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TK6-Briel

NS-Raubgut in der Forschungsbibliothek des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung Marburg

Cornelia Briel, Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung Marburg

Zusammenfassung

2016 startete ein Forschungsprojekt an der Forschungsbibliothek des Herder-Instituts mit dem Ziel, den Teilbestand Publikationsstelle Berlin-Dahlem auf NS-Raubgut zu untersuchen, die einzelnen Provenienzen im OPAC zu verzeichnen und die Bücher, Broschüren und Zeitschriften, die sich zu unrecht im Besitz des Herder-Instituts befinden, an ihre rechtmäßigen Eigentümer und Eigentümerinnen bzw. deren Nachfolger und Nachfolgerinnen zurückzugeben. Das Forschungsprojekt ist Teil der von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien vorangetriebenen Provenienzforschung in Museen, Bibliotheken und Archiven zur Ermittlung von unrechtmäßig erlangtem Kulturgut. Der Bestand Publikationsstelle Berlin-Dahlem enthält sowohl in Deutschland bei den Organisationen der Minderheiten beschlagnahmte als auch in Ostmittel- und Osteuropa geraubte Literatur, auf die die Publikationsstelle aufgrund ihrer Stellung in der Hierarchie des NS-Regimes Zugriff hatte. Er umfasst schätzungsweise 15 000 Objekte, von denen ein großer Teil als NS-Raubgut-verdächtig eingestuft werden muss. Es werden sechs Provenienzen vorgestellt, anhand derer zugleich verschiedene Schwierigkeiten bei der Identifikation und Bewertung von NS-Raubgut aufgezeigt werden.

Summary

In 2016 a research project started at the library of the Herder Institute with the following aims: to investigate the whole collection Publikationsstelle Berlin-Dahlem (Publications Unit Berlin-Dahlem), to record the provenances in the OPAC and to return books, pamphlets and journals which held illegally at the Herder-Institute to their rightful inheritors or successors. The research project is part of the provenance research being pushed forward by the Commissioner for Cultural and Media Affairs with the aim to investigate illegally obtained cultural property in museums, libraries and archives. The Publikationsstelle Berlin-Dahlem collected books which had been confiscated at organisations of Slavic minorities in Germany or looted by the German occupants in Eastern Europe. The Publikationsstelle was well connected in the Nazi administration. The remains of the Publikationsstelle-library in the Herder-Institute comprises about 15 000 volumes. A major part of these is suspected to be Nazi loot. The paper presents six separate provenances, also demonstrating specific problems in identifying and assess Nazi loot.

Zitierfähiger Link: https://doi.org/10.5282/o-bib/2018H4S202-219

Autorenidentifikation: Briel, Cornelia: GND 113268017

Schlagwörter: Provenienzforschung

1. Das Provenienzforschungsprojekt an der Forschungsbibliothek des Herder-Instituts

Untersuchungsobjekt ist der Teilbestand Publikationsstelle Berlin-Dahlem in der Forschungsbibliothek des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg. Seit langem gilt als wahrscheinlich, dass dieser Bestand NS-Raubgut enthält. Die Ergebnisse der 2008 von David Zimmer an ca. 350 ausgewählten Bänden durchgeführten Stichprobe bestätigten diese Annahme.1 Bereits 1994 waren 212 Bände mit ukrainischen Besitzvermerken an die Ukraine zurückgegeben worden. 2016 startete ein Forschungsprojekt, das die Erforschung der Provenienzen für den gesamten Teilbestand Publikationsstelle Berlin-Dahlem und die Rückgabe der zu unrecht im Herder-Institut befindlichen Bücher, Broschüren und Zeitschriften an die Erben bzw. die Rechtsnachfolger der Beraubten zum Ziel hat. Nachdem die Verzeichnung im OPAC abgeschlossen ist, sollen die als NS-Raubgut identifizierten Objekte in der Datenbank „Looted Cultural Assets“ veröffentlicht werden.

Das Forschungsprojekt ist Teil der von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien vorangetriebenen Provenienzforschung in Museen, Bibliotheken und Archiven zur Ermittlung von unrechtmäßig erworbenem Kulturgut. Es ist auf drei Jahre angelegt und wird von der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg gefördert. Neben der wissenschaftlichen Projektmitarbeiterin in Vollzeit arbeiten daran mit jeweils limitierten Arbeitszeitbudgets zwei studentische Hilfskräfte sowie die Auszubildende der Forschungsbibliothek, die ihre Ausbildung zur Fachangestellten für Medien und Informationsdienste am Herder-Institut absolviert. Das Projekt wird ferner von einem Bibliothekar, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Magazindienstes der Forschungsbibliothek sowie der Fotografin und der IT-Abteilung des Herder-Instituts unterstützt.

2. Spezifik und Schicksal des zu untersuchenden Bibliotheksbestands

Am Anfang meiner Ausführungen über den Stand der Forschungsarbeiten stehen die Fragen nach der Geschichte und Struktur dieses NS-Raubgut-verdächtigen Bestands: Um was für eine Einrichtung handelte es sich bei der Publikationsstelle Berlin-Dahlem? Wie baute sie ihre Bibliothek auf? Und wie gelangte der Bestand ins Herder-Institut?

2.1. Publikationsstelle Berlin-Dahlem und Nord- und Ostdeutsche Forschungsgemeinschaft

Zu Beginn der 1930er Jahre richtete der Generaldirektor der Preußischen Staatsarchive, der deutschnationale Historiker Albert Brackmann, am Preußischen Geheimen Staatsarchiv einen Publikationsfonds ein.2 Damit sollte die völkisch-nationalistische „Ostforschung“ gefördert werden. Der Publikationsfonds trat seit 1934 nach außen als Publikationsstelle Berlin-Dahlem in Erscheinung. Die Publikationsstelle war zunächst eine Abteilung des Preußischen Geheimen Staatsarchivs, das seinen Sitz in der Archivstraße in Berlin-Dahlem hatte. Ihre Leitung lag durchgängig in den Händen des von Brackmann protegierten Archivars Johannes Papritz.

Unter Brackmanns Ägide stand auch der Verbund von „Ostforschern“, der 1933 als Nordostdeutsche Forschungsgemeinschaft gegründet und später in Nord- und Ostdeutsche Forschungsgemeinschaft umbenannt wurde. Die Nord- und Ostdeutsche Forschungsgemeinschaft reihte sich ein in die Volksdeutschen Foschungsgemeinschaften, die seit Beginn der dreißiger Jahre geschaffen wurden, um die wissenschaftliche Grundlagen für die Revision des Versailler Friedensvertrages und eine Neuordnung Europas zu liefern, und die damit als Denkfabriken die rassistische und Geopolitik des NS-Regimes unterstützten.3 Die Publikationsstelle in Berlin-Dahlem fungierte neben ihrer eigenen Tätigkeit zugleich als Geschäftsstelle der Nord- und Ostdeutschen Forschungsgemeinschaft. U. a. verwaltete und beherbergte sie die gemeinsame Bibliothek, in der sowohl für die Publikationsstelle als auch für die NOFG akzessionierte Literatur nach derselben Systematik aufgestellt war.

1938 wurde die Publikationsstelle aus dem Preußischen Geheimen Staatsarchiv herausgelöst und fortan dem Reichsministerium des Innern direkt unterstellt.4 Aufgrund der Zunahme an Personal und des Anwachsens des Buchbestands und anderer Arbeitsmaterialien zog sie im selben Jahr von der Archivstraße in Berlin-Dahlem in eine Villa in der unweit gelegenen Gelfertstraße. 1943 ging sie an das Reichssicherheitshauptamt – Amt VI G – Wissenschaftlich-Methodischer Forschungsdienst – über.5

Die Publikationsstelle Berlin-Dahlem erhielt beträchtliche Zuschüsse vom Auswärtigen Amt.6 Während des Zweiten Weltkriegs beruhten die Richtlinien für ihre Tätigkeit auf Vereinbarungen zwischen diesem, dem Reichsministerium des Innern und dem Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete.7 Ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen stellten mit ihren eigenen Publikationen und Übersetzungen, mit der Erarbeitung von politischen Karten und diversen Karteien, u. a. der Volkstumskartei, in der sogenannte volksfremde Personen erfasst waren, den Entscheidungsträgern des NS-Regimes Datenmaterial für die Eroberungs- und Kolonisierungspolitik in Ostmitteleuropa zur Verfügung.8

2.2. Die Bibliothek der Publikationsstelle Berlin-Dahlem

In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg lag der Sammelschwerpunkt der Bibliothek auf Literatur zur Geschichte und Landeskunde Polens. Dafür standen erhebliche Ankaufsmittel zur Verfügung,9 die die Publikationsstelle sowohl für antiquarische Ankäufe als auch für Neuerscheinungen nutzte. Ende der dreißiger Jahre und während des Zweiten Weltkriegs erweiterte sie ihr Sammelgebiet auf Literatur über das Baltikum, die Tschechoslowakei, die skandinavischen Länder, Ungarn, Rumänien, den Balkan, nach dem Überfall auf die Sowjetunion auf die Ukraine, Weißrussland und Russland.

Wie andere vom NS-Regime geschaffene oder von ihm explizit geförderte Bibliotheken verzeichnete die Bibliothek der Publikationsstelle Berlin-Dahlem in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre und während des Zweiten Weltkriegs – nicht zuletzt durch die Übernahme von geraubter Literatur – ein außerordentliches Wachstum. Die leitenden Mitarbeiter bemühten sich vielfach aktiv darum, solche Literatur für ihre Bibliothek zu gewinnen. Dabei folgten sie bei der Erwerbung von Raubgut weitgehend dem Sammlungsprofil ihrer Einrichtung, so z. B. indem sie die bei der polnischen Minderheitsorganisation in Deutschland, dem Bund der Polen, beschlagnahmte Literatur beanspruchten. Oder sie dehnten es auf Sammelgebiete aus, die bis dahin nicht im Zentrum ihres Interesses gestanden hatten, indem sie nach dem Verbot der Maćica Serbska, der Vereinigung der Sorben in der Ober- und Niederlausitz, und der Beschlagnahme ihrer Bibliotheken sorbische Literatur an sich zogen.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs eröffnete sich für die Publikationsstelle Berlin-Dahlem die Möglichkeit, auf Bibliotheksbestände in Ostmittel- und Osteuropa zuzugreifen. Aufgrund ihrer prominenten Stellung in der Hierarchie der NS-Dienststellen und persönlicher Kontakte profitierte sie vom Raub des SS-Sonderkommandos des Auswärtigen Amts, des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg und des Reichssicherheitshauptamts, aber auch von der Übernahme geraubter Literatur aus der Staats- und Universitätsbibliothek Posen und aus der Bibliothek des Auswärtigen Amts in Prag.

2.3. Verlagerungen 1943 und 1945, Überführung in die USA 1947/48 und Übergabe an das Herder-Institut in Marburg 1964

Als Berlin immer mehr zum Ziel alliierter Luftangriffe wurde, bezog die Publikationsstelle ein Ausweichquartier im Stadtzentrum von Bautzen und verlagerte 1943 ihre Buchbestände – auch die geraubten – nach Bautzen und in die Umgebung der Stadt. Die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter siedelten nach Bautzen über. Im Spätwinter 1945 flohen sie vor den sowjetischen Truppen in die amerikanische Besatzungszone nach Coburg. Einen Teil der Bibliothek nahmen sie dorthin mit.10

Im Juli 1947 wurde dieser Teil der Bibliothek von der amerikanischen Besatzungsbehörde beschlagnahmt, in die Head Quarters des European Command Intelligence Center nach Oberursel bei Frankfurt abtransportiert und 1947/1948 von dort in die USA verbracht.11 Zu einem späteren Zeitpunkt gelangten die Bücher und Druckschriften der Publikationsstelle Berlin-Dahlem in die Library of Congress in Washington, DC, wo etliche von ihnen, wie aus den vielfach vorhandenen „Copy-Stempeln“ zu schließen ist, fotokopiert wurden. Abb. 1 zeigt die Publikation Od 1920 roku von Adolf Małyszko aus dem Jahr 1925. Über dem Exlibris des Vorbesitzers, des Instytut Bałtycki in Toruń, befindet sich ein Stempel mit dem Kopierdatum, der in der Library of Congress hinzugefügt wurde.

abb. 01

Zwischen der 1945 aufgelösten Publikationsstelle Berlin-Dahlem und dem 1950 in Marburg gegründeten Herder-Institut bestand eine personelle Kontinuität. So ist verständlich, dass das Institut und sein Umfeld, nicht zuletzt der ehemalige Geschäftsführer der Publikationsstelle, Johannes Papritz, nunmehr Direktor des Hessischen Staatsarchivs und der Archivschule in Marburg, sich bemühten, den in den USA befindlichen Bibliotheksbestand an das Institut zu holen. Mit Unterstützung des Auswärtigen Amts hatten diese Bemühungen schließlich Erfolg. Im Oktober 1964 erhielt das Herder-Institut ca. 20.000 Bände aus den USA. Sie stellten einen erheblichen Zuwachs für die im Aufbau befindliche Einrichtung dar.

2.4. Zum Umfang des verlagerten und übernommenen Bibliotheksguts

Die Bibliothek der Publikationsstelle Berlin-Dahlem umfasste beim Umzug nach Bautzen ca. 55.000 Bände – die sogenannte Handbücherei, worunter wohl der akzessionierte oder zu akzessionierende Kernbestand zu verstehen ist, desweiteren angeblich ca. 130.000 Bände der Bibliothèque Polonaise, der 1838 von polnischen Emigranten gegründeten Bibliothek, aus Paris,12 welche der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg der Publikationsstelle zur „Auswertung“ und Aufbewahrung überlassen hatte, sowie weitere ca. 15.000 Bände, die als „sonstige Büchereibestände“ charakterisiert wurden.13 Bei letzteren handelte es sich wohl zum großen Teil um – in der Sowjetunion – geraubte Literatur, die nicht zum eigentlichen Sammelgebiet der Publikationsstelle Berlin-Dahlem gehörte und deren Bearbeitung deswegen zunächst hintangestellt werden sollte.

Man kann davon ausgehen, dass die Bibliothek der Publikationsstelle in Bautzen bis zum Beginn des Jahrs 1945 noch beträchtlich anwuchs. Einen Großteil der Handbibliothek, nämlich 30.000 bis 40.000 Bände, nahmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Spätwinter 1945 in die amerikanische Besatzungszone mit.14 Davon wurden etwa 30.000 Bände 1947/48 in die USA verschifft,15 ca. 20.000 gelangten 1964 in das Herder-Institut Marburg.

Die Zahl von 20.000 Bänden ist seitdem durch Aussonderung und Abgabe von Dubletten, wohl auch Makulierung, geschwunden. Im Projektantrag wird von ca. 15.000 bibliothekarischen Einheiten ausgegangen. Die genaue Zahl wird sich erst nach Abschluss der Forschungsarbeiten feststellen lassen.

3. Arbeitsgrundlagen und Vorgehensweise

Grundlage der Arbeit ist eine elektronische Liste der im Zuge der Retrokatalogisierung in den OPAC übertragenen Zugangsnummern. Diese Nummern, denen jeweils ein P vorangestellt ist, gehen auf eine maschinenschriftliche Zugangsliste zurück, die nach der Übernahme der Bücher und Schriften aus den USA 1964 bis ca. 1971 im Herder-Institut angefertigt wurde und die mehr als 11.000 Titel enthält. Die P-Nummern finden sich zumeist – mit Bleistift vermerkt – auf der Impressumsseite (Abb. 1). In dieser maschinenschriftlichen Zugangsliste sind unter einer Nummer oft mehrbändige Werke verzeichnet, so dass sich aus der Zahl der Nummern nicht auf die Gesamtzahl der 1964 übernommenen Bände schließen lässt. Die elektronische Liste ist – trotz einer mit ca. 10.300 ähnlichen Anzahl von Datensätzen – demgegenüber unvollständig, da sich die Datensätze jeweils auf einzelne Bände beziehen.

Die Provenienzrecherchen stützen sich sowohl auf Archivalien als auch auf die Autopsie. Nach Inaugenscheinnahme erfolgt die Verzeichnung der Vorbesitzer und einschlägiger Merkmale – wie Stempel, Namensvermerke, Widmungen usw. – im OPAC. Soweit möglich werden dafür Normdatensätze verwendet. Da in der Datenbank der Deutschen Nationalbibliothek verhältnismäßig wenige Personen und Körperschaften aus Ost- und Ostmitteleuropa vertreten sind, müssen für zahlreiche Personen und Körperschaften Normdatensätze neu erstellt werden.

Bislang wurden ca. 7.000 Monographien, Kleinschriften und Rara autopsiert. Abschließend verzeichnet sind allerdings nur jene Bücher und Broschüren, die als „Kein NS-Raubgut“ oder „Wahrscheinlich kein NS-Raubgut“ klassifiziert wurden. Die NS-Raubgut-verdächtigen Bände sind wegen der noch nicht abgeschlossenen Recherchen gegenwärtig nur ansatzweise im OPAC verzeichnet. Sie bleiben vorerst separiert aufgestellt, um anhand von Stempeln, Exlibris, Einbänden, mehr oder weniger lesbaren handschriftlichen Namensvermerken, Einbandgestaltung, eingetragenen Nummern usw., aber auch aufgrund der aus den Archivalien gewonnenen Erkenntnisse Zusammenhänge hinsichtlich der Provenienzen herstellen zu können.

4. Herkunft des Raubguts

Die Recherchen sind unterschiedlich weit gediehen. Sowohl zu den involvierten Rauborganisationen und Verteilern von Raubgut als auch zur Identität der eigentlichen Eigentümer und Eigentümerinnen sind – auch im Hinblick auf die Restitution – weitere intensive Forschungen nötig.

Wegen der Vielzahl der Provenienzen werde ich nur auf einige Herkunftskomplexe näher eingehen, bei denen entweder die Zahl der zugehörigen Bände besonders groß oder bei denen die Recherchen schon relativ weit vorangetrieben sind. Dabei sollen zugleich Schwierigkeiten bei der Zuordnung zu einer bestimmten Provenienz und bei der Bewertung, ob es sich um NS-Raubgut handelt, angerissen werden.

4.1. Deutscher Ostmarkenverein

Der Teilbestand Deutscher Ostmarkenverein ist innerhalb des Bestands „Publikationsstelle Berlin-Dahlem“ der mit Abstand größte. Bislang sind ca. 850 zugehörige Bände aufgefunden worden.

Der Deutsche Ostmarkenverein wurde 1894 gegründet. Er betrieb bis zum Ersten Weltkrieg in staatlichem Interesse die Germanisierung der preußischen Provinz Posen. Nachdem in der Folge des Ersten Weltkriegs der Polnische Staat wiedererstand, war eine aktive Einflussnahme in diesem Sinne nicht mehr möglich. Der Verein verlegte sich fortan auf propagandistische Aktivitäten, um die Revision des Friedensvertrags von Versailles zu erreichen.16 Er stimmte mit den nationalistischen Zielen, die Albert Brackmann, der selbst Mitglied des Vereins war, zur Installierung des Publikationsfonds bzw. der Publikationsstelle am Preußischen Geheimen Staatsarchiv bewogen, überein.

1934 wurde der Deutsche Ostmarkenverein vom Geheimen Staatspolizeiamt in Berlin verboten. Die Vereinsleitung hatte sich der Gleichschaltung in dem vom Außenpolitischen Amt der NSDAP geschaffenen Bund Deutscher Osten widersetzt. Und sie störte die aktuelle Politik der Nationalsozialisten gegenüber Polen, die mit dem Nichtangriffspakt vom 26. Januar 1934 scheinbar eine Entspannung zwischen Deutschland und Polen einleiteten. Überdies galt sie als monarchistisch.17

Anders als die verbotenen politischen Parteien und Gewerkschaften konnte der Deutsche Ostmarkenverein freilich auf eine schonende Behandlung zählen: Der Beschlagnahme des Vermögens wurde nach einigen Monaten aufgehoben; der Verein durfte in die Selbstliquidation gehen. 1936 und in den folgenden Jahren erhielt das Preußische Geheime Staatsarchiv ca. 3.500 Bände,18 viel ältere Literatur über das Betätigungsfeld des Deutschen Ostmarkenvereins, darunter dezidiert antipolnische Propagandaschriften. Sie waren als Grundstock für die Bibliothek der Publikationsstelle – damals noch eine Abteilung des Staatsarchivs – vorgesehen.

4.2. Bibliothek Adolf Warschauer

Der Historiker Adolf Warschauer (1855 – 1930), war Mitbegründer und Schriftführer der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen und später – 1918 – Gründungsmitglied des Gesamtarchivs der deutschen Juden. Er war Archivrat am Staatsarchiv Posen und seit 1912 Direktor des Staatsarchivs in Danzig und damit „der einzige nicht getaufte Jude, dem eine Karriere in den Diensten der Preußischen Staatsarchive gelang.“ Um 1918 siedelte Warschauer nach Berlin über.19

Nach seinem Tod im Dezember 1930 musste seine Witwe, Bertha Warschauer (1865 – 1942), die Wohnung räumen. Im März 1931 verkaufte sie 491 Bände, 10 Bündel Broschüren und vier Bündel Zeitschriften für 450 Reichsmark an das Preußische Geheime Staatsarchiv.20 Bertha Warschauer starb 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt.21

Der Ankauf wurde in der Bibliothek des Preußischen Geheimen Staatsarchivs unter der Nummer 151/31 akzessioniert. – Auf Abb. 2 sind das Exlibris Aus der Bibliothek Adolf Warschauer, der um 1930 gebräuchliche Stempel des Preußischen Geheimen Staatsarchivs und daneben die mit Bleistift eingetragene Akzessionsnummer zu sehen. Ein Teil der Bibliothek Warschauer ging an die Publikationsstelle Berlin-Dahlem über. Die Publikationsstelle akzessionierte die Bände mit B. Wa. – für Bibliothek Warschauer – und einer fortlaufenden Nummer (auf Abb. 3 der Stempel der Publikationsstelle und darunter mit Tinte der Eintrag B. Wa-Acc 62).

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Nach der Praxis bei der Restitution von NS-Raubgut würde der bislang etwa 200 Bände – vornehmlich Kleinschriften – umfassende Teilbestand Bibliothek Adolf Warschauer nicht als NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut angesehen werden, da der Verkauf zwei Jahre vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten erfolgte. Jedoch erwiese sich eine solche Entscheidung in zweierlei Hinsicht als problematisch. Denn es ist zum einen bemerkenswert, dass keineswegs alle autopsierten Exemplare der „B.Wa.“-Akzession das Exlibris Adolf Warschauers tragen, geschweige denn die Akzessionsnummer des Preußischen Geheimen Staatsarchivs aus dem Jahr 1931. Hier stellt sich die Frage: Stammten die betreffenden Bücher und Kleinschriften überhaupt aus der Bibliothek Adolf Warschauers? Oder akzessionierten die Bibliothekare und Bibliothekarinnen der Publikationsstelle ältere Literatur verschiedener Provenienz, die sie vom Preußischen Geheimen Staatsarchiv übernommen hatten, achtlos unter B.Wa.? Ein Blick auf die Titelseite der Dissertation von M. St. von Warmski (Abb. 3) lässt keinen Zweifel daran, dass hier eine bereits 1879 im – damals noch Königlich-Preußischen Geheimen Staatsarchiv akzessionierte Publikation der Bibliothek Warschauer zugeschlagen wurde. Und dies ist kein Einzelfall.

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Daneben gibt es Publikationen, wie die in Abb. 4 gezeigte Werbeschrift über das Pädagogium in Ostrau, in die zwar das Exlibris Adolf Warschauers eingeklebt ist, die aber keine Akzessionsnummer des Preußischen Geheimen Staatsarchivs von 1931 aufweisen und erst Ende der dreißiger Jahre von der Publikationsstelle – außerhalb der B.Wa-Akzession – mit fortlaufender Nummer und mit Jahreszahl akzessioniert wurden. Hier fragt sich: Hat die Publikationsstelle zusätzlich zu der vom Preußischen Geheimen Staatsarchiv übernommenen Ende der 1930er Jahre noch einmal Literatur aus dem Besitz Adolf Warschauers bzw. seiner Familie erhalten?

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So unproblematisch, wie sie mit dem Blick auf das frühe Akzessionsjahr erscheinen, wären diese Erwerbungen dann nicht zu betrachten.

4.3. Bund der Polen in Deutschland

Den weitaus größeren Zuwachs an geraubter Literatur erfuhr die Publikationsstelle Berlin-Dahlem während des Zweiten Weltkriegs. Dabei handelte es sich nicht nur um Literatur aus den von deutschen Truppen besetzten Gebieten, sondern zunächst um die innerhalb des Deutschen Reichs beschlagnahmte Literatur aus dem Eigentum der nationalen Minderheiten.

Die Zentrale des Bunds der Polen in Deutschland, der Organisation der polnischen Minderheit, wurde im September 1939 aufgelöst, die Geschäftsstellen geschlossen und die Mitarbeiter verhaftet. Das Vermögen und der Vereinssitz in der Potsdamer Straße 61 in Berlin wurden beschlagnahmt.22 Bei einem Besichtigungstermin vor der Beschlagnahme des Archivs und der Bibliothek am 9. September 1939 waren bereits Vertreter der Publikationsstelle Berlin-Dahlem anwesend.23 Daraufhin erhielt die Publikationsstelle vom Geheimen Staatspolizeiamt Berlin mehrere Hundert Bücher und Zeitschriften der polnischen Minderheit, worunter sich etliche Schriften zur Minderheitenpolitik – nicht allein gegenüber der polnischen und nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Staaten – befanden. Über die empfangene Literatur fertigte die Bibliothek der Publikationsstelle eine Liste mit Verfassernamen und Titeln an.24

Aufgrund der Übereinstimmung der Titel und der meist unverkennbaren, von dem Bibliothekar der Publikationsstelle, Harald Cosack, mit Bleistift auf den Umschlägen oder Einbänden vermerkten Nummern mit der Übernahmeliste lässt sich bislang die Zugehörigkeit von 127 Monographien und Kleinschriften zu dem 1939 übergebenen beschlagnahmten Bestand belegen. Letztendlich wird der Abgleich der in der Liste aufgeführten Titel mit nicht eindeutig zugeordneten Exemplaren nötig sein, um solche Exemplare zu identifizieren, bei denen keine weiteren Provenienzmerkmale vorhanden sind.

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Tatsächlich weisen die meisten der Bücher und Broschüren keine Stempel auf. Bei manchen findet sich auf dem Buchrücken ein blau gerahmtes Klebeetikett mit einer grauen gestempelten Nummer – oder Reste davon – was als ein Indiz gedeutet werden kann, dass sie zum Bestand der Bibliothek des Bunds der Polen gehörten. Die Besitzstempel des Bunds der Polen – besonders jener mit der polnischen und deutschen Umschrift und dem stilisierten Lauf der Weichsel, wie er auf der Publikation von Stefan Pomarański über Piłsudski prangt (Abb. 5) – sind indes sehr selten. In einigen Büchern finden sich Stempel anderer Einrichtungen der polnischen Minderheit in Deutschland, z.B. von akademischen Lesehallen. Die Frage, ob diese Einrichtungen schon früher Bücher an den Bund der Polen abgegeben hatten oder ob die Geheime Staatspolizei bei verschiedenen Einrichtungen der polnischen Minderheit in Deutschland beschlagnahmtes Bibliotheksgut mit der Bibliothek des Bunds der Polen vermischte, ist noch nicht beantwortet.

4.4. Maćica Serbska

Die Maćica Serbska in Bautzen und die Maśica Serbska in Cottbus waren wissenschaftliche Vereinigungen der sorbischen Minderheit in der Ober- und in der Niederlausitz. 1937 wurden sämtliche Aktivitäten des Bunds wendischer Vereine Domowina verboten, 1941 das Vermögen der beiden Vereine beschlagnahmt,25 darunter auch die Bibliotheken. Das Reichsministerium des Innern sprach der Publikationsstelle Berlin-Dahlem den Hauptteil der beschlagnahmten Bücher und Zeitschriften zu.26 Dazu gehörten ebenfalls Bücher und Zeitschriften aus den Privatsammlungen von Michał Hórnik und Arnošt Muka, die in die Bibliothek der Maćica Serbska in Bautzen eingegangen waren. Weitere Nutznießer der Beschlagnahme waren die Universitätsbibliothek Leipzig und das Landratsamt in Bautzen. Wie viele andere Bibliotheken wurden die Bibliotheken der sorbischen Vereinigungen nicht nur geraubt, sondern auch in ihrem Sammlungszusammenhang zerstört.

Welchen Umfang der Zugang aus der Maćica Serbska hatte, ist nicht bekannt. Die Zahlen differieren außerordentlich. 1942 berichtete der Bibliothekar der Publikationsstelle Harald Cosack von 8.000 Bänden; nach anderen Angaben könnten es jedoch 18.000 Bände gewesen sein.27 Die bisher durchgesehenen Akten im Bundesarchiv enthalten keine vollständigen Listen, sondern nur Teillisten und Mengenangaben.

Bislang sind in dem Bestand Publikationsstelle Berlin-Dahlem lediglich 89 Bücher und Zeitschriftenhefte dieser Provenienz entdeckt worden. Im Verhältnis zu der vermuteten Gesamtzahl sind dies wenige. Der Grund dafür liegt in dem Umstand, dass wohl die meiste sorbische Literatur in einem Schloss im Umland von Bautzen untergebracht war und deshalb nicht mit nach Coburg verlagert wurde.28 Überdies befanden sich unter den beschlagnahmten Beständen der Maćica Serbska offenbar sehr viele Zeitschriftenhefte, die im Rahmen des Forschungsprojekts noch nicht autopsiert wurden.

Nach derzeitigem Stand werden im Ergebnis des Forschungsprojekts die Bände dieser Provenienz als erste restituiert werden. Kontakte bestehen zum Sorbischen Institut in Bautzen mit seiner Sorbischen Zentralbibliothek, in der sich bereits Restbestände der Maćica Serbska befinden.

4.5. Außenministerium, diplomatische und konsularische Vertretungen der Tschechoslowakei

Seit dem Februar 1940 bemühten sich Papritz und seine Mitarbeiter um Literatur aus dem Besitz des tschechoslowakischen Außenministeriums.29 Hintergrund war die Zerstörung der staatlichen Existenz der Tschechoslowakei durch das Deutsche Reich in den Jahren 1938 und 1939, die de facto die Annexion der verbliebenen tschechischen Gebiete bedeutete. Im März 1939 wurde das Protektorat Böhmen und Mähren ausgerufen.

Die Bibliotheken des Tschechoslowakischen Außenministeriums nahm das deutsche Auswärtige Amt in Besitz.30 Wie an dem Bestand Publikationsstelle Berlin-Dahlem in der Forschungsbibliothek des Herder-Instituts ersichtlich wird, zog das Auswärtige Amt deren Bestände im Czernin-Palais in Prag zusammen. Dabei ergaben sich – da in den Bibliotheken der Gesandtschaften und Konsulate sowie des tschechoslowakischen Außenministeriums in Prag vielfach die gleiche Literatur vorhanden war – „Dubletten“, für die sich verschiedene Dienststellen und Institutionen in Deutschland interessierten.

Der Prager Ansprechpartner des Auswärtigen Amts vertröstete die Mitarbeiter der Publikationsstelle in den folgenden Monaten immer wieder mit den noch andauernden Ordnungsarbeiten – bis Anfang Oktober 1940. Dann bricht die Korrespondenz ab. Von da an sprechen die in den autopsierten Büchern und Kleinschriften eingetragenen Akzessionsnummern für sich: Die Mitarbeiter der Publikationsstelle wählten in Prag unter den sogenannten Dubletten aus, was sie für ihre Bibliothek brauchen konnten.

Bislang sind ca. 280 Bände aus den Bibliotheken des tschechoslowakischen Außenministeriums und der diplomatischen und konsularischen Vertretungen der Tschechoslowakei aufgefunden worden. Anhand der großen roten Stempel mit dem böhmischen Löwen in Büchern aus den Gesandtschaften und Konsulaten und des kleineren Stempels des tschechoslowakischen Außenministeriums sowie der Zugangs- und Standortnummern sind sie meist eindeutig zu identifizieren. Nur selten ist der Stempel der Prager Bücherei des Auswärtigen Amts – wie auf dem in Abb. 6 gezeigten Titelblatt – hinzugefügt. Weshalb das Raubgut aus der Tschechoslowakei für die Nord- und Ostdeutsche Forschungsgemeinschaft akzessioniert wurde, ist nicht geklärt.

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In den Kontext des Raubguts aus dem Außenministerium der Tschechoslowakei gehören außerdem einige Dutzend verlagsneue Publikationen des Prager Orbis-Verlags. Noch bevor er den Mitarbeitern der Publikationsstelle den Zugriff auf die Bücher und Schriften aus dem Außenministerium, den Botschaften und Konsulaten – auf die sogenannten Dubletten – ermöglichte, bot ihnen der Vertreter des Auswärtigen Amts, Emil Schieche, das gleichfalls in seiner Dienststelle lagernde – tschechoslowakische – „Propagandamaterial“ an, „das gerade für Sie mitunter von besonderem Wert sein kann.“31 Mutmaßlich waren damit die Schriften des regierungsnahen Verlags Orbis gemeint.

4.6. Staats- und Universitätsbibliothek Posen und Buchsammelstelle Posen

Auch nach Beginn des Zweiten Weltkriegs bildeten die polnischsprachige und die Literatur über Polen einen Schwerpunkt der Sammeltätigkeit der Publikationsstelle. Nach dem Überfall auf Polen beanspruchte und erhielt die Publikationsstelle die bei Privatpersonen, Einrichtungen des polnischen Staates und der Zivilgesellschaft geraubte Literatur.

Unter dem bisher im OPAC erfassten Teil des Bestands befinden sich etwa 1.000 polnischsprachige und Polen betreffende Monographien, Kleinschriften und Rara, die 1939 oder während des Zweiten Weltkriegs von der Publikationsstelle – bzw. von der Nord- und Ostdeutschen Forschungsgemeinschaft – akzessioniert wurden und die mithin als Raubgut-verdächtig anzusehen sind. Sowohl die Zusammenhänge des Raubs als auch die Wege der Verteilung konnten bisher in unterschiedlicher Tiefe recherchiert werden. Bei mehreren Dutzend Bänden lässt sich aus einzelnen – mitunter beinahe vollständig entfernten – Merkmalen, wie Stempeln, Akzessionsnummern, Dublettenvermerken, Exlibris, Widmungen – schließen, dass sie über die Staats- und Universitätsbibliothek Posen in die Bibliothek der Publikationsstelle Berlin-Dahlem eingingen.

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Posen im September 1939 wurde die Biblioteka Uniwersytecka w Poznaniu, die Universitätsbibliothek der Posener – polnischen – Universität, geschlossen.32 Im November öffneten die deutschen Besatzer sie unter dem Namen Staats- und Universitätsbibliothek Posen. Der Volksdeutsche Alfred Lattermann wurde als Direktor eingesetzt. In der Folge wurde die Bibliothek durch deutsches Personal und nach deutschen Maßgaben brachial umgestaltet. Ziel war es, die polnische Universitätsbibliothek der Zwischenkriegszeit in eine deutsche Einrichtung umzuformen. Dazu mussten die Regale schnellstmöglich mit deutschsprachiger und NS-Literatur gefüllt werden, die u. a. auf dem Wege des Tauschs beschafft wurde.

Die Werke, die die Staats- und Universitätsbibliothek Posen an zahlreiche deutsche und österreichische Bibliotheken abgab bzw. gegen deutschsprachige Publikationen eintauschte, waren unterschiedlicher Herkunft. Zum einen hatten sie der polnischen Biblioteka Uniwersytecka w Poznaniu gehört, befanden sich also bereits im Haus. So wurde der italienische Titel in Abb. 7, den die Biblioteka Uniwersytecka im Tausch von der Biblioteka Jaggiellońska in Krakau erhalten und 1938 in ihren Bestand aufgenommen hatte, von den Bibliothekaren der deutschen Besatzer als Dublette ausgeschieden und an die Bibliothek der Publikationsstelle abgegeben. Zum anderen beschafften der Direktor der Staats- und Universitätsbibliothek Lattermann und seine Mitarbeiter Literatur aus der Buchsammelstelle Posen – sowohl für ihre eigene Einrichtung als auch für andere deutsche Bibliotheken, von denen sie Gegengaben erwarten konnten.

Nach einem Befehl des Reichsstatthalters Arthur Greiser vom 13. Dezember 1939 mussten alle polnischen Eigentümer und Eigentümerinnen im Gau Posen – später in Warthegau umbenannt – ihre Bibliotheken „anmelden“, damit sie „sichergestellt“ werden konnten.33 Der Entzug von Büchern als der Grundlage des geistigen und kulturellen Lebens und aller wissenschaftlichen Tätigkeit war Bestandteil des Kolonisierungsplans der deutschen Besatzer für Polen. Die beschlagnahmten Bibliotheken privater und institutioneller – auch kirchlicher – Eigentümer und Eigentümerinnen aus Posen und dem sogenannten Warthegau wurden in einem „Buchsammelstelle“ genannten Lager zusammengeführt, für das zunächst eine, dann mehrere Posener Kirchen requiriert wurden. Diese Buchsammelstelle unterstand anfangs der Volksdeutschen Mittelstelle, seit dem Frühjahr 1940 dem Kurator der Universität Posen.

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Bei der Buchsammelstelle waren die angelieferten Bücher indes keineswegs „sicher“ untergebracht. Sie lagen in Stapeln im Kirchenraum. Zahlreiche Bücher – vor allem polnische Belletristik – ließen die Verantwortlichen in einer Papierfabrik makulieren. Durch einen Luftangriff der Alliierten im Frühsommer 1944 gingen viele der Bände, die bis dahin überdauert hatten, zugrunde.

Lattermann unterband rigoros, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen anderer Bibliotheken, die an dem dort lagernden Raubgut interessiert waren, selbst bis in die Buchsammelstelle vordrangen. So verwehrte er u.a. den Bibliothekaren der Publikationsstelle den Zugang und behielt alleinig sich und seiner Institution die Weitergabe von Literatur aus der Buchsammelstelle vor.34 Wahrscheinlich haben die heute in der Forschungsbibliothek des Herder-Instituts befindlichen Rara aus dem Eigentum der Poznańskie Towarzystwo Przyjaciół Nauk – der Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften in Posen – eben diesen Weg genommen: von der Buchsammelstelle über die Staats- und Universitätsbibliothek Posen in die Bibliothek der Publikationsstelle.

Viele der Hochschullehrer und Hochschullehrerinnen der polnischen Universität in Posen wurden verhaftet und zwangsweise in das Generalgouvernement „umgesiedelt“, sie verloren ihre Arbeitsplätze und ihre Wohnungen. Die ihnen geraubten Bibliotheken wurden nicht in die Buchsammelstelle gebracht. Vielmehr erhielt die Staats- und Universitätsbibliothek Posen sie im Dezember 1939 und Januar 1940 direkt überstellt. Wie Jan Baumgart schreibt, vernichtete Lattermanns Mitarbeiter, der Nationalsozialist Richard Busse, eigenhändig zahlreiche der eingegangenen wissenschaftlichen Publikationen. Da sie nicht gebunden waren, erachtete er sie für wertlos.35 Doch gab die Staats- und Universitätsbibliothek auch Werke aus diesen Privatbibliotheken weiter. So lassen sich in einigen Exemplaren des Bestands Publikationsstelle Berlin-Dahlem Namen von Professoren der Universität Poznań nachweisen. Darunter befinden sich Publikationen aus dem Besitz des Literaturhistorikers Tadeusz Grabowski, des Biologen und Pädagogen Ludwik Jaxa-Bykowski, des Juristen und Rektors der Universität Poznań Stanisław Kasznica und des Direktors der Biblioteka Uniwersytecka Aleksander Birkenmajer. Abb. 8 zeigt ein Werk über die lokale Selbstverwaltung in Europa mit einer Widmung des Verfassers für Stanisław Kasznica, das an anderer Stelle noch einen Dublettenvermerk der Staats- und Universitätsbibliothek Posen aufweist.

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5. Ausblick

Das aus Deutschland, der Tschechoslowakei und Polen stammende Raubgut macht nur einen Teil des NS-Raubgut-verdächtigen Bestands aus der Bibliothek der Publikationsstelle Berlin-Dahlem aus. Während des Zweiten Weltkriegs baute deren Bibliothek weitere Sammelschwerpunkte durch fragwürdige Erwerbungen auf. Mit der Umsiedlung der Baltendeutschen seit 1939 und der Besetzung des Baltikums durch deutsche Truppen 1941 ergab sich die Gelegenheit, sich in großem Umfang in den Besitz von Literatur aus Litauen, Lettland und Estland zu bringen. Welche Wege die mehreren Hundert im Bestand befindlichen, aus privaten und öffentlichen Bibliotheken stammenden Bücher und Schriften genommen haben, ist noch weitgehend ungeklärt.

Dies gilt ebenso für die meiste russischsprachige Literatur und für Literatur, die verschiedene andere Länder und Gebiete in Nord-, Ostmittel- und Osteuropa betrifft, sowie für die nicht sehr zahlreichen Publikationen aus Westeuropa. Eine Ausnahme bildet hier lediglich die aus den Instituten der Akademie der Wissenschaften in Kiev geraubte Literatur, die sich aufgrund von Stempeln und der Schreibweise der Standortnummern klar zuordnen lässt.

Überdies enthält der Bestand Publikationsstelle Berlin-Dahlem Literatur, die nicht aus der Bibliothek der Publikationsstelle stammt. Offenbar wurden in den USA den für das Herder-Institut bestimmten Kisten Bücher und Schriften beigegeben, die nach dem Zweiten Weltkrieg von US-Truppen an anderen Orten in Deutschland beschlagnahmt wurden. Darunter sind Schriften mit Stempeln der Sammlung Rehse36, des Hauptarchivs der NSDAP in München und Bücher aus dem Institut zur Erforschung der Judenfrage in Frankfurt am Main, die sich wohl auch in anderen Bibliotheken, die aus Deutschland entführte Literatur aus den USA erhielten, feststellen lassen – namentlich der Bayerischen Staatsbibliothek.

Literaturverzeichnis

- Aly, Götz; Heim, Susanne: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung, Frankfurt a. M. 1995.

- Baumgart, Jan: Biblioteka Uniwersytecka pod rządami „Reichsuniversität”, in: Przegląd Zachodni 12 (7 – 8), 1956, S. 299–309.

- Burleigh, Michael: Germany Turns Eastwards. A Study of Ostforschung in the Third Reich. Cambridge; New York; New Rochelle u.a. 1988.

- Fahlbusch, Michael: Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“ von 1931 – 1945, Baden-Baden 1999.

- Förster, Frank: Die „Wendenfrage“ in der deutschen Ostforschung 1933 – 1945, Bautzen 2007.

- Gentzen, Felix-Heinrich: Der Deutsche Ostmarkenverein von 1918 bis 1934, in: Galos, Adam; Gentzen, Felix-Heinrich; Jakóbczyk, Witold: Die Hakatisten. Der Deutsche Ostmarkenverein (1894 – 1934). Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Imperialismus, Berlin 1966.

- Kossmann, Oskar: Es begann in Polen. Erinnerungen eines Diplomaten und Ostforschers, Lüneburg 1989.

- Musiat, Siegmund: Sorbische/Wendische Vereine 1716 – 1937, Bautzen/Budyšin 2001.

- Oldenburg. Jens: Der Deutsche Ostmarkenverein 1894 – 1934, Berlin 2002.

- Rapmund, Antje: Die Deutsche Bibliothekspolitik in der Tschechoslowakei und in Polen während des Zweiten Weltkriegs, Dissertation, Humboldt-Universität Berlin, Berlin 1993.

- Schön, Franz: „Ein seltener Schatz für die sorbische Sprache, Geschichte usw.“. Zur Entstehung und Entwicklung einer zentralen sorbischen Bibliothek, in: ABDOS-Mitteilungen 28 (1), 2008, S. 1–11.

- Šěn, Franc [Schön, Franz]: Wobstatki a wosud knihownje a archiwa Maćicy Serbskeje, in: Lětopis 46 (2), 1999, S. 19–32.

- Zimmer, David: Gestempelte Bücher. Ein mutmasslicher Raubgut-Bestand in der Bibliothek des Herder-Instituts in Marburg, in: Bibliothek: Forschung und Praxis 33 (1), 2009, S. 88–92.

1 Zimmer, David: Gestempelte Bücher. Ein mutmasslicher Raubgut-Bestand in der Bibliothek des Herder-Instituts in Marburg, in: Bibliothek. Forschung und Praxis 33 (1), 2009, S. 88–92.

2 Vgl. Burleigh, Michael: Germany Turns Eastwards. A Study of Ostforschung in the Third Reich. Cambridge; New York; New Rochelle u.a. 1988.

3 Vgl. Fahlbusch, Michael: Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die „Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften“ von 1931 – 1945, Baden-Baden 1999.

4 Zur Trennung vom Preußischen Geheimen Staatsarchiv und Unterstellung unter das Reichsministerium des Innern. Bundesarchiv (BArch) R 153/2 und R 153/7.

5 Reichsführer SS, Kuratorium für Volkstums- und Landesforschung. III/VI - 643/44 -, i. A. Dr. [Jürgen] v. Hehn, 22.9.1944. Betr. Dienststellenbezeichnung. Bezug: Erlass des Reichministers des Innern I 113/43 5290 v. 29.12.1943 [Rundschreiben] u. a. an Publikationsstelle Berlin-Dahlem. BArch R 153/933.

6 Vgl. Abrechnungen der Publikationsstelle, 1931 – 1944. Hessisches Staatsarchiv Marburg (StAM) 340 Papritz C 12 d 20.

7 Im Gang befindliche Arbeiten der Publikationsstelle Berlin-Dahlem bezw. Nord- und Ostdeutsche Forschungsgemeinschaft. Stand November 1943. BArch R 153/933.

8 Aly, Götz; Heim, Susanne: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung, Frankfurt a. M. 1995, S. 402.

9 Vgl. Abrechnungen der Publikationsstelle, 1931 – 1944. StAM 340 Papritz C 12 d 20.

10 Kossmann, Oskar: Es begann in Polen. Erinnerungen eines Diplomaten und Ostforschers, Lüneburg 1989, S. 202–206. Zu den zurückgelassenen Beständen: Förster, Frank: Die ‚Wendenfrage‘ in der deutschen Ostforschung 1933 – 1945, Bautzen 2007, S. 239–241.

11 Ebd., S. 224–231.

12 Vgl. Polish Library in Paris, Wikipedia, <https://en.wikipedia.org/wiki/Polish_Library_in_Paris>, Stand: 22.08.2018.

13 Im Gang befindliche Arbeiten der Publikationsstelle Berlin-Dahlem bezw. Nord- und Ostdeutsche Forschungsgemeinschaft. Stand November 1943. BArch R 153/933.

14 Publikationsstelle, i. V. Ks. [Oskar Kossmann], an den Oberbürgermeister zu Coburg, 28.4.1945. BArch R 153/962.

15 Titelverzeichnis der Bücherei der Publikationsstelle. Abt. 1 – 3. StAM 340 Papritz C 12 d 55,1.

16 Vgl. Gentzen, Felix-Heinrich: Der Deutsche Ostmarkenverein von 1918 bis 1934, in: Galos, Adam; Gentzen, Felix-Heinrich; Jakóbczyk, Witold: Die Hakatisten. Der Deutsche Ostmarkenverein (1894 – 1934). Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Imperialismus, Berlin 1966; Oldenburg, Jens: Der Deutsche Ostmarkenverein. 1894 – 1934, Berlin 2002.

17 Veröffentlichung der Verfasserin zu dem Teilbestand „Deutscher Ostmarkenverein“ in Vorbereitung.

18 [Max] Bu[sse]: Bericht über den Raumbedarf der Publikationsstelle, 21.9.1936. BArch R 153/2.

19 Adolf Warschauer, Wikipedia, <https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Warschauer>, Stand: 10.08.2018.

20 Preußisches Staats-Archiv, Müller, im Entwurf: gez. [Johannes] Papritz, an den Generaldirektor der Staatsarchive, 28.2.1931, Nr. 999/31. Geheimes Staatsarchiv – Stiftung Preußischer Kulturbesitz I. HA Rep. 178 Nr. 255.

21 Tafel 7 „Rodgero Prümers und Adolf Warschauer“ der Wanderausstellung 125 Jahre Historische Gesellschaft für die Provinz Posen, <www.deutsche-polen.org/upload/ausstellung125jahre/HiKo_125_7-14.pdf>, Stand: 10.08.2018.

22 Bund der Polen in Deutschland, Wikipedia, <https://de.wikipedia.org/wiki/Bund_der_Polen_in_Deutschland>, Stand: 22.08.2018.

23 Publikationsstelle, [Unterschrift unleserlich]: Notiz, 8.9.1939. BArch R 153/856. Anwesend waren Gerhard Sappok und Franz Doubek.

24 Publikationsstelle, an das Geheime Staatspolizeiamt z. Hdn. von Oberinspektor Günter, 29.11.1940. BArch R 153/856.

25 Musiat, Siegmund: Sorbische/Wendische Vereine 1716 – 1937, Bautzen/Budyšin 2001, S. 67 und 191 sowie S. 339.

26 Zur Beschlagnahme und Verteilung der sorbischen Bibliotheken vgl. Förster: Die „Wendenfrage“, S. 223–236.

27 Šěn, Franc [Schön, Franz]: Wobstatki a wosud knihownje a archiwa Maćicy Serbskeje, in: Lětopis 46 (2), 1999, S. 19–32, S. 29. Diese große Zahl könnte durchaus dem Gewicht von siebeneinhalb Tonnen Büchern entsprechen, die Cosack Anfang März 1942 in zwei Möbelwagen von Bautzen auf den Weg nach Berlin brachte. Vgl. u. a. Frachtbriefe in der Akte BArch R 153/1452.

28 Förster: Die „Wendenfrage“, S. 240–241; Schön, Franz: „Ein seltener Schatz für die sorbische Sprache, Geschichte usw.“. Zur Entstehung und Entwicklung einer zentralen sorbischen Bibliothek, in: ABDOS-Mitteilungen 28 (1), 2008, S. 1–11, S. 6.

29 Vgl. BArch R 153/12.

30 Rapmund, Antje: Die Deutsche Bibliothekspolitik in der Tschechoslowakei und in Polen während des Zweiten Weltkriegs, Dissertation, Humboldt-Universität Berlin, Berlin 1993, S. 83 f.

31 Dr. [Emil] Schieche an die Publikationsstelle Berlin-Dahlem, 30.9.1940. BArch R 153/12.

32 Zur Staats- und Universitätsbibliothek Posen und zur Buchsammelstelle Posen: Baumgart, Jan: Biblioteka Uniwersytecka pod rządami „Reichsuniversität”, in: Przegląd Zachodni 12 (7–8), 1956, S. 299–309.

33 Vgl. BArch R 153/1366.

34 [Harald] Cosack: Dem Herrn Direktor [Johannes Papritz], 21.8.1942. BArch R 153/1205.

35 Baumgart: Biblioteka Uniwersytecka, S. 302.

36 Friedrich Rehse, Wikipedia, <https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Rehse>, Stand: 23.08.2018.