Nr. 2 (2026)
DOI: 10.5282/o-bib/6223

Das Projekt OLSPub

Konzeption, Herausforderungen und Perspektiven einer europäischen Komplementär-Infrastruktur für PubMed

1. Einleitung

PubMed, die weltweit wichtigste biomedizinische Literaturdatenbank mit über 38 Millionen offen zugänglichen Datensätzen und rund 10 Millionen Suchanfragen pro Tag,1 ist für die lebenswissenschaftliche Forschung unverzichtbar. Forschende, Ärztinnen und Ärzte, Bibliothekarinnen und Bibliothekare, interessierte Laien sowie die pharmazeutische Industrie weltweit nutzen PubMed täglich für Literaturrecherchen, systematische Reviews und evidenzbasierte Entscheidungen. Die Daten von PubMed bilden zudem die Grundlage für viele andere Datenbanken und kommerzielle Dienste. Es gibt keine andere frei zugängliche Datenbank, die in gleicher Form Suchen über den gegenwärtigen Stand der biomedizinischen Forschung ermöglicht.

Seit der Wahl Donald Trumps im November 2024 und den darauf folgenden politischen Entwicklungen in den USA wächst die Sorge in der lebenswissenschaftlichen Community, ob der Zugang zu dieser kritischen Infrastruktur in seiner vorhandenen Form langfristig gesichert ist.

Als Reaktion auf diese Entwicklungen hat ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften das Projekt Open Life Science Publications Database (OLSPub) initiiert. Ziel ist es, eine europäische, offene und nachhaltige Komplementär-Infrastruktur zu PubMed aufzubauen.

2. Das Problem: PubMed als gefährdete Infrastruktur

2.1 PubMed als systemrelevante Infrastruktur

PubMed wird von der National Library of Medicine (NLM) in den USA betrieben und von den National Institutes of Health (NIH) finanziert. Die Datenbank bietet seit fast 150 Jahren (inklusive Vorgängerdatenbanken) entgeltfreien Zugang zu biomedizinischen bibliografischen Literaturdaten inklusive der Artikelzusammenfassungen (“Abstracts”). Kernstück ist die Datenbank MEDLINE, welche Referenzen aus über 5.200 biomedizinischen und lebenswissenschaftlichen Zeitschriften umfasst.

Ein wesentliches Qualitätsmerkmal von MEDLINE ist die Indexierung der 38 Millionen Einträge mit Medical Subject Headings (MeSH), einem kontrollierten Vokabular mit hierarchischer Struktur, Synonymen und Unterüberschriften. Dieses ermöglicht präzise und effektive Datenbankrecherchen, die weit über einfache Stichwortsuchen hinausgehen. Zum Beispiel existieren für Brustkrebs allein zahlreiche Begriffe: "breast cancer", "breast carcinoma", "mammary carcinoma", "breast neoplasm", "breast tumor", "breast malignancy" und zudem Abkürzungen wie "BC" und historische oder umgangssprachliche Varianten. Hinzu kommen spezifische Subtypen wie "triple-negative breast cancer" oder "ductal carcinoma in situ", die je nach Forschungsfrage mit eingeschlossen oder ausgeschlossen werden sollen. Der MeSH-Term "Breast Neoplasms" mit seiner hierarchischen Struktur ermöglicht es, entweder alle Brustkrebsarten auf einmal zu finden oder gezielt nur bestimmte Subtypen zu recherchieren – unabhängig davon, welche Terminologie die Autor*innen im Originalabstract verwendet haben. Während die NLM das englische MeSH-Vokabular entwickelt und pflegt, übersetzen internationale Teams - darunter das Team bei ZB MED - diese Begriffe in andere Sprachen und integrieren die Ergebnisse in die offizielle MeSH-Distribution der NLM.

Neben MEDLINE integriert PubMed zusätzliche Inhalte, darunter Metadaten aus Open-Access-Publikationen in PubMed Central (PMC), Preprints und sogenannte Out-of-Scope-Literatur. PubMed bedient damit Nutzende aus Medizin, Forschung, Lehre und Industrie. Die Bedeutung von PubMed für die evidenzbasierte Medizin kann kaum überschätzt werden: Systematische Reviews, biomedizinische Patente, Leitlinienentwicklung und klinische Entscheidungen basieren maßgeblich auf Recherchen in dieser Datenbank.

Viele Institutionen und Bibliotheken integrieren PubMed-Daten in ihre eigenen Plattformen. Zu den prominenten Beispielen gehören Europe PubMed Central (Europe PMC,2 betrieben vom European Bioinformatics Institute EMBL-EBI), aber auch Dienste wie der ZB MED Discovery Service LIVIVO3 sowie OpenAlex,4 Open Knowledge Maps,5 Semantic Scholar und Dimensions.6

2.2 Konkrete Bedrohungsszenarien

Die lebenswissenschaftliche Community sieht sich seit Anfang 2025 mit realen Bedrohungen für PubMed und verwandte Infrastrukturen konfrontiert. Die folgenden Entwicklungen sind keine hypothetischen Szenarien, sondern bestens dokumentierte Ereignisse:

Im April 2025 blockierte die NIH den Zugang zu mehreren Datenbanken für Forschende aus China, Russland, Iran und Nordkorea.7 Parallel dazu wurden seit Januar 2025 zahlreiche Webseiten von US-amerikanischen Behörden offline genommen oder deren Inhalte massiv reduziert, darunter auch wissenschaftliche Ressourcen.8 Besonders besorgniserregend ist, dass die Centers for Disease Control and Prevention (CDC, die US-Bundesbehörde für Seuchenkontrolle und -prävention) im Februar 2025 die Rücknahme oder Aussetzung bereits zur Publikation angenommener Forschungsmanuskripte angeordnet hat.9 Die Zeitschrift Science beschreibt die Situation der NIH als „under siege“ und dokumentiert systematische Angriffe auf die wissenschaftliche Integrität der Institution.10

Das in Köln angesiedelte Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG, ein unabhängiges wissenschaftliches Institut, das Nutzen und Schaden medizinischer Maßnahmen bewertet) veröffentlichte im August 2025 in Kooperation mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA, dem obersten Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen) und Cochrane Deutschland ein umfassendes Dokument mit Handlungsoptionen für den Fall, dass PubMed und ClinicalTrials.gov nicht mehr verfügbar sein sollten.11

2.3 Bestehende Alternativen und ihre Grenzen

Einige Datenbanken, die z. T. als Ersatz dienen könnten, sind proprietär und kostenpflichtig: Embase12 bietet eine umfangreiche Abdeckung internationaler wissenschaftlicher Literatur mit besonders starker europäischer Zeitschriftenabdeckung. Scopus13 und Web of Science14 bieten Zitationsanalyse-Tools, sind aber nicht spezifisch auf lebenswissenschaftliche Literatur fokussiert und erfordern kostenpflichtige Lizenzen.

Google Scholar15 ist zwar kostenfrei und offen zugänglich, bietet jedoch keine standardisierte Indexierung und keine Möglichkeit zur thematischen Suche – man kann nur nach Stichwörtern im Titel oder Volltext suchen. Europe PMC, OpenAlex, LIVIVO und LENS16 sind ebenfalls kostenfrei verfügbar, spiegeln jedoch weitgehend die Daten von PubMed wider und hätten bei Verlust des Zugriffes auf PubMed-Daten keinen Zugang neuer Einträge.

Die Analyse des IQWiG zeigt, dass 94 % der in MEDLINE indexierten Zeitschriften über Crossref17verfügbar sind. Das Hauptproblem liegt jedoch weniger in der grundsätzlichen Abdeckung als in den unzulänglichen Suchfunktionalitäten: Es fehlt dort die Unterstützung durch standardisierte Schlagwörter wie MeSH-Termini, Abstracts sind nicht Teil der Metadaten, sondern – wenn überhaupt – nur über die primäre Publikationen verfügbar, und die Suchfunktionen sind erheblich eingeschränkt.

3. Die Entstehung von OLSPub

3.1 Vom Problem zur Initiative

Die Initiative für OLSPub entstand im Frühjahr 2025 als direkte Reaktion auf die sich zuspitzende Situation. Im März 2025 kam es zu ersten Ausfällen bei PubMed, die ZB MED veranlassten, sich der Thematik zu stellen.

Ein Schlüsselmoment war der Kongress der Evidenzbasierten Medizin (EbM) in Freiburg im März 2025. ZB MED war ursprünglich angereist, um das Angebot des ZB MED-Fernzugriffs auf elektronische Medien zu bewerben. Doch die anwesenden Medizinerinnen und Mediziner wollten über ein anderes Thema sprechen: PubMed. Die Aufregung und Besorgnis in der Community war deutlich spürbar.

ZB MED suchte daraufhin das Gespräch mit den naheliegenden Akteuren: der National Library of Medicine (NLM) als Betreiberin von PubMed und dem European Bioinformatics Institute (EMBL-EBI) als Betreiber von Europe PMC. Die Rückmeldungen waren ernüchternd: Die NLM reagierte ausweichend. Beim EMBL-EBI wurde geäußert, dass die Situation genau beobachtet wird, aber für eine eigene Initiative derzeit noch keine Veranlassung bestehe.

Angesichts dieser Situation entschied sich ZB MED, selbst aktiv zu werden nicht mit dem Anspruch, allein eine Lösung zu schaffen, sondern um einen Anfang zu machen und eine Diskussion anzustoßen. Das Ziel war, eine Community aufzubauen, die gemeinsam an einer offenen, gemeinschaftlichen Lösung arbeitet.

3.2 Das technische Konzept

Das vor diesem Hintergrund entwickelte Projekt OLSPub18 zielt darauf ab, eine Art Prototyp für eine europäische Komplementär-Infrastruktur für bestehende PubMed/MEDLINE-Daten sowie eine eigene Pipeline für zukünftige Daten zu etablieren. Die Lösung soll in Deutschland auf der Cloud-Infrastruktur des German Network for Bioinformatics Infrastructure (de.NBI)19 gehostet werden, DSGVO-konform sein und als Open-Source-Software entwickelt werden.

OLSPub verfolgt drei Hauptziele, die in einem Projektantrag20 an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) definiert wurden:

Die technische Architektur ist modular aufgebaut: Einzelne Komponenten können sowohl zusammen als auch unabhängig voneinander als Open-Source-Software (nach-)genutzt werden. Ein Forschungsinstitut könnte beispielsweise nur die Datendistribution bzw. den Datendownload nutzen, während eine andere Institution die Suchsoftware mit eigenen Datenquellen verbindet. Diese Modularität und die konsequente Open-Source-Entwicklung unterscheiden OLSPub von proprietären Alternativen.

3.3  Die beteiligten Akteure

ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften ist die initiierende und koordinierende Institution. Als Infrastruktureinrichtung für die Lebenswissenschaften in Deutschland verfügt ZB MED über langjährige Erfahrungen im Betrieb von Literaturdatenbanken (insbesondere LIVIVO) und Suchtechologien, in der Zusammenarbeit mit der NLM (u. a. bei der deutschen MeSH-Übersetzung) und in der Open-Source-IT-Entwicklung.

Von Beginn an wurde eine transparente Kommunikation gewählt: Der vollständige Projektantrag wurde unmittelbar nach Einreichung öffentlich zugänglich gemacht und eine offene Informationsveranstaltung fand im Mai 2025 statt. Diese Transparenz führte zu breiter Unterstützung aus der Community.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags haben über 40 Institutionen ihre Unterstützung durch Letters of Support bekundet, darunter EMBL-EBI, Cochrane, G-BA, IQWiG, RKI, Charité, mehrere Universitätsbibliotheken, Verlage wie Springer Nature und Frontiers u.v.a.m. Die vollständige Liste ist auf der Projektwebseite21 einsehbar.

Neben wissenschaftlichen Institutionen steht ZB MED auch mit Akteuren aus dem Gesundheitswesen und der Industrie im regelmäßigen Austausch, darunter die Dachverbände BVMed (Bundesverband Medizintechnologie), Pharma Deutschland und Spectaris. Für die Pharma-Industrie bzw. die Firmen zur Herstellung von Medizinprodukten sind in allen ihren Prozessen (von Marktsondierung, über Herstellung bis zur Patentierung und Zulassung) von PubMed abhängig.

4. Die Förderstrukturen als Sackgasse

Die ursprüngliche Finanzierungsstrategie sah eine Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) vor. In enger Abstimmung mit der DFG wurde entschieden, den Antrag mit einer ungewöhnlich offenen Kommunikationsstrategie zu verbinden – auch um herauszufinden, ob andere Akteure bereits an vergleichbaren Lösungen arbeiten.

4.1 Zwei Anträge, zwei Ablehnungen

Der erste Antrag unter dem Titel OLSPub wurde im Mai 2025 eingereicht und im September 2025 von der Begutachtungsgruppe zur Ablehnung empfohlen. Ein zweiter, nur auf die Datensicherung ausgelegter Antrag unter dem Titel RESILMED wurde im Rahmen der DFG-Förderinitiative zur Datenresilienz eingereicht und im Dezember 2025 ebenfalls abgelehnt.

Die Gutachten zu beiden Anträgen würdigten ausdrücklich die Relevanz des Vorhabens. Die Bestrebung, PubMed als öffentlich zugängliche und verlässliche Ressource zu stärken, wurde grundsätzlich begrüßt, und die Qualifikation der Antragstellenden stand außer Frage. Die technischen Arbeitspakete, insbesondere die geplante Open-Source-Entwicklung, wurden positiv bewertet.

Beide Gutachten nannten zwei zentrale Kritikpunkte, die für die Ablehnung ausschlaggebend waren:

Abstimmung mit der NLM: Die Gutachtenden vermissten eine verbindliche Abstimmung mit der National Library of Medicine als betreibender Einrichtung von PubMed. Im ersten Gutachten hieß es, die Abstimmung sei nicht in überzeugender Art und Weise erfolgt; im zweiten wurde sie als nur vage angedeutet und nicht mit konkreten Plänen untermauert beschrieben.

Europäische Einbettung: Insbesondere die Abstimmung mit Europe PMC wurde als nicht ausreichend tragfähig bewertet. Die Gutachtenden rieten nachdrücklich dazu, bestehende Strukturen und Kooperationen zu nutzen und Synergien zu schaffen, statt zu stark auf den eigenständigen Auf- und Ausbau der Infrastruktur zu fokussieren.

Darüber hinaus enthielt das erste ausführlichere Gutachten weitere Kritikpunkte: Eine systematische Bedarfsanalyse bei den Nutzenden sei nicht erkennbar gewesen und es fehlten überzeugende Vorschläge für eine langfristige Governance-Struktur. Der zweite Antrag enthielt zudem einen neuen Kritikpunkt: Es bleibe unklar, ob eine exakte Kopie von PubMed erstellt werden solle oder ob, auf Grund der modularen Struktur des Projektes und den damit verbundenen Möglichkeiten, der Schwerpunkt auf der Integration europäischer Forschungspublikationen liege.

4.2  Das strukturelle Dilemma

Die Gutachten beider Anträge forderten verbindliche Abstimmungen mit der NLM und Europe PMC als Voraussetzung für eine Förderung. Genau diese Abstimmungen hatte ZB MED im Vorfeld intensiv gesucht und hierfür in entsprechenden Gesprächen mehrere Varianten der Zusammenarbeit angeboten – mit ernüchterndem Ergebnis: Für eine kurzfristige Lösung, Entwicklung erster Prototypen oder die transinstitutionelle Zusammenarbeit bestand Interesse, aber es konnten keine konkreten Zusagen eingeholt werden.

Dies offenbart ein strukturelles Dilemma: Die Gutachtenden forderten Kooperationen, die die angefragten Partner nicht eingehen wollten oder konnten. Gleichzeitig wurde der Antrag abgelehnt mit dem Hinweis, genau diese Kooperationen seien nicht ausreichend formalisiert. In der Konsequenz bedeutet dies: Solange die etablierten Akteure nicht handeln wollen, kann auch niemand anderes im Rahmen klassischer Fördermechanismen handeln.

Im Januar 2026 trat eine Gruppe hochrangiger NIH-Wissenschaftler in den USA aus Protest zurück. In einem offenen Brief schrieben sie: "We can no longer lend our credibility to an organization that has lost its integrity." Sie beschrieben systematische Zensur wissenschaftlicher Anträge, willkürliche Streichung von Forschungsprojekten aus ideologischen Gründen und eine Kultur der Angst innerhalb der Institution. Dies verdeutlicht das Dilemma: Die Gutachter forderten verbindliche Kooperationen mit Institutionen, die gerade dabei sind, ihre wissenschaftliche Integrität zu verlieren.22

Erschwerend kommt hinzu, dass Bedrohungslagen für kritische Infrastrukturen nicht planbar sind. Politische Entscheidungen der USA, wie etwa Zugangsbeschränkungen oder Mittelkürzungen, werden nicht angekündigt. Wer auf vollständig ausgearbeitete Governance-Strukturen wartet, bevor erste Schutzmaßnahmen ergriffen werden, riskiert, dass der Schadensfall eintritt, bevor die Vorbereitung abgeschlossen ist.

Die Abhängigkeit von US-amerikanischer Infrastruktur ist zudem vielen Wissenschaftler:innen und Entscheider:innen nicht bewusst. Wer für die Literaturrecherche ausschließlich PubMed und Google nutzt, verlässt sich vollständig auf US-kontrollierte Dienste. Eine Abhängigkeit, die seit Jahrzehnten als selbstverständliche Kooperation und, vergleichbar mit dem Berliner Stromnetz,23 als unfehlbare Infrastruktur wahrgenommen wurde. Was nicht als Risiko erkannt wird, erfordert in der Wahrnehmung vieler auch keine Absicherung. Diese unbewusste Abhängigkeit erschwert die Diskussion über notwendige Schutzmaßnahmen.

Tatsächlich ist der Schaden bereits eingetreten:
Die Unsicherheit über die Zukunft von PubMed bindet bereits jetzt die wertvolle Arbeitszeit von Forschenden. Der Schaden ist also nicht hypothetisch – er manifestiert sich bereits jetzt in reduzierter Forschungsproduktivität. ZB MED führt derzeit eine Befragung unter dem Titel „Forschung in unsicheren Zeiten“24 durch, um die Auswirkungen dieser Unsicherheit auf den Forschungsalltag systematisch zu erfassen. Die Teilnehmendenquote ist hoch und zeigt die hohe Relevanz des Themas. Ergebnisse werden im Frühjahr 2026 veröffentlicht.

4.3  Lehren für den weiteren Weg

Die Erfahrungen mit den etablierten Förderstrukturen haben wichtige Erkenntnisse gebracht. Etablierte Fördersysteme setzen voraus, dass potenzielle Partner kooperationsbereit sind und dass genügend Zeit für den Aufbau formalisierter Strukturen besteht. Beide Voraussetzungen sind in Krisensituationen nicht zwingend gegeben.

Gleichzeitig haben die Gutachten berechtigte Punkte aufgezeigt. Eine resiliente Infrastruktur kann langfristig nur im internationalen Verbund erfolgreich sein. Die Herausforderung besteht darin, mit dem Aufbau zu beginnen, auch wenn nicht alle Partner von Anfang an dabei sind - in der Hoffnung, dass eine funktionierende Initiative weitere Akteure anzieht.

5. Das angepasste Konzept

Nach der gescheiterten öffentlichen Förderung hat ZB MED die Finanzierungsstrategie grundlegend angepasst. Anstelle der klassischen Forschungsförderung setzt das Projekt nun seit Mitte Februar 2026 auf eine öffentliche Fundraising-Kampagne, die sich an Einzelpersonen, Institutionen und Unternehmen richtet.25

Die Kampagne ist in drei Phasen strukturiert: Die erste Phase schafft die technischen und rechtlichen Grundlagen. Die zweite Phase fokussiert sich auf den Aufbau der Dateninfrastruktur und erste Vereinbarungen mit Verlagen. Die dritte Phase überführt das System in einen produktionsreifen Betrieb mit nachhaltigem Governance-Modell.

Diese Phasenstruktur ermöglicht es, Fortschritte transparent zu kommunizieren und Spendenden konkrete Meilensteine aufzuzeigen. Gleichzeitig reduziert sie das Risiko: Sollte eine Phase nicht vollständig finanziert werden, können die bis dahin erreichten Ergebnisse dennoch genutzt werden.

Die Kampagne richtet sich bewusst an unterschiedliche Zielgruppen: Privatpersonen können mit kleinen Beträgen zur Indexierung wissenschaftlicher Artikel beitragen; institutionelle Förderer und Unternehmen können größere Projektkomponenten unterstützen.

6. Spannungsfelder beim Aufbau resilienter Infrastruktur

Die Entwicklung von OLSPub hat mehrere fundamentale Spannungsfelder offengelegt, die über das spezifische Projekt hinaus für Forschungsinfrastrukturprojekte relevant sind.

6.1  Transparenz und ihre Grenzen

OLSPub strebt ein hohes Maß an Transparenz an: Open-Source-Entwicklung, offene Bereitstellung von Daten, öffentlicher Austausch über den Projektverlauf und die Einbindung der Community von Beginn an. Gleichzeitig kann hohe Transparenz in Situationen mit wahrgenommenen Bedrohungen auch Belastungen erzeugen – etwa für die Beziehungen zwischen Institutionen oder für die Unabhängigkeit von Gutachtenden.

Der gewählte Ansatz setzt auf sachliche, faktenbasierte Kommunikation über dokumentierte Vorfälle, ohne Spekulationen. OLSPub wird als Komplementär-Infrastruktur positioniert, nicht als Konkurrenz zu PubMed. Die Entwicklung von Pubservatory26 – einem Tool zur Darstellung der Veränderungen in der Datenbasis von PubMed – ist ein Beispiel für konstruktive Transparenz: Es macht sichtbar, was sich ändert, ohne zu bewerten, warum dies geschieht.

6.2 Kurzfristige Lösungen versus langfristige Strukturen

Die wahrgenommene Bedrohung für PubMed erfordert schnelle Reaktionen. Gleichzeitig sind nachhaltige Forschungsinfrastrukturen nur durch sorgfältige Planung, umfassende Qualitätssicherung und langfristige Finanzierung zu erreichen.

Der modulare Ansatz von OLSPub versucht, dieses Spannungsfeld aufzulösen: Die Datensicherung als drängendste Komponente wurde priorisiert. Parallel werden langfristige Strukturen entwickelt. Diese Strategie stellt einen Kompromiss dar zwischen dem Wunsch nach schneller Absicherung und dem Anspruch an nachhaltige Infrastrukturentwicklung.

6.3  Handeln ohne Gewissheit

Was, wenn die befürchtete Bedrohung nicht eintritt? Was, wenn (hoffentlich) PubMed weiterhin verlässlich und offen bleibt? Diese Frage wurde mehrfach gestellt: Entsteht hier eine überflüssige Konkurrenzinfrastruktur zu einer bereits funktionierenden Struktur?

Am 22. Januar 2026 wurde der Rücktritt der USA aus der World Health Organisation (WHO) wirksam. Die allgemeine Verunsicherung der Forschungscommunity ist die dokumentierte Realität. Die Gefährdung von PubMed ist Teil eines größeren Musters. Der Budgetvorschlag für 2026 sieht vor, die National Library of Medicine – die Betreiberin von PubMed – in ein anderes Institut zu integrieren.27 Im Januar 2026 kündigten die USA den Austritt aus 66 internationalen Organisationen an.28 Diese systematische Abkehr von wissenschaftlicher Infrastruktur und internationalem Engagement zeigt: Die Frage ist nicht mehr, ob Schutzmaßnahmen nötig sind, sondern wie schnell sie umgesetzt werden können.

7. Fazit und Ausblick

OLSPub ist mehr als eine technische Backup-Infrastruktur. Es ist ein Experiment in europäischer Forschungssouveränität und ein Lernprozess darüber, wie Förder- und Governance-Systeme auf neuartige Bedrohungen reagieren.

Die bisherigen Erfahrungen zeigen: Es gibt breite Unterstützung für die Idee einer resilienten europäischen Forschungsinfrastruktur aus Wissenschaft, Gesundheitswesen und Industrie. Vorträge und Publikationen werden z. B. aus Großbritannien, Schweden, Frankreich oder Norwegen angefragt. Im Bewusstsein der europäischen Informationswissenschaftler*innen ist das aktuelle Risiko bereits breit etabliert: eine engagierte, aber leider nicht finanzkräftige Gemeinschaft. Gleichzeitig sind die etablierten Fördermechanismen in Deutschland und Europa nicht optimal auf Situationen ausgerichtet, die globale Risikoabschätzung und schnelles Handeln erfordern, während etablierte Akteure zurückhaltend bleiben.

Unabhängig vom Erfolg einzelner Förderanträge bleibt das Grundproblem bestehen: Europa braucht resiliente Forschungsinfrastrukturen, die nicht von einzelnen außereuropäischen Akteuren oder politischen Entwicklungen abhängig sind. Die beschriebenen Spannungsfelder sind dabei systemimmanent und müssen in jedem ähnlichen Projekt aufs Neue ausbalanciert werden. Die Idee, kritische Infrastruktur gemeinschaftlich auf europäischer Ebene abzusichern, gewinnt dabei zunehmend an Bedeutung – etwa im Kontext der European Open Science Cloud (EOSC)29 und verwandter Initiativen zur Stärkung europäischer Forschungssouveränität.

OLSPub versteht sich als Anfang, nicht als abgeschlossene Lösung. Das Ziel ist der Aufbau einer Open-Source-Community, die gemeinsam an der Absicherung kritischer Forschungsinfrastruktur arbeitet. Wenn andere Akteure, sei es die NLM, EMBL-EBI oder eine neue europäische Initiative, diese Aufgabe übernehmen, wäre das ein Erfolg, kein Misserfolg. Im Mittelpunkt stehen die Nutzenden und ihre Versorgung mit qualitativ hochwertigen Forschungsinformationen – nicht einzelne Institutionen.

Anmerkungen

1 MEDLINE PubMed Production Statistics, National Library of Medicine, 30.04.2024, https://www.nlm.nih.gov/bsd/medline_pubmed_production_stats.html, Stand: 19.03.2026.
2 Europe PMC, EMBL-EBI, https://europepmc.org, Stand: 07.02.2026.
3 LIVIVO – ZB MED Suchportal Lebenswissenschaften, ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften, https://www.livivo.de, Stand: 07.02.2026.
4 OpenAlex, https://openalex.org/, Stand: 07.02.2026.
5 Open Knowledge Maps, https://openknowledgemaps.org/, Stand: 19.03.2026.
6 Dimensions, https://www.dimensions.ai/, Stand: 19.03.2026.
7 Incorvaia, Darren: NIH blocks researchers in China, Russia and other countries from multiple databases, Fierce Biotech, 08.04.2025, https://www.fiercebiotech.com/research/nih-bans-researchers-china-russia-and-other-countries-multiple-databases, Stand: 07.02.2026.
8 Wikipedia: 2025 United States government online resource removals, https://en.wikipedia.org/wiki/2025_United_States_government_online_resource_removals, Stand: 07.02.2026.
9 CDC Orders Retraction or Pause in Publication of Research Manuscripts, Sabin Center for Climate Change Law, Columbia Law School, https://climate.law.columbia.edu/content/cdc-orders-retraction-or-pause-publication-research-manuscripts, Stand: 20.03.2026
10 Kaiser, Jocelyn: NIH under siege, in: Science 388 (6747), 2025, S. 578–580, https://doi.org/10.1126/science.zzuf0e0.
11 IQWiG – Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen: Auswirkungen der US-Politik auf die Literaturrecherche. Handlungsoptionen, falls PubMed (MEDLINE) und ClinicalTrials.gov nicht mehr verfügbar sind, https://www.iqwig.de/presse/im-fokus/us-wissenschaftspolitik/auswirkungen-der-us-politik-auf-die-literaturrecherche/, Stand: 20.03.2026.
12 Embase (Excerpta Medica Database), Elsevier B.V., https://www.embase.com, Stand: 07.02.2026.
13 Scopus, Elsevier B.V., https://www.scopus.com/, Stand: 07.02.2026.
14 Web of Science, Clarivate Analytics, https://www.webofknowledge.com/, Stand: 07.02.2026.
15 Google Scholar, https://scholar.google.com/, Stand: 07.02.2026.
16 LENS, https://www.lens.org/, Stand: 07.02.2026.
17 Crossref ist eine gemeinnützige Organisation, die DOIs für wissenschaftliche Publikationen vergibt und bibliografische Metadaten von Verlagen aggregiert. Die Metadaten sind über eine offene API frei zugänglich: Crossref, https://www.crossref.org, Stand: 07.02.2026.
18 OLSPub – Open Life Science Publications Database, ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften, https://www.zbmed.de/forschen/laufende-projekte/olspub, Stand: 07.02.2026.
19 de.NBI - German Network for Bioinformatics Infrastructure, https://www.denbi.de/, Stand: 20.03.2026
20 Förstner, Konrad U.; Albers, Miriam; Rebholz-Schuhmann, Dietrich: Open Life Science Publication database (OLSPub). Strengthening the Biomedical Research Community by Building a Resilient and Sustainable Solution, Zenodo, 2025, https://zenodo.org/records/15533303.
22 Chou, Sylvia; Grothaus, Paul; Romberg, Alexa u. a.: The NIH has lost its scientific integrity. So we left, in: STAT News, 10.01.2026, https://www.statnews.com/2026/01/10/nih-resign-protest-four-leaders-cite-interference-censorship/, Stand: 07.02.2026.
23 Anfang Januar 2026 verursachte ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke am Teltowkanal einen massiven Stromausfall im Südwesten Berlins. Zehntausende Haushalte waren betroffen, die Reparatur der kritischen Infrastruktur dauerte wegen komplexer Schäden mehrere Tage.
24News vom 27.11.2025, ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften, https://www.zbmed.de/ueber-uns/presse/neuigkeiten-aus-zb-med/artikel/einladung-studie-zu-unsicherheit-in-der-forschung, Stand: 20.03.2026
25 OLSPub-Fundraising, ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften, https://www.zbmed.de/forschen/laufende-projekte/olspub/olspub-fundraising, Stand: 07.02.2026. Neben finanziellen Beiträgen können Einrichtungen OLSPub auch durch Entwicklungsleistungen unterstützen. Die Koordination solcher Beiträge – etwa in Form von Software-Entwicklung, Infrastrukturbereitstellung oder Datenintegration – erfolgt über das Community-Netzwerk. Der Fokus liegt zunächst auf dem Aufbau der Grundinfrastruktur, auf der die Community anschließend Erweiterungen (Add-ons) entwickeln kann.
26 Pubservatory – Monitoring PubMed Changes, ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften, https://pubservatory.zbmed.de, Stand: 07.02.2026.
27 National Library of Medicine: NLM Congressional Justifications, https://www.nlm.nih.gov/about/appropriations.html, Stand: 07.02.2026.
28 U.S. to exit 66 international organizations in further retreat from global cooperation, NPR, 07.01.2026, https://www.npr.org/2026/01/07/g-s1-104999/united-states-exits-international-organizations-united-nations, Stand: 07.02.2026.
29 The European Science Cloude, https://eosc.eu/, Stand: 20.03.2026

Miriam Albers, ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften, Köln, https://orcid.org/0000-0002-1149-4291
Konrad U. Förstner, ZB MED – Informationszentrum Lebenswissenschaften, Köln, https://orcid.org/0000-0002-1481-2996
Dietrich Rebholz-Schuhmann, ZB MED - Informationszentrum Lebenswissenschaften, Köln, https://orcid.org/0000-0002-1018-0370

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