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Coffee Lectures am DHI Paris – ein Praxisbericht

Coffee Lectures am DHI Paris – ein Praxisbericht

Einleitung: Coffee Lectures an einem Forschungsinstitut?

„Was und wie lesen Sie online? Welche Programme nutzen Sie dafür? Welche Rolle spielen E-Books in Ihrem wissenschaftlichen Alltag, welche Probleme gibt es?” Mit diesen Fragen lud die Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts Paris (DHIP) im Frühjahr 2018 die Forscherinnen und Forscher des Hauses zu ihrer ersten Coffee Lecture ein. Konzipiert und durchgeführt werden diese seitdem in Abstimmung mit der Bibliotheksleiterin von dem Verfasser und der Verfasserin dieses Beitrags, die Teil des Bibliotheksteams sind und außerdem selbst wissenschaftlich arbeiten. Inspiriert von der Praxis und den Erfahrungen in anderen Bibliotheken wollten wir die Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien und Tools im wissenschaftlichen Alltag stärken.1 Forschende lassen sich allerdings nicht mehr „beschulen” wie Studierende; Zeitknappheit und Konkurrenz mit anderen Veranstaltungen kommen wie überall hinzu. Wohl wissend, dass in einem Forschungsinstitut mit kleinem Adressatenkreis und einer Qualifikationsstufe ab Promovierenden das Angebot anders zusammengesetzt und ausgeführt werden muss als etwa in Universitätsbibliotheken, passten wir das Format der Coffee Lectures an die Bedürfnisse des Hauses und seiner Forscherinnen und Forscher an: Wir lancierten ein moderiertes und inhaltlich vorbereitetes Diskussionsforum, das von den Kenntnissen und Kompetenzen der Forschenden ausgeht und danach fragt, wie sich die geisteswissenschaftliche Forschungstätigkeit mit neuen und sich weiterentwickelnden Hilfsmitteln praktisch ausgestalten lässt. Nach knapp zwei Jahren können wir eine eindeutig positive Bilanz über den Einsatz von Coffee Lectures in einer wissenschaftlichen Spezialbibliothek ziehen und möchten hier einen Einblick in unsere Erfahrungen geben.

Rahmenbedingungen

Das Deutsche Historische Institut Paris ist ein außeruniversitäres Forschungsinstitut, das seit 2002 zur „Max Weber Stiftung – Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland“ gehört und eine zentrale Rolle als Vermittler der Geschichtswissenschaft zwischen Deutschland und Frankreich spielt. Unter dem Leitsatz „Forschen – Vermitteln – Qualifizieren“ realisiert es eigene Forschungsprojekte auf dem Gebiet der deutschen, französischen und westeuropäischen Geschichte sowie den deutsch-französischen Beziehungen und unterstützt Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen durch Förderprogramme, wissenschaftliche Veranstaltungen und eine eigene Institutsbibliothek. Diese operiert als wissenschaftliche Spezialbibliothek an der Schnittstelle zwischen den Wissenschafts- und Informationssystemen beider Länder. Neben dem klassischen Bibliotheksauftrag Sammeln, Erschließen, Bereitstellen und Vermitteln unterstützt sie die Forschenden des Instituts in Recherchefragen und engagiert sich mit verschiedenen Formaten wie Schulungen, Blogs oder individueller Beratung in der Informationskompetenzvermittlung. Hierzu zählen die Coffee Lectures als neues Angebot. Personell verfügt die Bibliothek über vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, von denen zwei für die Planung, Durchführung und Nachbereitung der Coffee Lectures zuständig sind. Neben der bibliothekarischen Qualifikation fließen unsere eigenen Erfahrungen im wissenschaftlichen Arbeiten in die Vorbereitungen und Konzipierung ein.

Zielgruppe

Zielgruppe der Veranstaltung sind die rund fünfzehn bis zwanzig am Haus arbeitenden Historikerinnen und Historiker. Dazu zählen Promovierende, Post-Docs und wissenschaftliche Mitarbeitende ebenso wie Studierende, die ein Praktikum am Institut absolvieren. Der Großteil der Forschenden weist eine fortgeschrittene Bibliotheks- und Medienkompetenz auf z.B. im Umgang mit Quellen oder der Nutzung von Katalogen und Findmitteln in Frankreich und Deutschland. Je nach Spezialisierung und Vorkenntnissen aber haben die einzelnen Personen dieser fachlich homogen wirkenden Gruppe unterschiedliche Bedürfnisse: Mediävistinnen und Mediävisten arbeiten mit anderen Quellen als Zeithistorikerinnen und Zeithistoriker; versiertere Praktiken im Umgang mit digitalen Medien können auf eher traditionelle Herangehensweisen treffen. Zudem sind je nach Herkunft der Teilnehmenden die unterschiedlichen Informations- und Wissenschaftssysteme in Frankreich, Deutschland und anderen Ländern mit ihren Besonderheiten und Unterschieden zu berücksichtigen.

Ziele

Genau an diesem Punkt setzen die Coffee Lectures am DHIP an. An der Schnittstelle zwischen bibliothekarischer Dienstleistung und digitaler Forschungspraxis fragen wir nach den Arbeitstechniken und Hilfsmitteln in der gegenwärtigen geisteswissenschaftlichen Forschung. Tools beispielsweise zur Verwaltung von Archivfotos oder Tipps zur Vergabe von Schlagwörtern in der eigenen Literaturdatenbank sind im Studium in der Regel (noch) nicht Gegenstand der Lehre, da sie häufig erst später in der selbstständigen Forschung interessant werden. Anders als in anderen Bibliotheken sollen auch nicht in erster Linie bibliothekseigene Angebote vorgestellt und sichtbar gemacht werden. Wir bieten keine objektbezogenen Schulungen, in denen etwa einzelne technische Anwendungen im Vordergrund stehen, sondern folgen einem handlungs- und prozessorientierten Ansatz, der themenbezogen Arbeitsfelder geisteswissenschaftlicher Forschungstätigkeit aufgreift. Ausgehend von konkreten Fragestellungen werden digitale und analoge Vorgehensweisen und Hilfsmittel besprochen und deren Vor- und Nachteile diskutiert. Ziel ist die Stärkung der individuellen Informationskompetenz im Sinne der Fähigkeit, eigene Stärken und Schwächen zu erkennen, Alternativen zur eigenen Praxis sichtbar zu machen, Tools im Blick auf die eigenen Bedarfe zu bewerten und die eigene Forschungspraxis effizient, effektiv und verantwortungsvoll zu gestalten.2 Die Coffee Lectures sind demnach keine Präsentationsveranstaltung, sondern ein von uns themenspezifisch geleitetes Diskussionsforum, in dem sich Forschende untereinander über Praktiken des digitalen geisteswissenschaftlichen Arbeitens austauschen können. Denn obwohl Fragen wie etwa nach Bildrechten, zum Umgang mit Datenbanken oder E-Books oder die Sichtbarkeit der eigenen Publikationen im Wissenschaftsalltag stets präsent sind, sind die eigenen Techniken selten Gegenstand spezifischer Informations- oder Schulungsangebote. Die Coffee Lectures sollen diese Lücke schließen und Unterstützung bieten bei der Entwicklung von persönlichen Arbeitsweisen und -routinen in einer immer stärker digital werdenden Geschichtswissenschaft.

Durchführung

Jeder Coffee Lecture geht seitens des Bibliotheksteams eine längere Phase der Planung voraus. Neben der frühzeitigen Terminfindung und der Auswahl geeigneter Themen geht es hier vor allem um den richtigen Zuschnitt, um den zeitlich begrenzten Rahmen einzuhalten und die behandelte Fragestellung dennoch ausreichend diskutieren zu können. Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass der Austausch schnell so lebhaft wird, dass die ursprünglich vorgesehenen zwanzig Minuten meist um das Doppelte überschritten werden – und diese Zeit auch nötig ist, um Wortmeldungen und Nachfragen zuzulassen und den Teilnehmenden genügend Raum zu geben, sich auf das Thema einzulassen.

Umfassendere Themenkomplexe können deshalb besser auf mehrere Folgetermine verteilt werden. Die Anzahl der Coffee Lectures ist wegen der Terminkonkurrenz mit einer großen Zahl anderer Veranstaltungen jedoch zwangsläufig begrenzt auf nicht mehr als drei pro Halbjahr. Jedes besprochene Thema wird inhaltlich vom Bibliotheksteam vor- und nachbereitet, von der Literatursichtung und dem Testen einzelner Tools bis zur Zusammenfassung, die dann an alle Teilnehmenden verschickt wird. Als Quellen dienen uns hier unter anderem der Erfahrungsaustausch aus sozialen Medien (Blogs und Twitter), Artikel mit Werkstattberichten, praktischen Anleitungen und Hinweisen oder Sekundärliteratur, deren Auswertung wir mit unserer eigenen Kompetenz und Erfahrung ergänzen.3

Die Teilnahme ist für alle Personen des Instituts ohne Anmeldung möglich. Beworben werden die Coffee Lectures per E-Mail und durch Ankündigung in der allgemeinen Hausversammlung. Eingeladen werden neben den wissenschaftlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen auch Gastwissenschaftlerinnen, Stipendiaten sowie die Kolleginnen und Kollegen im Forschungsservice. Gerade an einem Forschungsinstitut ist der Dialog über wissenschaftliche Arbeitstechniken für beide Seiten – Wissenschaft und Service – bereichernd. Ein gegenseitiger Lerneffekt ergibt sich nicht nur für die Forschenden untereinander, sondern schließt Abteilungen wie die Schriftenredaktion, die mit Drittmittelprojekten beschäftigte Verwaltung und nicht zuletzt die Bibliothek ein. Mit Fragen etwa zur Inhaltserschließung, dem Metadatenmanagement oder der Langzeitspeicherung von Forschungsdaten werden bibliothekarische Kernkompetenzen angesprochen, so dass hier Wissenschaft und Bibliothek in einen gleichberechtigten und für beide Seiten bereichernden Austausch treten. Durchgeführt werden die Coffee Lectures in einem mit Beamer, WLAN und Clipchart ausgestatteten Raum, der es bei Bedarf ermöglicht, Anwendungen vorzuführen, auch wenn Präsentationen nicht im Fokus stehen. Kaffee und andere Getränke bieten wir selbstredend ebenfalls an.

Themen

Die Themenvorschläge stammen aus dem Bibliotheksteam und aus dem Kreis der Forschenden. Eine erste Bedarfsanalyse fand im Vorfeld mittels einer internen Nutzerumfrage statt, wo unter anderem nach den Erfahrungen mit E-Books, E-Journals und elektronischen Lesegeräten gefragt wurde. Digitale Ressourcen gewinnen auch in der Bibliothek des DHIP zunehmend an Bedeutung, der Umgang mit ihnen ist aber nicht allen Forschenden gleichermaßen vertraut. Daraus ergab sich für die ersten Coffee Lectures eine Schwerpunktsetzung auf das Arbeiten mit digitalen Medien in der persönlichen wissenschaftlichen Praxis, wo neben den erwähnten Aspekten zum Beispiel ebenso Fragen zum sinnvollen Benennen und Speichern von PDFs oder zum Erstellen und Verwalten von digitalisiertem Archivmaterial behandelt wurden.

Inhaltliche Schwerpunkte waren bisher:

  • eine Sensibilisierung für Probleme der Nachhaltigkeit von Daten (Dateiformate, richtiges Speichern, Sicherheitskopien/Backups, Migration von persönlichen Forschungsdaten),
  • Entscheidungshilfen für die Auswahl von Apps und Tools gemäß den eigenen Bedürfnissen,
  • das Strukturieren und Erschließen von Datenmengen (Benennung, Ordnerstrukturen, Literaturdatenbanken, Bilddatenbanken, Anlegen eines Archivprotokolls, Verschlagwortung),
  • das Prozessieren von Text (Annotation, Extraktion, Einsatz von OCR, Transkription von Quellen),
  • die Nutzung von E-Books (DRM, Funktionalitäten, Möglichkeiten und Beschränkungen bei der Nutzung, Anbieter und Plattformen),
  • die Verwendung von Lesegeräten (Tablet, PC, E-Reader und ihr Einsatz im wissenschaftlichen Lese- und Arbeitsprozess).

Die Zusammenfassung aus dem Konglomerat der verschiedenen Praktiken, Fragen und Erfahrungen aus der Diskussionsrunde wird anschließend in ein hausinternes Wiki aufgenommen. Hier entsteht eine Sammlung an Hinweisen zur Arbeitsorganisation, Entscheidungshilfen und konkreten Tipps und Tricks, die auch unabhängig von den Coffee Lectures erweitert werden kann und als Basis für die Vermittlung von Informations- und Informatikkompetenz für die Forschungspraxis am DHIP dient.

Ausblick

Organisatorische Herausforderungen bestehen vor allem im Umgang mit dem fluktuierenden Mitarbeiterkreis. Bedingt durch die in der Wissenschaft üblichen Zeitverträge können nie alle Forschenden sämtliche Angebote der Coffee Lectures gleichermaßen nutzen. Denkbar wären hier Wiederholungen für neue Promovierende und PostDocs und die Weiterentwicklung der Knowledge Base, um neue Mitarbeitende, die nicht an den früheren Terminen teilgenommen haben, dennoch von den Erfahrungen und Empfehlungen profitieren zu lassen. Alternativ denken wir über eine Form nach, die Ergebnisse der Coffee Lectures nicht nur intern, sondern auch frei zugänglich zu veröffentlichen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach einer Öffnung für einen institutsexternen Teilnehmerkreis – freilich verbunden mit einem deutlich höheren Arbeits- und Zeitaufwand. Die Bibliothek würde dadurch eine stärkere Außenwirkung erzielen und könnte mit der ihr eigenen Kernkompetenz Wissen über die Grenzen der Informations- und Wissenschaftssysteme beider Länder hinweg an einen eng definierbaren Adressatenkreis – z.B. französische Promovierende, die über Deutschland forschen – vermitteln.

Fazit

Hat sich das Modell der Coffee Lectures an einem Forschungsinstitut bewährt? Ja, absolut! Der relativ kleine, spezialisierte Adressatenkreis bildet kein Hindernis, sondern eine Chance für die Zusammenarbeit von Bibliothek und Wissenschaft. Die Coffee Lectures erhielten von Anfang an ein sehr positives Feedback. Hervorgehoben werden die freie Diskussion und die Möglichkeit, in einem gleichberechtigten Forum Fragen und Probleme des wissenschaftlichen Arbeitens ansprechen zu können. Dies hat dazu geführt, dass dieses Format am DHIP verstetigt wurde und nun zum festen Service-Angebot der Bibliothek gehört. Die rege Beteiligung seitens der Zielgruppe unterstreicht die Relevanz eines solchen Formats. Zwar schwanken die Teilnehmerzahlen, sie lagen aber von Beginn an über unseren Erwartungen.

Inhaltlich haben die Coffee Lectures gezeigt, wie unterschiedlich die individuellen Erfahrungsstände und Praktiken sind. Umso wichtiger ist das Nachbereiten durch die Bibliotheksmitarbeiter, um Best-Practice-Beispiele zu dokumentieren und in einer gemeinsamen Knowledge Base langfristig vorzuhalten. Präzise formulierte Themen, die um einen anschaulichen Gegenstand oder eine bestimmte Arbeitstechnik kreisen, sind der Diskussion sehr zuträglich, da die Beiträge der Teilnehmenden nicht planbar sind. Für den Serviceauftrag der Bibliothek können wir hingegen immer wieder Rückschlüsse ziehen, welche Bibliotheksangebote ausgebaut werden können und wo das Bibliotheksteam die Forschenden unterstützen kann. Mehrmals wurden Schulungsbedarfe und -wünsche in den Coffee Lectures ermittelt und im Anschluss weiterführende Workshops beispielsweise zu Literaturverwaltungsprogrammen angeboten. Außerdem hat das Format bereits Nachahmer gefunden: Im März 2019 fand nach dem Vorbild der Coffee Lectures ein abteilungsübergreifender Erfahrungsaustausch zum Zeitmanagement statt.

Sven Ködel, Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts Paris

Ulrike Blumenthal, Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts Paris

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/5592

Dieses Werk steht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 International

1 Zu Coffee Lectures in wissenschaftlichen Bibliotheken siehe zuletzt Ott, Katrin: Coffee Lectures: Snackable Content für Wissenschaftliche Bibliotheken: Definition, Geschichte und aktuelle Ausprägung, Erfurt 2019. Online: <https://doi.org/10.22032/dbt.39370>. Katrin Ott schließt in ihrer Studie Bibliotheken aus, deren Coffee Lectures länger als 30 Minuten in Anspruch nehmen, „da die Coffee Lectures per definitionem ein Kurzformat sind“. Vgl. Ebd., S. 12, Fußnote 49. Wir gehen von einem flexiblen Format ‚Coffee Lecture‘ aus, das sich in der Durchführung vom ursprünglichen und streng gefassten Modell entfernen kann.

2 Zu den theoretischen Grundlagen der Informationskompetenzvermittlung und deren Anwendung in Bibliotheken vgl. Homann, Benno: Informationskompetenz als Grundlage für bibliothekarische Schulungskonzepte, in: Bibliotheksdienst 34 (6), 2000, S. 968–978. Online: <https://digital.zlb.de/viewer/image/019591853_2000/528/>, Stand: 02.03.2020 sowie Franke, Fabian: Aufgaben und Organisation der Teaching Library, in: Griebel, Rolf u.a. (Hg.): Praxishandbuch Bibliotheksmanagement, Bd. 1, Berlin 2015, S. 495–512.

3 Stellvertretend sei hier nur auf die beiden besonders hilfreichen Blogs „La boîte à outils des historien·ne·s“ von Franziska Heimburger & Émilien Ruiz <https://www.boiteaoutils.info>, Stand: 02.03.2020 und das Blog des Center for Digital Archaeology <https://digitalarch.org/blog>, Stand: 02.03.2020 hingewiesen.