Zu Artikeldetails zurückkehren Ergebnisse des Impulscafés der Kommission für forschungsnahe Dienste auf dem Bibliothekskongress 2019
Stille et al., Ergebnisse des Impulscafés der Kommission für forschungsnahe Dienste

Ergebnisse des Impulscafés der Kommission für forschungsnahe Dienste auf dem Bibliothekskongress 2019

Mit rund 60 Teilnehmenden war das Podium der Verbände mit seinen 20 Sitzplätzen am Mittwochnachmittag mehr als nur gut besucht. Wir – die Kommission für forschungsnahe Dienste – hatten uns natürlich reges Interesse an unserer Arbeit erhofft. Nach all der positiven Resonanz, die uns bereits im Vorfeld der Veranstaltung erreichte, war zwar wahrscheinlich, dass das Podium nicht leer bleiben würde, aber mit so einem Ansturm hatten wir tatsächlich nicht gerechnet. Umso intensiver war die Arbeit in den darauf folgenden anderthalb Stunden: Kurze Eingangsimpulse der Kommissionsmitglieder zu fünf Themengebieten, anschließend zwei Runden à 25 Minuten, in denen die jeweiligen Kommissionsmitglieder mit Besucherinnen und Besuchern diskutierten und Anregungen und Wünsche für die künftige Kommissionsarbeit notierten. Die fünf vorgestellten und diskutierten Themen waren Forschungsdaten/Open Science (Annette Strauch), Bibliometrie (Caroline Leiß), Metadaten (Stefan Farrenkopf), Digital Humanities (Timo Glaser) und Unterstützung des Forschungsprozesses bzw. eigene Forschung in Bibliotheken (Wolfgang Stille). 

Eine stichwortartige Ergebnissicherung in Form eines Transkripts der beim Impulscafé verwendeten Flipcharts findet sich bereits öffentlich zugänglich auf dem OPUS-Publikationsservers des BIB.1An dieser Stelle möchten wir etwas ausführlicher auf die sich ergebenden Ideen und Diskussion eingehen.

Abb Impulscafe

Forschungsdaten / Open Science

Bei Gesprächen zum Forschungsdatenmanagement in zwei Diskussionsgruppen wurde über ein nachhaltiges Forschungsdatenmanagement im Kontext forschungsnaher Dienste und der Aufgabe der wissenschaftlichen Bibliotheken in diesem Bereich für die Forschung frei nach dem Motto „Bad Libraries build collections. Good libraries build services (of which a collection is only one). Great libraries build Communities.” diskutiert.2

Die beiden Leitfragen der Diskussion waren zum einen, wie Bibliotheken Forscherinnen und Forscher von der Forschungsidee bis zur Publikation eines Forschungsdatums bestmöglich unterstützen können. Der zweite Anregungspunkt war, dass im Forschungsdatenmanagement „Open“ sehr oft nicht möglich ist. Bei sensiblen Daten in der qualitativen Sozialforschung und in den qualitativen Geisteswissenschaften ist das beispielsweise so. Ein längerer Austausch fand statt, wie sich Bibliotheken mit ihren forschungsunterstützenden Services, z.B. in Kooperation mit dem Datenschutzbeauftragten der Universität, auf rechtliche Fragen im Forschungsdatenmanagement vorbereiten sollten, damit sich Forscherinnen und Forscher nicht mit dem Thema Open Science alleingelassen fühlen.

Zunächst wurde als eine immer noch essentielle Aufgabe der wissenschaftlichen Bibliotheken im Bereich Forschungsdatenmanagement die Sensibilisierung der Forscherinnen und Forscher zum Thema genannt, denn im Gespräch stellte sich heraus, dass die „Awareness” an einigen Universitäten, nach wie vor, stärker als an anderen vorhanden ist. Eine Universitätsbibliothek sollte also als Dienstleister im Bereich Services für forschungsnahe Dienstleistungen zunächst bestmöglich vermitteln können, warum das Forschungsdatenmanagement wichtig ist und was (Open) Science bedeuten kann, nämlich dass alle Daten eine wichtige Basis für die wissenschaftliche Arbeit darstellen. „Sloppy science” kann durch akkurates Datenmanagement vermieden werden. Deshalb müssen Forschungsdaten von der Generierung bis zur Publikation im herkömmlichen Sinne, aber auch hinsichtlich einer Datenpublikation dokumentiert werden, indem anerkannte Standards benutzt werden. Auf die fehlenden Arbeiten und Unterstützungsangebote hinsichtlich Metadaten und Metadatenschemata wurde hingewiesen.

Wissenschaftliche Bibliotheken wurden in beiden Diskussionsgruppen als Orte forschungsunterstützender Arbeit gesehen, in denen es Auskunft, beispielsweise Einzelberatungen zu Metadaten, Open Access und Open Source geben sollte.  Neben Einzelberatungen, nicht nur zu Open Science, sondern zu allen Themen entlang des „Data Life Cycle”, des Domänenmodells, prozessorientiert und immer auch in Netzwerken und den Communities of Practice gedacht, sollten Schulungen in diversen Formaten (z.B. Coffee Lectures, generische Workshops, fachspezifische und fächerübergreifende Tagungen) zum Forschungsmanagement stattfinden. Themen dieser Schulungen könnten eine allgemeine Einführung sein, aber auch Datenschutz, Datenmanagementpläne sowie Langzeitarchivierung von Forschungsdaten. Das in Bielefeld seit Februar 2019 existierende Kompetenzzentrum für Forschungsdatenmanagement wurde als Beispiel genannt.3 Hier wird es im Sommersemester 2019 verschiedene Veranstaltungen geben, inklusive eines Workshops zu Datenmanagementplänen und zur Nutzung von RDMO. Ein anderes Seminar wird sich mit Gitlab und Forschungssoftware beschäftigen. In der Diskussion wurde der Wunsch genannt, dass bei den FDM-Services, die von den Bibliotheken oder Kompetenzzentren angeboten werden, die Player aus den Rechenzentren und die Forscherinnen und Forscher gut integriert werden.

Der 2. Open-Science-Workshop der MLU Halle-Wittenberg Ende März 2019 wurde ebenfalls angesprochen.4 Themen waren Open Access, Forschungsdaten, Langzeitarchivierung, Datenschutz, Urheberrecht sowie Open Educational Resources. Es gab in Halle bereits Veranstaltungen im Format „Coffee Lectures” zu allen Themen entlang des Datenlebenszyklus. Weitere Unterstützungsangebote und Vermittlung für Kompetenzen im Bereich Strukturieren und Ordnen von Forschungsdaten (z.B. aus dem Bereich der Medizin) wurden erbeten sowie ein besserer Support im Bereich Publikationen innerhalb des gesamten E-Science-Infrastrukturbereichs der Bibliotheken. Die Empfehlungen Bausteine Forschungsdatenmanagement5 haben sich in dem Bereich bereits als nützlich erwiesen.

Auch Forschungsdaten sollten in Universitätsbibliographien abgelegt werden, zumal sie zentrale Publikationsnachweise darstellen. Generelle Kooperationen, die dauerhaft von den Instituten mit der Universitätsbibliothek zum Forschungsdatenmanagement bestehen, wurden thematisiert. Mit den Rechenzentren gibt es vielfach nur den Kontakt zu Basisdiensten wie Speicherung oder Backup. Bezüglich eines Repositoriums ist die Universitätsbibliothek in der Regel die bessere Anlaufstelle. Beratungen zum Forschungsdatenmanagement sollten immer an den individuellen Bedarf angepasst sein. Ein Serviceangebot im Bereich Forschungsdatenmanagement muss in jedem Fall zu einer Entlastung der Forschung führen. 

Die Softwareentwicklung als ein elementarer, unverzichtbarer Bestandteil der Forschungstätigkeit wurde ebenfalls diskutiert. Das Britische Software Sustainability Institut (SSI) hat den Slogan „Better Software – Better Research” geprägt.6 Der aktuelle Umgang mit Software ist wie die fehlende Anerkennung für Software-Entwicklung als wissenschaftliche Leistung und die nicht vorhandene Verankerung im wissenschaftlichen Reputationssystem aus verschiedenen Gründen nicht angemessen. Eine Teilnehmerin nannte abschließend in der Diskussionsrunde das Beispiel des C++ Research Code DuMux.7 Hierbei wurde eine nachhaltige Infrastruktur für Forschungssoftware thematisiert.

Bibliometrie

Der lebhafte Gedankenaustausch in den beiden Diskussionsgruppen zur Bibliometrie verdeutlichte, dass viele Bibliotheken dem Thema hohe Relevanz zusprechen und für sich selbst Handlungsbedarfe sehen. Deutlich wurde auch die Breite des Themas: h-Index oder Zeitschriften-Metriken spielen nach wie vor eine Rolle, aber auch Themen wie akademisches Identitätsmanagement, eine korrekte Affiliationsbezeichnung für die eigene Einrichtung, konsistentes akademisches Identitätsmanagement oder eine Datenverbesserung in den ranking-relevanten Literaturdatenbanken werden im Umfeld von Bibliometrie verortet und diskutiert. 

Nur wenige Bibliotheken bieten bisher Kurse zu Grundlagen der Bibliometrie sowie individuelle Beratungen zum individuellen bibliometrischen Profil für Wissenschaftler/innen an oder unterstützen Hochschulleitung oder Hochschulverwaltung mit bibliometrischen Recherchen bei Berufungsverfahren oder Evaluierungsprozessen. Viele Diskussionsteilnehmenden berichteten, dass in ihren Einrichtungen zwar die Relevanz des Themas gesehen wird, bisher jedoch keine Fachkompetenz erworben oder Dienstleistungen angeboten wurden. Entsprechend vielfältig waren auch die Wünsche, die an die Kommission herangetragen wurden und von Grundlagenschulungen bis zu hochspezialisierten Fachfortbildungen reichten.

Konsens bestand darüber, dass eine stärkere Vernetzung der mit Bibliometrie befassten Einrichtungen und Personen und ein themenbezogener Austausch wünschenswert wäre. Auch eine bessere Übersicht über bestehende Dienstleistungen sowie Lösungsansätze für bibliometrische Problemstellungen wurde als Desiderat genannt.

Wiederholt wurde der Wunsch nach Grundlagenschulungen zur Bibliometrie geäußert (bibliometrische Standard-Indikatoren, Auswertungsmöglichkeiten mit und ohne entsprechende Datenbank-Lizenzen, Bedeutung und Grenzen bibliometrischer Methoden), und generell eine bessere Information über Fortbildungsangebote im Bereich des akademischen Identitätsmanagements und der Bibliometrie.

Auch für die Entwicklung von bibliometrischen Dienstleistungen wurde Unterstützung erbeten, etwa bei der Identifizierung von Zielgruppen (Hochschulleitung, Hochschulverwaltung, Fakultäten, einzelne Wissenschaftler/innen) und ihrem jeweiligen Bedarf, bei der Abschätzung der nötigen personellen Ressourcen in Bibliotheken sowie bei der organisatorischen Einbindung eines Bibliometrie-Teams in den Geschäftsverteilungsplan.

Diskutiert wurde die Doppel-Funktion der bibliometrischen Dienstleistungen, mit denen einerseits Wissenschaftler/innen hinsichtlich ihrer Sichtbarkeit und ihrer Publikationskarriere unterstützt werden können, während andererseits Hochschulleitung und -verwaltung dieselben Verfahren für Monitoring und Evaluierung einsetzen. Mit dieser doppelten Ausrichtung sensibel und transparent umzugehen und Metriken verantwortungsvoll zu verwenden (Stichwort „responsible metrics“), sahen die Diskussionsteilnehmer und -teilnehmerinnen als Herausforderung an und regten einen intensiveren kollegialen Austausch an.

Bibliometrische Auswertungen werden bisher weitgehend für wissenschaftliche Publikationen in Zeitschriften und Konferenzbänden durchgeführt. Neuere Entwicklungen im Bereich wissenschaftlicher Veröffentlichungen erfordern eine Klärung des Anwendungsbereichs von bestehenden bibliometrischen Methoden: Welche Relevanz hat Bibliometrie für die Messung des Impacts von (publizierten) Forschungsdaten? Hilft Bibliometrie dabei, seriöse von unseriösen Zeitschriften zu unterscheiden? Wie stellt sich aus bibliometrischer Sicht die wachsende Bedeutung von Universitäts-Rankings dar? Was können Einrichtungen konkret tun, um den eigenen Forschungsoutput optimal darzustellen?

Die Diskussion zeigte, dass viele Teilnehmenden für sich und ihre Einrichtungen einen deutlichen Fortbildungsbedarf sehen, in anderen Bibliotheken aber bereits Expertenwissen vorhanden ist. Wer sich bereits im Bereich Bibliometrie engagiert, schätzt eine bessere Vernetzung, um Erfahrung austauschen und voneinander lernen zu können.

Metadaten

In den beiden Gesprächsrunden diskutierten die Teilnehmer/innen eine große Bandbreite von Aspekten. Ihre Vielschichtigkeit kommt vielleicht am besten darin zum Ausdruck, dass einige Felder wie die Abbildung von Provenienzen nicht zur Sprache kamen, und Metadaten auch im Kontext anderer Themengebiete angesprochen wurden. Die in der Einführung gestellten Leitfragen nach Anforderungen an Dienstleistungen aus der Perspektive der Wissenschaft, der Abbildung dieser auf aktuelle bibliothekarische Kompetenzprofile sowie den Bedarf zur Entwicklung weiterer Kompetenzen als Grundlage für die Entwicklung neuer Aufgabenfelder wurden nicht intensiv diskutiert, so dass darauf keine belastbare Antworten gegeben werden können. Im Folgenden werden die in den Diskussionsrunden angesprochenen Aspekte zusammenfassend dargestellt.

Mit dem Nachweis von Forschungsdaten kann die Sichtbarkeit und Nachnutzung von Forschungsdaten verbessert werden. Sie sollte mit einer nachhaltigen Aufbewahrung und Zugänglichkeit bis hin zur Langzeitarchivierung einhergehen. Die Diskussion zur Qualität von Metadaten adressierte insbesondere die Qualitätssicherung bei der Erfassung, die Qualitätskontrolle sowie die Behandlung von Qualitätsunterschieden bei der Verarbeitung vorhandener Metadaten. Die aus bibliothekarischer Perspektive hohe Bedeutung der Interoperabilität von Metadaten steht im Spannungsverhältnis zu spezifischen Anforderungen einzelner Anwendungsfälle oder Fachdisziplinen. Lösungsansätze werden insbesondere in der Nutzung vorhandener Standards, in deren Weiterentwicklung oder der Entwicklung ergänzender Standards für Datenmodelle und Schnittstellen gesehen. Eine ganze Reihe von Fragen behandelte die Prozesse bei der Zusammenarbeit von Forschung und Bibliothek. Hierbei müssen fachspezifische Anforderungen und Arbeitsweisen verstanden werden, um die Entstehung von Metadaten zu begleiten und Einfluss auf deren Qualität und Interoperabilität zu nehmen. Ein gemeinsames Verständnis ist beispielsweise auch erforderlich, wenn Datenmanager Selektionskriterien bei der späteren Aufbewahrung der Daten anwenden sollen. Durch eine enge Zusammenarbeit mit Forschenden kann es gelingen, bereits bei der Erfassung Einfluss auf die Qualität und Vollständigkeit der Metadaten zu nehmen.

Als Ergebnis der beiden Diskussionsrunden wurden Vorschläge zum weiteren Vorgehen geäußert, insbesondere auch mit Blick auf die zukünftige Arbeit der Kommission. Hinsichtlich des Fortbildungsbedarfs wurde angeregt, zunächst den Status Quo in wissenschaftlichen Bibliotheken zu erheben. Es wird ein intensiverer Austausch über bereits existierende Dienste gewünscht. Die Teilnehmenden können sich ebenfalls vorstellen, Dienste gemeinsam standortübergreifend zu nutzen und durch Kooperation ein breiteres Portfolio anbieten zu können. Um die erforderlichen Kompetenzen auf- und auszubauen, werden „leichtgewichtige“ Fortbildungen gewünscht, die sich gut in den beruflichen Alltag integrieren lassen. Gleichzeitig wird erwartet, dass die bibliothekarischen und informationswissenschaftlichen Ausbildungsgänge entsprechende Inhalte in ihren Curricula künftig stärker berücksichtigen.

Digital Humanities

In den beiden Gesprächsrunden des Impulscafés zeigte sich, dass digitale Geisteswissenschaften als eine der aktuellen Herausforderungen für Bibliotheken angesehen werden. Immer häufiger werden Bibliotheken in Forschungsprojekte aus dem Bereich der Digital Humanities einbezogen, zahlreiche Kolleginnen und Kollegen sehen allerdings ein Defizit in den benötigten Kompetenzen und formulierten Fortbildungsbedarfe auf mehreren Ebenen.

Zunächst wurde angeregt, dass Digital-Humanities-Grundlagen und -Methoden (stärker) in aktuelle Ausbildungsgänge integriert werden.

Vor allem aber besteht die Erwartung an die neugegründete Kommission, dass Fortbildungsmaßnahmen entwickelt werden, die sowohl die Beratungskompetenz für Digital-Humanities-Projekte aufbauen als auch spezielle Einzelthemen umfassen, die in Projekten benötigt werden, wie z.B. technisches Grundwissen von XML, TEI, Unicode etc., Einführungen in die Erstellung digitaler Editionen oder statistischer Textanalyseverfahren. Einige dieser Themen werden in den mittlerweile etablierten Library-Carpentry-Workshops bereits berücksichtigt.

Schließlich wird als Desiderat formuliert, Verweisungskompetenzen aufzubauen, so dass Bibliothekare und Bibliothekarinnen Wissen davon haben,

  • welche speziellen Digital-Humanities-Services andere Bibliotheken anbieten,
  • welche Kolleginnen und Kollegen (Spezial-)Kompetenzen in diesem Arbeitsfeld haben und zur Beratung angesprochen werden können,
  • welche Methoden und Tools es überhaupt gibt, die in diesem Feld eingesetzt werden,
  • und welche aktuellen Plattformen, Konferenzen und Förderlinien es gibt.

Wiederholt wurde in den Gesprächen formuliert, dass die Zusammenarbeit zwischen Bibliothekar/inn/en und Forschenden in Forschungsprojekten verstärkt werden müsse und dass Bibliothekarinnen und Bibliothekare einen zu geringen Einblick in die tatsächliche Forschungspraxis haben, um kompetent und zielgerichtet beraten und den Forschungsprozess unterstützen zu können.

Unterstützung des Forschungsprozesses / Forschung in Bibliotheken

Die diskutierten Themenbereiche beziehen sich im Wesentlichen auf drei Hauptaspekte: (i) Kommunikation der Dienstleistungen von Bibliotheken, (ii) neue Services und zu ihrer Erreichung notwendige (iii) Methoden und Governance.

Zum Thema Kommunikation schien es durchgehend allen Beteiligten wichtig, die Vernetzung zwischen Wissenschaft und Bibliothek zu intensivieren. Dies passiert aktuell insbesondere beim Management von Forschungsdaten und den damit verbundenen Themen, die oftmals im Tandem aus Bibliothekar/inn/en und Forschenden erarbeitet werden. Dies reicht von Informationskompetenzveranstaltungen bis hin zu gemeinsamen Drittmittelvorhaben. Hierbei ist das Strategiekonzept des „embedded librarian“ hilfreich: bibliothekarisches Personal, das zu Teilen seiner Arbeitszeit direkt in ein Forschungsvorhaben eingebunden ist und dort disziplinübergreifende bibliothekarische sowie informationswissenschaftliche Querschnittskompetenzen einbringt, und umgekehrt Erfahrungen und Know how aus der Forschung in die Bibliothek trägt. Idealerweise können bedarfsgetrieben neue Angebote der Bibliothek zusammen mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern etabliert werden, was in zweierlei Hinsicht vielversprechend zu sein scheint: zum einen sinkt die Wahrscheinlichkeit, am Bedarf vorbei zu entwickeln, was bedauerlicherweise für eine Vielzahl von Angeboten von Bibliotheken in der Vergangenheit zutrifft, zum anderen steigt die Identifikation der Nutzer/innen und Entwickler/innen mit dem Projekt durch direkte Kommunikation und identische Ziele.

Konsens war unter anderem, dass Bibliotheken meistens zu wenig wahrgenommen werden und mehr Präsenz zeigen müssen. Hierzu gehört die Transparenz des Serviceportfolios einer Einrichtung beispielsweise auf Webseiten, aber auch die direkte Ansprache der Kundinnen und Kunden in geeigneten Formaten, beispielsweise für Nachwuchsförderung oder neu berufene Wissenschaftler/innen. Auch Forschungsprojekte von Bibliotheken bedürfen einer besseren Sichtbarmachung, zumal eine Bibliothek als Kooperationspartner – abgesehen von Einzeldisziplinen wie DH – für die meisten Wissenschaftler/innen nicht naheliegt. Nicht zuletzt wurde die Vernetzung mit anderen Einrichtungen der Hochschule wie beispielsweise den Rechenzentren und Forschungsdezernaten als essentiell genannt, zumal komplexe Services wie FDM nur kooperativ und arbeitsteilig erbracht werden können, und um die funktionale Einschichtigkeit digitaler Services innerhalb einer Hochschule zu gewährleisten. Dies gilt natürlich auch über die Grenzen der eigenen Hochschule hinaus.

Auch in Bezug auf neue Services von Bibliotheken waren die Teilnehmenden des Impulscafés sehr kreativ: angefangen von besseren Informationskompetenzformaten für Wissenschaftler/innen erschien allen eine Begleitung des Forschungsprozesses von Anfang bis Ende als sinnvoll. Aktuell unterstützen Bibliotheken diverse Aspekte des Forschungs(-datenlebens-)zyklus, dazwischen gibt es jedoch immer wieder „blinde Flecke“ aus der bibliothekarischer Sicht, die unter anderem mit Medienbrüchen, Inkonsistenz von Dokumentation bzw. Metadaten einhergehen. Dies geht zum einen mit Mehrarbeit für die Erzeuger/innen von wissenschaftlichen Erkenntnissen einher, zum anderen bringt es aber auch Einbußen für deren Konsument/inn/en bei der Nachvollziehbarkeit und Nachnutzbarkeit von Forschungsergebnissen mit sich. Dementsprechend ist es essentiell, hochintegrierte Workflows anzubieten, welche das Kopieren digitaler Objekte von einem System in das andere nach Möglichkeit vermeiden, und stattdessen möglichst viel bereits vorhandene Information nachnutzen. Dies betrifft beispielsweise die Konnektivität von Systemen für aktives Datenmanagement wie z.B. ELNs zum Forschungsdatenrepository, aber auch den Workflow für eine möglichst niedrigschwellige und automatisierte Zweitveröffentlichung von Publikationen.

Weitere forschungsnahe Services, die die Beteiligten für sinnvoll hielten, waren ein durch Bibliotheken organisierter Peer-Reviewing-Prozess, der als qualitätssichernde Maßnahme für Green OA etabliert werden könnte, oder ein Kuratierungsservice für Forschungsdaten, der den Forschenden Postprocessing, Verschlagwortung und Publikation von Daten abnimmt. Dies führt zum letzten der genannten Aspekte, der Bibliothek als digitaler Content Broker, der demokratisch und offen zugänglich für jeden Informationen liefert, aber auch aufnehmen kann, diese Informationen zumindest teilautomatisch und crossmedial vernetzt und zitierfähig macht. Dieses Internet of Insights ermöglicht es, Erkenntnisse, Thesen, Ideen, Experimente, aber auch Irrtümer in Echtzeit als Mikroformat zu publizieren, diese zu annotieren, zu diskutieren und kollaborativ weiterzuentwickeln.

Zur Erreichung der oben genannten Aspekte ist es notwendig, konventionelle Entwicklungs- und Managementkonzepte zu überdenken: Agiles Projektmanagement befördert die nutzerzentrierte Entwicklung von Services, die Ausgestaltung als Komposition von Microservices anstatt eines monolithischen Systems sichert die Nachhaltigkeit und Wiederverwendbarkeit, ebenso die flexible Anpassung an fachdisziplinspezifische Bedarfe. Durch Kooperation mit der Wissenschaft können Drittmittel für neue Themen eingeworben werden, in die sich Bibliotheken als Partner der Forschung mit ihren Querschnittskompetenzen einbringen. Dies setzt einen entsprechenden Kompetenzaufbau in den Disziplinen voraus, für den es hilfreich ist, neue Kooperationsformen mit der Wissenschaft zu etablieren, beispielsweise mit der Schaffung von Qualifikationsstellen. Darüber hinaus ist es unabdinglich, gezielt Zeit und Raum für Forschungsaktivitäten in der Bibliothek schaffen. Nicht zuletzt müssen einzelne (fachspezifische) Projekte und generische Services gut ausbalanciert sein. Hierzu bedarf es der Strategieplanung und stetiger Reflexion vorhandener Dienstleistungen. Die hier genannten Governanceaspekte betreffen letztlich die Hochschulen in ihrer Gänze.

Zusammenfassung und Ausblick

Die Kommission wird in den kommenden Wochen die zahlreichen Anregungen aus den Diskussionen aufgreifen und konkrete Arbeitsvorhaben festlegen. Die Herausforderung hierbei besteht sicherlich darin, geeignete konkrete Austausch- und Fortbildungsformate zu entwickeln, ohne die Bandbreite der angesprochenen Themen zu vernachlässigen. Wir sehen im Bereich der forschungsnahen Dienste bereits viele aktive Bibliotheken, in denen sich Standard-Portfolios für unterstützende Dienstleistungen abzeichnen, sei es Forschungsdatenmanagement, sei es Open Access. Hier können Bibliotheken voneinander lernen; daher ist es notwendig, weitere Strukturen der Zusammenarbeit und des Erfahrungsaustausches zu etablieren. In anderen Arbeitsfeldern steht die Entwicklung noch am Anfang bzw. ist nur punktuell ausgeprägt, so etwa bei der Bibliometrie oder bei Verfahren des Text- und Data Minings. Hier geht es in erster Linie darum, überhaupt Formate zu generieren, um Awareness zu schaffen.

Wir möchten bei unserer Kommissionsarbeit partizipative und experimentelle Formate ausprobieren, wie auch bei der Auftakt-Veranstaltung beim Bibliothekskongress in Leipzig 2019. Wir erhoffen uns, dadurch einen Rahmen zu schaffen, in dem Wissenschaftler/innen und Bibliothekarinnen und Bibliothekare in Dialog treten, noch besser: einen Diskurs darüber führen, wie Services zur Forschungsunterstützung in der Zukunft gestaltet werden können.

Hierzu ist bereits im Herbst der Workshop „Was ist Forschung?“ an der ULB Darmstadt geplant, in dem Wissenschaftler/innen und Bibliothekarinnen und Bibliothekare das Zusammenspiel von Forschungsprozessen und bibliothekarischen Services erörtern mit dem Ziel, fachspezifische Abläufe mit neuen forschungsnahen Dienstleistungen besser zu unterstützen.

Die Themen der Kommission für forschungsnahe Dienste haben zahlreiche Schnittstellen zu weiteren VDB-Kommissionen, insbesondere zur Kommission für Fachreferatsarbeit und zur Kommission für berufliche Qualifikation. In vielen Bibliotheken wurden forschungsnahe Dienste zunächst dezentral als Zusatzaufgaben bei den Fachreferentinnen und Fachreferenten angesiedelt. In den letzten Jahren zeigt sich immer stärker in Stellenausschreibungen, dass dezidiert Positionen für forschungsnahe Dienste ausgeschrieben werden, also z.B. für Open Access, Forschungsdatenmanagement oder Bibliometrie.8 Gegebenenfalls soll von den Personen, die für diese Dienste zuständig sind, zusätzlich ein Fachreferat übernommen werden. Diese Entwicklung weist auf einen Wechsel in den Geschäftsverteilungsplänen und der Arbeitsorganisation in Bibliotheken hin und reflektiert die wachsende Bedeutung von zentral angebotenen Dienstleistungen, für die Funktionsstellen geschaffen werden. Was bedeutet das für den Aufgabenbereich Fachreferat und die aufgrund fachlicher Kompetenzen eingesetzten Fachreferent/inn/en, bei in der Regel gleichbleibender Anzahl von Stellen im höheren Dienst? Inwieweit können die erforderlichen Kompetenzen von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren berufsbegleitend erworben werden, wo werden Quereinsteigende mit Sonderqualifikationen gesucht? Wie kann Expertenwissen entstehen für ganz neue Entwicklungen im Forschungs- und Publikationsprozess, bei denen bislang weder Routineverfahren noch Normen etabliert sind?9  Aus diesem Grund planen wir eine gemeinsame Veranstaltung mit den Kommissionen für Fachreferatsarbeit und berufliche Qualifikation auf dem kommenden Bibliothekartag, um kommissionsübergreifend ein Forum für diese Fragen zu schaffen.

Die spannendste Herausforderung für die Kommission wird es nun sein, aus der Vielfalt der Anregungen und Themen ein realistisches Arbeitsprogramm zu entwickeln, die in der Kommission vorhandenen Kompetenzen zu nutzen und themenspezifisch weitere Kooperationspartner und Expertinnen und Experten einzubinden.

Wolfgang Stille, ULB Darmstadt, Vorsitzender der VDB-Kommission für forschungsnahe Dienste;

Stefan Farrenkopf, UB Kiel;

Timo Glaser, UB Marburg;

Gerald Jagusch, ULB Darmstadt;

Caroline Leiß, UB der TU München;

Annette Strauch, UB Hildesheim (Mitglieder der Kommission)

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2019H2S123-131

2 Lankes, R. David: Beyond the bullet points, <https://davidlankes.org/rdlankes/blog/?p=1411>, Stand: 13.06.2019.

5 <https://bausteine-fdm.de/about>, Stand: 13.06.2019.

6 <https://www.software.ac.uk>, Stand: 13.06.2019.

7 <https://dumux.org>, Stand: 13.06.2019.

8 Söllner, K. (2016). Management-Abschluss oder Fachlaufbahn – Wohin entwickeln sich Anforderungsprofile und Karrierewege im wissenschaftlichen Bibliothekswesen?. O-Bib. Das Offene Bibliotheksjournal / Herausgeber VDB, 3(4), 257-270. <https://doi.org/10.5282/o-bib/2016H4S257-270>.

9 Vgl. zu dieser Diskussion die D-A-CH-S-Tagung „Bibliothek - Qualifikation - Perspektiven“, die am 13./14.02.2019 in der Universitätsbibliothek der LMU in München stattfand und deren Ergebnisse in einem Arbeitspapier von BIB, Bibliosuisse, BVS, VDB und VÖB zusammengefasst wurden, <https://www.vdb-online.org/2019/04/29/arbeitsprogramm-der-bibliothekarischen-verbaende-als-ergebnis-der-dachs-tagung-2019/>, Stand: 13.06.2019.