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Editorial

Forschungsdaten – Aufgabe und Herausforderung für Bibliotheken

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

spätestens seit den Empfehlungen des Rates für Informationsinfrastrukturen (RfII) im Jahr 2017 und der von Bund und Ländern formulierten Perspektive der Einrichtung einer Nationalen Forschungsinfrastruktur (NFDI) im Jahr 2018 steht das Thema Forschungsdaten ganz oben auf der bibliothekarischen Agenda und markiert zugleich einen sichtbaren Umbruch in wesentlichen bibliothekarischen Handlungsfeldern – auch wenn man dies auf den ersten Blick vielleicht gar nicht wahrnehmen mag. Daten, die im Forschungsprozess entstanden oder gesammelt worden sind, zu archivieren, zu verzeichnen und zugänglich zu machen, ist eine relative neue Aufgabe und zwingt Bibliotheken dazu, Arbeitsfelder zu verändern und Geschäftsgänge an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Deshalb war es für das Herausgebergremium von o-bib naheliegend, dieses wichtige und neuartige Feld in einem Themenschwerpunkt näher zu durchdringen und von unterschiedlichen Seiten zu beleuchten.

Schon die schiere Vielfalt der existierenden Forschungsdaten und ihre disziplinären Besonderheiten werfen fundamentale Fragen auf. Wenn nach der breiten Definition der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen Forschungsdaten Daten sind, die „im Zuge wissenschaftlicher Vorhaben z.B. durch Digitalisierung, Quellenforschungen, Experimente, Messungen, Erhebungen oder Befragungen entstehen“, dann fallen darunter Vermessungsdaten, digitale Karten oder Fotografien, Volltexte, Datenbanken, 3-D-Rekonstruktionen, Filme und Videos, Vektorzeichnungen, Spektrogramme, aufbereitete und angereicherte Daten oder Dokumente, digitale Anmerkungen oder Bibliografien. Diese Aufzählung könnte beliebig fortgeführt werden. Entscheidend ist, dass es sich um digital verarbeitbare Daten handelt, die gleichsam den Rohstoff einer digital arbeitenden Wissenschaft bilden. Oft wird dabei übersehen, dass auch die Publikationen selbst und nicht nur die Publikationen begleitenden Daten zu Forschungsdaten werden, wenn sie entsprechend aggregiert und ausgelesen werden können. Auch daran wird sichtbar, wie weitreichend der derzeit stattfindende Paradigmenwechsel ist. Nach dem Ende der analogen Sammlung müssen sich Bibliotheken mit dem Aufbau einer neuen digitalen Sammlung befassen, um etwa Text-and-Data-Mining (TDM) zu ermöglichen.

Damit einher gehen Forderungen nach einem neuen Umgang mit den von der öffentlichen Hand bezahlten Forschungsergebnissen. Die vielzitierten FAIR-Prinzipien spielen dabei ebenso eine Rolle wie die sich mehr und mehr durchsetzende Einsicht, dass moderne Forschung ohne Open Access eigentlich undenkbar ist. Schließlich ergeben sich in der Organisation und Verwaltung der Forschungsdaten zahlreiche, oft schwierige Detailprobleme. Auch wenn die abstrakten Modelle des Research Data Life Cycle mittlerweile den meisten bekannt sein dürften, so ist doch die konkrete Umsetzung gemäß den Anforderungen der Wissenschaft, die Verwaltung der Daten, ihre Dokumentation, Langzeitarchivierung und persistente Zugänglichkeit immer noch eine große Herausforderung und deshalb weiter Gegenstand eigener bibliothekarischer und infrastruktureller Forschungsprojekte.

Im Themenschwerpunkt des vorliegenden Heftes wollen wir uns des Themas in seinen vielfältigen Facetten annehmen. Die Beiträge stammen aus verschiedenen Disziplinen, von unterschiedlichen Protagonisten und greifen vor allem die mit Forschungsdaten verbundenen praktischen Probleme auf – von publikationsbegleitenden Forschungsdaten über Forschungsdatenmanagementpläne und Repositorien bis hin zu Softwarearchivierung. Zusätzlich zu den Fachaufsätzen finden sich in diesem Heft auch in den Rubriken „Tagungsberichte“ und „Berichte und Mitteilungen“ einschlägige Texte aus dem Bereich Forschungsdaten.

Dass das Thema von zentraler Relevanz ist, zeigt sich auch in dem Umstand, dass wir nach dem Call for Papers für diesen Themenschwerpunkt förmlich von Beitragsvorschlägen überrollt wurden und deutlich mehr qualitätvolle Aufsätze eingereicht wurden, als in einem Heft verarbeitet werden konnten. Wir haben uns daher entschlossen, den Themenschwerpunkt auf zwei Hefte aufzuteilen. Freuen Sie sich also schon jetzt auch auf das nachfolgende Heft 3/2018 von o-bib, in dem Sie weitere Beiträge zum Thema Forschungsdatenmanagement finden werden.

Für das o-bib-Team
Thomas Stäcker und Helge Steenweg

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2018H2SIV-V