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Grenzen überwinden – Netzwerke gestalten

7. Tag der Bibliotheken in Berlin und Brandenburg am 14. September ­an der TU Berlin

Nach eineinhalb Jahren Vorbereitungszeit war es am 14. September 2019 um 9 Uhr endlich soweit. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer betraten das Architekturgebäude der TU Berlin und konnten sich an der Anmeldung bei den netten Kolleginnen ihr Namensschild abholen. Ein letzter Blick in das Programm und der nunmehr siebte Tag der Bibliotheken in Berlin und Brandenburg unter dem Motto „Grenzen überwinden – Netzwerke gestalten“ konnte starten.

Die Grußworte

Der Tag der Bibliotheken in Berlin und Branden­burg ist inzwischen in der Region zu einer echten Institution für einen sparten- und länderübergreifenden Fachaustausch geworden, wie Karen Schmohl in ihrer Begrüßung für die veranstaltenden Verbände betonte. Darüber hinaus sind Veranstaltungen wie diese aber auch wertvolle Maßnahmen, um die Wahrnehmung der Bedeutung und der Belange von Bibliotheken in der Politik zu steigern. Die Tatsache, dass Dr. Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa in Berlin, ­­sich trotz der fast zeitgleich anstehenden Feierlichkeiten im Humboldt-Forum anlässlich Alexander von Humboldts 250. Geburtstags bereit erklärt hatte, das Grußwort für die Veranstaltung zu halten, belegt dies sehr gut.

In seiner Rede hob der Senator anfangs die Vorteile von Vernetzung und fachlichem Austausch für die Weiterentwicklung von Bibliotheken und Informationseinrichtungen hervor. Auf das Motto des Tages der Bibliotheken Bezug nehmend betonte er die gesellschaftspolitische Bedeutung von Bibliotheken und anderen Kulturerbe-Institutionen. 30 Jahre nach der friedlichen Revolution, die schließlich zur Öffnung der deutsch-deutschen Grenze führte, griffen populistische und antidemokratische Tendenzen in Deutschland wieder Raum. Um diesen Tendenzen zu begegnen, komme Bibliotheken eine besondere Rolle zu, denn sie bieten einen niedrigschwelligen Zugang zu Wissen und Informationen und sind als „dritte Orte“ Foren des Austausches und der Begegnung. Als solche könnten sie einen Beitrag dazu leisten, die kulturelle Offenheit des Landes und den sozialen Zusammenhalt zu verteidigen und zu festigen. Die abschließenden Ausführungen galten der durch den Berliner Senat angestoßenen Bibliotheksentwicklungsplanung: Ein spannender partizipativer Prozess, der das Berliner Bibliotheksnetzwerk für die Zukunft neu aufstellen soll und viele Teilnehmende beim diesjährigen Tag der Bibliotheken in Berlin und Brandenburg beschäftigt hat.

Die hohe politische Bedeutung von Bibliotheken griff anschließend auch für die gastgebenden Bibliotheken Prof. Dr. Dörte Schmidt vom Institut für Musikwissenschaft der Universität der Künste in ihrem Grußwort auf: „Bibliotheken haben eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht vor der eigenen Tür endet!“ Eindringlich warb Prof. Schmidt dafür, die aktuellen Herausforderungen gemeinsam anzugehen und verwies in diesem Zusammenhang auf den durch den Rat für Informationsinfrastrukturen angestoßenen Aufbau einer vernetzten nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI).

RiffReporter – Festvortrag von Christian Schwägerl

Die politische Rolle von Bibliotheken und ihre Nähe zum Journalismus stellte anschließend der Journalist Christian Schwägerl, Mitgründer­ von RiffReporter – die Genossenschaft für freien Journalismus –, in den Mittelpunkt seines Festvortrages. RiffReporter ist ein Netzwerk unabhängiger freier Journalistinnen und Journalisten, die über gesellschaftspolitische Themen schreiben. Aus seiner Sicht verbindet den Journalismus und die Bibliotheken die Aufgabe, als unabhängige Akteure der aktuellen Polarisierung in der Gesellschaft entgegenzuwirken. Dies gelinge, indem sie Wissen vermitteln, die gesamte Gesellschaft ansprechen und sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen. Allerdings verbinde beide Institutionen, so Schwägerl, auch ein ständiger Kampf um die eigene Existenz.

Dass Bibliotheken und Journalismus nicht nur eine ähnliche gesellschaftliche Rolle einnehmen, sondern voneinander profitieren können, zeigt die Kooperation der RiffReporter mit der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB). Journalistinnen und Journalisten verlegen im Rahmen dieser Kooperation für einige Stunden oder auch mehrere Tage ihren Schreibtisch in die ZLB. Hier sind sie für Bibliotheksbesucherinnen und -besucher persönlich ansprechbar. Außerdem arbeitet man in gemeinsamen Workshops beispielsweise an Wikipedia-Einträgen zur Umweltverschmutzung und prüft diese auf ihre Richtigkeit. Journalismus und Bibliotheken kommen so nicht nur räumlich zusammen, sondern zeigen auch ihre gemeinsamen Stärken.

Eine Fishbowl zum Bibliotheksentwicklungsplan

Den Blick in die Zukunft wagten Prof. Dr. Andreas Degkwitz, Beate Rusch, Cornelia Stabrodt und Thomas Stierle in der anschließenden Fishbowl „Eine vernetzte Bibliothekslandschaft für Berlin. Positionspapier des Landesverbands Berlin im dbv – Gemeinsame Diskussion über Chancen, Möglichkeiten und Grenzen“. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Diskussion waren sich einig, dass das strategische Zusammendenken von öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken, wie es im Positionspapier des Landesverbandes Berlin im dbv gefordert wird, ein wichtiger Baustein für die Bibliotheken der Hauptstadt ist. In der Fishbowl machte Cornelia Stabrodt auch darauf aufmerksam, dass es in Brandenburg bereits einen ähnlichen Prozess gab und dieser in ein Strategiepapier für die Brandenburger Bibliothekslandschaft mündete. Allerdings wäre die Schaffung eines Bibliotheks­gesetzes rückblickend die bessere und effektivere Alternative gewesen. Einen ganz anderen Aspekt der Vernetzung brachte Andres Imhof ein, in dem er ein „eduroam“ – einen grenzüberschreitenden sicheren Zugang zum WLAN – für alle forderte.

In der Diskussionsrunde, ergänzt durch Beiträge von Heike Schmidt und Frauke Mahrt-Thomsen, wurde deutlich: Es kommt immer auf die gesetzten Standards, eine ausreichende und dauerhafte Finanzierung von Bibliotheken sowie eine stärkere Vernetzung der verschiedenen öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken untereinander an.

Die Inhalte der ersten Nachmittagssession

Nach den spannenden bibliothekspolitischen Diskussionen vom Vormittag ging es erst einmal für alle in die Mittagspause. Nach einer kleinen Stärkung konnte man am Nachmittag zwischen „Lego Serious Play Workshops“ und zwei unterschiedlichen Vortragspanels wählen. In den „Lego Serious Play Workshops“ – geleitet von Cornelia Vonhof sowie Tobias Falke – lernten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein neues Kreativ- und Moderationsformat kennen, in dem mit Hilfe von Legosteinen neue Strategien, Geschäftsfelder oder Problemlösungen entwickelt werden.

Im Hörsaal diskutierte der Berliner Arbeitskreis Information mit Prof. Frauke Schade, Petra Strunk und Tania Estler-Ziegler über „Lebenslanges Lernen und Weiterbildung im Zeitalter der Digitalisierung“. Hier wurden etwa Fragen der berufsbegleitenden Fort- und Weiterbildung, dem Verhältnis zu „Quereinsteigenden“ oder auch zur Zukunft der Berufsbezeichnung „Bibliothekar/in“ diskutiert. Anschließend berichtete Nadin Sternberg (Fouqué-Bibliothek Brandenburg an der Havel) über das Projekt „Hör(t)bücher“, bei dem Hörbücher mit Jugendlichen aus unterschiedlichen Herkunftsländern erstellt wurden. Am Ende des ersten Panels stellte Kathrin Hartmann (dbv-Bundesgeschäftsstelle) die Kampagne „Netzwerk Bibliothek“ des dbv vor.

Parallel dazu konnte man sich über das Netzwerk „Grüne Bibliothek“ informieren. Hier wurden zum Beispiel das stromerzeugende Fahrrad in der Philologischen Bibliothek der Freien Universität Berlin oder Urban-Gardening-Projekte in unterschiedlichen Bibliotheken vorgestellt. In einer Gesprächsrunde und einem Workshop wurde anschließend der fachliche Austausch des Arbeitskreises OPL Berlin – Brandenburg sowie zwischen den Berliner Schulbibliotheken (AGSBBB e.V.) und Bezirks­bib­lio­theken gefördert.

Die Inhalte der zweiten Nachmittagssession

Nach der Kaffeepause ging es in einen recht sportlichen Endspurt: Neben Bibliotheksführungen in der Bereichsbibliothek „Architektur und Kunstwissenschaft“ der TU Berlin, den Universitätsbiblio­theken der TU und der UdK Berlin, der Stadtbibliothek Charlottenburg-Wilmersdorf sowie dem Verwaltungsinformationszentrum Charlottenburg-Wilmersdorf stellte in der Session „Lebenslanges Lernen“ Ursula Jäcker das E.T.A. Hoffmann Portal der Staatsbibliothek zu Berlin vor. Dieses macht mit ganz unterschiedlichen Angeboten, wie etwa speziellen Lernmodulen für die Schule, das Leben und Wirken E.T.A. Hoffmanns einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Wenke Zeibe und Marie-Christin Pangritz (Medienzentrum Ostprignitz-Ruppin, Neuruppin) berichteten im Anschluss in ihrem Vortrag „Neue Medien – neues Lernen. Medienkompetenztage in Neuruppin“ von dem vielfältigen Angebot zur Stärkung der Medienkompetenz. Den Abschluss bildete Beate Detlefs (Patientenbibliothek CCM). Sie zeigte Fotos aus öffentlichen Bibliotheken Helsinkis und fragte danach, was eigentlich so besonders an finnischen Bibliotheken sei.

In der Session „Vernetzung“ wurden verschiedene Projekte aus öffentlichen Bibliotheken vorgestellt und diskutiert: Artem Bezukladnikov (Absolvent der FH Potsdam) stellte seine Bachelorarbeit zum Thema „Kooperationsmöglichkeiten von öffentlichen Bibliotheken und Jobcentern“ insbesondere im Bereich Informationskompetenzvermittlung für Arbeitslose vor. Gleichzeitig zeigte er die Gründe auf, die eben solchen Kooperationen bisher im Wege stehen. Valentina Mazzola (Anna-Seghers-Bibliothek, Berlin-Lichtenberg) lenkte den Blick auf die „Nutzergruppe Jugendliche – Verhalten in schwierigen Situationen“. Als Erfolgsfaktoren bei der Jugendarbeit betonte sie vor allem Kooperationen mit anderen Jugendeinrichtungen im Stadtteil. Den letzten Vortrag der Session hielt Tim Schumann (Stadtbibliothek Pankow) über die „Essbare Bibliothek“. Er bot viele Ansätze, wie man heiße Sommer­tage in Bibliotheken z.B. für den Anbau von Pflanzen nutzen kann und welche Möglichkeiten für ein ganzheitliches Lernen das Gärtnern in der Bibliothek bereithält. In einem interaktiven Vortrag entwarfen Pixel Saloon konkrete Ideen für die Verbesserung des VÖBB-Portals aus Nutzersicht. Digitale Services, wie etwa Apps für die Medienausleihe und Ortung in der Bibliothek, gehören hier ebenso dazu wie das Finden von Medien und Bibliotheken in der Nähe.

Fazit

Der 7. Tag der Bibliotheken in Berlin und Brandenburg unter dem Motto „Grenzen überwinden –­­ Netzwerke gestalten“ zeigte wieder eindrucksvoll die Bandbreite der Initiativen und Aktivi­täten in den wissenschaftlichen und öffent­lichen Bibliotheken beider Bundesländer auf. Ganz im Sinne seines Mottos unterstrich er die Bedeutung von Austausch und Kooperationen untereinander, aber auch mit anderen Akteuren. Nicht zuletzt wurde die politische Bedeutung von Bibliotheken deutlich. Das sollte Ansporn genug sein, auch für die Zukunft weitere Tage der Bibliotheken in Angriff zu nehmen.

Indra Heinrich, Staatsbibliothek zu Berlin – ­Preußischer Kulturbesitz, Vorstand des Regionalverbands Berlin – Brandenburg

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2019H4S232-236