In den letzten Jahren hat Diamond Open Access (DOA)1 und wissenschaftsgeleitetes Publizieren an Bedeutung gewonnen. Bereits 2022 hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sich für DOA stark gemacht und den „Action Plan for Diamond Open Access“ unterzeichnet2. Die Europäische Kommission hat mit den zwei Projekten DIAMAS und CRAFT-OA einen erheblichen Förderimpuls gesetzt, aus dem der „Diamond Open Access Standard”, umfangreiche Toolkits, Handbücher, Code-Erweiterungen für OJS sowie das europäische Nachweissystem für DOA-Zeitschriften, das Verzeichnis Diamond Discovery Hub (DDH) sowie die Dachinitiative European Diamond Capacity Hub (EDCH) entstanden sind. Um für diese Ansätze auch in Deutschland die Anschlussfähigkeit herzustellen, fördert die DFG seit Mai 2025 SeDOA3. Die Servicestelle soll das Publizieren im DOA voranbringen und verstetigen. Die Georg-August-Universität Göttingen ermuntert in ihrer Open-Access-Leitlinie die Universitätsangehörigen dazu, Verantwortung für Open-Access-Publikationskanäle zu übernehmen und unterstützt besonders Open-Access-Publikationsinfrastrukturen, bei denen keine Kosten für Autorinnen und Autoren anfallen.4 Damit nimmt die Göttinger Leitlinie bewusst solche Disziplinen in den Blick, in denen wissenschaftsgeleitetes DOA besonders große Chancen verspricht und bei denen der Versorgungsgrad mit gebührenfinanzierten Open-Access-Zeitschriften unzulänglich ist.
Im Rahmen eines Projekts aus der Förderlinie 3 von NiedersachsenOpen5 wurde das Goettingen Journal of International Law von einer WordPress-Instanz in die Open Journal Systems (OJS) Infrastruktur der Universität Göttingen überführt. Die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB Göttingen) begleitete diesen Prozess und das Projektteam übernahm die Dokumentation, sodass andere Zeitschriftenredaktionen die Erfahrungen nachnutzen können.
Das Goettingen Journal of International Law (GoJIL)6 ist eine Diamond-Open-Access-Zeitschrift, das sich mit internationalem Recht beschäftigt. Gegründet im Dezember 2007 von einer interdisziplinären Gruppe von Studierenden der Universität Göttingen, stellt GoJIL die erste deutsche, von Studierenden und Nachwuchsforschenden geführte juristische Fachzeitschrift dar, die vollständig in englischer Sprache erscheint. Sie steht damit in der Tradition anglo-amerikanischer Nachwuchszeitschriften wie Harvard Law Review7, die ebenfalls von Studierenden geführt wird und für eine statusgruppenübergreifende Autorenschaft offen ist.
GoJIL will die Debatte unter den Forschenden des Völkerrechts mit seinen zahlreichen und vielfältigen Bereichen, z. B. internationales Strafrecht, humanitäres Recht und Umweltrecht fördern und bietet gleichzeitig Raum für Beiträge aus verwandten Disziplinen wie internationale Beziehungen, Geschichte oder Wirtschaft. Sie steht ausdrücklich auch für Erstautor*innen und offen, die zum Beispiel über studentische Wettbewerbe wie den Jessup Moot Court8 erstmals mit Autorenschaft in ihrer Disziplin in Berührung kommen.
Seit der GoJIL-Gründung unterstützt der Universitätsverlag Göttingen als Teil der SUB Göttingen die Zeitschrift mit Beratungen und Diensten, dazu gehören DOI-Vergabe, Unterstützung bei Datenmodell und Archivierung sowie Vorarbeiten für Einreichungssysteme auf OJS-Basis. Hierzu pflegt das SUB-Team engen Kontakt mit den GoJIL-Herausgebenden.
Zum Projektstart lief die Internetpräsenz der Zeitschrift auf einer WordPress-Instanz, die Bereitstellung der Artikel erfolgte als PDF-Version. Dadurch wurden Artikel auf der Website angeboten, konnten aber nicht über die notwendigen Schnittstellen an weitere publikationsspezifische Datenbanken standardisiert weitergegeben werden, um Sichtbarkeit und Anerkennung der Zeitschrift zu verbessern.
Für eine DOA-Journal-Infrastruktur bieten zahlreiche Institutionen bereits die Software OJS an. OJS übernimmt dabei viele Prozesse beim Publizieren von Artikeln, über den Einreichungsprozess, eine umfangreiche Verwaltung der Nutzenden im Veröffentlichungsprozess, die Vergabe von persistenten Identifikatoren (PIDs), und zudem auch das Bereitstellen der Artikel (sowohl menschenlesbar als auch über Schnittstellen für Maschinen); OJS ist damit die Quasi-Standard-Plattform von DOA-Zeitschriften.
Die SUB Göttingen bietet seit einigen Jahren ebenfalls einen Journal-Service für DOA-Zeitschriften an. Dabei handelt es sich um das New American Studies Journal – A Forum (NASJ)9 sowie das World of Music Journal (WoM)10. Neben diesen beiden genannten, die der Universitätsverlag Göttingen betreut, hostet die SUB Göttingen weitere Zeitschriften auf einer OJS-Plattform11 (im Betrieb: Göttinger Rechtszeitschrift und Göttinger Arbeiten aus Sozial- und Politikwissenschaft, weitere im Aufbau).
Die SUB Göttingen ist darüber hinaus auch in verschiedenen Projekten – speziell zum Thema Diamond Open Access – involviert und leitete das EU-geförderte Projekt CRAFT-OA „Creating a Robust Accessible Federated Technology for Open Access“12, das die Stärkung und Weiterentwicklung des europaweiten institutionellen Publikationswesens im DOA-Modell zum Ziel hatte. Zum anderen beteiligte sie sich am EU-Projekt DIAMAS „Developing Institutional Open Access Publishing Models to Advance Scholarly Communication“, das sich vor allem der Entwicklung gemeinsamer Standards und Richtlinien für Diamond Open Access Publikationen widmete.
Mit einer Transformation der Zeitschrift GoJIL erhöht sich die Sichtbarkeit der Artikel um ein Vielfaches. Zu Projektbeginn nutzte die Zeitschrift das Web Content Management System WordPress. Dies ist gut geeignet, Inhalte adäquat im Web zu präsentieren, bietet jedoch keine spezifischen Prozesse an, die beim Veröffentlichen von Zeitschriften unterstützen. Zudem stehen dank OJS standardisierte Metadaten zur Zeitschrift, den Ausgaben als auch zu den einzelnen Artikeln zur Verfügung. Diese Metadaten können über Schnittstellen in standardisierten Formaten weitergegeben werden, um die Artikel in publikationsspezifischen Aggregatoren (Big Scholarly Data Aggregations) wie BASE, OpenAIRE, EOSC, OpenAlex einzuspielen und die Listung in Indizes wie DOAJ, Scopus oder Fachdatenbanken zu fördern.
Bis zum Projektbeginn nutzte das Redaktionsteam vom GoJIL ein Einreichungsverfahren über E-Mails. Dies erschwerte zunehmend die verteilte Arbeit im Team und forderte unnötigen Dokumentationsaufwand in Tabellen und Dokumenten. Mit Abschluss der Transformation stehen die Vorzüge von OJS zur Verfügung, um dem Team die Arbeit zu erleichtern und damit einen schnelleren Einreichungsprozess zu ermöglichen.
Auch wenn OJS schon sehr etabliert ist, so ist doch die Nutzung von WordPress-Instanzen für die Präsentation von Zeitschriften immer noch weit verbreitet. Ein Ziel in diesem Projekt war es, anderen Redaktionen und Herausgebenden von WordPress-Journals, die Umstellung von redaktionellen Prozessen und die Migration von Inhalten zu erleichtern. Dabei helfen ausführliche Erfahrungsberichte und How-Tos, die auf verschiedenen Ebenen andere Redaktionen unterstützen werden. Zudem entstand sowohl aus der Sicht des Redaktionsteams als auch des technischen Betreibers eine hilfreiche Dokumentation, welche Schritte notwendig sind und wo Probleme liegen können.
Das Projekt DOA-GoJIL startete am 15.11.2024 und lief ein Jahr an der SUB Göttingen in der Gruppe Elektronisches Publizieren. Das Projektteam bestand aus studentischen Hilfskräften, die ebenfalls GoJIL-Mitglieder sind: Lea Schäfer, Carla Kessener, Nikolai Krämer, Lennarth Hienz und Niclas Morten Diederichs. Die Projektleitung und Unterstützung kam direkt aus der Gruppe Elektronisches Publizieren und im Speziellen durch Mitarbeitende aus dem Universitätsverlag Göttingen mit Margo Bargheer, Daniel Beucke und Saskia Brauns.
Über die Projektlaufzeit hinweg wurden die GoJIL-Inhalte von der ursprünglichen Website auf OJS migriert, das Layout-Editing der Artikel vereinfacht und das Vorgehen und die Erkenntnisse des Projektteams kontinuierlich dokumentiert.
Die Migration der Website bestand vor allem aus der Übertragung der Bände 1 bis 15 der Zeitschrift (veröffentlicht seit 2009) in die OJS-Infrastruktur. Dies bedeutete konkret die Übertragung von über 200 Artikeln und das Anlegen von 28 Back-Issues. Dabei stieß das Projektteam auf Herausforderungen, die unter anderem die Nachtragung von DOIs, die Anpassung der Veröffentlichungsdaten in die Vergangenheit, sowie die Anpassung und Ergänzung zwischenzeitlich veralteter (Autor*innen-)Daten betrafen. Zudem wurde das Design der Website an das Erscheinungsbild der Zeitschrift in Farbgebung, Design und Funktionen angepasst. Dadurch vertieften sich die Kenntnisse in der Arbeit mit OJS. Parallel entstand eine Dokumentation aller auftretenden Probleme, ihrer Lösungen sowie einfacher Tipps, um anderen Zeitschriften den Umstieg auf OJS zu erleichtern.
Mit der Übertragung der Daten auf OJS war eine eigenständige Website für die Zeitschrift nicht mehr erforderlich. Dadurch sind zukünftig keine externen Administrator*innen mehr nötig – das GoJIL-Team kann die Pflege der Website fortan selbst übernehmen. So konnte die Redaktion ein neues Verständnis und Kontrolle über die Darstellung der Zeitschrift gewinnen. Um Missverständnisse durch eine neue Domain zu vermeiden und die etablierte Webadresse zu behalten, wurde eine Domainweiterleitung eingerichtet.
Die Nutzung von OJS erleichtert nicht nur die Verwaltung der Website, sondern auch den gesamten Publikationsprozess. OJS bietet die Möglichkeit, individuelle Workflows zu erstellen, die den gesamten Prozess vom Einreichen eines Artikels bis zur Veröffentlichung in einer Ausgabe begleiten und organisieren. Damit können Autor*innen ihre Artikel direkt über die Website einreichen. Die Redakteur*innen kommunizieren mit ihnen über das System und können Artikel unmittelbar Gutachter*innen zuordnen und weiterleiten. Dies optimiert für die Redaktion die Übersicht darüber, welche Artikel sich in welcher Phase des Veröffentlichungsprozesses befinden.
Dem Universitätsverlag Göttingen ist bei der Herausgabe von Zeitschriften wichtig, die Inhalte in standardisierten und barrierefreien Formaten zur Verfügung zu stellen. Dazu arbeitet der Verlag aktuell mit dem Dienstleister SciFlow zusammen und nutzt das Tool SciFlow Publish, das medienneutrales Publizieren ermöglicht. Im Workflow wird ein Word-Dokument durch einen Import in das Tool geladen. Dort steht ein Editor bereit, um Anpassungen vorzunehmen und die Inhalte anschließend in verschiedene Formate zu exportieren. Dazu hat sich die Redaktion ein Template erstellen lassen, das dem ursprünglichen Layout entspricht. Fortan können angenommene und geprüfte Artikel direkt innerhalb des Systems mithilfe von SciFlow Publish und OJS zu einer publikationsreifen PDF-Datei verarbeitet und zusätzlich in einer HTML-Version bereitgestellt werden. Dies spart dem Redaktionsteam erheblich Zeit im Vergleich zu der früheren Arbeit in Adobe Acrobat.
OJS-Plug-ins für ORCID und ROR ID erleichtern zudem die Identifikation von Autor*innen und Institutionen und verbessern damit nicht nur die eigenen Analysemöglichkeiten, sondern tragen auch zur weiteren Verbreitung dieser Identifier in der rechtswissenschaftlichen Literatur bei. Mithilfe dieser OJS-Plug-ins konnte GoJIL als Diamond-Open-Access-Zeitschrift seine Rolle in der Förderung offener Wissenschaft weiter ausbauen.
Die Veröffentlichung der neuen Website im Mai 2025 machte den Weg frei für den finalen Test der ersten vollständig über OJS veröffentlichten Ausgabe im Mai 2025.
Schließlich sollte das Projekt auch die Sichtbarkeit der Zeitschrift erhöhen. In der Projektlaufzeit dienten verschiedene Maßnahmen diesem Ziel – etwa eine verstärkte Präsenz in den sozialen Medien sowie die Registrierung in (weiteren) allgemeinen und fachspezifischen Datenbanken. Ein positives Ziel war die Aufnahme der Zeitschrift in Scopus13. Dazu stehen Schnittstellen und OJS-Plug-ins zur Verfügung, die die Veröffentlichungen standardisiert zur Verfügung stellen bzw. automatisiert an die jeweiligen Datenbanken übermitteln. Zudem ermöglicht OJS dem Redaktionsteam, Website-Besuche, Downloads und Abrufzahlen direkt nach COUNTER auszuwerten, um Veränderungen in der Sichtbarkeit messbar zu dokumentieren. Sicher sind die einzelnen Zugriffszahlen nicht voll aussagekräftig14, aber im Vergleich der einzelnen Artikel und Ausgaben ist eine Tendenz zu erkennen.
Durch die Migration auf OJS haben sich Änderungen in der Arbeitsweise der Redaktion ergeben. Um das Editorial Board einzubinden, wurde der Prozess nicht nur durch die Erstellung einer offiziellen Dokumentation, sondern auch durch interne Schulungsmaterialien begleitet.
Während der Projektlaufzeit fand GoJIL Eingang in das Journal-Portfolio des Universitätsverlags Göttingen.15 Dies ermöglicht eine bessere Sichtbarkeit über die Angebote des Verlags und eine engere Zusammenarbeit mit den Verlagsmitarbeitenden. Besonders für DOA-Zeitschriften ist dies eine gute Voraussetzung, um als qualitativ hochwertig und nachhaltig wahrgenommen zu werden.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass sich durch die Umstellung der Veröffentlichungsprozess deutlich vereinfacht und der Zeitaufwand reduziert hat. Das Projektteam kann daher jeder Zeitschrift empfehlen, von WordPress auf OJS umzusteigen und lädt dazu ein, die im Projekt erstellte Dokumentation16 als Orientierung zu nutzen.
Die Zusammenarbeit zwischen der SUB Göttingen, dem Universitätsverlag Göttingen und der GoJIL-Redaktion bleibt auch nach der Projektlaufzeit bestehen.
Weitere Entwicklungsmöglichkeiten bestehen perspektivisch in der Nutzung von OS-APS, der Open-Source-Lösung von SciFlow Publish sowie der Integration von OS-APS in OJS. Eine weitere Option für die Zukunft ist außerdem die Bereitstellung der Inhalte als XML.
Auf redaktioneller Ebene sollen die Prozesse und die Außendarstellung weiter verbessert werden. Dies kann beispielsweise in Anlehnung an den Diamond Open Access Standard (DOAS)17 geschehen. Zudem strebt das Projekt eine weitere Erhöhung der Sichtbarkeit an, mit dem Ziel mehr Lesende aber auch mehr Autor*innen zu finden. Auch die stärkere Integration von PIDs steht weiterhin im Fokus.