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Mersmann et al., Wissenschaftliche Bibliotheken und die Fachinformationsdienste

Wissenschaftliche Bibliotheken und die Fachinformationsdienste – zusammen wirken?

Podiumsdiskussion beim Bibliothekskongress Leipzig 2019 am 20.03.2019

Die VDB-Kommission für Fachreferatsarbeit wollte fünf Jahre, nachdem die ersten FID ihre Arbeit aufgenommen haben, mit dieser Podiumsdiskussion den Blick auf die Praxiserfahrungen zwischen FID und Fachreferaten an wissenschaftlichen Bibliotheken ohne FID lenken – ein Thema, das auch in der FID-Evaluation als zu intensivierendes Arbeitsfeld identifiziert wurde.

Als Diskutierende geladen waren sowohl FID- als auch Nicht-FID-Fachreferentinnen und -Fachreferenten, die jeweils fachliche Paare bildeten: Es diskutierten Ilona Riek (ULB Münster) FID Benelux, Dr. Karolin Bubke (BIS Oldenburg), Matthias Fuchs (SLUB Dresden) FID Move und Dr. Ulrike Golas (UB der TU Berlin), moderiert durch die VDB-Kommission durch Kai Steffen (UB Greifswald).

Zentrale Themen der Diskussion waren die Kommunikation der FID mit ihren entsprechenden Zielgruppen und Vermittler/inne/n (Fachwissenschaftler/innen und Fachreferent/inn/en) und die Ausschöpfung von möglichen Synergieeffekten bei der zielgruppenspezifischen Erwerbungstätigkeit der FID.

Während die beiden FID-Vertreter/innen ihre FID mit ihren Mehrwerten kurz vorstellten und die Multidisziplinarität betonten, stellten die beiden Fachreferentinnen den dringenden Informationsbedarf bzgl. der FID-Services bei Fachreferent/inn/en und Wissenschaftler/inne/n fest. Die Fachreferentinnen und Fachreferenten sollten als Ansprechpartner/innen der Wissenschaftler/innen an den einzelnen Einrichtungen von den FID verstärkt als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren wahrgenommen werden. Trotz großer Anstrengungen des FID Benelux in diesem Bereich, über Newsletter, Blog und RSS-Feeds Wissenschaftler/innen und Fachreferent/inn/en gleichermaßen zu erreichen, sei insbesondere mit den Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftlern der Einzelkontakt die wertvollste Kontaktaufnahme für einen FID. Für den FID Move sind die Kontaktmöglichkeiten auf ähnliche Weise zumindest angedacht, aber noch nicht so weit entwickelt. In der Diskussion wurde deutlich, dass sich Fachreferentinnen und Fachreferenten bewusst sein sollten, dass möglicherweise mehrere FID für ihre Zielgruppe in Frage kommen und das Feedback von Fachreferent/inn/en an die FID genauso wichtig ist wie die Multiplikatorfunktion der Fachreferent/inn/en in Richtung Wissenschaft. Die FID müssen zunehmend darauf achten, Kommunikationsstrukturen sowohl mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als auch mit den Fachreferentinnen und Fachreferenten zu entwickeln, um vorhandenes Potenzial bestmöglich auszuschöpfen. So würden insbesondere Nachwuchswissenschaftler/innen oft besser von den Fachreferentinnen und Fachreferenten erreicht – ein Umstand, der den FID, der sich oftmals zuvorderst an die Professorinnen und Professoren richten würde (wie auch die Beiratsbesetzungen belegen), häufig so nicht bewusst sei. Die FID sind daher aufgerufen, passende Kommunikationskanäle zu identifizieren und zu nutzen. Ebenso sollten Fachreferentinnen und Fachreferenten aktiv nach den von den FID angebotenen Informationsmöglichkeiten suchen und ihre Multiplikatorenfunktion stärker wahrnehmen. Wichtig sei auch, Informationen zu FID-Angeboten gebündelt an die Wissenschaftler/innen zu vermitteln, wobei der Kenntnis und der Pflege der WEBIS-Seite besondere Bedeutung zukommt.

Aus dem Publikum wurde hierauf eingeworfen, dass eine Multiplikation durch Fachreferentinnen und Fachreferenten wenig erfolgversprechend sei, wenn nötige Informationen vom FID die Fachreferentin / den Fachreferenten nicht erreichten.

Im Hinblick auf die Erwerbungstätigkeit der FID eröffneten sich mehrere Diskussionsfelder. Um für mehr Transparenz im Erwerbungsgeschehen der FID zu sorgen, stellen einige FID bereits Neuerwerbungslisten online zur Verfügung. Dennoch wird Spezialliteratur weiterhin lokal erworben, weil entsprechende Informationen, ob dem FID die Bereitstellung nach Zeitverzug gelingt, Wissenschaftler/inne/n und Fachreferent/inn/en gleichermaßen kaum erreichen. Häufig könnten Mitglieder der Fachcommunities zwar bei ihren FID Medien bestellen, eine Information über den Erwerb oder ggf. den Stand von Lizenzierungsverhandlungen bei E-Books an die entsprechenden Nutzer/innen erfolge von Seiten des FID jedoch nicht. Da die FID für einen bestehenden Spezialbedarf erwerben sollen, sei eine Konkurrenzsituation mit erwerbenden Fachreferent/inn/en und allgemeinen Dienstleistungen der wissenschaftlichen Bibliotheken nicht beabsichtigt. Allerdings ist im Erwerbungsgeschehen ein Synergie-Effekt, der bei der Erwerbung von Literatur für den Spezialbedarf mit beabsichtigt war, bisher nicht deutlich sichtbar. Bei einer vorausschauenden Erwerbung fehle es gegenwärtig noch deutlich an Trennschärfe zwischen FID-Erwerbung und Erwerbung durch Fachreferate. Verglichen mit dem System der Sondersammelgebiete gab es bei den FID z.T. fachübergreifende Neuausrichtungen, in einigen Fächern aber auch Verluste, was die Komplexität des Kommunikationsbedarfes verstärkt. Aus dem Publikum kam der wichtige Hinweis, dass es für Fachreferentinnen und Fachreferenten schwierig bis unmöglich sei, elektronische Ressourcen, die vom FID für die Fachcommunity angeboten werden, zu beurteilen und zu vermitteln, wenn Fachreferentinnen und Fachreferenten selbst aus Lizenzgründen keinen Zugriff auf diese Ressourcen hätten.

Zwei gegenwärtige Synergie-Effekte zwischen wissenschaftlichen Bibliotheken und FID kristallisierten sich in dieser Diskussion heraus: Zum einen müssten sich Fachreferentinnen bzw. Fachreferenten und einzelne Bibliotheken weniger um die Lizenzierung von sehr spezifischen Datenbanken bemühen, weil dies zunehmend von den FID geleistet würde. Zum anderen reduziere sich für die einzelnen Einrichtungen der Aufwand bei Beschaffung und Lizenzierung schwierig zu beschaffender Literatur und Datenquellen sowie bei der Digitalisierung von vergriffenen Werken, da dies ebenfalls vielfach von den FID übernommen wird.

Als Fazit blieb von dieser Diskussion das Eingeständnis einer Hol- und Bring-Schuld sowohl auf Seiten der FID als auch bei den Fachreferentinnen und Fachreferenten. Beide Parteien müssen sich zukünftig intensiver und aktiver darum bemühen, Informationen der anderen Seite einzuholen bzw. eigene Informationen zu streuen, um die eigenen Services verbessern zu können und das Potential der FID für die Wissenschaften vollständig auszuschöpfen.

Matthias Harbeck, Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin, Vorsitzender der Kommission

Karolin Bubke, Bibliotheks- und Informationssystem der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Jana Mersmann, UB der TU Braunschweig, beide Mitglieder der Kommission

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2019H2S121-122