Zu Artikeldetails zurückkehren Das ganze Haus ist Buch : Die Sammlung Teufel an der Universität Erfurt / herausgegeben von Kathrin Drechsel und Sylvia Bräsel
Rezension: Drechsel/Bräsel (Hrsg.), Das ganze Haus ist Buch

Rezensionen

Das ganze Haus ist Buch : die Sammlung Teufel an der Universität Erfurt / herausgegeben von Kathrin Drechsel und Sylvia Bräsel ; im Auftrag des Fördervereins „Sammlung Teufel“ (Universität Erfurt) e.V. – Bucha bei Jena: quartus-Verlag, 2018. – 173 Seiten : Illustrationen. – ISBN 978-3-947646-02-9 : EUR 19.90

Sammlungen in Bibliotheken sind seit einigen Jahren wieder ein Thema in der bibliothekarischen Fachwelt. Dabei ist zumeist an historische, abgeschlossene Sammlungen gedacht, die z.B. in einem systematisch aufgestellten Bestand auseinandergerissen wurden und mit entsprechenden Abrufzeichen im Datensatz virtuell wieder zusammengeführt werden können.

Der anzuzeigende Band widmet sich nun aber einer Privatsammlung, die schon seit mehr als 20 Jahren tranchenweise an die UB Erfurt abgegeben wird. Die Sammler, Helena und Helmut Teufel, sind noch in der Tätigkeit des Sammelns begriffen; es geht also keineswegs um eine abgeschlossene, sondern um eine noch höchst lebendige Sammlung und um einen seit langen Jahren bestehenden Kontakt und Austausch zwischen den Sammler/inne/n und der Bibliothek. Ferner hat sich vor einigen Jahren in Erfurt ein Förderverein, der sich mit der Sammlung Teufel an der Universitätsbibliothek unter kulturellen und buchkundlichen Vorzeichen beschäftigt, gebildet. Dieser Förderverein veranstaltete am 24. November 2017 ein Symposium unter dem Titel „Quelle(n) für Inspiration. 20 Jahre Sammlung Teufel an der Universität Erfurt“. Die dort gehaltenen Referate bilden den Kernbestand des Bandes, den eine mit der Sammlung befasste wissenschaftliche Bibliothekarin und eine in der universitären Forschung und Lehre tätige Sprachwissenschaftlerin herausgegeben haben.

Nach guter alter geisteswissenschaftlicher Tradition hat die Sammlung Teufel nicht nur ein Thema, zu dem immer spezialisiertere und auch abgelegenere Literatur erworben wird, sondern ein Herzstück, von dem aus sich viele Vernetzungen und unterschiedliche Themenschwerpunkte ergeben. Das Herzstück ist das Interesse an böhmisch-mährischer (mit der Betonung auf mährischer) Kulturgeschichte und –gegenwart. Die Themenschwerpunkte werden deutlich, wenn es im Klappentext des Bandes heißt, dass unter den 50.000 Bänden aus der Sammlung, die in 20 Jahren die Erfurter Bibliothek erreichten, 12.000 Bände böhmisch-mährische und deutsche Geschichte, 12.000 Bände Literaturwissenschaft, 5.000 Bände Kunst und Musik, 2.000 Bände bibliophile Slavistica, vor allem Bohemistica und Moravistica, sowie 4.000 Bände Judaistik zu nennen sind.

Der Vertrag zwischen dem Ehepaar Teufel und der UB Erfurt wurde 1997 abgeschlossen – nur drei Jahre nach der Neugründung der Universität Erfurt als dezidiert geisteswissenschaftlicher Forschungseinrichtung. In der Nachfolge von Gründungskanzler Peter Glotz und der ersten Direktorin der Universitätsbibliothek, Christiane Schmiedeknecht, schreibt der heutige Leiter der UB Erfurt, Gabor Kuhles, in seinem Grußwort von der identitätsstiftenden Bedeutung der Sammlung Teufel für die UB Erfurt. An der in vielen Fächern und Projekten engagierten Universität biete eine solche vielfältige Sammlung natürlich auch selbst einen Nukleus, aus dem sich zahlreiche weitere Vernetzungsmöglichkeiten in viele verschiedene Richtungen ergeben. Ausdruck davon ist der vorliegende Band, der in vielen inhaltlich und formal höchst unterschiedlichen Beiträgen Zeugnis vom Wert der Sammlung Teufel für die Arbeit an der Universität Erfurt – und darüber hinaus – gibt.

Nach den Grußworten des Vorsitzenden des Fördervereins (S. 7-11) und des Leiters der UB Erfurt (S. 13-15) folgen zwei von den Herausgeberinnen verantwortete und als Einführungen gedachte Beiträge. In einem einleitenden Essay ordnen Kathrin Drechsel und Sylvia Bräsel die Sammlung Teufel in die Geschichte von Sammlungen an der alten und der neue Erfurter Universität ein (S. 17-23). In einem von Kathrin Drechsel zusammengestellten Interview mit Helmut Teufel werden der Sammler, sein Werdegang und seine Motivation für die Sammlung und die Schenkung vorgestellt (S. 25-42).

Unter den folgenden zehn Beiträgen lassen sich zwei benennen, die sich mit Schwerpunktsammlungen innerhalb der Sammlung Teufel befassen: Kathrin Drechsel schreibt über die Spezialsammlung zu Tomáš Masaryk (S. 85-91) und ein Abbildungsteil (S. 140-154) zeigt Titelseiten und Illustrationen aus der Sammlung um den tschechischen Schriftsteller Petr Bezruc (1867-1958). Sylvia Bräsel und Jens-Fietje Dwars finden in weniger bevorzugten Teilen der Sammlung Teufel Material, um über eine Lesung mit Werken von Louis Fürnberg („Jude aus Mähren, Deutscher mit tschechischem Pass, Exilant in Palästina und schließlich Bürger der DDR“, S. 45) durch seine Tochter Alena (S. 45-53) und über Johannes R. Becher in der Sammlung Teufel (S. 73-83) zu schreiben. Drei weitere Beiträge behandeln von der Sammlung Teufel ausgehend Themen, die schon jenseits der eigentlichen Sammlung liegen, aber gleichwohl Brückenköpfe bieten, auf die die Sammlung hinführt. So schreibt Sylvia Bräsel über Thomas und Heinrich Mann als tschechische Staatsbürger (S. 93-105), Klára Stehliková stellt die Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Tschechischen Republik vor (S. 107-111) und Pavel Kocman findet Zeugnisse jüdischer Geschichte in den Traditionen der Stadt Mikulov (Nikolsburg, S. 113-127).

Zwei Beiträge widmen sich dem Sammeln, zunächst als freundschaftlich-kollegiales Gespräch zwischen Kathrin Drechsel und Jürgen Warmbrunn, dem Leiter der Bibliothek des Herder-Instituts in Marburg (S. 55-72), dann als Überlegungen des Sammlers Helmut Teufel selbst („Büchersammlers Freud und Leid“, S. 129-139). Etwas separat steht die Studie von Holger Schultka über „‘Sammeln’ als ein Lehr- und Lernfeld der Bibliothekspädagogik“ (S. 155-173). Der Vielfalt der angerissenen Themen entspricht die Vielfalt der verwandten Textsorten: Neben wissenschaftlichen Studien stehen „Marginalien“, „Impressionen“, Gespräche und Interviews; neben den wissenschaftlich-nüchternen Sprachstil treten essayistische, feuilletonistische Texte und Abdrucke einzelner poetischer Texte. Das macht die Lektüre des Sammelbandes zu keiner Zeit schwierig oder langweilig, auch wenn man wie die Rezensentin keine Fachfrau für die Bohemistik ist.

Gerade die Vielfalt des Behandelten zeigt aber, welches Potenzial in dieser Sammlung Teufel an der UB Erfurt steckt, und was die Universität, im ständigen Austausch mit den berührten Fachgebieten und über die deutsch-tschechische Grenze hinüber, aus dieser Sammlung machen kann und machen sollte. Zugleich gibt der vorgelegte Band aber auch ein überzeugendes Beispiel dafür, was eine wissenschaftliche Bibliothek mit einer Privatsammlung, die ein von den Sammler/inne/n mit Kenntnis und Leidenschaft um ein Interessengebiet herum aufgebautes Netzwerk bildet, anfangen kann.

Stephanie Hartmann, Diözesanbibliothek Limburg

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2019H2S150-152