Zu Artikeldetails zurückkehren Rezension zu: Das Bibliothekswesen in der Romania / herausgegeben von Ricarda Musser und Naoka Werr
REZ Musser/Werr (Hrsg.), Das Bibliothekswesen in der Romania

Das Bibliothekswesen in der Romania / herausgegeben von Ricarda Musser und Naoka Werr. – Berlin, Boston : De Gruyter Saur, 2019. – XV, 403 Seiten : Illustrationen. – (Bibliotheks- und Informationspraxis ; Band 66). – ISBN 978-3-11-052713-1 : EUR 99.95 (auch als E-Book verfügbar)

Der Sammelband „Das Bibliothekswesen in der Romania“, herausgegeben von Ricarda Musser (Leiterin des Medienreferates im Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin) und Naoka Werr (Stellvertretende Fachbereichsleiterin am Fachbereich Archiv- und Bibliothekswesen der Hochschule für den öffentlichen Dienst in München), umfasst Darstellungen zu 35 romanischen Ländern in Afrika, Europa, der Karibik und Lateinamerika.

In einigen Beiträgen werden mehrere Länder vergleichend betrachtet (Monika Schade: Bibliotheken im frankophonen West- und Zentralafrika, S. 131-157; Ricarda Musser: Bibliotheken im lusophonen Afrika und die Herausforderungen des kolonialen Erbes, S. 159-180); die meisten Aufsätze widmen sich aber dem Bibliothekswesen eines Landes. Auf eine Zusammenfassung der einzelnen Beiträge wird im Folgenden bewusst verzichtet; eine solche findet sich im Vorwort (S. V-X).

Die Beiträge sind nach Kontinenten bzw. Regionen gruppiert und innerhalb dieser alphabetisch angeordnet. Eine entsprechende Sortierung der Kontinente und Regionen (Afrika – Europa – Karibik – Lateinamerika anstelle von Europa – Afrika – Lateinamerika – Karibik) wäre konsequent gewesen. Dies mindert jedoch nicht den sehr lobenswerten Ansatz, einen großen Teil des Bandes (ca. 270 Seiten) den nichteuropäischen Ländern zu widmen.

Die Mehrzahl der Aufsätze hat eine vergleichbare Struktur: Nach einem kurzen historischen Rückblick wird in der Regel zunächst die Nationalbibliothek (gelegentlich sind es mehrere Nationalbibliotheken) vorgestellt, danach ein Blick auf Universitätsbibliotheken und öffentliche Bibliotheken geworfen und über digitale Angebote berichtet, um mit Informationen zu bibliothekarischen Verbänden und zur bibliothekarischen Ausbildung zu schließen. Die rechtlichen Grundlagen des Bibliothekswesens in den einzelnen Ländern werden dabei jeweils mit behandelt. Die relative Gleichförmigkeit in der Struktur der Aufsätze macht eine durchgängige Lektüre von der ersten bis zur letzten Seite eher mühsam. Andererseits liegt gerade hier eine der großen Stärken des Bandes, denn es wird dadurch erleichtert, das Bibliothekswesen ausgewählter Länder vergleichend zu betrachten.

Ein großes Verdienst dieser Publikation ist es, Informationen zu Ländern zusammengetragen zu haben, zu denen es keine – oder doch keine neueren – Studien gibt. Gerade die Beiträge zu den afrikanischen und karibischen Bibliotheken sind in dieser Hinsicht außerordentlich erhellend. Der Band erhebt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit (S. V), und es hätte wohl auch den Rahmen dieses Überblickswerkes gesprengt, das Bibliothekwesen sämtlicher romanischer Länder zu behandeln. Gleichwohl hätte man sich noch einen Beitrag zu Québec erhofft, der einzigen Region Nordamerikas mit einer frankophonen Mehrheit.

Die Autorinnen und Autoren der Beiträge sind ausgewiesene Spezialistinnen und Spezialisten für die von ihnen beschriebenen Bibliothekssysteme. Die Qualität der einzelnen Darstellungen ist in der Regel sehr hoch. An einigen wenigen Stellen wären jedoch Belege für grundsätzliche Äußerungen wünschenswert gewesen. So schreibt beispielsweise Alexander H. T. Schultheis (Land ohne Leser: Zum Bibliothekswesen in Chile, S. 248): „Das Lesen gehört nicht zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Chilenen.“ Es stellt sich die Frage, worauf diese Aussage basiert. Auf Umfragen zu beliebten Freizeitbeschäftigungen? Auf dem Abschneiden Chiles in der PISA-Erhebung von 2015 im Bereich Lesekompetenz? Hier bleibt der Autor den Leserinnen und Lesern eine Antwort schuldig.

Einzelne Autorinnen und Autoren ziehen zur Einordnung der von ihnen behandelten Länder den „Human Development Index“1 heran (z.B. Ricarda Musser: Bibliotheken im lusophonen Afrika und die Herausforderungen des kolonialen Erbes, S. 159-180; Britta Steinke: Das Bibliothekswesen in Haiti, S. 369-379) und erlauben so interessante Einblicke in das Verhältnis zwischen Lebenserwartungsindex, Bildungsindex und Lebensstandard auf der einen und der Entwicklung des Bibliothekswesens auf der anderen Seite.

In keinem Beitrag wird jedoch die Position der behandelten Länder im „Press Freedom Index“ genannt. Ein Beispiel: Im Index 2019 belegt Kuba den 169. von 180 Plätzen, womit eine besonders starke Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit nachgewiesen ist.2 Christoph Müller betont gleichzeitig in seinem Beitrag (Stabilität im Wandel: Bibliotheken in Kuba, S. 381-388), dass Kuba über ein gut entwickeltes, staatlich konsequent unterstütztes Bibliothekswesen verfügt. Wie es hier mit einer eventuellen Einflussnahme des Staates und mit dem freien Zugang zu Informationen aussieht, bleibt leider in dem dennoch sehr lesenswerten Beitrag unbeantwortet.

Die typografisch gut hervorgehobenen Zitate werden in der Regel nicht übersetzt, auch wenn sie in weniger geläufigen Sprachen vorliegen. Entsprechende Sprachkenntnisse sind daher bei der Lektüre von Vorteil, allerdings keine zwingende Voraussetzung. Auf die wenigen Abbildungen in diesem Band hätte man gut verzichten können: Weder sind sie qualitativ hochwertig, noch tragen sie nennenswert zur Verdeutlichung des Inhaltes bei; allerdings stören sie auch den Lesefluss nicht.

Trotz einzelner Kritikpunkte stellt dieses Überblickswerk über das außerordentlich vielfältige Bibliothekswesen in der Romania einen sehr wertvollen Beitrag zur Fachdiskussion dar. Insbesondere wer sich über das Bibliothekswesen außereuropäischer Länder und Regionen dieses Sprachraums informieren möchte, wird es als erste Anlaufstelle sehr zu schätzen wissen. Die Beiträge sind zum Teil mit recht ausführlichen Literaturverzeichnissen versehen und können als Ausgangspunkt zu weiterführender Forschung dienen. Es ist diesem Buch zu wünschen, dass es als Grundlagenwerk eine breite Rezeption sowohl in bibliothekarischen Ausbildungsstätten als auch in den romanistischen Instituten des deutschsprachigen Raumes findet.

Inga Gerike und Dominik Schmidt, UB Bamberg

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/5566

Dieses Werk steht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 International.

1 Human Development Index, <https://countryeconomy.com/hdi>, Stand: 04.01.2020.

2 2019 World Press Freedom Index, Reporters Without Borders, <https://rsf.org/en/ranking/2019>, Stand: 04.01.2020.