spontanen Positionierungen und Einschätzungen zu konkreten Entwicklungen ist die Ausarbeitung von grundsätzlicheren Reflexionen in Form von Zeitschriftenbeiträgen. Dazu kommt, dass man sich mit Analysen und Kommentierungen aktueller Vorgänge mit gesellschaftlich-politischer Dimension zwangsläufig exponiert und sich möglichen (u. U. auch persönlichen) Angriffen aussetzt. Dies mag den einen oder die andere von einer Einreichung abgehalten haben und könnte auch erklären, dass es sich bei drei der fünf im Themenschwerpunkt veröffentlichten Beiträge nicht um Meinungsbeiträge, sondern um Praxisberichte handelt, welche einschlägige Aktivitäten und Erfahrungen vorstellen:

Dazu kommen zwei Beiträge in der Rubrik „Ansichten – Einsichten – Diskussion“:

Der erste Beitrag in dieser Rubrik bietet eine klare dialektische Annäherung an und Positionierung zum Thema „Neutralität“, der zweite geht auf zwei aktuelle kulturpolitische Entwicklungen in Deutschland ein.

Die in diesem Themenschwerpunkt versammelten Beiträge werden – so steht zu hoffen – dazu beitragen, dass das virulente, ggf. auch kontrovers zu diskutierende Thema des freien Zugangs zu Literatur und Daten und wie sich Bibliotheken hierbei einbringen können und müssen, weiterhin in der Diskussion bleibt. Entsprechend stellt dies keinen Endpunkt dar, sondern o-bib ist auch künftig offen dafür, Artikel aus diesem Themenfeld zu veröffentlichen. Ebenso sehen Herausgebende und Redaktion von o-bib ihr Engagement für diese Diamond-Open-Access-Zeitschrift auch als einen kleinen Beitrag zur Absicherung offener Infrastrukturen im deutschen Bibliothekswesen.

Die geschäftsführenden Herausgebenden von o-bib

Anmerkungen

1o-bib: Call for papers für Themenschwerpunkt „Literatur und Daten in Gefahr – die Sicherung des freien Zugangs zu Informationen in Zeiten politischer Einflussnahme“, VDB News, 01.09.2025, https://www.vdb-online.org/o-bib-call-for-papers-fuer-themenschwerpunkt-literatur-und-daten-in-gefahr-die-sicherung-des-freien-zugangs-zu-informationen-in-zeiten-politischer-einflussnahme/, Stand: 31.05.26.
2Bibliotheken sind zentrale Infrastrukturen einer offenen Gesellschaft. Beim 3. Bibliothekspolitischen Bundeskongress des dbv diskutierten im Allianz Forum in Berlin über 200 Teilnehmende über aktuelle Herausforderungen der Bibliotheken in Deutschland, in: Bibliotheksdienst 59 (10–12), 2025, S. 514–515, https://doi.org/10.1515/bd-2025-0076.
3Magin, Felix: Desinformationsfreiheit? Was der Beschluss des Oberverwaltungsgerichts Münster vom 08.07.2025, Az. 5 B 451/25, für den Umgang mit „Medien an den Rändern“ bedeutet, in: Bibliothek – Forschung und Praxis 50 (1), 2026, S. 95–105, https://doi.org/10.1515/bfp-2025-0040.
4Vgl. das Editorial: Schüller-Zwierlein, André; Steinhauer, Eric: Bibliotheken in einer politischen Welt, in: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 72 (6), 2025, S. 337–338, https://doi.org/10.3196/186429502572611.
5Vgl. https://bibcourse.eu/, Stand: 31.05.2026.
6Der Film ist über Filmfriend zugänglich, https://www.filmfriend.de/de/movies/the-librarians, ebenso in der Mediathek von 3Sat: https://www.3sat.de/gesellschaft/politik-und-gesellschaft/verbotene-buecher-102.html, Stand: 31.05.2026.

Achim Oßwald, Technische Hochschule Köln, https://orcid.org/0000-0002-4803-2867
Heidrun Wiesenmüller, Hochschule der Medien, Stuttgart, https://orcid.org/0000-0002-9817-5292

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/6280

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