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Von Büchern und Bildschirmen

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Die Regensburger Konferenz Reading in a Digital Environment

Sollte ich mich vielleicht zumindest etwas unbehaglich und unzeitgemäß fühlen? Ich sitze im Zug, unterwegs nach Regensburg zu einer Konferenz mit dem Titel Reading in a Digital Environment – Media Use, Functional Literacies and Future Challenges for Universities (8. November 2019), veranstaltet von der Key Competencies Working Group der Universität Regensburg und der Internationalen Buchwissenschaftlichen Gesellschaft.1 Ich lese im Zug ein Buchkapitel zur Biografie des Humanisten Bartolomeo Platina (1421-1481), der in seinen letzten Lebensjahren für die neu organisierte päpstliche Bibliothek verantwortlich war. Lesen als Einstimmung auf die Konferenz ist sicher angemessen, aber bei dieser Gelegenheit mit einem Stapel Papierkopien und einem Textmarker herumhantieren? Muss ich da nicht froh sein, dass mich momentan niemand anderes aus dem Kreis der an der Konferenz Teilnehmenden beobachten kann?

Tatsächlich stellt sich im Laufe des Tages heraus, dass sich drei der insgesamt fünf längeren, aufgrund des zu einem beträchtlichen Teil internationalen Publikums durchweg englischsprachigen Redebeiträge mit Fragen befassen, die sich, wenn auch mit gewissen Akzentverschiebungen, gleichermaßen beim Lesen in analoger und beim Lesen in digitaler Umgebung stellen. Von meiner morgendlichen Lektüre zur frühneuzeitlichen Wissenschaftsgeschichte lässt sich sogar ein wunderbarer Bogen zur Konferenz schlagen: Seit dem späten 15. Jahrhundert müssen sich nämlich Historikerinnen und Historiker, wenn sie den vom päpstlichen Bibliothekar Platina verfassten Lebensabriss zu Papst Paul II. lesen, mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit Platinas vernichtendes Urteil über diesen Papst (von dem er zweimal in der Engelsburg eingekerkert wurde) vertrauenswürdig ist bzw. inwieweit andere, aus größerer Distanz heraus urteilende Quellen für eine vielleicht günstigere Beurteilung Pauls II. herangezogen werden müssen.

Dies ist durchaus vergleichbar mit der von Maik Philipp (Pädagogische Hochschule Zürich) in seinem Beitrag mit dem langen Titel Why Reading of Multiple (Digital) Documents Is That Complicated – and What Remedies This Pain: Proven Methods to Enhance Processes of Integration and Sourcing aufgeworfenen Frage, auch wenn er zur Illustration ein zeitgemäßeres Beispiel wählte: Soll man dem Text des Veganers vertrauen, der Soja als Vorbeugung gegen Herzerkrankungen empfiehlt, oder dem Text des Arztes, der Soja keinerlei derartige Wirkung zusschreibt? Aber ob nun Papst oder Soja: Wenn man sich lesend einen ausgewogenen Standpunkt erarbeiten will, spielt „sourcing“ eine zentrale Rolle – d.h. die Fähigkeit, anhand relevanter Metadaten (z.B. Expertenstatus, Lebenssituation, vermutliche Interessenlage des Autors; Veröffentlichungsumgebung: Verlag, Zeitschrift, Plattform; Aktualität des Textes) auf die Vertrauenswürdigkeit der Aussagen von Texten zu schließen. Als weitere Leistung, die beim adäquaten Umgang mit Texten erbracht werden muss, benannte Philipp die „integration“, d.h. die Fähigkeit, Informationen aus mehreren Texten zu einem Thema zu koordinieren: zu erkennen, inwieweit die Informationen übereinstimmen, sich ergänzen oder auch widersprechen.

Von beiden Kompetenzen – „sourcing“ und „integration“ – wird man, wie angedeutet, kaum behaupten können, dass sie sich als spezifische Erfordernisse erst im Rahmen von „reading in a digital environment“ ergeben haben; sie spielen vielmehr eine Rolle, seit Menschen gesprochene oder geschriebene Texte produzieren. Nicht zu leugnen ist aber sicher, dass es angesichts der Mühelosigkeit, mit der sich heutzutage elektronische Texte publizieren lassen, und angesichts der praktisch allgegenwärtigen Verfügbarkeit großer Mengen elektronischer Texte mit nur wenigen Mausklicks wichtiger denn je ist, diese Kompetenzen zu erwerben. Nachdem Phillip laut dem Titel seines Beitrags nicht nur erklären wollte, „why reading multiple (digital) documents is that complicated“, sondern auch Hinweise zur Bewältigung dieses Problems geben wollte („and what remedies this pain“), empfahl er, Studierenden als Hilfestellung beim „sourcing“ detaillierte Fragenkataloge vorzulegen, anhand derer die Verlässlichkeit eines Textes reflektiert und evaluiert werden kann. Mit Blick auf die „integration“ schlug er das Arbeiten mit unterschiedlichen Farben vor: die ein und demselben Text entnommenen Informationseinheiten jeweils in derselben Farbe codieren, die Informationseinheiten dann textübergreifend in Sachgruppen anordnen und anhand der unterschiedlichen Farben innerhalb der Sachgruppe erkennen, was die einzelnen Texte zu einzelnen Punkten aussagen.

Im Titel von Phillips Beitrag wies die Einklammerung „(digital)“ darauf hin, dass die angesprochenen Probleme nicht rein digitaler Natur sind. Im Beitrag von Peter Afflerbach (University of Maryland, Washington) kam dasselbe durch das koordinierende „print and digital reading“ zum Ausdruck: Examining Print and Digital Reading: The Importance of Readers’ Individual Differences. Obwohl in diesem Titel individuelle Unterschiede als bedeutsam hervorgehoben werden, prägte sich mir am nachhaltigsten ein weniger auf solche individuellen Unterschiede abhebendes (im Abstract nicht erwähntes) Experiment ein, das Afflerbach bereits mit mehreren Probandengruppen durchgeführt hatte und nun mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Konferenz wiederholte. Bei diesem Experiment wird man mit einem kurzen Sachtext konfrontiert, der nicht leicht zu verstehen ist, sofern man mit dem Sachgebiet nicht vertraut ist (wovon bei einem Großteil der Probanden auszugehen war); in diesem Fall handelte es sich um einen Text aus der Fachdisziplin Archäologie zu einem bestimmten Typus von Speerspitzen. Das Feedback aus den Probandengruppen heraus zeigt, dass es ein bestimmtes Repertoire häufig angewandter Strategien gibt, um einen solchen Text kognitiv zu bewältigen – z.B. die Art und Weise, wie ein der Orientierung dienliches „scanning“ und „skimming“ einerseits sowie die Konzentration auf einzelne, für das Verständnis besonders relevante Passagen oder sogar auf einzelne Begriffe andererseits kombiniert werden. Besonderen Wert legte Afflerbach im abschließenden Teil seines Beitrags darauf, dass das Gelingen des Lesens und Verstehens nicht nur kognitiv bedingt ist, sondern auch von Faktoren wie Motivation und Emotion abhängt. Freilich ist auch dies etwas, was gleichermaßen „traditional and digital forms of reading“ betrifft.

Den am stärksten auf „traditional forms of reading“ fokussierten Beitrag lieferte zum Abschluss der Konferenz Johannes Schneider (Universitätsbibliothek Leipzig). Unter Verweis auf mehrere seiner eigenen Publikationen warf er Schlaglichter auf die Kulturgeschichte des Lesens seit der frühen Neuzeit. Den im Titel seines Beitrags genannten Aspekt – Disrupted Reading – exemplifizierte er schwerpunktmäßig anhand von Porträts des 16. bis 18. Jahrhunderts, welche die Porträtierten jeweils mit einem Buch zeigen. Manchmal fungiert das Buch dabei als ein von einem spezifischen Leseakt unabhängiges Attribut, das auf die Bildung und Gelehrtheit der Porträtierten hinweisen soll. Manchmal ist es allerdings so eingebunden, dass es scheint, der Porträtierte sei eben im Akt des Lesens unterbrochen worden – z.B. wenn er das Buch in Händen hält oder sogar einen Finger, gewissermaßen einmerkend, ins Buch legt. Diese zwischen die Seiten geschobenen Finger stellten sich gegen Ende des Beitrags auch als ein Fingerzeig heraus, nämlich als Hinweis auf Schneiders demnächst erscheinendes Buch Der Finger im Buch: Die unterbrochene Lektüre im Bild. Das abschließend gezeigte Cover dieses Buches, monumental an die Wand projiziert, setzte mit Agnolo Bronzinos (1503-1572) Porträt eines jungen Mannes, der sich auf ein relativ kleinformatiges Buch geradezu aufstützt und die Finger fast gewaltsam ins Buchinnere schiebt,2 am Ende der Konferenz einen beeindruckenden ästhetischen Akzent. Ein Konferenzteilnehmer wollte von den Fingern im Buch über lat. digitus (Finger) eine Brücke in die digitale Welt lenken, wohin Schneider dann freilich nicht queren wollte.

Zwei der Beiträge bedurften keinerlei derartiger Brücken, da sie von vorneherein fest im digitalen Raum verankert waren. Ladislao Salméron (Universitat de València) warf zunächst kurz einen wehmütig-ironischen Blick zurück in die gute alte Zeit (?), als Bibliothekarinnen und Bibliothekare noch als vertrauenswürdige Wächter und Schlüsselbewahrer („reliable gatekeepers“) an den Pforten positioniert waren, hinter denen das Wissen gehortet war, um sich dann trotz des eher allgemeinen Titels Fostering Undergraduate Studentsʼ Information Evaluation on the Internet mit einem ganz spezifischen Missstand zu befassen: nämlich dem Missstand, dass Studierende, wenn sie sich informationssuchend dem verführerisch wächterlos offen stehenden Google-Imperium ausliefern, sich bei der Evaluation der Trefferlisten oder SERPs (Search Engine Results Pages) häufig unkritisch auf die Reihenfolge verlassen, in der die Treffer angezeigt werden, und sich vorrangig mit den die Liste anführenden Treffern befassen. Aufgebrochen werden kann diese Routine, so Salméron, wenn man die Augenbewegungen von Studierenden, die sich bereits eine kritischere Sichtung der SERPs angwöhnt haben, auf kurzen Videos festhält (sog. EMMEs, d.h. Eye-Movements Modelling Examples) und diese Videos dann den noch auf das Google-Ranking fixierten Studierenden zeigt. Die Videos führen bei diesen zu einem stärker reflektierten Umgang mit SERPs und letztlich dazu, dass sich unter den als Informationsquellen ausgewählten Webseiten ein höherer Prozentsatz an vertrauenswürdigen Quellen befindet.

Ganz auf das Lesen in digitaler Umgebung bzw. auf die kontrastive Gegenüberstellung der Lektüre gedruckter und digitaler Dokumente fokussiert war schließlich der Beitrag von Anne Mangen (Universitetet i Stavanger): Reading on Paper and Screens: What Do We Know, and What Should We Know More About? Mangen war als Vorsitzende der Forschungsinitiative E-READ (Evolution of Reading in the Age of Digitisation, 2014-2018) führend an der Stavanger Declaration Concerning the Future of Reading3 beteiligt, deren Befunde und Forderungen auch in ihrem Regensburger Beitrag eine zen­trale Rolle spielten. Aufgrund der fundamentalen und weitreichende Fragen aufwerfenden Aspekte, die in ihm abgehandelt wurden, warf dieser Beitrag gleich zu Beginn der Konferenz einen mächtigen Schatten, aus dem herauszutreten für die folgenden Referenten vermutlich nicht ganz leicht war. Von einem metaphorischen Schatten ist man auch deshalb versucht zu sprechen, weil die zunehmende Bedeutung digitaler Dokumente Mangen und der Stavanger-Erklärung zufolge keineswegs nur als Verheißung einer schönen neuen Welt der Informationsfülle verstanden werden darf, sondern mit erheblichen Gefahren für die Zukunft des Lesens verbunden ist.

Einem der zunächst von Mangen referierten Experimente zufolge ergab sich nach der Lektüre einer Kriminalerzählung entweder über ein herkömmliches Taschenbuch oder über Kindle, dass die Mitglieder der Taschenbuch-Probandengruppe bei Testfragen zum Ablauf des Plots besser abschnitten als die der Kindle-Gruppe. Wie Mangen weiter berichtete, bestätigen Studien, die über den doch beträchtlichen Zeitraum von 2000 bis 2017 durchgeführt wurden, diese Überlegenheit des Lesens gedruckter Dokumente – und zwar gerade dann, wenn es um für Bildung und Berufstätigkeit essenzielle situative Kontexte geht: wenn nämlich komplexe Sachtexte oder längere Texte innerhalb eines beschränkten Zeitrahmens rezipiert werden müssen. Noch bedenklicher wird der Befund, wenn man berücksichtigt, dass diejenigen Testgruppen, die das Lesen in seiner konventionellen Form betrieben, im Laufe der Jahre ihren Vorsprung sogar verbesserten. Die Erwartung, dass spätestens „digital natives“ elektronische Texte so souverän und effizient kognitiv verarbeiten wie frühere Generationen gedruckte Texte, hat sich also keineswegs erfüllt.

Da einerseits die zunehmende Digitalisierung des Lesestoffes nicht aufzuhalten ist und andererseits die Kulturtechnik einer erfolgreichen kognitiven Auseinandersetzung mit längeren Texten keinesfalls verloren gehen darf, stellt sich – so Mangen bzw. die Stavanger-Erklärung – die enorme Herausforderung, möglichst umfassend zu erforschen, worauf genau die Unterlegenheit der Bildschirmdarbietung („screen inferiority“) beruht, wenn es um Textverständnis geht. Auf dieser Basis können dann Werkzeuge und Strategien entwickelt werden, um die angemessene Rezeption elektronischer Texte zu erleichtern. Denn es sollte sich nicht fortsetzen, was unlängst eine in Norwegen und den USA durchgeführte Studie konstatierte – dass nämlich auf die Fähigkeit, besonders lange Texte (Romane, Lehrbücher) zu rezipieren, in der Hochschulausbildung immer geringerer Wert gelegt wird.

Zu begrüßen wäre es gewesen, wenn sich ein weiterer Vortrag auf der Tagung mit der Frage beschäftigt hätte, inwieweit Lesende in einem akademischen Umfeld (also Studierende, Forschende und Lehrende) sich noch mit bedrucktem Papier und Stiften zum Annotieren bzw. Markieren abgeben und inwieweit sie in zunehmendem Maße elektronische Dokumente nutzen – und wenn letzteres vorliegt, wie sie mit solchen Dokumenten umgehen (abspeichern, markieren/annotieren, über Copy & Paste Exzerpte anlegen, Teile doch wieder ausdrucken?) und wie ein E-Book ihrer Meinung nach idealerweise konzipiert sein sollte. Interessante Fragestellungen gäbe es auch in Situationen, in denen zunächst nur Print verfügbar ist: Erzeugen die Lesewilligen dann selbst E-Dokumente durch Einscannen und Konvertierung zu Volltext durch OCR-Software? Oder wird mit einem geeigneten Lesestift zumindest ein elektronisches Exzerpt erzeugt?

Da die fünf Vorträge durch eine Poster Session am Nachmittag ergänzt wurden, war glücklicherweise angesichts der Fülle der dort vorgestellten Projekte die Chance groß, dass Inhalte, die man persönlich bei den Redebeiträgen vermisst hatte, zumindest hier angeschnitten wurden. Mein besonderes Interesse galt deshalb zwei tschechischen Poster-Darbietungen: einmal dem Vorhaben, aus der Art und Weise, wie Wissenschaftler/innen derzeit noch gedrucktes Material annotieren, Konsequenzen für die Entwicklung von E-Books abzuleiten (Michal Lorenz, Masaryk University, Brünn) und zum anderen der „Vision“ der ebenfalls in Brünn angesiedelten Firma next-book: „Next-book does not assume any reading device, publishing process or business model. It assumes only the use of a modern web browser.“ Gemäß dieser noch etwas unscharfen Vorstellung sollen also möglichst wenig proprietäre Software, spezielle E-Book-Reader oder komplizierte Registrierungsformalitäten den Zugang zu E-Books erschweren. Kontakte geknüpft hat next-book bisher freilich nur zu kleinen Verlagen, so dass man sich fragen muss, inwieweit die Vision tatsächlich Auswirkungen auf die Zukunft des elektronischen Lesens haben wird.

Es war diese nur eine von mehreren Fragen, die ich aus der Konferenz mitnahm auf die Heimfahrt, auf der ich aus der Welt der E-Books wieder zu Papierkopien und Textmarker wechselte. Aber vielleicht sieht das bei einer zukünftigen Bahnreise schon ganz anders aus.

Peter Stoll, UB Augsburg

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/5570

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1 Informationen und Programm der Tagung unter <https://www.uni-regensburg.de/bibliothek/veranstaltungskalender/reading2019/>, Stand: 28.01.2020.

2 Das Porträt befindet sich heute im New Yorker Metropolitan Museum of Art, vgl. <https://www.metmuseum.org/de/art/collection/search/435802>, Stand: 28.01.2020.

3 E-READ, Stavanger Declaration Concerning the Future of Reading, <http://ereadcost.eu/wp-content/uploads/2019/01/StavangerDeclaration.pdf>, Stand 28.01.2020.