Zu Artikeldetails zurückkehren „Bibliotheken haben immer Tag der offenen Tür“
Aus dem Verein deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare e.V. - Personalia

„Bibliotheken haben immer Tag der offenen Tür"

Nachruf auf Ernst-Ludwig Berz

Am 19. Mai verstarb der Gründungsdirektor der Rheinischen Landesbibliothek, Ernst-Ludwig Berz, im Alter von 78 Jahren in Köln.

Am 15. Oktober 1941 wurde er in Darmstadt geboren. Er studierte Musikwissenschaft, Geschichte und Germanistik in Frankfurt, wo er 1967 mit einer Dissertation zur Geschichte der Notendrucker und Verleger in Frankfurt zum Dr. phil. promovierte. Sie erschien 1970 im renommierten Bärenreiter-Verlag in Kassel. Nach einer Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe des „Répertoire Internationale des Sources Musicales“ in München begann er 1968 ein Bibliotheksreferendariat an der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main. Die Prüfung für den höheren Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken absolvierte er 1970 an der Bibliotheksschule Frankfurt.

Nach seinem Referendariat arbeitete er in der Deutschen Bibliothek als Direktionsassistent und wurde 1972 zum Bibliotheksrat und 1973 zum Oberbibliotheksrat ernannt. Die nächste Station auf seinem beruflichen Weg war die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, wo er 1975 die Aufgabe des Stellvertretenden Direktors übernahm.

Abb.: Ernst-Ludwig Berz und Ministerpräsident Kurt Beck

1987 wurde er zum Direktor der neu gegründeten Rheinischen Landesbibliothek in Koblenz berufen, die dank seiner Tatkraft schon Ende des gleichen Jahres in einer Fabrikhalle in der Moselweißer Straße ihren provisorischen Benutzungsbetrieb aufnahm. Neben wissenschaftlicher Literatur aus der Stadtbibliothek Koblenz, die als Dauerleihgabe in den Bestand der Rheinischen Landesbibliothek einging, bildete die Pädagogische Zentralbibliothek Rheinland-Pfalz mit ca. 67.000 Bänden den Grundstock für die Sammlung der neuen Bibliothek. Am 5. März 1990 wurde die Bibliothek im Gebäude in der Hohenfelder Straße feierlich eröffnet. Schon bald war die nur 690 m2 große Magazinfläche für die rasch wachsende Bibliotheksneugründung zu klein. In den Räumen der ehemaligen Hauptpost am Bahnhofplatz fand man einen geeigneteren und dauerhaften Standort; 1999 zog die Bibliothek um.

Ernst-Ludwig Berz setzte beim Aufbau und der Entwicklung der Rheinischen Landesbibliothek zwei wichtige Schwerpunkte: Getreu seinem Motto „Bibliotheken haben immer Tag der offenen Tür“ war für ihn und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Benutzungsabteilung das Herz und das Zentrum der Bibliothek: Der Sinn der Bibliothek lag für ihn in ihrer Nutzung durch die Kundinnen und Kunden. Der von Anfang an große und stetig steigende Zuspruch des Koblenzer Publikums – Studierende, Berufstätige, landeskundlich Interessierte, Schülerinnen und Schüler sowie andere Leseinteressierte – bestätigte diesen Kurs. Sein zweites Schwerpunktthema war die ständige Weiterentwicklung der Bibliothek im elektronischen Zeitalter. Gezielt führte er das Haus in den Verbund des Hochschulbibliothekszentrums NRW (hbz), um von Beginn an die Online-Katalogisierung zu ermöglichen. 1994 wurde die Ausleihe auf die elektronische Verbuchung mit dem Bibliothekssystem SISIS umgestellt.

Früh war es ihm ein Anliegen, auch das Land in seiner Fläche mit Bibliotheksdienstleistungen zu versorgen. So konnten seit den frühen 1990er-Jahren nicht nur die Nutzer und Nutzerinnen vor Ort, sondern auch die in den kleinen und mittleren Stadt-, Gemeinde- und Kirchenbibliotheken auf die ersten Datenbanken (damals CD-Installationen) via Wählleitung per Modem oder ISDN zugreifen. 2001 wurde die Online-Fernleihe eingeführt. Die Rheinische Landesbibliothek war hier wie auch in anderen Projekten Pilotbibliothek für das hbz.

Auch bei der Umsetzung der originär landesbibliothekarischen Aufgaben hatte Berz immer den Finger am Puls der Zeit: Für die Anfang der 1990er Jahre aus der Taufe gehobene Rheinland-Pfälzische Bibliographie holte er die Zentralredaktion an die neugegründete Rheinische Landesbibliothek und sorgte für eine EDV-gestützte Erfassung des Titelmaterials nebst eigens entwickeltem Redaktionssystem (damals noch mit angeschlossener Druckaufbereitung). Mit der Präsentation der Titeldaten im frühen Internet zählte Rheinland-Pfalz zu den Vorreitern bei den Landesbibliographien.

Frühzeitig erkannte Berz die Bedeutung des Internets für ein verändertes Publikationsverhalten und die daraus erwachsenden Herausforderungen für die Sammlung von Pflichtexemplaren, die entweder nur noch oder zumindest parallel online erscheinen. Nicht zuletzt seinem Einsatz ist es zu danken, dass die Arbeitsgemeinschaft der Regionalbibliotheken sich der Sammlung von Netzpublikationen stellte und sich als Aufgabe auf ihre Fahnen schrieb. In einem wegweisenden Referat auf der Herbstsitzung der AG im Herbst 2002 appellierte er an die Teilnehmer*innen, den Sammelauftrag zeitgemäß auszuweiten, um als Bibliothekstyp zukunftsfähig zu bleiben. Neben der Schaffung eines Musterentwurfs für ein Pflichtexemplargesetz auf Länderebene, der sich an den gleichzeitig entstehenden Entwürfen der Deutschen Bibliothek orientierte, setzte er auch wegweisende praktische Akzente: Zusammen mit dem hbz wurde ein Archivserver für elektronische Pflichtexemplare und landeskundliche Websites unter dem Namen „edoweb“ aufgebaut und bereits 2003 für den öffentlichen Zugriff freigegeben.

Vorteilhaft zur Durchsetzung dieser Ziele erwies sich eine andere Aufgabe, die Berz seit 2001 wahrnahm: Als Ko-Referent für das wissenschaftliche Bibliothekswesen im zuständigen Ministerium konnte er das Thema E-Pflicht nebst Musterentwurf direkt auf der Ebene der Kultusministerkonferenz (KMK) vorantreiben. Seine Fähigkeit, bibliothekarische Anliegen in prägnante, auch Laien verständliche Formulierungen zu verpacken, war gerade auf der politischen Ebene von großem Vorteil. Aber auch im eigenen Bundesland gelang es ihm, wichtige bibliothekspolitische Pflöcke einzuschlagen: So war Berz maßgeblich an der Planung und Vorbereitung der Gründung eines Landesbibliothekszentrums für Rheinland-Pfalz beteiligt. Die neuartige Idee bestand darin, die Bibliothekseinrichtungen in direkter Trägerschaft des Landes zusammenzuführen. So wurde aus den beiden Landesbibliotheken in Speyer und Koblenz, der Bibliotheca Bipontina in Zweibrücken sowie den Büchereistellen für die öffentlichen Büchereien in Neustadt und Koblenz das LBZ.

Bei der offiziellen Errichtung des LBZ am 1. September 2004 befand er sich freilich bereits im Ruhestand. Die folgenden Jahre verbrachte er in Köln-Poll, war aktiv im musikalischen Bereich und engagierte sich sozial als Vorleser in Seniorenheimen. Zu vielen ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hielt er bis zum Schluss Kontakt. Ihnen wird neben seiner Eloquenz und seinem intelligenten Humor seine „Streitlust“ in Erinnerung bleiben: Es wurde viel diskutiert in der Rheinischen Landesbibliothek und teilweise sehr kontrovers. Aber stets ging es um die Sache, darum, neue Entwicklungen anzustoßen, die Bibliothek voran zu bringen oder den Kundinnen und Kunden den optimalen Service zu bieten. Fernab von jeglichem fachlichen Dogmatismus gelang es Berz dabei, mit Pragmatismus, Entschlussfreude und einem unbürokratischen Führungsstil seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu einem wendigen, hochmotivierten Team zusammenzuschweißen.

Das Bibliothekswesen in Rheinland-Pfalz und darüber hinaus und vor allem natürlich das Landesbibliothekszentrum haben ihm viel zu verdanken.

Lars Jendral und Barbara Koelges, Landesbibliothekszentrum

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/5623

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