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Internationaler Wissenstransfer, nicht bibliothekarisches Reisebüro

Acht Jahre hinter den Kulissen bei Bibliothek & Information International

Abb. 1: Benjamin Blinten

„Hallo, hier spricht Claudia Lux. Herr Blinten, wir brauchen Sie als Sprecher bei BII!“ Als mich im Herbst 2009 ein unerwarteter Anruf der ehemaligen IFLA-Präsidentin erreichte, war ich ganz Ohr. Als Teilnehmer des IFLA-Kongresses 2008 in Québec war ich bereits in den Genuss eines Stipendiums von Bibliothek & Information International1 gekommen und hatte aus erster Hand erfahren, wie wertvoll der Kontakt mit ausländischen Kolleginnen und Kollegen für die eigene Arbeit zuhause sein kann. Schon damals war mir klar, dass die deutschen Bibliotheken nur aufgrund der finanziellen Unterstützung von BII so intensiv mit Bibliotheken im Ausland vernetzt und in internationalen Gremien und auf Kongressen präsent sind. Nicht klar war mir, wie BII im Hintergrund organisiert ist, also woher die Finanzmittel stammen, nach welchen Prinzipien sie verteilt werden und wie BII als Gremium arbeitet.

Das änderte sich schnell, nachdem ich Claudia Lux zugesagt hatte, die Sprecherfunktion bei BII von April 2010 bis März 2013 zu übernehmen. Für diese arbeitsintensive Aufgabe hatte sich aus dem Kreis des Gremiums niemand gefunden, so dass der BID-Vorstand ausnahmsweise einen international ausgerichteten Kollegen von außen als Sprecher kooptierte. In meiner damaligen hauptberuflichen Tätigkeit als Bibliotheksleiter des John-F.-Kennedy-Instituts für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin hatte ich gerade ein größeres Umbauprojekt und eine Umstrukturierung des Teams abgeschlossen, so dass mein Vorgesetzter mit der befristeten Zusatzbelastung durch die Gremienarbeit einverstanden war. Mich reizte daran vor allem die Möglichkeit, Verantwortung für den fachlichen Wissenstransfer zwischen Deutschland und dem Ausland zu übernehmen, die Förderprogramme von BII gemeinsam mit dem Gremium weiterzuentwickeln und dabei gleichzeitig ganz eigennützig mein persönliches internationales Netzwerk zu erweitern. Die Aussicht, BII auf Konferenzen wie dem World Library and Information Congress der IFLA zu vertreten, fand ich ebenso spannend wie die Gelegenheit, IFLA-Nachwuchsstipendiat/inn/en und Librarians in Residence mitauszuwählen.

So arbeitete mich meine Vorgängerin im Sprecheramt, Hella Klauser vom dbv, in meine erste Verbandstätigkeit ein – eine Aufgabe, die aus weit mehr als nur Gremiensitzungen besteht. Als einzige ständige Kommission von BID besteht BII aus Vertreterinnen und Vertretern aller Mitgliedsinstitutionen des Dachverbands, also dbv, BIB, VDB, Goethe-Institut und ekz. Der Präsident von BID ist zwar nicht Mitglied der Kommission, nimmt jedoch als ständiger Gast an den Sitzungen teil und vertritt BII als Teil von BID in rechtlicher Hinsicht nach außen. Alle Delegierten einschließlich der Sprecherin bzw. des Sprechers engagieren sich ehrenamtlich. Sie werden unterstützt von der BII-Geschäftsstelle, die seit 2018 aus zwei Teilzeitstellen mit zusammen 80 Monatsstunden besteht. Zwischen den Gremiensitzungen, die normalerweise zweimal pro Jahr stattfinden, liegt der laufende Betrieb überwiegend bei der Geschäftsstelle und der Sprecherin bzw. dem Sprecher. In den letzten Jahren ist aber eine stärkere Einbeziehung aller Gremienmitglieder gelungen, indem diese feste Aufgaben wie z.B. die Verantwortung für die Webseite oder bestimmte Einzelprojekte wie die Organisation eines Empfangs übernehmen.

Bei den BII-Sitzungen treffen die Delegierten Entscheidungen über Änderungen in der Förderpraxis, über neue Projekte wie z.B. das wechselnde Partnerland bei Bibliothekskongressen, die Mittelverwendung, die Aufgabenverteilung im Gremium und über Anliegen einzelner Antragsteller/innen oder Kooperationspartner/innen. Auch die Öffentlichkeitsarbeit ist ein regelmäßiges Thema, vor allem weil es eine Daueraufgabe bleibt, die Fördermöglichkeiten von BII in den ausländischen Fachkreisen bekannt zu machen. Während das von manchen hinter vorgehaltener Hand als „bibliothekarisches Reisebüro“ belächelte Gremium durch die Verankerung in den Verbänden und durch Angebote wie den gemeinsam mit dem Goethe-Institut New York ins Leben gerufenen „Librarian in Residence“ in Deutschland über einen hohen Bekanntheitsgrad verfügt, mangelt es im Ausland an festen Strukturen, um die Fördermöglichkeiten von BII ins Bewusstsein zu rufen. Auch vielen deutschen Kolleginnen und Kollegen ist nicht bekannt, dass BII nicht nur Deutsche bei Fachaufenthalten, Konferenz- und Gruppenreisen ins Ausland unterstützt, sondern dasselbe auch ausländischen Kolleginnen und Kollegen anbietet, die sich für deutsche Bibliotheken und bibliothekarische Konferenzen in Deutschland interessieren.

Kaum ein Land verfügt über eine vergleichbare Förderinstitution – in Deutschland hat der aus öffentlichen Mitteln geförderte bibliothekarische Fachaustausch dagegen eine lange Tradition. Vorläufer von BII war die Bibliothekarische Auslandsstelle im Deutschen Bibliotheksinstitut, die allerdings personell deutlich stärker aufgestellt war. Als das DBI im Jahr 2000 seine Türen schloss, wurde dieser Arbeitszweig notgedrungen auf ehrenamtlicher Basis und mit Unterstützung des Goethe-Instituts unter neuem Namen fortgesetzt; 2007 fand BII seine institutionelle Heimat als ständige Kommission von BID. Finanziert werden die Förderaktivitäten aus Mitteln des Goethe-Instituts für die Reisen deutscher Kolleginnen und Kollegen ins Ausland und aus Mitteln des Kulturstaatsministeriums für die ausländischen Stipendiatinnen und Stipendiaten, die nach Deutschland kommen. Eine meiner wichtigsten, wenngleich nicht unbedingt abwechslungsreichsten Aufgaben als Sprecher war die jährliche Beantragung, Verwaltung und Abrechnung der Fördermittel für die ausländischen Gäste. Spannender war es schon, Vorschläge zur Mittelverwendung oder zu Änderungen in der Förderpraxis für das Gremium auszuarbeiten. Beispielsweise rechnet BII Reisen heute grundsätzlich auf der Basis von Pauschalen statt Einzelbelegen ab, um den Verwaltungsaufwand zu reduzieren. Um den Mittelabfluss besser über das Jahr zu verteilen und Bewilligungsentscheidungen stärker an der Qualität als dem Termin eines Antrages zu orientieren, sind wir vom Prinzip „first come – first serve“ zu festen Stichtagen übergegangen, zu denen die bis dahin eingegangenen Anträge im Vergleich begutachtet werden. Dabei sind frei formulierte Motivationsschreiben mittlerweile eine wichtige Grundlage.

In der Begutachtung der laufend online eingehenden Anträge lag ein Schwerpunkt meiner Arbeit, den ich als „normaler“ Delegierter des VDB nach dem Ende meiner Sprechertätigkeit fortsetzte und bei dem es neben der Beurteilung der Antragsqualität auch immer darum ging, unsere Förderrichtlinien einheitlich und transparent umzusetzen. Bei der Begutachtung wendet BII ein Vier-Augen-Prinzip an, d.h. üblicherweise treffen die Sprecherin bzw. der Sprecher und ein weiteres Gremienmitglied die Förderentscheidung. Bei den deutschen Antragstellern und Antragstellerinnen ist die Delegierte des Goethe-Instituts an allen Förderentscheidungen beteiligt. Besonders spannend war für mich tatsächlich die Auswahl der IFLA-Nachwuchsstipendiatinnen und –Stipendiaten. Während es für die IFLA-Standardstipendien klare Ja/Nein-Kriterien und eine Prioritätenreihenfolge gibt, werden die Förderentscheidungen für den Nachwuchs auf der Grundlage recht umfangreicher Bewerbungsunterlagen mit einem höheren Anteil an Subjektivität getroffen. Daher werden diese Entscheidungen auf eine breitere Basis gestellt, indem an der Begutachtung auch die Koordinatorin bzw. der Koordinator des Nachwuchsteams teilnimmt, bei der es sich meist um eine ehemalige Nachwuchsstipendiatin bzw. einen ehemaligen Nachwuchsstipendiaten handelt. Bei den IFLA-Kongressen berichtet das Team dann mithilfe des BII-Blogs für die deutsche Fachcommunity und übersetzt Meldungen der IFLA-Öffentlichkeitsarbeit.

Abb. 2: Gemeinsamer Stand von Goethe-Institut und BII beim IFLA-Kongress 2011

An den IFLA-Kongressen 2010-2012 nahm ich als BII-Sprecher teil, um unsere Angebote in der internationalen Fachcommunity bekannter zu machen. Dabei kooperierten wir mit dem Goethe-Institut, indem wir einen gemeinsamen Stand auf der Firmenausstellung finanzierten und betreuten. Die Erinnerungen an Göteborg, San Juan und Helsinki sind Highlights meiner Zeit bei BII, und ich kann jeder Kollegin und jedem Kollegen empfehlen, (mindestens) einmal an einem IFLA-Kongress teilzunehmen, um den besonderen Spirit dieser Großveranstaltung in sich aufzunehmen – ob nun mit oder ohne Förderung durch BII.2

Die Bibliothekartage sind analog dazu die Jahreshöhepunkte der BII-Arbeit in Deutschland. 30-40 Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland werden hierzu jedes Jahr von BII auf Vorschlag der Verbände eingeladen, um unsere internationalen Kontakte auf langfristiger, regelmäßiger Basis zu pflegen. Für diese Ehrengäste organisiert BII ein Rahmenprogramm, für das die Sprecherin / der Sprecher die Hauptverantwortung trägt. Neben viel Arbeit bringt dies auch viel Spaß, ob beim jährlichen Welcome Dinner, bei der Fahrradführung durch Berlin 2011 oder bei der Hafenrundfahrt in Hamburg 2012. Bei den BID-Kongressen alle drei Jahre in Leipzig bestimmt BID zudem ein Gastland, aus dem BII eine Delegation einlädt und das eine Standfläche auf der Ausstellung kostenfrei bespielen darf. Auch im Kongressprogramm erhält das Gastland traditionell eine besondere Beachtung, die von Spanien 2010 über die Türkei 2013 bis zu den USA 2016 noch spürbar gewachsen ist. Das diesjährige Gastland Niederlande lässt auf besonders spannende Einblicke in unser fortschrittliches Bibliotheksnachbarland hoffen.

Abb. 3: Ausländische Ehrengäste des Bibliothekartags 2011

Das Gastland Türkei 2013, für das ich als Sprecher zuständig war, hielt in der Vorbereitungsphase so manche Überraschung und organisatorische Herausforderung bereit, so dass ich am Ende umso glücklicher über die gelungene Präsenz der türkischen Delegation in Leipzig war. Eine Lesung mit einem Schriftsteller wie Feridun Zaimoglu hat man schließlich nicht auf jedem Bibliothekartag. Als besonders beeindruckendes Beispiel, mit welchen politischen und kulturellen Unwägbarkeiten man bei der internationalen Zusammenarbeit zu rechnen hat, blieb in Erinnerung: Unser verantwortlicher Ansprechpartner auf der türkischen Seite, der Generaldirektor für das öffentliche Bibliothekswesen im Kulturministerium, wurde unmittelbar nach seinem Auftritt auf dem Kongress durch die Erdogan-Regierung seines Amtes enthoben. Dabei hatte die Zusammenarbeit mit dem Ministerium hoffnungsvoll begonnen. Nach der Entscheidung von BID, die Türkei nicht nur als Gastland zum Kongress einzuladen, sondern von 2011-2013 auch eine besondere Partnerschaft mit den dort zuständigen Verbänden, Regierungsstellen und Ausbildungseinrichtungen zu pflegen, waren die BID-Präsidentin Claudia Lux und ich nach Ankara gereist, um eine Partnerschaftsvereinbarung mit der Generaldirektion abzuschließen und waren mit offenen Armen empfangen worden. Der türkische Bibliothekarverband TKD hatte uns zuvor verdeutlicht, dass in der zentralistisch organisierten Türkei ein Erfolg des Partnerlandprogramms nur mit Unterstützung des Ministeriums möglich sei. Diese konnten wir mit der Partnerschaftsvereinbarung erreichen, die allerdings keine finanzielle Verpflichtung der türkischen Seite enthielt – ein Problem, das uns auch beim Partnerland USA wieder begegnete. Nur mit Unterstützung der Goethe-Institute in der Türkei war es letztlich möglich, nicht nur türkische Kolleginnen und Kollegen nach Deutschland einzuladen, sondern auch deutsche Bibliothekarinnen und Bibliothekare zu Vorträgen in die Türkei zu entsenden. Bis heute bin ich dankbar, dass das Goethe-Institut mich selbst im Frühjahr 2013 zu einer Vortragsreise nach Istanbul einlud, um dort über die Vermittlung von Informationskompetenz in deutschen Bibliotheken zu berichten – vielleicht der beeindruckendste Auslandsaufenthalt in meiner Zeit bei BII, zumal wenig später die Proteste im Gezi-Park ausbrachen und damit eine ganz neue politische Phase in der Türkei begann.

Abb. 4: Die türkische Delegation und Mitglieder von BII

Acht Jahre ehrenamtliche Arbeit für BII – was hat mich im Rückblick motiviert, mich hierfür so lange zusätzlich zu meiner hauptberuflichen Tätigkeit zu engagieren? Am stärksten waren es sicher die Kontakte mit bibliotheksbegeisterten Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt, die mich mit ihren Ideen immer wieder neu inspiriert haben. Ganz oben auf der Liste der mitreißendsten Events, an denen ich mitwirken durfte, steht für mich die erste „Cycling for Libraries“-Tour3 von Kopenhagen zum 100. Bibliothekartag in Berlin im Jahr 2011, für die BII Fördermittel bereitstellte und sich an der Planung auf deutscher Seite beteiligte. Auf der Etappe von Rostock nach Güstrow konnte ich mich selbst radelnd davon überzeugen, was eine Handvoll finnischer Fahrrad- und Bibliotheksbegeisterter an intensivem kollegialen Austausch über Landes- und Kulturgrenzen hinaus auf die Beine bzw. Räder gestellt hat – gepaart mit einer grenzüberschreitenden Symbolik, durch die es tatsächlich gelang, verstaubte Bibliotheksklischees medienwirksam zu korrigieren, wie bei der Ankunft in Berlin deutlich wurde.

Abb. 5: Cycling for Libraries 2011

Für Erlebnisse wie dieses bin ich dankbar und wurde durch sie darin bestärkt, mich auch nach dem Ende meiner Zeit als Sprecher bei BII zu engagieren – so lange wie es die Geschäftsordnung erlaubt, in meinem Fall bis Ende 2018. Gerne habe ich Susanne Riedel und Ewald Brahms, die mir im Sprecheramt folgten, beratend zur Seite gestanden und werde das auf Wunsch auch gerne für die neue Sprecherin Barbara Lison tun. Nachdem mit dem Relaunch des BII-Webauftritts und der neuen Kooperationsvereinbarung mit dem Goethe-Institut im vergangenen Jahr zwei große Meilensteine erreicht wurden, befindet sich BII aktuell in einer sehr guten Ausgangsposition für eine erfolgreiche Zukunft. Ohne den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt würden den deutschen Bibliotheken, Bibliothekarinnen und Bibliothekaren wichtige Impulse fehlen – deshalb wünsche ich BII weiterhin stets die nötige Unterstützung durch Verbände, Bibliotheksleitungen und engagierte Gremienmitglieder.

Benjamin Blinten, Freie Universität Berlin

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2019H1S131-136

1 <https://bi-international.de/>, Stand: 19.02.2019

3 <http://www.cyclingforlibraries.org/>, Stand: 19.02.2019