Zu Artikeldetails zurückkehren Rezension zu: Handschriften, Inkunabeln, Alte Drucke : Informationsressourcen zu historischen Bibliotheksbeständen / Klaus Gantert
Rezension: Gantert, Handschriften, Inkunabeln, Alte Drucke

Gantert, Klaus:
Handschriften, Inkunabeln, Alte Drucke : Informations­ressourcen zu historischen Bibliotheksbeständen / Klaus Gantert. – Berlin, Boston: De Gruyter, 2019. – VI, 494 Seiten : Illustrationen. – (Bibliotheks- und Informations­praxis ; Band 60). – ISBN 978-3-11-054420-6 : EUR 79.95 (auch als E-Book verfügbar)

Seinem Vorwort stellte Klaus Gantert den vor mehr als 1000 Jahren geäußerten Wunsch des Benediktinermönchs Froumund von Tegernsee voran, dass Gott ihn gut schreiben lassen möge, damit er keine Schläge kassiere. Um es vorwegzunehmen: Für sein fast 500 Seiten umfassendes Handbuch muss sich der vormalige Leiter des Fachbereichs Bibliothekswesen an der Münchner Hochschule für den öffentlichen Dienst in Bayern und nun Professor für Bibliothekswissenschaft mit dem Schwerpunkt Informationssysteme an der Hochschule Hannover gewiss nicht verprügeln lassen – ganz im Gegenteil!

Gantert präsentiert mit seinem Band die zentralen Informationsressourcen zu historischen Bibliotheksbeständen, deren Kenntnis für die geistes- und kulturwissenschaftliche Arbeit mit Originalquellen ebenso essenziell ist wie für die bibliothekarische Bearbeitung dieser Objektgruppen. Neben allgemeinen Informationsressourcen zu Altbeständen sowie den Verzeichnissen und Datenbanken zu Handschriften, Inkunabeln und historischen Drucken berücksichtigt der Autor auch die gängigen Rechercheinstrumente zu Sonderpublikationsformen wie historischen Zeitungen, Kinder- und Jugendbüchern, Einblattdrucken oder auch Funeralschriften. Des Weiteren widmet er den Informationsressourcen der Historischen Hilfswissenschaften und der Philologien ein eigenes Kapitel, in dem er zum einen Beschreibstoffe, Paläographie, Paläotypie, historische Einbände, zum anderen Initienverzeichnisse, historische Ortsnamenverzeichnisse oder Rechercheinstrumente für die Kalenderberechnung thematisiert. Alle sechs Teilkapitel beschließt immer ein Exkurs. Nur auf den ersten Blick ins Inhaltsverzeichnis erwecken diese den Eindruck erratischer Blöcke; bei der Lektüre entpuppen sie sich als gelungene Ergänzung zur Präsentation der jeweiligen Informationsressourcen. In konzentrierter Form beschäftigt sich Gantert darin mit Fragen und Problemen der automatischen Texterkennung, mit virtuellen Forschungsumgebungen, der Bestandserhaltung, der Provenienzforschung (mit einem Schwerpunkt auf nationalsozialistischem Raubgut), der Auftragsdigitalisierung und schließlich den Museen des Buchwesens, der Drucktechnik sowie der Medien. Ein umfangreiches Sach-, Orts- und Personenregister, ein Verzeichnis der behandelten Informationsressourcen sowie ein Literaturverzeichnis runden das Handbuch zweckmäßig ab.

Die Masse der gebotenen Informationen ist immens; der Rahmen und die Dimension des Handbuchs nötigen viel Respekt ab. Nicht zuletzt führt es den ebenso außergewöhnlichen wie erfreulichen Fortschritt bei der Erschließung historischer Sammlungsbestände in Bibliotheken vor Augen, der in den letzten 25 Jahren stattfand. Prinzipiell werden die einschlägigen Informationsressourcen jeweils eigens vorgestellt und in ihrer Genese, ihrem Umfang und ihrer Leistungsfähigkeit erläutert. Manche Textabschnitte fallen sehr umfangreich aus, andere wiederum handeln Themen kurz und bündig ab. Im Hinblick auf den Adressatenkreis dürfte es nur zielführend gewesen sein, den deutschen Verhältnissen eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Gleichwohl werden auch ausländische Verzeichnisse nicht ausgespart, wenn sie von besonderem Interesse sind und erst recht, wenn sie über eine internationale Relevanz für Wissenschaft und Forschung verfügen. Spezialisten werden sicherlich das eine oder andere Rechercheinstrument vermissen, manches mag in Gewichtung und Proportionierung diskutabel sein, aber die Auswahl ist Gantert fraglos nicht missraten: Sie ist in sich schlüssig und vermag ohne Abstriche zu überzeugen. Schließlich hebt sich die sprachliche Gestaltung seines Handbuchs von so manchen bibliothekarischen Publikationen der jüngsten Zeit wohltuend ab, die mit Denglisch-Lesequalen oder einem ökonomistischen „Plastikwortschatz“ die deutsche Sprache weit hinter die Gebrüder Grimm geworfen haben: Der Band ist gut geschrieben, die Lektüre einer eo ipso eher trockenen Materie eine Freude – hierzu in Besonderem und zu seinem Werk in toto kann man dem Autor nur gratulieren.

Sven Kuttner, Universitätsbibliothek der LMU München

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/5578

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