Nr. 1 (2026)
DOI: 10.5282/o-bib/6235

Vernetzen, nachnutzen, kritisch denken

Wege zur KI-Literacy in Bibliotheken

1. Einleitung: Gemeinsamer Denkraum für KI-Literacy

Die Einführung generativer Künstlicher Intelligenz (KI) hat die Bildungs- und Informationslandschaft in kurzer Zeit spürbar verändert. Ob bei der Literaturrecherche, beim Lesen oder Aufbereiten von Informationen – Nutzer*innen setzen generative KI bereits an vielen Stellen ihres Lern- und Arbeitsprozesses ein. Bibliotheken stehen vor der Aufgabe, diese neuen Technologien einzuordnen, deren Auswirkungen auf bestehende Strukturen einzuschätzen und Konzepte für die Vermittlung von KI-Kompetenzen zu entwickeln.

Vor diesem Hintergrund führte die „IKuKI"-Gilde der TIB Hannover, eine interne Arbeits- und Interessengruppe zum Thema Informationskompetenz und KI, am 18.09.2025 ein Barcamp mit dem Titel Teaching AI durch. Ziel war es, einen offenen Austauschraum zu schaffen, in dem Praktiker*innen aus unterschiedlichen bibliothekarischen Kontexten miteinander ins Gespräch kommen, Erfahrungen teilen und gemeinsame Fragestellungen sichtbar machen können.

Ausgangspunkt war die Frage, wie mit der Schnittstelle von Informationskompetenz und KI in Bibliothekspraxis, Forschung und Studium umgegangen wird. Viele Einrichtungen arbeiten bereits an eigenen Strategien, gleichzeitig bestehen Unsicherheiten hinsichtlich ethischer Fragen, Zuständigkeiten oder didaktischer Zugänge. Die Veranstalter*innen waren überzeugt, dass tragfähige Konzepte für KI-Literacy durch Austausch entstehen und Bibliotheken von geteilten Methoden, Nachnutzung und Vernetzung profitieren können. Dafür wurde bewusst das offene Format eines Barcamps gewählt. Die thematische Rahmung beschränkte sich auf „Vermittlung von KI-Kompetenzen in oder mit Bibliotheken“, um den Teilnehmenden möglichst viel Gestaltungsfreiheit zu geben.

Rund 35 Personen aus verschiedenen Einrichtungen – von Hochschul- über öffentliche Bibliotheken bis zu weiteren Bildungsakteur*innen – kamen am 18.09.2025 in die Räume der TIB Hannover. Im Folgenden werden aus Sicht der Veranstalter*innen ausgewählte inhaltliche Schwerpunkte des Barcamps vorgestellt, wohlwissend, dass im Verlauf des Barcamps weit mehr Aspekte zur Sprache kamen.

2. Schlüssel zu KI-Literacy: Kritisches Denken kompetent fördern

Nach einer kurzen Begrüßung und Einführung folgte die Keynote „Kritisches Denken: Die neue Informationskompetenz?“ von Anke Wittich (Hochschule Hannover), die zwei deutliche Akzente setzte: Informationskompetenz im Umgang mit KI erfordert sowohl eine kritische Auseinandersetzung als auch neue Veranstaltungsformate. Basis ihres Vortrags war die CHE-Studie1 zum KI-Einsatz im Studium, derzufolge 25% der Studierenden KI täglich und 40% wöchentlich nutzen. KI-Tools sind fest in den Arbeits- und Lernprozessen verankert – vor allem als Ideengeber, für thematische Orientierung, Zusammenfassungen oder Recherche, trotz des bekannten Halluzinationsrisikos. Gleichzeitig wünschen sich Studierende deutlich mehr Angebote, klare Richtlinien und Unterstützung beim Erwerb von KI-Kompetenzen. Für Bibliotheken ergibt sich daraus ein Auftrag, Orientierung zu bieten und reflektierte Nutzung zu fördern.

Anke Wittich während ihrer Keynote vor den Teilnehmenden, die von hinten zu sehen sind. Hinter ihr ist die Titelfolie ihrer Präsentation an die Wand projiziert.
Abb. 1: Anke Wittich präsentiert ihre Keynote, Foto: TIB / L. Gericke

Im zweiten Teil stellte Wittich zwei Kompetenzmodelle vor, die hierfür hilfreiche Orientierungsrahmen bieten. Das UNESCO AI Competency Framework for Students2 betont neben technischen Aspekten insbesondere ethische Fragen und eine verantwortungsbewusste Nutzung von KI. Das ARCL Framework for Information Literacy3 verdeutlicht zudem, wie sich klassische Informationskompetenz durch KI verändert: Fragen nach der Expertise hinter Informationen, ihrem Entstehungsprozess und Wert, der kritischen Überprüfung dieser Informationen sowie nach dem Prozess des wissenschaftlichen Austauschs und der Recherche liefern beim Einsatz von KI andere Antworten, als das bisher der Fall war. Diese Perspektiven zeigen, dass KI die Anforderungen an Quellenkritik, Kontextbewertung und Transparenz zusätzlich erhöht.

Vor diesem Hintergrund definierte Wittich kritisches Denken als zentrale Metakompetenz im KI-Kontext: maschinelle Outputs einordnen, Unsicherheiten erkennen und Entscheidungen begründen können – eine grundlegende Fähigkeit für Studium und wissenschaftliche Praxis. Abschließend stellte sie mögliche Vermittlungsformate vor: kurze Input-Formate wie eine „schlaue Mittagspause", interaktive Workshops wie Barcamps oder Promptathons sowie asynchrone Wissensvermittlung über offene Plattformen. Wissenslandkarten oder individuelle Lernpfade zeigen, wie personalisierte Wege des Kompetenzerwerbs gestaltet werden können.

Die Keynote verdeutlichte, dass KI die klassische Informationskompetenz erweitert. Insbesondere um Reflexionsfähigkeit, Transparenz und die Kompetenz, menschliche und maschinelle Anteile im Informationsprozess zu unterscheiden. Damit setzte Wittich einen Rahmen, der in den Sessions aufgegriffen und vertieft wurde.

3. Von Einzelkämpfer*innen zu tragfähigen Strukturen:KI-Kompetenz intern stärken

Wie können Mitarbeitende eigene KI-Kompetenz aufbauen? Und wie lässt sich KI an der Schnittstelle zur Informationskompetenz innerhalb der Einrichtung organisatorisch verankern? Diese Fragen bildeten einen Schwerpunkt des Barcamps. Dabei lieferte das Schlagwort des „KI-Gurus“ einen prägnanten Anstoß für die Diskussion: Teilnehmende kritisierten mit diesem Ausdruck eine Dynamik in kleineren wie größeren Einrichtungen, bei der KI-Kompetenzvermittlung bei wenigen oder gar einzelnen Personen verankert wird. Nicht selten ist diese Zuständigkeit eher inoffiziell, also organisatorisch nicht explizit zugewiesen. Dies führt zu Inselbildung beim Know-how und Wissenszentralisierung: Verantwortung wird auf einzelne Personen übertragen, während andere Mitarbeitende sich (häufig auch unfreiwillig) nicht als zuständig oder innovativ genug wahrnehmen. Insgesamt ergibt sich dadurch keine nachhaltige, tragfähige Verortung des KI-Themas im Organisationsgefüge.

Mit ‚KI-Boreout' fiel ein weiteres Schlagwort: Teilnehmende berichteten, dass die Flut an Informationen zum Thema KI und das breite Spektrum an Fortbildungsangeboten überfordernd wirke; es fehle an konkreten Ressourcen, dem zu begegnen. Für einen nachhaltigen internen Kompetenzerwerb plädierten die Teilnehmenden deshalb für mehr Strategie auf Ebene der Organisationsentwicklung. Wissenszentralisierung sollte möglichst vermieden und Verantwortung für KI-Themen auf mehrere Schultern verteilt werden. Interne Peer-Beratung, Hands-On-Formate oder Coffee-Lectures können Wissen im Team breit zugänglich machen und den Kompetenzerwerb stärken.

Der Aufbau von KI-Kompetenz benötigt Ressourcen – diese sollten aktiv verhandelt werden. Deshalb sollten Einrichtungen ausreichend Zeit, Personal und klar definierte Aufgabenanteile bereitstellen. Initiativen aus den Teams heraus verdienen Rückenwind: Erhalten Transformationsgruppen Freiraum und Unterstützung, können sie Impulse setzen und Kolleg*innen motivieren. Auch bei der Finanzierung lohnt ein offener Blick: Drittmittel können Entlastung schaffen und Forschungsprojekte neue Handlungsspielräume eröffnen. So lassen sich Mittel sichern, um internen Kompetenzerwerb projektbezogen anzustoßen.

4. Bildet Banden: Vernetzung als Grundlage guter KI-Kompetenzvermittlung

Über die meisten Sessions hinweg wurde der dringende Bedarf nach Vernetzung angesprochen. KI-Kompetenzvermittlung in Bibliotheken findet in einem heterogenen Umfeld statt und wird durch unterschiedliche Bibliotheksarten geprägt, die eigene Bedarfe mitbringen. Trotz dieser Vielfalt zeigten sich bemerkenswerte Gemeinsamkeiten: Viele Einrichtungen beobachten nach einem frühen „KI-Hype", dass die Nachfrage nach offenen Schulungen deutlich abnahm. Gleichzeitig empfanden die Teilnehmenden, dass die tatsächliche KI-Literacy häufig unter der Selbsteinschätzung der Nutzenden liegt.

Hinzu kommt, dass Bibliotheken bislang selten als erste Anlaufstellen für KI-Themen wahrgenommen werden. Sie müssen aktiv den Austausch mit den Hochschulen suchen und weitere Zielgruppen jenseits von Studierenden und Forschenden ansprechen. Diesen Wechsel im Gesellschaftsbild von Bibliotheken muss das Bibliothekssystem als Ganzes herbeiführen.

Teilnehmende um U-förmig angeordnete Tische. Etwa 10 Personen sind im Gespräch, eine Person gestikuliert, die anderen hören zu.
Abb. 2: Teilnehmende einer Session, Foto: TIB / A. Bätje

Der Wunsch nach dauerhaften, unkomplizierten Austauschstrukturen mündete in der Gründung des Discord-Servers „LibrAIrians".4 Dieser bietet eine niedrigschwellige Plattform, um sich auszutauschen und Materialien sowie Konzepte zu teilen. Diese Initiative verdeutlicht einen zentralen Erkenntnisgewinn des Barcamps: Eine nachhaltige Strukturierung von Informationen und Austausch kann nur als gemeinschaftliche Aufgabe der gesamten Bibliothekscommunity gelingen. Damit passt der Discord-Server ebenfalls in das auf dem Barcamp besprochene Konzept „Bildet Banden“. In diesem Bottom-up-Ansatz entstehen Konzepte nicht in der Isolation einzelner Einrichtungen, sondern durch Austausch, Nachnutzung und kontinuierliche Weiterentwicklung. Der charakteristisch dynamische und niedrigschwellige Ansatz ist somit perfekt geeignet für ein schnelllebiges Thema wie KI. Zudem profitiert der Ansatz von der hohen Eigeninitiative in den Teams, die sich oft durch die starke Eigenmotivation ergibt, mit der die Mitarbeitenden im Themenbereich KI an vielen Stellen glänzen.

Die intensive Vernetzungsbereitschaft zeigte sich nicht nur in den offiziellen Sessions. Wie in einem Barcamp gewollt entstand wertvoller Austausch in den Kleingruppen, die sich während Pausen bildeten und am vollständig ausgefüllten „Teaching AI Network"-Board, auf dem sich Interessierte mit Kontaktdaten und thematischen Schwerpunkten eintragen konnten. Diese Vernetzung führt unmittelbar zu einem eng verwandten Thema: Wie können Bibliotheken die Potenziale der Vernetzungsbereitschaft konkret nutzen, um Ressourcen zu bündeln und gemeinsam entwickelte Konzepte weiterzutragen?

5. Nachnutzung als gute bibliothekarische Praxis

Nachnutzung wurde von allen Einrichtungen, aber besonders von den Teilnehmenden aus kleineren Bibliotheken als strategische Notwendigkeit angesehen. Vor allem durch eine gemeinsame Materialbasis können innerhalb der Bibliothekscommunity qualitativ hochwertige Vermittlungsformate entstehen, ohne Einzelpersonen oder kleine Teams zu überlasten.

Open Educational Resources (OER) wurden als praktikabler Ansatz für die Nachnutzung hervorgehoben. Da OER häufig asynchron genutzt werden können, sollten Materialien dort angeboten werden, wo sich die Zielgruppen ohnehin aufhalten, etwa auf Lernplattformen wie Stud.IP. Als Plattformen zur gemeinsamen Veröffentlichung wurden Twillo5 und BibCourse6 genannt.

In den Sessions zeigte sich, dass es sehr spezifische Vorstellungen davon gibt, was geteilt werden sollte. Für die Nachnutzung gehe es weniger um fertige, institutionsspezifische Materialien als vielmehr übertragbare Schemata, didaktische Leitfäden und Workflows. Häufig genügt eine tragfähige Idee, wie „Prompt Repair Cafés" oder „Prompt Battles", um darauf eigene Formate aufzubauen. Ein kritischer Punkt betrifft jedoch Hemmschwellen bei der Nachnutzung. Offenbar besteht eine verbreitete Zurückhaltung, fremde Materialien zu übernehmen – beispielsweise weil das eigene Logo der Bibliothek nicht darauf steht oder ein Format keine eigene Entwicklungsleistung darstellt. Damit die Bibliothekscommunity als Ganzes von geteilter Arbeit profitieren kann, muss sich somit mehr ändern als nur die Bereitstellung von Materialien und Konzepten. Eine Haltungsänderung hin zu mehr Nachnutzung und einer Anerkennung von Nachnutzung als guter Praxis ist notwendig, um das volle Potenzial kollaborativer Arbeitsweisen auszuschöpfen.

6. Verantwortung übernehmen: Kritische Haltung zu KI in der Vermittlung

Anke Wittichs These zum Stellenwert des kritischen Denkens für einen konstruktiven Einsatz von KI wurde in einer eigenen Session erneut aufgegriffen. Die Teilnehmenden vertieften die Implikationen dieser These, ausgehend von einer kritischen Haltung gegenüber generativer KI:
Teilnehmende äußerten etwa Bedenken bezüglich des Ressourcenverbrauchs, der Funktionalität, des Entstehungskontextes und der gesellschaftlichen Auswirkungen generativer KI. In Anknüpfung an die von Anke Wittich erwähnte CHE-Studie diskutierte die Session auch den Einfluss von KI auf Lern- und Arbeitsprozesse im Studium kritisch: So wurden zum Beispiel Effekte wie cognitive offloading7, etwa bei der Nutzung generativer KI als Ideengeberin beleuchtet. Der Einsatz von KI im Studium kann den Erwerb wichtiger Kompetenzen, beispielsweise Schreiben oder Recherchieren, eher hemmen, statt kritisches Denken zu fördern.

Trotz dieser in der Regel bekannten Risiken und Probleme und einer verbreiteten Skepsis, entwickeln viele Bildungseinrichtungen Lernangebote zum praktischen Einsatz von KI. In der Session wurde in der Folge die Frage diskutiert, ob und wie KI-Literacy im Lichte einer kritischen Haltung sinnvoll vermittelt werden kann. Folgendes hielten die Teilnehmenden fest: Forschungsergebnisse zu den Auswirkungen von KI-Nutzung, insbesondere im Zusammenhang mit Lernprozessen müssen stärker berücksichtigt werden und idealerweise in die Konzeption von Vermittlungsangeboten einfließen. Wichtig ist den Teilnehmenden zudem, dass kritische Perspektiven innerhalb der Bibliothekscommunity sichtbarer werden und interne Reflexionsprozesse zum verantwortungsvollen KI-Einsatz angeregt werden. Ein in der Session diskutierter Lösungsansatz für Schulungen besteht darin, Probleme und Grenzen der KI-Nutzung durch praktische Übungen konkret erfahrbar zu machen. Die Teilnehmenden wünschten sich innerhalb der Bibliothekscommunity insgesamt mehr Mut zu einer klar kritischen Haltung.

7. Fazit

Das Teaching AI Barcamp machte deutlich, nicht zuletzt durch die Offenheit und der aktiven Beteiligung seiner Teilnehmenden, wie stark Bibliotheken derzeit mit sich ähnelnden Herausforderungen und Fragestellungen ringen und wie wertvoll ein niedrigschwelliger Rahmen für kollegiales Lernen sein kann. Die Veranstaltung bot die Möglichkeit, unterschiedliche institutionelle Herangehensweisen sichtbar zu machen, Synergien zu erkennen und Bedarfe zu formulieren, die in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen dürften. Gleichzeitig zeigte sich, dass der Austausch über KI in Bibliotheken weit über technische oder organisatorische Aspekte hinausgeht und eng mit Fragen der Didaktik, der Informationskompetenzvermittlung sowie der Einordnung neuer Technologien in bestehende Beratungs- und Servicekonzepte verbunden ist.

Das Barcamp setzte damit einen Impuls für weitere Kooperationen und für die Entwicklung gemeinsamer Ansätze im Umgang mit KI. Für die Veranstalter*innen kristallisierten sich vor allem die folgenden Aspekte als „Lessons Learned“ und Highlights heraus:

Zunächst wurde deutlich, dass der Aufbau interner KI-Kompetenz strategisches Handeln auf Ebene der Organisationsentwicklung erfordert. Die Dynamik des „KI-Gurus", bei der Wissen und Verantwortung auf einzelne Personen zentralisiert werden, sollte zugunsten breiterer Verantwortungsverteilung überwunden werden. Stattdessen braucht es klar definierte Zuständigkeiten, ausreichende zeitliche und personelle Ressourcen sowie interne Formate wie Peer-Beratung oder Coffee Lectures, um Wissen im Team zugänglich zu machen. Besonders wichtig erscheint es, Initiativen aus den Teams heraus Rückenwind zu geben.

Eng damit verbunden ist der Wunsch nach stärkerer Vernetzung zwischen Einrichtungen. Die Gründung des Discord-Servers „LibrAIrians" während des Barcamps zeigt, wie niedrigschwellige, informelle Austauschstrukturen entstehen können, wenn gemeinsame Bedarfe erkannt werden und Mitgestaltung möglich ist. Der Bottom-up-Ansatz des „Bildet Banden" ermöglicht es, Konzepte nicht in der Isolation einzelner Einrichtungen zu entwickeln, sondern durch kontinuierlichen Austausch und Weiterentwicklung. Diese Vernetzung ist besonders wertvoll, da Bibliotheken bislang noch zu selten als erste Anlaufstellen für KI-Themen wahrgenommen werden.
Die Vernetzung schafft zugleich die Grundlage für verstärkte Nachnutzung bestehender Materialien und Konzepte. Es existieren bereits zahlreiche hilfreiche Ansätze – von „Prompt Repair Cafés" bis zu didaktischen Leitfäden. Entscheidend ist jedoch auch ein Kulturwandel: Die verbreitete Zurückhaltung bei der Nachnutzung fremder Materialien sollte abgebaut und Nachnutzung als gute bibliothekarische Praxis etabliert werden. Plattformen wie Twillo, BibCourse oder der neue Discord-Server können dabei helfen, übertragbare Schemata und Workflows zu teilen, ohne Einzelpersonen oder kleine Teams zu überlasten.

Schließlich wünschten sich die Teilnehmenden, kritische Perspektiven auf KI stärker in Vermittlungsformaten zu verankern. Trotz bekannter Risiken wie Ressourcenverbrauch, cognitive offloading oder gesellschaftlicher Auswirkungen fehlt es oft an Mut zu einer klar kritischen Haltung in der Bibliothekscommunity. Forschungsergebnisse zu den Auswirkungen von KI-Nutzung sollten stärker in die Konzeption von Vermittlungsangeboten einfließen, und Probleme sowie Grenzen der KI-Nutzung sollten durch praktische Übungen konkret erfahrbar gemacht werden. Nur so kann die von Anke Wittich betonte Metakompetenz des kritischen Denkens tatsächlich gefördert werden.

Das Barcamp-Format bot einen Rahmen, um den Austausch über KI-Kompetenzvermittlung zu befördern. Die offenen Strukturen ermöglichten es den Teilnehmenden, aktuelle, persönliche Bedarfe unmittelbar anzusprechen und gemeinschaftlich anzugehen – eine klare Stärke bei dynamischen Themen wie KI. Zugleich zeigte sich, dass spontane Sessiongestaltung und Moderation anspruchsvoll sind: Sie sollen stringent genug sein, um Ergebnisse zu sichern, gleichzeitig aber offen genug bleiben, um spontane Vertiefungen zuzulassen. Die Keynote lieferte einen thematischen Ankerpunkt, der gemeinsame Problemstellungen definierte und die anschließenden Sessions inspirierte.

Gruppenfoto aller Teilnehmenden auf dem Platz vor dem Hauptgebäude der TIB Hannover. Im Vordergrund ist ein Veranstaltungsplakat des Barcamps zu sehen. Im Hintergrund ist das Marstallgebäude der TIB Hannover.
Abb. 3: Gruppenbild der Teilnehmenden, Foto: TIB / A. Bätje

Das Barcamp verstand sich in erster Linie als Plattform für Vernetzung und Bedarfsanalyse, weniger als Ort unmittelbarer Umsetzung. Ein offen gestaltetes Barcamp kann keine dauerhaften Strukturen aufbauen; hierfür braucht es klarer ausgerichtete Folgeformate. Auch die Tendenz, wie rasch einzelne Diskussionen über KI schnell in allgemeine Informationskompetenzthemen übergehen, wurde sichtbar. Ebenso wurde deutlich, dass Vernetzungswege – etwa der eingerichtete Discord-Server, der bislang nur verhalten genutzt wird – weitergedacht und stabilisiert werden müssen, um Vernetzung auch langfristig aufzubauen.

Das Ziel des Barcamps war es, Erfahrungen zu teilen, voneinander zu lernen, neue Impulse zu gewinnen und konkrete Ideen für den Arbeitsalltag zu entwickeln. Für eine nachhaltige Nutzung der Ergebnisse ist jedoch deren Sicherung und Weiterentwicklung entscheidend. Der vorliegende Bericht soll bewusst zur Verbreitung von Ideen und Konzepten beitragen und die gewonnenen Erfahrungen weitertragen: Erst durch eine dokumentierte Aufbereitung werden die diskutierten Themen für eine breitere Community sichtbar und anschlussfähig, etwa für Facharbeitsgruppen in Verbänden.

Im Ausblick gilt: Das Barcamp leistete aus Sicht der Organisator*innen eine wertvolle Bestandsaufnahme und machte zentrale Themen sichtbar. Das Format könnte bei Bedarf erneut aufgelegt werden – etwa für einen Austausch mit möglichen Kooperationspartner*innen jenseits des Bibliothekskontexts. Für die Vertiefung einzelner Schwerpunkte, wie ethische Leitlinien oder didaktische Ansätze, wären stärker fokussierte Formate denkbar, die konkrete Fragestellungen systematisch weiterführen können.

Anmerkungen

1 Hüsch, Marc; Horstmann, Nina; Breiter, Andreas: Künstliche Intelligenz im Studium. Die Sicht von Studierenden im Wintersemester 2024/25, 12.06.2025, https://hochschuldaten.che.de/kuenstliche-intelligenz-im-studium-die-sicht-von-studierenden-im-wintersemester-2024-25/, Stand: 09.12.2025.
2 Miao, Fengchun; Shiohira, Kelly; Lao, Natalie: AI competency framework for students, Paris 2024. https://doi.org/10.54675/JKJB9835.
3 Association of College and Research Libraries: Framework for Information Literacy for Higher Education, 02.02.2015, https://www.ala.org/sites/default/files/acrl/content/issues/infolit/Framework_ILHE.pdf, Stand 11.12.2025.
4 LibrAIrians, https://discord.gg/tQgsfY72Rg, Stand 30.11.2025.
5 Twillo, https://twillo.de, Stand: 30.11.2025.
6 Bibcourse, https://bibcourse.eu/, Stand: 30.11.2025.
7 Cognitive offloading bezeichnet hier die Auslagerung kognitiver Prozesse an KI-Werkzeuge, wodurch die eigene Lernleistung und kritisches Denken potenziell gehemmt werden kann, vgl. dazu Gerlich, Michael: AI Tools in Society: Impacts on Cognitive Offloading and the Future of Critical Thinking, in Societies 15 (1), 2025. https://doi.org/10.3390/soc15010006.

Elena Luz, Technische Informationsbibliothek, Hannover, https://orcid.org/0009-0000-6050-9122
Dominik Nierer, Technische Informationsbibliothek, Hannover, https://orcid.org/0009-0007-6123-7414
Vincent Noll, Technische Informationsbibliothek, Hannover, https://orcid.org/0009-0005-1599-9632

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