Nr. 2 (2026)
DOI: 10.5282/o-bib/6232

Celebrating the Freedom to Read

Banned Books im Fokus queerer Bibliotheksarbeit

1. Einleitung

Zur Praxis der Book Challenges in den USA und ihrem möglichen Ergebnis, den sogenannten Book Bans, also dem Entfernen von Medien aus einzelnen Bibliotheksbeständen, wurde bereits und wird noch immer viel publiziert. Diese seit etwa 2021 anhaltende Welle versuchter Zensur ist durch koordiniertes und ideologisch aufgeladenes Vorgehen gekennzeichnet, welches die etablierten Prozesse der dortigen Bibliotheken zunehmend überfordert.1 Sowohl die American Library Association (ALA) als auch PEN America stellen dabei wiederholt fest, dass insbesondere Bücher mit oder von Angehörigen marginalisierter Gruppen im Fokus stehen, darunter auch die LGBTQIA+‑Community.2 Book Challenges sind Ausdruck und Reflexionsfläche gesellschaftlicher Entwicklungen, die sich u. a. durch immer stärker divergierende Haltungen gegenüber Diversität auszeichnen.

Dass diese gesellschaftlichen Entwicklungen immer stärker an demokratischen Grundprinzipien zerren, lässt sich spätestens seit der zweiten Amtsperiode von Donald Trump als Präsident der USA deutlich nachvollziehen und offenbart die Verbindungen zur dahinter liegenden politischen Agenda.3 Dabei kann die Fokussierung auf geschlechtliche und sexuelle Vielfalt eine Brücke zwischen konservativen und autoritären politischen Agierenden schlagen.4 Hier verdeutlicht sich die Verknüpfung von Diversität und Demokratie, denn „[d]iese Kämpfe darum, wie Sexualität und Geschlecht gelebt werden und sein dürfen, sind Teil der Auseinandersetzung um die demokratische Gestaltung der Gesellschaft.“5

Auch in Europa gibt es gesellschaftliche Aushandlungsprozesse rund um geschlechtliche und sexuelle Vielfalt. Dass diese zunehmend emotional, ideologisch6, sprachlich und vor allem politisch7 aufgeladen sind, spiegelt sich in allen Bereichen unserer Demokratie wider: von Bundestagsdebatten über Parteiprogramme, Medienbeiträge und Bücher bis hin zu Gesprächen im heimischen Wohnzimmer.

Auch in Bibliotheken im deutschsprachigen Raum sind gesellschaftliche Auseinandersetzungen rund um Diversität spürbar, sei es im Bestand oder bei Veranstaltungen. Sowohl queere Menschen als auch Mitarbeitende von Bibliotheken nehmen diese wahr. Die Queerbrarians, als Netzwerk deutschsprachiger queerer Bibliotheksmenschen, bilden eine Schnittmenge und damit auch eine vermittelnde Schnittstelle zwischen diesen beiden Perspektiven. Fragen um Identität, Sichtbarkeit und die eigene Rolle in Bibliothek und Gesellschaft treffen hier aufeinander. Aus dieser Verbindung persönlicher und professioneller Perspektiven heraus entstanden im Jahr 2025 mehrere Aktivitäten, die hier reflektiert werden. Sie zielten insgesamt darauf ab, Aufmerksamkeit für die genannten nationalen und internationalen Entwicklungen zu schaffen, die kombinierte Perspektive sichtbar zu machen und aufzuzeigen, wie der Umgang mit Vielfalt, und damit auch mit queeren Menschen und Lebensweisen, ein relevanter Indikator dafür sein kann, wie stabil, gerecht und offen eine Demokratie ist und bleibt.

2. Online-Veranstaltung mit der bukof-Kommission „Queere Hochschulpolitik“

Am 23. April 2025, dem Welttag des Buches, organisierten die Queerbrarians zusammen mit der Kommission für queere Hochschulpolitik der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen (bukof) und unter Mitgestaltung von Wilco Iris8 eine kostenfreie Online-Veranstaltung zum Thema Book Bans.9 Ziel war es, unter dem Motto „Celebrating the Freedom to Read“ Bibliotheksmitarbeitende und Hochschulangehörige anzusprechen sowie einen niedrigschwelligen Einstieg aus verschiedenen und auch authentischen queeren Perspektiven zu gestalten.

Die Veranstaltung gliederte sich in einen deutschsprachigen und einen englischsprachigen Teil. Der deutschsprachige Vortrag wurde von Claudia Frick gehalten und betrachtete das Thema aus einer queeren, deutschen und akademischen Perspektive mit einem Fokus auf historische Verknüpfungen und die Kontextualisierung des Geschehens in den USA.10 Der englischsprachige Vortrag von Eve Boger (Geschäftsführerin) und Lucie Pitt (ehemaliges schulisches Mitglied) von Wilco Iris berichtete vom aktuellen Geschehen in Tennessee aus der Perspektive einer zivilgesellschaftlichen Organisation, die sich vor Ort für queere Jugendliche und gegen Book Bans einsetzt. Hier stand insbesondere das Erfahrungswissen aus den Schulausschüssen vor Ort im Fokus. Im Anschluss an die Vorträge gab es Raum und Zeit für Fragen, die auch anonym gestellt werden konnten.

Die aufgrund der Moderierbarkeit gesetzte Obergrenze von 100 Teilnehmenden wurde erreicht. Vorab wurde über die üblichen deutschsprachigen bibliothekarischen Mailinglisten, auf der Webseite der Queerbrarians11, über den Instagram-Kanal der bukof sowie durch Aushänge an der Technischen Hochschule Köln und der Universitätsbibliothek Kiel für die Online-Veranstaltung geworben. Dabei kamen auch interaktive Formate zum Einsatz (Abb. 1). Diese Aktionen wurden gut angenommen und boten individuelle Gesprächsanlässe, z. B. über einzelne Bücher und ihre Inhalte, die Situation in den USA oder Zensur in Bibliotheken allgemein. So wurde die digitale Reichweite um eine lokale Reichweite ergänzt. An der Universitätsbibliothek Kiel war dieser lokale Ansatz Teil einer ganzen Ausstellung (s. u. Kap. 3).

Links: Gezeigt sind zwei Bilder. Links ist eine große Pinnwand zu sehen, an der vier Zettel hängen. Oben steht die Überschrift „Das habe ich schon gelesen!“, darunter ein Infotext über die PEN-Liste und Book Bans sowie die Aufforderung, mit den beiliegenden Stickern zu markieren, welche Bücher bereits gelesen wurden. Der Infotext ist auf dem Foto selbst bei großer Zoomstufe schlecht lesbar. Neben dem Infozettel hängt eine Schachtel mit Klebepunkten und der Aufschrift „Sticker“. Darunter 2 Seiten eines Flip-Chart-Blockes, vertikal nebeneinander angeordnet. Auf jedem Blatt sind in Großbuchstaben je fünf Jugendbücher mit ihren englischen Titeln und ihre Autor*innen genannt, dazu die Anzahl der Book Bans bzw. Challenges. Falls vorhanden, steht ebenfalls der Titel der deutschen Übersetzung dabei. Unter jedem Titel ist viel Platz für die Klebepunkte. 1.	Elizabeth Acevedo – The Poet X 21: 6 Klebepunkte 2.	Kalynn Bayron – Cinderella is dead (dt. Cinderella ist tot) 4: 11 Klebepunkte 3.	Kacen Callender – Felix Ever After 9: 10 Klebepunkte 4.	Stephen Chbosky – The Perks of Being a Wallflower (dt. Das ist also mein Leben) 85: 29 Klebepunkte 5.	Ernest Cline – Ready Player One 10: 17 Klebepunkte 6.	Patricia McCormick – Sold (dt. Verkauft) 85: 3 Klebepunkte 7.	Madeline Miller – Song of Achilles (dt. Das Lied des Achill) 7: 31 Klebepunkte 8.	Jennifer Niven – Breathless (dt. Für einen Sommer unsterblich) 32: 5 Klebepunkte 9.	Angie Thomas – The Hate U Give 40: 39 Klebepunkte 10.	Nicola Yoon – The Sun is Also a Star 6: 13 Klebepunkte  Rechts: Nahaufnahme des Aushangs an der technischen Hochschule Köln. Es handelt sich um eine Strichliste, auf der Vorbeigehende Striche für jedes von ihnen gelesene Buch machen konnten. Zu lesen war der folgende Text. Angegeben sind zudem die Striche pro Buch: Welche dieser in den USA gebannten Bücher hast du schon gelesen? Mach mit bei der Strichliste In den USA werden zahlreiche Bücher, insbesondere Jugendbücher, gebannt oder zumindest bis zum Ende der „Book Challenge“ aus den Regalen der Bibliotheken genommen. Diese 10 Bücher sind nur eine Auswahl der weit über 6.000 betroffenen Werke. Fast 50 % der betroffenen Werke behandeln Themen rund um Diskriminierung oder haben einfach nur vielfältige Charaktere. Die Zahl vor jedem Buch gibt an, wie oft es im Schuljahr 2023/2024 in den USA gebannt wurde. Anzahl der Bans, Buch, Strichliste 4 Clockwork Orange, Anthony Burgess (1962), Uhrwerk Orange, 5 Striche 5 Aristotle and Dante Discover the Secrets of the Universe, Benjamin Alire Sáenz (2012), Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums, 2 Striche 6 Ace of Spades, Faridah Àbíké-Íyímídé (2021), 1 Strich 7 Song of Achilles, Madeline Miller (2011), Das Lied des Achill, 2 Striche 9 Felix Ever After, Kacen Callender (2020), Felix Ever After, 2 Striche 24 Red, White & Royal Blue, Casey McQuiston (2019), Royal Blue, 1 Strich 40 The Hate u Give, Angie Thomas (2017), The Hate u Give, 0 Striche 51 The Color Purple, Alice Walker (1982), Die Farbe Lila, 2 Striche 67 The Handmaid’s Tale, Margaret Atwood (1985), Der Report der Magd, 4 Striche 85 The Perks of Being a Wallflower, Stephen Chbosky (1999), Vielleicht lieber morgen, 3 Striche Die Liste füllte sich weiter, nachdem das Foto aufgenommen wurde.
Abb. 1: Aufsteller an der Universitätsbibliothek Kiel (links) und Aushang an der Technischen Hochschule Köln (rechts) mit jeweils kurzem Text, einer Auswahl an gebannten Büchern mit Autor*innennamen und Titeln auf Englisch und Deutsch. Zu sehen sind zudem die Klebepunkte (links) und die Striche (rechts) pro Person, die ein Buch gelesen hat. Fotos: privat

3. Ausstellung an der Universitätsbibliothek Kiel

Während der Planung für den World Book Day entstand der Wunsch, an der UB Kiel eine Ausstellung zum Thema Banned Books zu gestalten. Die Idee stieß bei der Direktorin Kerstin Helmkamp auf schnelle Zustimmung und konnte so innerhalb von drei Monaten in Kooperation mit der Stabsstelle Diversität und Antidiskriminierung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) realisiert werden. Für die inhaltliche Gestaltung waren die zwei ideengebenden Mitarbeitenden zuständig, die zugleich Queerbrarians sind. Sie werteten zunächst die Titelliste von PEN America12 des Schuljahres 2023/24 aus und prüften, welche Banned oder Challenged Books dieses Zeitraums sich im Bestand der UB Kiel befanden. Aus dieser Schnittmenge wurde eine möglichst vielfältige und optisch ansprechende Auswahl in den Kategorien Klassische Literatur, Jugendbuch und Belletristik zur Präsentation in Vitrinen getroffen.

Die hauseigene Buchbinderei baute für die Bücher maßgefertigte und nachnutzbare Podeste, um die Präsentation lebendiger zu gestalten (Abb. 2). Zu jedem Titel wurden Informationen zum Jahr der Erstveröffentlichung, Anzahl der Bans, ggf. Verfilmungen und Literaturpreisen sowie eine knappe Inhaltsangabe und Schlagwörter genannt. Über einen QR-Code konnte der Titel zudem direkt im OPAC aufgerufen und bei Interesse vorgemerkt werden.

Gezeigt sind zwei Bilder. Links ist die Nahaufnahme zweier Vitrinen zu sehen, die an der Längsseite zusammengeschoben sind. In den Vitrinen befinden sich jeweils drei unterschiedlich hohe Podeste, auf denen je ein Buch mit einem Infotext liegen. Die Informationen und Buchtitel sind auf dem Foto nicht lesbar. In der vorderen Vitrine ist ein Zettel mit der Aufschrift „Jugendbücher“ erkennbar. Über die „Nahtstelle“ der beiden Vitrinen ist ein schwarz-gelb gestreiftes Absperrband gespannt. Im Hintergrund sind 3 Infotafeln einer Ausstellung zu sehen. Das rechte Bild zeigt eine Übersicht über die Ausstellung, die in einem Flur vor einem Lichthof aufgebaut ist. Links und rechts führen Türen in angrenzende Räume. Im Vordergrund steht ein Aufsteller mit dem Werbeplakat der Ausstellung. Darauf stehen der Titel „BANNED BOOKS“ sowie in der nächsten Zeile der Titelzusatz „Zensiert, verboten, verbrannt“, darunter die Ausstellungsdaten 10.04.–30.04.2025. Im unteren Bereich des Plakats befinden sich zwei Kästen in unterschiedlichen Lila-Tönen mit auf dem Foto nicht lesbaren Text. Der Hintergrund des Plakats besteht aus einem Bild, auf dem die Oberseite von Buchblöcken zu sehen ist. Über die Bücher wurden zwei schwarz-gelb gestreifte Absperrbänder gelegt. Dicht hinter dem Aufsteller ist eine Vitrine mit Büchern erkennbar. In der Raummitte stehen die beiden Vitrinen vom linken Foto sowie kreisförmig darum angeordnet vier Infotafeln und die Tafel aus Abbildung 1. Zwei Säulen, die rechts und links der Ausstellung stehen, sind mit schwarz-gelbem Absperrband umwickelt.
Abb. 2: Die Ausstellung zu Book Bans an der UB Kiel. Die Vitrinen wurden mit auf maßgefertigten Podesten ausgestellten Büchern befüllt (links), Poster mit Zusatzinformationen und einer Zeitleiste aufgestellt (links und rechts) sowie ein Aufsteller, der den Anlass der Ausstellung gut sichtbar verdeutlichte (rechts). Fotos: privat

Um dem Bildungsauftrag der UB gerecht zu werden, wurde die Buchausstellung um acht DIN-A0-Plakate ergänzt.13 Diese informierten über die Book Bans in den USA, aber auch über Buchzensur in Deutschland ab dem 15. Jahrhundert und Bücherverbrennungen im Nationalsozialismus sowie über die aktuelle Situation in deutschen Bibliotheken. Ziel war es, den Ausstellungsbesuchenden zu vermitteln, warum und durch wen Buchverbote erwirkt werden. Ein Fokus lag zudem darauf, welche Auswirkungen diese Verbote auf Autor*innen, Schüler*innen (sowie Lesende allgemein) und auch auf Bibliothekar*innen und Lehrkräfte haben.

Bei einer Mitmachstation (Abb. 1, links) konnten die Ausstellungsbesucher*innen markieren, welche Titel aus einer Liste mit 10 gebannten Jugendbüchern sie schon gelesen haben. Da die Hauptzielgruppe der Ausstellung Studierende waren, lag der Fokus dabei auf Büchern des letzten Jahrzehnts. Mitarbeitende der Öffentlichkeitsarbeit der UB unterstützten bei der Gestaltung der Plakate, entwarfen das Werbeplakat für die Ausstellung, informierten die Medien sowie die Öffentlichkeitsarbeit der Universität und warben auf der UB-Website für die Ausstellung. Für weitere Aufmerksamkeit sorgten ein Zeitungsinterview14 sowie ein kurzer Bericht im Radiosender NDR Kultur. Die Ausstellung stieß nicht nur in der Studierendenschaft auf großes Interesse. Mehrfach wurde Bedauern über die kurze Laufzeit der Ausstellung geäußert – sie erstreckte sich über einen Zeitraum von drei Wochen, wobei sie an den Osterfeiertagen aufgrund der Schließzeiten der UB nicht zugänglich war. Auch wurden Wünsche nach einer Wanderausstellung laut.

Für den Welttag des Buches initiierte und bewarb die UB Kiel zudem einen ausstellungsbegleitenden Workshop des Englischen Seminars der CAU, in dem zu einem der meist gebannten Bücher, der autobiographischen Graphic Novel „Gender Queer“ von Maia Kobabe, zu graphischen Metaphern gearbeitet wurde. Am Workshop nahmen rund 20 Studierende teil.

4. Summer Reading Challenge

Während die Online-Veranstaltung und die Ausstellung Book Challenges und Book Bans in den größeren Kontext eingeordnet und vergangene und aktuelle Ereignisse nachgezeichnet haben, sollte es letztendlich auch um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den betroffenen Büchern gehen. Dazu wurde eine „Summer Reading Challenge“ umgesetzt.15

4.1 Konzept

Grob angelehnt an den Sommerleseclub in NRW16 gab es ein Zeitfenster im Sommer 2025 (1. Juni bis 22. September), in dem Bücher aus den Titellisten von PEN America17 gelesen und für die Challenge gewertet werden konnten. Eine selbst erstellte Bingo-Karte (Abb. 3) ermöglichte die Zuordnung der gelesenen Bücher zu vorgegebenen Kategorien. So konnten durch das Lesen von Büchern zu bestimmten Kategorien auf der Karte ein Bingo oder mehrere Bingos erreicht werden. Die Kategorien waren dabei nicht disjunkt. Ein Buch könnte daher zu mehreren Kategorien passen, durfte aber nur bei einer gezählt werden, die allerdings frei wählbar war. So konnten sich alle Teilnehmenden ihre persönliche Buchauswahl für die eigene Bingo-Karte zusammenstellen.

Die Bingo-Karte der Queerbrarians einmal unausgefüllt (links) und einmal von einer Teilnehmenden ausgefüllt (rechts). Die Bingo-Karte ist bunt gestaltet mit Büchern und einem Regenbogen. Darüber hinaus ist ein QR-Code zu sehen, der auf die Webseite verlinkt. Die 5 x 5 Matrix der Challenge ist wie folgt angeordnet von oben links nach unten rechts. Angegeben ist hinter jeder im Folgenden genannten Kategorie auch der Lesestand der Teilnehmerin: Klassiker (1984 – gehört) Behinderung (Ellen outside the Lines – gehört) Fantasy (Summer of Salt – nicht gelesen) Trans / Nicht-binär (Gender Queer – nicht nochmal gelesen) Bisexuell (One Last Stop – gehört)  Freundschaft (Camp – gehört) Aromantisch / Asexuell (The Lady's Guide to Petticoats and Piracy – gehört) Historisch (To kill a Mockingbird – gehört) Kinderbuch (The Tea Dragon Society – gelesen) Drama (The History Boys – gelesen)  Lesbisch (The Lesbian's Guide to Catholic School - gehört) Sachbuch (They Called us Enemy – gelesen) Bingo Biografie/Tagebuch (Persepolis – gelesen) Mentale Gesundheit (The Perks of Being a Wallflower – gehört)  Graphic Novel (V for Vendetta – nicht gelesen) Krimi / Thriller (A Good Girls Guide to Murder – gehört) Queerfeminismus (Sister Outsider – nicht gehört) BIPOC (The Color Purple – gehört) Queer (Hurricane Child – gehört)  Jugendbuch (The Hate U Gove – gehört) Roman (The Catcher in the Rye – nicht gehört) Schwul (The Gentlemen's Guide to Vice and Virtue – nicht gehört) Intersex (None of the Above – gehört) Sci-Fi / Dystopie (Fahrenheit 451 – gehört)
Abb. 3: Die Bingo-Karte zur Summer Reading Challenge als Vorlage mit allen Kategorien (links) und ausgefüllt von einer teilnehmenden Person mit dem Cover des pro Kategorie gelesenen Buches (rechts). Das mittlere Feld ist ein Joker und gilt automatisch als abgehakt.

Parallel zur Bingo-Karte wurde eine Challenge auf StoryGraph18 eingerichtet, in der alle Teilnehmenden ihre Bücher den Kategorien der Bingo-Karte zuordnen und so ihren Lesefortschritt verfolgen konnten (Abb. 4). Gleichzeitig war es möglich zu sehen, wer noch alles bei der Challenge dabei ist. Eine Interaktion untereinander war dort jedoch nicht möglich. Dazu gab es einen ergänzenden Kanal auf dem Discord-Server der Queerbrarians. Einige Teilnehmende sprachen zudem in den Sozialen Medien unter dem Hashtag #QSRC über die Challenge. Beworben wurde die Challenge auf der Website, Discord, der Queerbrarians-Mailingliste sowie in Sozialen Medien.

Ziel war es, inhaltliche Diskussionen zu einzelnen Büchern und eigene Reflexionen anzuregen. Im Fokus standen auch die Fragen, wieso die gelesenen Bücher zum Ziel einer Challenge geworden sein könnten und inwieweit man dieser Einschätzung zustimmt. Das eigene Lesen und der Austausch dazu ermöglichten direkte Einblicke in die betroffenen Bücher und die Perspektiven anderer, insbesondere dann, wenn mehrere Personen das gleiche Buch gelesen hatten.

Screenshots von der Challenge auf StoryGraph (links). Zu sehen ist die Überschrift „Challenge Prompts“ und darunter drei der 24 Kategorien. Die Kategorie „Klassiker, Classics“ trägt einen grünen Haken. Dafür wurde das Buch „1984“ gelesen, dessen Cover unter der Kategorie zu sehen ist. Die Kategorie „Behinderung, Disability“ trägt einen grünen Haken. Dafür wurde das Buch „Ellen Outside the Lines“ gelesen, dessen Cover unter der Kategorie zu sehen ist. Die Kategorie „Fantasy“ trägt keinen grünen Haken. Dafür wurde jedoch geplant das Buch „Summer of Salt“ zu lesen, dessen Cover unter der Kategorie zu sehen ist. Screenshot der Challenge-Übersicht auf StoryGraph (rechts). Zu sehen ist unter der Laufzeit „01 Jun 2025–22 Sep 2025“ der Name der Challenge „Queerbrarians Summer Reading Challenge“ und ein Kreis mit einem grünen Fortschrittsbalken. Dieser ist zu 75 % gefüllt und die Zahl steht auch in der Mitte. Darunter ist zu lesen, dass 18 der 24 Kategorien gelesen wurden.
Abb. 4: Screenshots von der Challenge auf StoryGraph. Die Liste der Prompts umfasste alle 24 Kategorien der Bingo-Karte untereinander und zeigte die jeweils selbst hinzugefügten Bücher an (links). Der Fortschritt ließ sich auf der Übersichtsseite des eigenen Profils oder der eigenen Challenges nachverfolgen (rechts).

4.2 Teilnahmeerfahrungen und externe Wahrnehmung

Um die Eindrücke der Teilnehmenden und ihres Umfeldes zu erfassen, wurden zwischen dem 24. September und dem 14. Oktober zwei Befragungen durchgeführt und auf der Website, auf Discord, der Queerbrarians-Mailingliste sowie in Sozialen Medien geteilt.

4.2.1 Teilnehmende

Die Umfrage für Teilnehmende wurde zehn Mal ausgefüllt. Es ist unklar, wie viele Personen tatsächlich an der Lesechallenge teilgenommen haben, daher bleibt die Auswertung qualitativ und nicht repräsentativ. Da die meisten (7) über den Discord-Server auf die Lesechallenge gestoßen sind, ist zudem davon auszugehen, dass die Mehrheit Queerbrarians waren. Es gab aber auch andere Wege, die auf externe Teilnehmende hindeuten: Mastodon (1), Queerer Buchclub Kiel (1) und persönliches Gespräch (1). Mit Book Bans hatten sich zuvor die Hälfte (5) schon viel beschäftigt, drei etwas und zwei Teilnehmende noch gar nicht.

Die Motivation für die Teilnahme an der Lesechallenge (Tab. 1) lag bei fast allen darin begründet, dass viele der verbotenen Bücher sie einfach interessierten (9). Darüber hinaus wurde die Lesechallenge auch als Ausdruck von Protest bzw. Empörung verstanden (7) und der Blick über den Tellerrand geschätzt (7). In zwei Freitextantworten wurde ergänzt, dass einerseits die Neugier darauf, worüber sich so aufgeregt wird, und andererseits die dadurch gesteigerte Lesemotivation zur Teilnahme beigetragen haben.

Tab. 1: Verteilung der Mehrfachantworten auf die Frage, warum an der Lesechallenge teilgenommen wurde.

Weil mich viele der verbotenen Bücher interessieren.

9

Aus Protest gegen bzw. Empörung über Book Bans.

7

Um über die Themen der verbotenen Bücher einen Blick über den Tellerrand zu werfen.

7

Ich lese ohnehin häufig zufällig Bücher, die von Book Bans betroffen sind.

5

Ich wollte feststellen, ob ich die Gründe für die Verbote nachvollziehen kann.

2

Anderes (Freitextantwort)

2

Ich lese schon seit längerem gezielt Bücher, die von Book Bans betroffen sind.

1

Bei der persönlichen Auswahl der Bücher für die eigene Bingo-Karte (Tab. 2) ist die Mehrheit bei den Titellisten von PEN America gestartet, hat darin interessante Bücher gesucht und deren jeweilige Passung zu den Kategorien abgeglichen. Nur wenige sind anders herum vorgegangen. Die drei Freitextantworten ergänzten, dass auch die Verfügbarkeit über die Onleihe, Libby (Overdrive), die Bücher im eigenen Besitz und das Zusammenspiel von Bingo und Verfügbarkeit die Auswahl beeinflusst haben. In einem von dieser Frage unabhängigen Freitextfeld gab es zusätzlich noch Raum, um die eigene Strategie genauer auszuführen. Hier wurde einerseits ergänzt, dass die eigene TBR (Abkürzung von “To Be Read” für die persönliche Leseliste) mit den Titellisten von PEN America abgeglichen wurde und andererseits angemerkt, dass sich die eigene Taktik mehrfach geändert hat. Bei der Lesereihenfolge der Bücher wurde zwei Mal angegeben, dass sich an einem Bingo nach dem anderen orientiert wurde. Während also Titellisten, seien es die von PEN America, die eigene TBR oder die Bücher im eigenen Besitz, die Buchauswahl dominierten, waren es bei der Lesereihenfolge die Bingos. In Summe wurden so von allen Teilnehmenden zusammen 126 Bücher gelesen. Dabei waren es zwischen 2 und 20 pro Person mit einem Mittelwert von 13 Büchern.

Tab. 2:  Verteilung der Mehrfachantworten auf die Frage, wie die Teilnehmenden jeweils persönlich die Bücher für die Lesechallenge ausgesucht haben, die sie lesen wollten.

Ich habe interessante Bücher aus der Liste herausgesucht und dann geschaut, zu welchen Kategorien sie passen.

7

Ich habe interessante Kategorien ausgewählt und dann passende Bücher gesucht.

3

Ich wollte mehrere Bingos.

3

Anders (Freitextantwort)

3

Ich wollte ein Bingo.

2

Ich wollte alle Kategorien ausfüllen.

2

Für die Mehrheit der Teilnehmenden (7) führte die Lesechallenge dazu, Titel auszuwählen, die sie sonst nicht berücksichtigt hätten. Insgesamt sind 41 der 126 Bücher nur aufgrund der Lesechallenge gelesen worden. Eine Nachfrage forderte auf zu reflektieren, was man aus genau diesen Büchern mitgenommen hat. Am häufigsten wurde dabei auf das Einnehmen und Verstehen anderer Perspektiven eingegangen, z. B. eines Kindes mit Autismus, von Homosexuellen in der Mitte des letzten Jahrhunderts und BIPoC19. Ähnlich häufig wurde das Kennenlernen verschiedener Kulturen und das Lernen über historische Ereignisse angeführt, darunter z. B. auch die Erkenntnis, dass so manch altes Werk unerwartet aktuelle Inhalte hat. Ebenfalls wurde die Erkenntnis gewonnen, dass das Lesen von Büchern mit entsprechender Repräsentation sowohl der Affirmation der eigenen Identität dient als auch den Zugang zu und das Verständnis von anderen Identitäten ermöglicht und erleichtert. Letztendlich wurden kritisches Denken, also das Hinterfragen und das Verfolgen ungewohnter Gedankengänge, und die Reflexion der Zensurgründe angeführt. Insgesamt zeigt sich, dass ein Abweichen von den gewohnten Lesemustern Horizonte erweitert und Reflexion gefördert hat.

Mit Blick auf Bibliotheken und Schulen wurde auch abgefragt, ob den Teilnehmenden beim Lesen Bücher begegnet sind, die man für die Bereitstellung in Schulbibliotheken und die Behandlung im Schulunterricht ungeeignet fände. Von den zehn Teilnehmenden verneinten dies acht, eine Person gab vielleicht und eine weitere ja an. Die Personen, die mit vielleicht und ja geantwortet haben, wurden nach den Büchern gefragt und führten wie folgt aus:

Persepolis ist als Graphic Novel, die auch Folter darstellt, vielleicht nichts, was ich mit jüngeren Schüler*innen lesen würde. Andererseits ist es die Geschichte einer jungen Schülerin, die dort erzählt wird. Ich würde mich hier also auf die Einschätzung der Lehrperson verlassen, die ihre Schüler*innen kennt.20

Red, White & Royal Blue hat ziemlich explizite Sexszenen. Die Protagonisten sind auch keine Teenager wie in den meisten anderen Romanzen auf der Liste, sondern in ihren Zwanzigern. Für den Bestand einer Stadtbücherei wäre das meiner Ansicht nach völlig okay (z. B. im Segment Young Adult), bei einer Schulbibliothek kann ich Bedenken nachvollziehen. Wenn ich Lehrerin wäre, wäre ich wohl auch zu prüde, das im Schulunterricht zu behandeln.

In beiden Fällen wird stark auf die Einschätzung der jeweiligen Lehrkraft im Schulunterricht gesetzt, einmal als Fremd- und einmal als Eigenperspektive. Ebenso können Bedenken zwar nachvollzogen werden, es gibt jedoch keine grundsätzliche Ablehnung der Bereitstellung der Bücher, sondern eine Abwägung je nach Kontext und Bibliothek.

Von den Teilnehmenden möchten die meisten das Thema Book Bans künftig definitiv (8) und einige vielleicht (2) im Blick behalten. Zu den Gründen zählen in erster Linie Ängste über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen gegen eine vielfältige und demokratische Gesellschaft, nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Die „Mechanismen verstehen, um besser agieren zu können“ ist daher ein Motivator, sich damit zu beschäftigen. Auch eine grundlegende Vorsicht vor Zensur wurde genannt.

Weil ich der Meinung bin, dass man sehr, sehr vorsichtig sein sollte, welche Bücher verboten werden und warum. Zu rigide Verbote sind ein Zeichen für Einschränkungen in der Demokratie und Lebensweise.

Insgesamt hat die Lesechallenge den Teilnehmenden sehr gut (8) bzw. gut (2) gefallen. Sie wurde als „super wichtig und sinnvoll“ wahrgenommen, da sie aus Sicht der Teilnehmenden eine gute Möglichkeit bot, sich mit Book Bans und den betroffenen Büchern auseinanderzusetzen. Mehrere Personen gaben zudem an, dass die Lesechallenge einen Motivationsschub gebracht habe, mehr zu lesen, und „noch nie [...] so viel und so begeistert gelesen“ wurde.

Durch die Challenge habe ich es geschafft einen Klassiker zu lesen und als mir ein weiterer in der Bibliothek in die Hände fiel, war ich motiviert ihn zu lesen und stellte erst später fest, dass das Buch auch in der Challenge vorkam.

Zuletzt soll auch ein Einblick in die Sichtbarkeit der Lesechallenge von außen gegeben werden (Abb. 5). Mit Menschen im Umfeld haben alle über das Thema (10) und die gelesenen Bücher (10) gesprochen. Darüber hinaus wurde häufig in geschlossenen Online-Communitys über die gelesenen Bücher geredet (7) und diese in Buch-Communitys rezensiert (7). Die Freitextantworten ergänzten zum einen das Sprechen über die Lesechallenge in einem Podcast und zum anderen das Sprechen über die Bücher mit Freund*innen, die diese auch gelesen hatten.

Die Abbildung zeigt, auf welche Weise die Teilnehmenden während und/oder nach der Lesechallenge über ihre Leseerfahrungen, die gelesenen Bücher und/oder das Thema Book Bans gesprochen oder geschrieben haben. Am häufigsten wurden Gespräche im persönlichen Umfeld geführt: Sowohl der Austausch über das Thema Book Bans als auch Berichte über die gelesenen Bücher wurden jeweils von zehn Personen genannt. Ebenfalls relevant waren geschlossene Online-Communitys, in denen insbesondere über die gelesenen Bücher (7 Nennungen) und seltener über das Thema allgemein (5 Nennungen) gesprochen wurde. In den Sozialen Medien wurde gleich häufig über das Thema und die einzelnen gelesenen Bücher gesprochen (jeweils 3 Nennungen). In den Sozialen Medien wurden darüber hinaus die Rezensionen der Bücher (1 Nennung) und das Zeigen der gelesenen Bücher (4 Nennungen) angegeben. Rezensionen in Buch-Communitys wurden vergleichsweise häufig genannt (7 Nennungen), während Rezensionen im Online-Buchhandel keine Rolle spielten. Niemand gab an, sich gar nicht über die Leseerfahrungen ausgetauscht zu haben. Es gab zudem zwei Freitextantworten die im Artikeltext näher beschrieben werden.
Abb. 5: Verteilung der Mehrfachantworten auf die Frage, wie die Teilnehmenden während und/oder nach der Lesechallenge über ihre Leseerfahrungen, die Bücher und/oder das Thema Book Bans gesprochen oder geschrieben haben.

Unter den Teilnehmenden, die angaben, über soziale Medien kommuniziert zu haben (5), wurden die jeweils genutzten Plattformen erhoben, die frei benannt werden konnten. Die Angaben verdeutlichen ein breites Spektrum: Es reicht von weit verbreiteten Plattformen wie Instagram sowie Buchbewertungsplattformen wie Goodreads und StoryGraph über weniger verbreitete Angebote wie Mastodon bis hin zu sehr spezifischen Plattformen wie dem Warrior Cats Forum. Der Hashtag #QSRC wurde teilweise immer (2) und teilweise manchmal (3) genutzt, was die Auffindbarkeit der öffentlichen Posts auf hashtagbasierten Plattformen einschränkt.

4.2.2 Umfeld

Um die Wirkung der Lesechallenge über die Teilnehmenden hinaus erfassen zu können, wurden Personen aus ihrem Umfeld, inklusive den Sozialen Medien, gebeten, an einer kurzen Umfrage teilzunehmen. Insgesamt wurde diese zwölf Mal ausgefüllt. Da einige Beiträge zur Lesechallenge in den Sozialen Medien deutlich mehr als zwölf Likes erhielten, ist davon auszugehen, dass sich nicht alle Personen im Umfeld an der Umfrage beteiligt haben. Auch diese Auswertung ist daher rein qualitativ und nicht repräsentativ.

Die Hälfte der Befragten gaben an, über Discord-Server (6) auf die Lesechallenge aufmerksam geworden zu sein, aber auch persönliche Gespräche (5) und Mastodon (5) waren wirksame Kommunikationsmittel. Bemerkenswert ist die geringe Zahl der Mitlesenden auf Instagram (2). Auf die Frage, was man vom Verfolgen der Lesechallenge mitgenommen habe (Abb. 6), gaben die meisten (9) an, mehr zum Thema Banned Books erfahren zu haben. In einer Freitextantwort wurde zudem die Überraschung zum Ausdruck gebracht, welche Bücher gebannt wurden. Die Person konnte sich nicht erklären, „was der Grund sein könnte“.

Die Abbildung stellt dar, welche Erkenntnisse die Teilnehmenden aus dem Mitlesen gezogen haben. Die Mehrheit der Befragten gab an, durch die Lesechallenge mehr über das Thema Banned Books insgesamt erfahren zu haben (9 Nennungen). Ebenfalls häufig wurden ein vertieftes Wissen über einzelne gebannte Bücher (8 Nennungen) sowie die Entdeckung neuer Bücher, die man selbst gerne lesen möchte (8 Nennungen), genannt. Andere Effekte spielten nur eine untergeordnete Rolle und wurden lediglich einmal als Freitextantwort ergänzt. Diese wird im Artikeltext beschrieben.
Abb. 6: Verteilung der Mehrfachantworten auf die Frage, was vom Mitlesen mitgenommen wurde.

Zur weiteren Messung der Reichweite diente die Suche nach dem Hashtag #QSRC auf Instagram und Mastodon. So fand sich u. a. ein Beitrag der Stadtbibliothek Mühlacker, die für die Lesechallenge auf Instagram und vor Ort in der Bibliothek geworben hat.21 Auf persönliche Nachfrage wurde angegeben, dass 80 % der Mitarbeitenden sowie einige Nutzende teilgenommen hätten und die Resonanz positiv gewesen sei.

5. Reflexion

Rund um die hier vorgestellten Aktivitäten der Queerbrarians sind interne und professionelle Überlegungen aufgekommen, die die Autor*innen beschäftigen und zur Reflexion anregen.

Direkt zu Beginn der Lesechallenge wurde z. B. beim Definieren der Kategorien versucht, jeweils dazu passende Bücher auf den Listen von PEN America zu finden, um so einerseits sicherzustellen, dass alle Kategorien gut zu füllen sind und andererseits jenen, die nicht mit langen Excellisten arbeiten wollten, eine überschaubare Auswahl zu jeder Kategorie auf StoryGraph und als Download auf unserer Webseite zur Verfügung zu stellen. Dabei wurde eine Autorin entdeckt, die von ihrer Ex-Frau des emotionalen und sexuellen Missbrauchs beschuldigt wird. Nach einer internen Diskussion wurde daher entschieden, ihr Buch nicht in die Vorschlagsliste aufzunehmen, auch wenn es natürlich allen Teilnehmenden freigestellt war, dieses dennoch für die Lesechallenge auszuwählen.

Bei der Vorbereitung der Online-Veranstaltung wurde intern länger über die Sprache(n) des Events diskutiert. Einerseits sollte der deutschsprachigen Community ein niedrigschwelliger Einblick ermöglicht werden, wobei Englischkenntnisse nicht bei allen als gegeben vorausgesetzt werden können. Andererseits sollten Vortragende aus den USA eingebunden werden, die kein Deutsch sprechen. Nach Rücksprache mit den Beteiligten von Wilco Iris und der bukof wurde sich für eine zweisprachige Veranstaltung entschieden. Deutlich intensiver wurde intern der Einsatz der automatischen Übersetzung von Zoom diskutiert. Gerade queere Themen nutzen noch eher unbekannte oder noch nicht anerkannte Begriffe und teilweise sogar Begriffe ohne eindeutige oder direkte Übersetzung. Ein Beispiel dafür ist der deutsche Begriff Geschlecht und seine englischen Entsprechungen sex und gender.22 Weitere Beispiele sind Label wie ace23 oder aro-ace24, die selten richtig automatisiert transkribiert und noch seltener richtig automatisiert übersetzt werden. Entsprechende Übersetzungsfehler können leicht zu Missverständnissen oder Missrepräsentationen führen und eine Diskussion eher negativ als positiv beeinflussen. Gleichzeitig hat der Verzicht auf eine Livetranskription und -übersetzung die Zugänglichkeit der Veranstaltung eingeschränkt. Hier konnte auch intern kein allgemeiner Konsens gefunden werden, welches Vorgehen das in diesem Fall optimale ist. Letztendlich wurde der deutschsprachige Vortrag aufgezeichnet, transkribiert, editiert und die Folien zusammen mit der Audioaufzeichnung und dem Transkript veröffentlicht, um zumindest diesen Vortrag barrierefreier zur Verfügung zu stellen.25

Insgesamt hatten die Aktivitäten erhoffte, aber auch unerwartete Effekte. Zu letzteren zählt dieser Praxisbericht und ein geplanter Vortrag auf der Konferenz “Thinking of the Children: Book Bans, Censorship and Literature for Young People” der Universität Münster im Februar 2026.26 So leisten die Queerbrarians aus ihrer eigenen Perspektive auf unterschiedliche Arten einen Beitrag zur Diskussion von Book Challenges und Book Bans in Deutschland.

Anmerkungen

1Pickering, Grace: “Harmful to Minors”. How Book Bans Hurt Adolescent Development, in: The Serials Librarian 84 (1–4), 2023, S. 34, https://doi.org/10.1080/0361526X.2023.2245843; Kalin, Nadine M.; Modrak, Rebekah: An introduction, in: Modrak, Rebekah; Kalin, Nadine M.: Trouble in Censorville. The Far Right’s Assault on Public Education and the Teachers Who are Fighting Back, 2024, S. 18.; American Library Association: Censorship by the Numbers, 2025, S. 2, https://www.ala.org/bbooks/censorship-numbers, Stand: 15.02.2026; American Library Association: How to Respond to Challenges and Concerns about Library Resources, 2021, https://www.ala.org/tools/challengesupport/respond, Stand: 15.02.2026.
2Baêta, Sabrina; Magnusson, Tasslyn; Markham, Madison u. a.: The Normalization of Book Banning, PEN America: The Freedom to Write, 01.10.2025, https://pen.org/report/the-normalization-of-book-banning/, Stand: 15.02.2026.
4Lang, Juliane; Peters, Ulrich: Antifeministische Geschlechter- und Familienpolitiken von Rechts, in: Monitoring. (Extrem) rechte Strukturen und das zivilgesellschaftliche Gegenengagement 4–6, 2015, S. 8; Dmello, Jared R.; Bloom, Mia; Moskalenko, Sophia: LGBTQ+ Victimization by Extremist Organizations. Charting a New Path for Research, in: PS: Political Science & Politics, 2025, S. 449, https://doi.org/10.1017/s1049096524001173.
5Leinius, Johanna; Martinsen, Franziska; Nüthen, Inga: Die Entdemokratisierung gesellschaftlicher Verhältnisse durch autoritäre Geschlechterpolitiken, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 75 (21), 2025, S. 48.
6Butler, Judith: Who’s afraid of gender?, London 2025.
7Hark, Sabine; Villa, Paula-Irene (Hg.): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen, Bielefeld 2015 (Gender Studies); Rüther, Daniela: Die Sex-Besessenheit der AfD. Rechte im «Genderwahn», Bonn 2025, S. 28, 42–43, 47.
8Wilco Iris ist eine Organisation aus den USA, die sich für die Rechte und das Wohlergehen queerer Jugendlicher in Tennessee einsetzt: https://www.wilco-iris.org/, Stand:15.02.2026.
9 Die Online-Veranstaltung wurde zudem an der Universitätsbibliothek Kiel als Livestream gezeigt.
10Frick, Claudia: Zwischen den Zeilen. Bibliotheken und verbotene Bücher von Deutschland bis in die USA, 23.04.2025, https://doi.org/10.5281/zenodo.15284947.
11Queerbrarians: Online-Veranstaltung zu Banned Books am Welttag des Buches, 13.03.2025, https://queerbrarians.de/2025/03/13/online-veranstaltung-zu-banned-books-am-welttag-des-buches/, Stand: 15.02.2026.
12PEN America: PEN America Book Ban Index Data, 2025, https://pen.org/book-bans/pen-america-book-ban-index-data/, Stand: 15.02.2026.
13Universitätsbibliothek Kiel (Hg.): Banned Books – Zensiert, verboten, verbrannt: Ausstellung in der UB Kiel (10.4.–30.4.2025), 02.09.2025, https://doi.org/10.38071/2025-00813-7.
15Queerbrarians: Queerbrarians Summer Reading Challenge 2025, 01.06.2025, https://queerbrarians.de/2025/06/01/queerbrarians-summer-reading-challenge-2025-de/, Stand: 15.02.2026.
17PEN America: PEN America Book Ban Index Data.
18https://thestorygraph.com/, Stand: 15.02.2026.
19BIPoC steht für Black, Indigenous, and other People of Color.
20 Die Zitate wurden lediglich auf Rechtschreib- und Grammatikfehler korrigiert.
22Butler: Who’s afraid of gender?
25Frick: Zwischen den Zeilen.

Daniela Markus, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Universitätsbibliothek, https://orcid.org/0009-0008-3514-9450
Claudia Frick, Technische Hochschule Köln, Institut für Informationswissenschaft, https://orcid.org/0000-0002-5291-4301

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/6232

Dieses Werk steht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 International.