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2. Informationskompetenztag – unter einem D-A-CH in Bamberg

116 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus insgesamt vier Ländern waren am 13. und 14. September 2018 zum 2. Informationskompetenz-Tag Deutschland/Österreich/Schweiz an die Universitätsbibliothek Bamberg gekommen. Damit ist es der Kommission Informationskompetenz des Deutschen Bibliotheksverbands (dbv) und des Vereins Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VDB) gelungen, eine deutschsprachige Fachkonferenz zum Thema Informationskompetenz nach dem Vorbild der Librarians’ Information Literacy Annual Conference (LILAC) oder der European Conference on Information Literacy (ECIL) zu etablieren. Mit dem Fokus auf den drei Teilnehmerländern war genug Internationalität gegeben – aber eben auch genug „Erdung“ für alle Themen aus der Praxis und den akademischen Alltag in den verschiedenen Bildungssystemen. Der inhaltliche Schwerpunkt der zweitägigen Fachtagung lag auf dem Gebiet der Kompetenzentwicklungsforschung und Informationspsychologie und bot durch Vorträge, zahlreiche Workshops und einen Unkonferenz-Block die Möglichkeit für aktuelle Impulse und angeregte Diskussionen. Die Präsentationen zu den Vorträgen können auf dem Portal „Informationskompetenz“ abgerufen werden.1

Abb. 1: Die Teilnehmer/innen des 2. Informationskompetenztags.

Die Begrüßung der IK-Community oblag dem Hausherrn, dem Präsidenten der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Godehard Ruppert. Er unterstützte die Initiative von Fabian Franke (Universitätsbibliothek Bamberg) bereits im frühen Planungsstadium. Franke war in den vergangenen sechs Jahren Vorsitzender der Gemeinsamen Kommission Informationskompetenz des dbv und VDB und hatte in dieser Funktion nach Bamberg eingeladen.

Fabian Franke, Michaela Zemanek, die der österreichischen IK-Kommission2 vorsteht, und Gary Seitz von der AG Informationskompetenz der Schweizer Hochschulen3 erläuterten in ihren Grußworten die gemeinsamen Überlegungen zur inhaltlichen Ausrichtung der Tagung und der Expertenauswahl. Nach dem ersten deutsch-österreichischen IK-Tag in Innsbruck im Frühjahr 20164 hatte sich das Organisationsgremium um die schweizerische Kollegenschaft erweitert.

Im Einführungsvortrag ging Markus Behmer vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Bamberg auf die aktuelle Debatte um Fake-News ein: „Fake News – die Bedeutung von Informationskompetenz heute“. Zu Beginn des Vortrags zeigte Behmer anhand historischer Beispiele, dass es sich bei der bewussten Etablierung von Fake News keineswegs um ein mediales Phänomen nur der heutigen Zeit handelt, sondern dass Falschmeldungen auch schon in der Vergangenheit zu politischen Zwecken der Meinungsbeeinflussung eingesetzt wurden. Die kritische Beurteilung der Glaubwürdigkeit und Authentizität von Informationen und Quellen sei dabei in der heutigen Zeit – insbesondere mit dem Aufkommen von Social Media – nicht einfacher geworden: Desinformationskampagnen beförderten das Misstrauen in die Medien (Parole der „Lügenpresse“) und nutzten dabei die sozialen Netzwerke für eine gezielte Weiterverbreitung von Fake News. „Filterblasen“ und „Echokammern“ erhöhten darüber hinaus die Risiken einer verzerrten medienvermittelten Realitätswahrnehmung. Die gesamtgesellschaftliche Beförderung von Informationskompetenz könne in diesem Kontext nur als Daueraufgabe verstanden werden, die auf vielen unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig ermöglicht werden muss. Die Bewahrung einer unabhängigen, freien und vielfältigen Medienlandschaft spiele hierbei ebenso eine Rolle wie z.B. die verantwortungsvolle journalistische Auswahl und Aufbereitung von Informationen, der freie Zugang zu Wissen und Information über Bibliotheken und Archive und die wissenschaftliche Reflexion und Begleitung auch aktueller Entwicklungen. Nicht zuletzt nannte Behmer auch die Stärkung der individuellen Medien- und Informationskompetenz als zentrale Aufgabe von Bildungswesen und Gesellschaft.

Das Referat von Anne-Kathrin Meyer vom Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID) Trier stand unter dem Titel „Vom Wollen und Können als Voraussetzungen informationskompetenten Verhaltens“. Sie forscht seit 2012 im Bereich der Forschungsliteralität und betreute die beiden empirischen Forschungsprojekte BLink5 und WisE6; diese befassen sich mit der Entwicklung fachlicher Informationskompetenz von Psychologiestudierenden mit einem Fokus auf der Förderung von IK als Recherchekompetenz. Ein wichtiges Ergebnis dieser Untersuchungen ist, dass von Studieninhalten losgelöste, fachübergreifende bibliothekarische Schulungen die fachlichen Recherchekompetenzen nicht steigern. Zu einem echten Kompetenzzuwachs führt es hingegen, wenn IK-Inhalte curricular in Methoden-Lehrveranstaltungen mit einem vergleichsweise hohen IK-Anteil integriert werden. Die Kompetenzentwicklung ist – so Anne-Kathrin Meyer – zudem stark abhängig von den Entwicklungsstufen epistemischer Überzeugungen (dem „Wollen“) und den kognitiven Fähigkeiten sowie dem Vorwissen (dem „Können“). Bei BLink beispielsweise, wo es um die Evaluation des Blended Learnings von IK geht, handelt es sich um eine experimentelle Studie in Form des elektronischen „Information Literacy Test – Psychology“, der über 35 Items Faktenwissen über Informationsrecherche und Informationsbewertung abfragt. Wollen und Können bedingen sich im Kontext von Selbstwirksamkeitsüberzeugungen gegenseitig und beinflussen das Zusammenspiel von kognitiven Fähigkeiten und Informationskompetenz.

Zukünftige Themen des ZPID sollen über die alleinige Betrachtung der Recherchekompetenz als Teilaspekt von IK hinausgehen und auch die Bewertung von Informationen beinhalten. Ein weiteres Untersuchungsfeld liegt in der Erforschung der IK-Kompetenzen im Hinblick auf ihre Anwendung in bestimmten Settings sowie in der Optimierung von Informationsinfrastrukturen.

Roland Mangold von der Hochschule der Medien in Stuttgart erläuterte die Ergebnisse seiner Untersuchung zur Wirksamkeit von neuen medialen Formaten zur Förderung von IK im Studium. Erklärvideos und Screen-Recordings eignen sich demnach kaum für eine detaillierte und nachhaltige Kompetenzförderung. Technisch aufwändige und Story-board-basierte Videos (u.a. mittels Legetechnik und animated graphics), die zudem mit ungewöhnlichen Stilmitteln arbeiten, würden die Aufmerksamkeit leichter lenken und zu gesteigerter Konzentration und Motivation führen. So seien beispielsweise animated graphics motivationssteigernd, eigneten sich aber nur in eingeschränktem Maße für die Wissensvermittlung. Es bleibe abzuwägen, ob sich der hohe Aufwand für die Erstellung der animated graphics auszahlt. Optimal sollten alle (Blended-learning-)Angebote in ein didaktisches Konzept, das anschließend zu einer selbstgesteuerten „Nachbereitung“ führt, eingebettet sein.

Abb. 2: Lebhafter Austausch während der Postersession

Die Pausen auf der Tagung wurden genutzt, um die Ergebnisse der hochinteressanten theoretischen Vorträge zu diskutieren und mit den Erfahrungen aus der Praxis abzugleichen. Eine Vielzahl von Workshops stellte das praktische Gegengewicht zu den Vorträgen dar. Es liegt allerdings in der Natur der Sache, dass angesichts der Themenvielfalt hier nur ein Überblick gegeben werden kann. Es bestand z.B. die Möglichkeit, sich grundlegend mit Zielgruppenanalyse auseinanderzusetzen (Antje Michel, FH Potsdam) oder an einer mobilen Videoproduktion mitzuwirken (Jens Kösters, TIB Hannover). Auch der Einsatz von Action-Bound für spielerische IK-Förderung (Cathrin Geiser & Christian Müller, UB Bamberg) konnte praktisch am Beispiel der Erfahrungen der UB Bamberg mit Schulen ausprobiert werden. Ansprüche und Umsetzung bei der Erstellung von Online-Tutorials zum Forschungsdatenmanagement (Anja Herwig, UB der HU Berlin) wurden vor dem Hintergrund der Expertise der HU Berlin gemeinsam formuliert und diskutiert (Projekt FDMentor)7. Großes Interesse weckte auch „FILL“ – die praktische Umsetzung des „Framework for Information literacy“ für Promovierende (Tessa Sauerwein, UB Bamberg). Es bestand zudem Gelegenheit, den „Didaktischen Werkzeugkasten für Lernsituationen“8 der Fachhochschulbibliothek Bielefeld kennenzulernen und praxisorientiert auszuprobieren (Martin Wollschläger-Tigges & Anna Lea Simpson, FH Bielefeld) oder mit Moodle interaktive Tests zu erstellen (Michaela Zemanek, Universität Wien). Auch Refhunter9 – das Manual zur Literaturrecherche in Fachdatenbanken zum Thema Gesundheit – wurde im Detail vorgestellt (Julian Hirt, FHS St. Gallen, & Thomas Nordhausen, Universität Halle-Wittenberg). Die Entscheidung für einzelne Workshops fiel angesichts der attraktiven, aber teils parallel liegenden Angebote nicht leicht.

Eine Unkonferenz bildete den Abschluss der Fachtagung. Die Themen hierfür wurden aus Diskussionen heraus entwickelt. Die Bandbreite erstreckte sich von ethischen Implikationen bezüglich der Freiheit und Zugänglichkeit von Information über den Umgang mit dem Framework for Information Literacy bis hin zur Diskussion über eine ganz neue Definition von IK: Eine solche wurde für Deutschland bzw. im deutschsprachigen Raum allgemein begrüßt, um im bibliothekarischen Alltag eine bessere Argumentationsgrundlage für die Förderung von IK zu erhalten. Ausgehend von den Impulsen aus den USA (ALA) und Großbritannien (CILIP) ist – da waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig – eine zeitgemäße und spartenübergreifende Dachformulierung von IK vor dem Hintergrund von „critical thinking“ und Metaliteracy von hoher bibliothekspolitischer Relevanz.

Die Tagungsserie soll weiter fortgesetzt werden: Der dritte Informationskompetenz-Tag Deutschland/Österreich/Schweiz wird voraussichtlich im Januar 2020 in der Schweiz stattfinden.

Gemeinsame Kommission Informationskompetenz von VDB und dbv

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2018H4S295-298

3 Infos unter <http://www.informationskompetenz.ch/de/>, Stand: 04.11.2018.

4 Vgl. Franke, Fabian: 1. Informationskompetenz-Tag Deutschland/Österreich am 16./17.02.2017 in Innsbruck, in: o-bib 4 (2017) 2, S. 101-104, <https://doi.org/10.5282/o-bib/2017H2S101-104>.

7 Infos unter <http://www.forschungsdaten.org/index.php/FDMentor>, Stand: 04.11.2018.

9 Infos unter <https://refhunter.eu/>, Stand: 04.11.2018.