Informationskompetenz

Eine Schlüsselkompetenz im Wandel

Svetlana Melikov, Universitätsbibliothek Basel

Cornelia Eitel, Universitätsbibliothek Basel

Zusammenfassung

Die Universitätsbibliothek Basel bietet seit vielen Jahren Lehrveranstaltungen in Informationskompetenz an. Aktuell werden diese Kurse inhaltlich, konzeptionell und methodisch erweitert und neugestaltet. Die praxisbezogene Einführung des Frameworks for Information Literacy for Higher Education, verabschiedet von der Association of College and Research Libraries, spielt dabei unter anderem eine bedeutende Rolle.

Summary

The university library of Basel has offered courses on information literacy for many years. Currently, these courses are being extended and redesigned with regard to the implied content, concepts and methods. Among other things the practice-oriented introduction of the Framework for Information Literacy for Higher Education of the Association of College and Research Libraries plays a central role in this context.

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/5654

Autorenidentifikation:
Melikov, Svetlana: ORCID: https://orcid.org/0000-0001-5893-4533;
Eitel, Cornelia: ORCID: https://orcid.org/0000-0002-2721-0476

Schlagwörter: Informationskompetenz, ACRL, Framework for Information Literacy for Higher Education, Blended Learning

Dieses Werk steht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 International

1. Kontext: Angebot für die Universität Basel

Fachübergreifende Kompetenzen werden im Studium und Berufsleben immer wichtiger, unabhängig von der jeweiligen Spezialisierung. In diesem Kontext hat die Universitätsbibliothek Basel in den letzten Jahren für die Studierenden aller Fachbereiche regelmäßig Kurse zur Förderung von Schlüsselkompetenzen und Soft Skills, wie beispielsweise Informationskompetenz, Literaturverwaltung, sowie Schreib- und Lernberatung angeboten.

Aktiv nachgefragt und besucht werden seit Jahren insbesondere die Kurse zur Informationskompetenz (IK), die curricular verankert sind und im Vorlesungsverzeichnis der Universität Basel mit den klassischen IK-Inhalten als definierten Lernzielen bislang wie folgt beschrieben wurden:

„Die Studierenden können

  • den Informationsbedarf ermitteln, eine Suchstrategie entwickeln,
  • die Informationsrecherche mittels verschiedener Suchinstrumente durchführen (Bibliothekskataloge, Fachdatenbanken, Wissenschaftliche Suchmaschinen, Internetportale … ),
  • die gefundenen Ressourcen beurteilen,
  • die gefundenen Ressourcen mit Hilfe eines Literaturverwaltungsprogramms effektiv nutzen,
  • Plagiate erkennen.“1

Das Team der Fachstelle Informationskompetenz bereitet das Gesamtangebot fachübergreifend vor und lädt Fachreferierende für einzelne Veranstaltungen zur Vermittlung von Fachinformationen ein.

In den Jahren 2018/2019 wurde von swissuniversities, der Dachorganisation aller schweizerischen Universitäten, ein Förderprogramm zur Stärkung von „Digital Skills in der Lehre“ initiiert, das mit 30 Millionen CHF dotiert ist und eine Laufzeit von 2019 bis 2024 hat. Im Rahmen dieses Förderprogramms erhält die Universität Basel Mittel für das Projekt „Digital Literacies“, mit dem sie „entsprechende Kompetenzen ihrer Studierenden, Dozierenden und Mitarbeitenden in der notwendigen Breite fördern“ möchte.2 Die Universitätsbibliothek Basel leistet ihren Beitrag im Rahmen des Projekts „Digital Literacies“ durch die inhaltliche und konzeptuelle Erweiterung der bisherigen Informationskompetenz-Kurse. Koordiniert wird diese neue Kooperation von der Abteilung Bildungstechnologien, eines von zwei Ressorts des Bereichs Teaching and Learning, das dem Vizerektorat Lehre der Universität Basel zugeordnet ist.3

Als Entwicklungsbasis des gesamtuniversitären Projekts „Digital Literacies“ dient das „Digital Capabilities Framework“ der britischen Organisation JISC.4 Durch die Anpassung dieses JISC-Frameworks an die Bedürfnisse der Universität Basel entstand im Lauf des Jahres 2020 ein sogenannter „Kompetenzrahmen“, der auf den entsprechenden Webseiten der Uni Basel veröffentlicht wurde.5
Die Universitätsbibliothek Basel hat in diesem neuen Kompetenzrahmen die Aufgabe übernommen, den Bereich Informations-, Daten- und Medienkompetenz abzudecken und dazu ihre bisherigen Kurse zur Informationskompetenz inhaltlich, methodisch und strukturell auszubauen. Die neugestalteten Lehrveranstaltungen können, wie üblich, über das digitalisierte Vorlesungsverzeichnis belegt werden, wobei nach der Anmeldung auf der universitären Lernplattform ADAM die Kurs-Materialien zugänglich sind.

Ergänzend dazu wird aktuell in enger Kooperation mit dem New Media Center der Universität Basel, das ebenfalls dem Vizerektorat Lehre zugeordnet ist, ein frei verfügbarer Online-Kurs, genannt Tale, entwickelt. Thematisch werden dort, zusätzlich zu den traditionellen Bereichen der Informationskompetenz, wie zum Beispiel Plagiarismus, auch weiterführende Inhalte abgedeckt. Ein Tale ist eine Art Lerngeschichte bzw. Storytelling mit multimedialen Elementen. Mit Hilfe von professionell erstellten Videos und Texten sowie integrierten Übungen und Quiz-Fragen erhalten die Studierenden Materialien und Anregungen zum selbständigen Lernen, zur Festigung der Inhalte und zur Selbstüberprüfung. Das Tale stellt, neben den im Abschnitt 2 (Didaktische Ausrichtung der Kurse) beschriebenen neuen didaktischen Komponenten für die regulären Lehrveranstaltungen, ein zusätzliches multimediales Angebot der Inhaltsvermittlung dar, und zwar nicht nur für die am Kurs teilnehmenden Studierenden, sondern für sämtliche Universitätsangehörigen und das öffentliche Publikum.

Das „ACRL-Framework for Information Literacy (Frameworks for Information Literacy for Higher Education)“6, in der Übersetzung von Fabian Franke7 zur intensiven praxisbezogenen Auseinandersetzung mit dem Begriff der Informationskompetenz wird in den Kursen sowie im Tale eingesetzt. Dies fördert bei den Studierenden einerseits die Handlungskompetenz im Umgang mit Informationen und stärkt andererseits das Bewusstsein für ein wissenschaftlich und gesellschaftlich akzeptables und verantwortungsbewusstes Recherche- und Zitier-Verhalten im Sinne des lebenslangen Lernens. Dadurch erweist es sich als ein passendes Instrument bei der Realisierung der Kompetenzförderung im Sinne des Projektes „Digital Literacies“ der Universität Basel und des Förderprogramms der swissuniversities.

2. Didaktische Ausrichtung der Kurse

Die durch die Digitalisierungsstrategie geplante, und aktuell durch die Corona-Pandemie enorm beschleunigte, Umstellung auf Online-Lehre erfordert eine Neukonzeption der Kurse der Universitätsbibliothek Basel, mit einem Richtungswechsel von der bisher üblichen Präsenz-Lehre zu webgestützten Formaten wie beispielsweise Blended Learning. Dies bedeutet nicht nur eine multimediale Anreicherung, sondern auch eine wesentliche konzeptuelle Transformation, damit die Studierenden noch mehr als bisher aktiviert und involviert bleiben.

Neben der Integration von digitalen Tools, die die aktive studentische Mitwirkung fördern, als ein Beispiel sei hier Slido genannt, wird auch das Prinzip des Inverted Classrooms bei der didaktischen Planung der Lehrveranstaltungen eingesetzt. Die nach diesem Prinzip neu definierten Rollen verankern die Lernverantwortung zunehmend bei Lernenden, sodass deren kontinuierliche Mitarbeit und Reflexion zur unabdingbaren Voraussetzung für Lernerfolge werden.

Die bisher beschriebenen didaktischen Ansätze, bei denen sich die Teilnehmenden einen Grossteil der Inhalte selbstgesteuert aneignen sollen, funktionieren jedoch nur, wenn es für jeden inhaltlichen Teilbereich klare und eindeutig formulierte Lernziele gibt. Für die neuen Kurse werden die Lernziele an Hand der Taxonomie von Lorin W. Anderson und David R. Krathwohl formuliert.8

Die Taxonomie-Matrix umfasst zwei Dimensionen: Einerseits beschreibt sie mit Verben die kognitiven Prozesse, die üblicherweise bei der Informationsverarbeitung ablaufen; andererseits benennt sie die verschiedenen Arten von Wissen, die angeeignet und angewendet werden können. So lassen sich die Lernziele einer Lehrveranstaltung entlang dieser Dimensionen einordnen und im Kursverlauf nach ihrem Komplexitätsgrad variieren und steigern.

Lernziele.png

Für das Thema Plagiarismus können die Lernziele so formuliert werden:

Die Studierenden

  • verstehen und erklären (understand, B2) den Begriff Plagiarismus,
  • analysieren und unterscheiden (analyse, B4) verschiedene Arten von Plagiaten,
  • prüfen einen eigenen Text mit Hilfe der Plagiatserkennungssoftware Turnitin (apply, C3), und beurteilen den von der Software Turnitin gelieferten „Similiarity Report“ (evaluate, C5).

Die in kursiver Schrift genannten Begriffe entsprechen dem Verb, das die jeweilige kognitive Prozessdimension gemäss Anderson & Krathwohl beschreibt, und die alphanumerische Bezeichnung steht für die Position in der Matrix.

Ergänzend zu den in der Tabelle genannten kognitiven Prozessdimensionen werden in der Fachliteratur zwei Erweiterungen im Bereich des digitalen Lernens vorgeschlagen, nämlich die Vorbereitungsphase zum Lernen (prepare to learn) und die kollaborativen Lernaktivitäten (learn with others).10 In den beschriebenen Kursen der Universitätsbibliothek Basel werden diese beispielsweise bei der rechtzeitigen Installation der Literaturverwaltungssoftware in Vorbereitung auf die entsprechende Online-Sitzung (prepare to learn) oder in der intensiven Zusammenarbeit an PDF-Texten geübt (learn with others).

Basierend auf der möglichst präzisen Formulierung der Lernziele kann dann in einem nächsten Schritt eine Auswahl geeigneter didaktischer Mittel getroffen werden. Auch die Umstellung auf das Blended-Learning-Format und die Erhöhung des Anteils des selbstregulierten Lernens spielen bei der Auswahl-Entscheidung ihre Rolle.

Erstmalig wird bei den für das Frühjahrsemester 2021 geplanten Kursen ein E-Portfolio eingesetzt,11 um die Studierenden zu kursbegleitendem Arbeiten zu motivieren. In einem E-Portfolio, das als Lerndokumentation und gleichzeitig Leistungsnachweis von den Studierenden individuell geführt wird, werden die neuen Inhalte reflektiert und durch wechselnde Arbeitsaufträge und Fragestellungen wiederholt und geübt. Die Dozierenden des Kurses unterstützen diese studentische Dokumentation durch tutorielle Betreuung und gezieltes Feedback. Am Ende des Kurses erlaubt es das E-Portfolio, bei der Leistungsbeurteilung nicht nur die Ergebnisse (wie bei einer Seminararbeit), sondern auch deren Entstehungsprozess zu berücksichtigen.

Die Vorlage für das Erstellen ihres individuellen E-Portfolios finden die Studierenden auf der Lernplattform ADAM, eine Adaption von ILIAS für die Universität Basel. In dieser von den Kursverantwortlichen vorbereiteten Vorlage gibt es für jeden inhaltlichen Teil verschiedene Fragen und Aufgaben.

Als Beispiel für die Gestaltung einer E-Portfolio-Seite sei hier der Themenbereich „Kurseinführung – Was ist Informations-, Daten- und Medienkompetenz“ genannt. Diese Seite wird von den Studierenden nach der ersten Online-Präsenz-Sitzung bearbeitet.

  1. Erster Eindruck
    Beschreibe in 1-2 Sätzen, welche Erwartungen Du an die Inhalte des neuen Kurses „Informations-, Daten- und Medienkompetenz“ hattest und ob diese voraussichtlich erfüllt werden.
  2. Kompetenzen
    Bezüglich der Kursinhalte, die Du heute gehört hast, was denkst Du, kannst Du gut, was weniger gut.
  3. Lernerfolg
    Liste mindestens drei Inhalte auf, die Du in der Sitzung neu gelernt hast.
  4. Materialsammlung / Ressourcen
    Importiere hier den Link zu einem Video-Tutorial, das Dir erklärt, was Informationskompetenz oder Datenkompetenz oder Medienkompetenz ist.
  5. Offene Fragen
    Formuliere hier Deine offenen Fragen und übertrage diese (anonym) in „Slido“.

Am Ende des Kurses exportiert der*die Studierende das gesamte E-Portfolio als PDF-Dokument und gibt es via Lernplattform ADAM an die Dozierenden ab. Dieses Dokument dient dann gleichzeitig als Leistungsnachweis für das erfolgreiche Absolvieren des Kurses und als Grundlage für die zu vergebenden ECTS-Kreditpunkte.

3. Begriffserweiterung zur Informations-, Daten- und Medienkompetenz

Bisher fokussierten die Kurse der Universitätsbibliothek Basel grundsätzlich auf die Vermittlung von Informationskompetenz und orientierten sich dabei lange Zeit an den Schweizer Standards der Informationskompetenz.12 Unter anderem ging es dabei darum, den Studierenden die einzelnen Teiltätigkeiten im Umgang mit Informationen zu erläutern und für praktische Anwendungen einzuüben.

Im Projekt „Digital Literacies“ der Abteilung Bildungstechnologien der Universität Basel erfährt der Begriff Informationskompetenz nun eine Erweiterung, Präzisierung und Einordnung in die Menge der verwandten Begriffe und Wirkungsfelder. Der Kompetenzrahmen der Universität Basel gibt einen Überblick über die relevanten Begriffe und beschreibt die jeweils wichtigen Kompetenzen in ihrem Praxisbezug. In Anlehnung an das „Digital Capabilities Framework“ der Britischen Organisation JISC,13 identifiziert die Universität Basel sechs Kompetenzbereiche:

  1. Allgemeine ICT-Kompetenz
  2. Informations-, Daten- und Medienkompetenz
  3. Literacy im Bereich Digitale Kreation, Problemlösung und Innovation
  4. Literacy im Bereich Kommunikation, Kollaboration und Partizipation
  5. Literacy im Bereich Digitales Lehren und Lernen
  6. Literacy im Bereich Digitale Identität, Sicherheit und Wohlbefinden14

In diesem Zusammenhang erscheint es zweckführend, die Informationskompetenz nicht mehr isoliert, sondern in ihrem Zusammenspiel mit der Medienkompetenz und der Datenkompetenz zu betrachten. Es gilt bei der Neuausrichtung der Kurse die wichtigsten Aspekte sämtlicher beteiligter Kompetenzbereiche zu berücksichtigen, so auch die der Daten- und Medienkompetenz. Unter anderem ist dies darauf zurückzuführen, dass für das Ausführen bestimmter Aufgaben alle drei Kompetenzen gleichermaßen von Bedeutung sind. Für das Recherchieren, Speichern, Verwalten, Erzeugen, Präsentieren, Vergleichen und Bewerten von Daten und Informationen sind beispielsweise zunehmend multimediale Anwendungen vorhanden; da ist eine klare Grenze zwischen den Kompetenzbereichen schwer zu ziehen. Auf das Phänomen wurde in der Fachliteratur detailliert eingegangen: der Rat für Informationsinfrastrukturen (2019) betont das Ineinandergreifen der Aufgabenbereiche bezogen auf Daten-, Informations- und Wissensmanagement im Zuge des digitalen Wandelns. Diese Feststellung führt zu der Empfehlung, die Aus- und Fortbildungen entsprechend umfassend zu gestalten.15

Im Sinne der Befähigung zum lebenslangen Lernen und zur aktiven und kreativen Beteiligung am Informationsaustausch bietet das ACRL-Framework einen umfassenden und fruchtbaren Rahmen. Im Folgenden wird seine Anwendung in den regulären Lehrveranstaltungen und im frei verfügbaren Online-Kurs Tale im Detail erläutert.

Dabei gibt die Tabelle einen Überblick über die erwähnten Ansätze und erlaubt einen konkreten Vergleich anhand ihrer Thematik, ihrer inhaltlichen Ausrichtung und der Gruppe der Lernenden im Fokus. Bei einer ganzheitlichen Herangehensweise an die Förderung der Informations-, Daten- und Medienkompetenz in den neugestalteten Kursen der Universitätsbibliothek Basel leisten alle drei beschriebenen Ansätze ihren Beitrag, sodass ihre spezifischen Stärken zu Synergie-Effekten führen.

Ansatz

Inhaltliche Ausrichtung

Fokusgruppen

Thematik

Schweizer Standards der Informationskompetenz, 2011

Informationskompetenz

Studierende an Schweizer Hochschulen

Konkrete Lernziele / Lernergebnisse mit Indikatoren zur Überprüfung

ACRL-Framework, 2017

Information Literacy

Studierende an Hochschulen im deutschsprachigen Raum

Allgemeine Voraussetzungen und Kernkonzepte, Praktische Fähigkeiten und Haltungen zur Partizipation am Lern- und Forschungsprozess

Kompetenzrahmen „Digital Literacies“, 2020

Digital Literacies

Studierende, Dozierende und Mitarbeitende der Universität Basel

Praktische Fähigkeiten zur Partizipation im Berufsalltag und am Forschungsgeschehen, anwendbar zur Formulierung von Lernzielen und Kompetenzniveaumessung

Wie aus der Tabelle ersichtlich wird, unterscheiden sich die verglichenen Ansätze unter anderem in ihrer inhaltlichen Ausrichtung. Wenn allerdings der Begriff „Digital Literacies“ deutlich umfassender ist als „Informationskompetenz“ oder „Information Literacy“, ist die Gegenüberstellung dieser beiden letzteren Begriffe nicht so eindeutig.

„Auch wenn die beiden Begriffe in der Regel gleichbedeutend verwendet werden, zeigt ein Vergleich der vorwiegend aus englischsprachigen Ländern – insbesondere den USA, Australien und Großbritannien – stammenden Literatur zur Information Literacy mit deutschsprachigen Publikationen zur Informationskompetenz neben zahlreichen Gemeinsamkeiten auch unterschiedliche Tendenzen und Schwerpunkte, die sich einerseits auf die zeitverschobene historische Entwicklung, andererseits auf unterschiedliche bildungs- und berufspolitische, institutionelle und terminologische Rahmenbedingungen zurückführen lassen.“16

Bei der Konzeption unserer Lehrveranstaltungen und des frei verfügbaren Online-Kurses Tale waren für das Team der Fachstelle Informationskompetenz die thematischen Unterschiede zwischen Schweizer Standards und dem ACRL-Framework, wie in der Tabelle aufgeführt, ausschlaggebend. Wichtig war und ist uns, neben der ganz konkreten praktischen Handlungsorientierung, den Studierenden Haltungen und Kernkonzepte näher zu bringen, die auf lange Sicht zu einem umfassenden, metakognitiven Verständnis beitragen.

Die ursprüngliche Darstellung des ACRL-Frameworks ist bekanntlich in englischer Sprache verfasst und richtet sich an die Studierenden der amerikanischen Hochschulen. Die Auswahl der deutschsprachigen Übersetzung des Frameworks wurde hier bewusst getroffen, um die Anpassung für die Studierenden der Universität Basel zu vereinfachen. Im Folgenden werden einige didaktische Instrumente vorgestellt, die die Aneignung und Anwendung vom inhalts- und facettenreichen ACRL-Framework für Studierende noch zugänglicher gestalten können.

4. ACRL-Framework: anwendungsnah und verständlich

Beim Einsatz des ACRL-Frameworks orientieren sich die Lehrenden der Universitätsbibliothek Basel an der deutschsprachigen Übersetzung, die von der Universitätsbibliothek Bamberg entwickelt und zur Verfügung gestellt wurde. Diese Übersetzung und die dazu gehörige Grafik17 entstanden in einem mehrjährigen interaktiven Projekt der Universitätsbibliothek Bamberg unter aktiver Mitwirkung der Studierenden. Die Ergebnisse dieses Projektes liefern somit eine fundierte Grundlage für weitere Verwendung und Entwicklung im deutschsprachigen Hochschulraum.

So wurde die Grafik zum ACRL-Framework vom Team der Fachstelle Informationskompetenz der Universitätsbibliothek Basel in Kooperation mit dem New Media Center der Universität Basel angepasst. Die Überschriften wurden wie im Original beibehalten. Die farbliche Gestaltung der Grafik wurde adaptiert, sodass eine Darstellung online von den Lernenden optimal wahrgenommen und kognitiv verarbeitet werden kann. Zur besseren Lesbarkeit wurden einige Symbole aus der Grafik herausgenommen, ganz besonders diejenigen, die menschliche Figuren verbildlicht hatten. So wird die Aufmerksamkeit der Lernenden weniger auf die Eigenarten der Personen und mehr auf Objekte, Werkzeuge und Produkte des Informationsmanagements gelenkt. Zur Verdeutlichung relevanter semantischer Aspekte der einzelnen Frames wurde das Repertoire der verwendeten Symbole im Vergleich zu der Bamberger Original-Abbildung teilweise angereichert. So wird in der angepassten Grafik ein Kompass anstelle eines Fernrohrs für das Frame „Recherche ist strategische Erkundung“ eingesetzt. Diese angepasste Grafik wird beispielsweise für die Lerngeschichte bzw. Tale verwendet, die frei zugänglich Online-Materialien zum selbständigen Lernen anbietet.

Der frei zugängliche Online-Kurs Tale ist modular nach Themen aufgebaut, darunter Plagiarismus zusätzlich zu den oben beschriebenen Ansätzen (siehe Tabelle). Das Tale eignet sich optimal für asynchrone und individualisierte Bearbeitung, ist mit vielfältigen grafischen und audio-visuellen Elementen angereichert und bietet neben theoretischen Ausführungen auch praktische Elemente (Arbeitsaufträge, Quiz-Fragen) an. Für die praktischen Anteile im Tale bildet unter anderem das ACRL-Framework eine hervorragende Grundlage.

ACRL_Grafik_adaptiert1.png

Einer der wichtigen Vorteile des ACRL-Frameworks für das Studium und das spätere Berufsleben besteht darin, den verantwortungsvollen Umgang mit Informationen umfassend zu beschreiben. Vorteilhaft sind zudem die Vielfalt der für diese Beschreibung verwendeten Darstellungen und die Reichhaltigkeit der Formulierungen. Des Weiteren zeichnet sich das ACRL-Framework durch den Einbezug ethischer und sozialer Aspekte aus und den vernetzten Zugang bei der Zusammenstellung der Fertigkeiten und Haltungen, die für informationskompetentes Handeln charakteristisch sind. Damit die Studierenden sich diese Vorteile gut merken und so besser anwenden können, wurden für das Tale mnemonische Verse konzipiert, die den einzelnen Frames entsprechen. So lassen sich die Frames für Lernende zugänglich präsentieren und erklären und können helfen, ihre Aufmerksamkeit und Motivation zu steigern.

Recherche ist strategische Erkundung:

Am Anfang soll man sicher recherchieren:

Was gibt es schon, was kann man adaptieren?

Wie heißt genau das, was mich bewegt?

Die Suche ist das Ziel und ist der Weg.

Wissenschaft ist Austausch:

Der Austausch erst erzeugt das Wissen:

Im stillen Kämmerlein und hinter den Kulissen,

Da zeichnet man ein Draft mit aller Kraft,

Der Austausch ist es, der draus Wissen schafft.

Forschung ist (Hinter-) Fragen:

Wer Fragen stellt, macht erste forsche Schritte.

Denn in der Wissenswelt ist das so eine Sitte,

Dass man die Antwort dann zur Kenntnis nimmt,

Wenn erst die Frage und Methode stimmt.

Informationen sind wertvoll:

Sind Infos etwas wert? Das hat ja schon Vorteile,

Wenn ich respektvoll und mit Vorsicht teile.

Hab ich die Leistungen der anderen gepriesen,

So hab ich mich als fair ausgewiesen.

Informationen entstehen in einem schöpferischen Prozess:

Es war einmal ein Wort, es wurde Schöpfung.

Und immer noch in unterschiedliche Töpfe

Gehört, was sich erst neu im Leben findet, -

Und etwas, was bewährt ist, und verbindet.

Autorität ist ein Konstrukt und kontextabhängig:

Wer hat das letzte Wort und Autorität?

Ein Buch, die Zeitung, News, das Internet?

So prüfe man sorgfältig ohne Scheu

Gleichwohl, was renommiert ist oder neu.

Neben den mnemonischen Versen und einer ansprechenden Visualisierung erscheint es hilfreich, die Anwendung von einzelnen Frames an den im Folgenden beschriebenen praktischen Beispielen auszuprobieren bzw. zu üben. Diese Beispiele können die allgemeinen Kernkonzepte der Frames durch verständliche und alltagstaugliche Szenarien und Vorgehensweisen ganz konkret veranschaulichen. Unter anderem werden die Beispiele im Tale zur Bearbeitung angeboten und thematisiert.

Fallbeispiele zu den Frames:

Zu Frame „Informationen entstehen in einem schöpferischen Prozess“:

Jede und jeder erzählen die Geschichte, wie das jeweilige Werk entstanden ist: was sie*ihn besonders beindruckt und inspiriert hat und wie sie*er bei der Arbeit vorgegangen ist.

Zu Frame „Forschung ist (Hinter-) Fragen“:

Wie ein neugieriges Kind, stellt sich der*die Wissenschaftler*in mal abstrakte, mal konkrete Fragen, und dokumentiert diese unbeantwortet in einem Journal. Beim regelmässigen Stöbern in diesem Journal, verschriftlicht und überarbeitet der*die Wissenschaftler*in Antworten auf Fragen, die ihn*sie beschäftigen.

Zu Frame „Wissenschaft ist Austausch“:

Zusammen mit den Schülerinnen und Schülern begibt sich der*die Künstler*in auf die Vernissagen in der Stadt. Dort hört er*sie Diskussionen zu und beteiligt sich mit Eifer daran. Manchmal resultiert daraus eine kritische und wohlwollende Rezension zu einem Bilder-Katalog.

Der Einsatz des ACRL-Frameworks in den Kursen und im Tale der Universitätsbibliothek Basel ist stark praxisorientiert. Es gilt dabei, Verständnis für die Komplexität der Herausforderungen im wissenschaftlichen Recherche- und Schreibprozess zu etablieren und bei den Studierenden dadurch entsprechende Veränderungen ihres Blickwinkels zu erreichen.

5. Fazit und Ausblick

Die bisherigen Angebote der Universitätsbibliothek Basel zur Förderung der Informationskompetenz befinden sich momentan im Wandel und werden sowohl inhaltlich als auch didaktisch zu multimedialen Online-Blended-Learning-Angeboten im Bereich der Informations-, Daten- und Medienkompetenz ausgebaut. Hierzu wird ein frei verfügbarer Online-Kurs Tale entwickelt und realisiert, der die neugestalteten Lehrveranstaltungen inhaltlich, konzeptuell und mediendidaktisch anreichert. So wird das Angebot der Universitätsbibliothek Basel in diesem Bereich umfassend an die aktuellen Rahmenbedingungen angepasst.

Für das Frühjahrsemester 2021 sind sechs Lehrveranstaltungen in verschiedenen Fachbereichen geplant. Die beschriebenen Erweiterungen der Inhalte implizieren für Studierende einen höheren Workload (geschätzt auf insgesamt 90 Stunden) und bedeuten somit eine Erhöhung auf drei ECTS-Kreditpunkte bei der Anrechnung der Kurse.

Zum Zweck einer dauerhaften Qualitätsentwicklung findet anschließend eine Evaluation statt, sodass gegebenenfalls Anpassungen für die Kurse im Herbstsemester 2021 vorgenommen werden können. In einem nächsten Schritt sollen dann auch entsprechende Angebote für die Studierenden der Masterstufe aufgebaut werden.

Ganz im Sinne des lebenslangen Lernens sollen die im Rahmen dieser neu gestalteten Kurse erprobten Methoden und Tools sowie die daraus gewonnenen Erkenntnisse auch für die Weiterbildung des Personals der Universitätsbibliothek im Bereich der „Digital Skills“ eingesetzt werden.

Literaturverzeichnis

1 42757-01 - Kurs: Datenbanken, Bibliographien, Fachportale: Recherchetechniken in der Geschichtswissenschaft 2 KP. Vorlesungsverzeichnis der Universität Basel, Recherche, Herbstsemester 2020, <https://vorlesungsverzeichnis.unibas.ch/de/recherche?id=251927>, Stand 17.02.2021.

2 Webportal „Digital Skills“, Universität Basel, 2020, <https://digitalskills.unibas.ch/de/home/>, Stand: 20.01.2021.

3 Vizerektorat Lehre. Organigramm, Universität Basel, August 2020, <https://www.unibas.ch/dam/jcr:00168bb5-31e3-42f3-b278-e745b2a04047/UniBas_Organigramm_Vizerektorat_Lehre_DE_2020.pdf>, Stand: 20.01.2021.

5 Kompetenzrahmen, Universität Basel, Webportal „Digital Skills“, 2020, <https://digitalskills.unibas.ch/de/kompetenzrahmen>, Stand: 20.01.2021.

6 Framework for Information Literacy for Higher Education, Association of College & Research Libraries (ACRL), 02.02.2015, <http://www.ala.org/acrl/standards/ilframework>, Stand: 20.01.2021.

7 Vgl. Franke, Fabian: Das Framework for Information Literacy. Neue Impulse für die Förderung von Informationskompetenz in Deutschland?!, in: o-bib. Das offene Bibliotheksjournal, 4 (4), 2017, S. 22–29, <https://doi.org/10.5282/o-bib/2017H4S22-29>.

8 Anderson, Lorin W.; Krathwohl, David R.: A Taxonomy for Teaching, Learning, and Assessing. A Revision of Bloom’s Taxonomy of Educational Objectives, New York 2001.

9 Vgl. Universität Zürich. Bereich Lehre, Arbeitsstelle für Hochschuldidaktik: Taxonomie-Matrix zur Analyse und Selbstevaluation von Hochschullehre (TAMAS), in: Dossier Unididaktik, (1) 2010, S. 6, <https://www.weiterbildung.uzh.ch/dam/jcr:ffffffff-9a08-8cca-0000-000037b2e4ce/DU_Tamas_def.pdf>, Stand: 20.01.2021.

10 Beetham, Helen; Sharpe, Rhona: Resource 3. Digital Learning Activities. Linked to Bloom’s Taxonomy of Educational Objectives, in: Beetham, Helen; Sharpe, Rhona (Hg.): Rethinking Pedagogy for a Digital Age. Principles and Practices of Design, London 20193, S. 255-263.

11 Berner Fachhochschule (Hg.): E-Portfolios in der Praxis (didaktiv. Schriftenreihe der Fachstelle Hochschuldidaktik & E-Learning HdEL, Oktober 2016), <https://issuu.com/bernerfachhochschule/docs/didaktiv_14_2016_e-portfolios_in_de>, Stand: 20.01.2021.

12 Schweizer Standards zur Informationskompetenz, informationskompetenz.ch, 2011, <https://www.informationskompetenz.ch/de/ik-kurz/standards-ch>, Stand: 04.01.2021.

13 Organisational digital capability in context, Jisc, 04.05.2017.

14 Vgl. Kompetenzrahmen, Universität Basel, Webportal „Digital Skills“, 2020.

15 Digitale Kompetenzen - dringend gesucht! Empfehlungen zu Berufs- und Ausbildungsperspektiven für den Arbeitsmarkt Wissenschaft, RfII – Rat für Informationsinfrastrukturen, 03.07.2019, <http://www.rfii.de/?p=3883> Stand: 20.01.2021.

16 Ingold, Marianne: Informationskompetenz und Information Literacy, in: Sühl-Strohmenger, Wilfried (Hg.): Handbuch Informationskompetenz, Berlin 2012, S. 12-35. <https://boris.unibe.ch/84817>, Stand: 20.01.2021.

17 Sauerwein, Tessa: Framework Information Literacy. Aspekte aus Theorie, Forschung und Praxis, in: Bibliothek Forschung und Praxis 43 (1), 2019, S. 126–138, <https://doi.org/10.1515/bfp-2019-2027>. Die Grafik wird unter der CC BY-NC-SA 4.0. Lizenz für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung gestellt.