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Zeitretrieval in der verbalen Inhaltserschließung

Esther Scheven, Deutsche Nationalbibliothek, Frankfurt am Main
Michael Wening, Öffentliche Bibliothek, Remscheid

Zusammenfassung:

Die Zeitdimension spielt im Retrieval oft eine wichtige Rolle. Dennoch ist eine inhaltliche Suche nach der Zeitfacette in Katalogen und anderen Recherchesystemen kaum sinnvoll umgesetzt, da die zugrundeliegenden Erschließungssysteme die Erfassung der Zeitfacette nur unzureichend abbilden. Der Artikel stellt kurz den Status quo dar und entwickelt eine Idee für ein verbessertes Retrieval der Zeitschlagwörter bei der inhaltlichen Erschließung.

Summary:

Time plays an important role in bibliographic retrieval. Despite of that, the results of subject-focused time searches in library catalogs and other retrieval systems are often inadequate, as the cataloging and indexing systems do not sufficiently represent the time aspect. The article explains the status quo and goes on to discuss an idea for an improved recording and retrieval of temporal subject headings.

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2018H2181-192
Autorenidentifikation:
Scheven, Esther: GND 11399849X; Wening, Michael: GND 1149224487
Schlagwörter: Inhaltserschließung; Zeitfacette; Retrieval

1. Zeitaspekte in Formal-, Provenienz- und Inhaltserschließung

Das Phänomen Zeit ist seit jeher ein großes Faszinosum, welches nicht nur in der Alltagserfahrung der Menschen eine wichtige Rolle spielt, sondern auch in Philosophie, Wissenschaft, Literatur und Kunst Gegenstand der Untersuchung und Reflexion ist.

Zeitaspekte werden in allen drei bibliothekarischen Erschließungsarten relevant: Zeitangaben in der Formalerschließung erfassen und beschreiben die formalen zeitlichen Merkmale, welche geeignet sind, um Ressourcen in einen temporalen Kontext ihrer Entstehung bzw. Erscheinung einzuordnen. Dazu gehört auch die Erfassung von Lebensdaten bei Personen oder Zeitangaben wie Gründungsjahr oder Zeitpunkt der Veranstaltung bei Körperschaften und Konferenzen. Zeitangaben in der Provenienzerschließung dienen dazu, Aussagen über persönliche sowie körperschaftliche Vorbesitzer einzelner Ressourcen zu treffen, Provenienzketten zu rekonstruieren und dadurch die jeweils eigenständige Geschichte eines Buches als physisches Objekt zu beleuchten.

Die zeitlichen Inhalte einer Ressource, die im Zentrum der folgenden Überlegungen stehen, werden mittels klassifikatorischer und verbaler Erschließung in Form von Notationen beziehungsweise Deskriptoren erfasst; sie sollen Aufschluss darüber geben, wie das Thema eines Dokumentes chronologisch einzuordnen ist.

Viele Klassifikationen verfügen über Systemstellen, die einer zeitlichen Gliederung folgen (Abb. 1, DDC-Notation 943.073 „1815–1847“; Unterteilung in historische Epochen), oder sehen – wo eine Einordnung von Ressourcen in diese Klassen nicht möglich ist – die Verwendung von Zeitschlüsseln (Abb. 2, DDC Hilfstafel 1, Notation-0903 „Neuzeit, 1500–“; Unterteilung in Jahrhunderte) im Rahmen synthetischer Notationen vor (beispielsweise Dewey-Dezimalklassifikation [DDC]1).

Normalerweise werden Notationen aus den Hilfstafeln gemäß den Anweisungen zu einer synthetischen Notation zusammengefügt. Da die meisten Nutzer verbal suchen, hat die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) mit Einführung der DDC zusätzlich zur synthetischen Notation die Notationsbestandteile einzeln abgelegt. Über ein spezielles Tool WebDewey Search4 lassen sich DDC-Notationen verbal suchen. Aufgrund der genannten Einzelablage der DNB lässt sich der Zeitschlüssel von mit DDC erschlossenen Dokumenten separat suchen.5

Bei der verbalen Erschließung nach den „Regeln für die Schlagwortkatalogisierung (RSWK)“6 dienen in geringem Umfang Epochenbezeichnungen sowie als maßgebliches Instrumentarium die Zeitschlagwörter der zeitlichen Indexierung von Dokumenten. Bei Epochenbezeichnungen wie Barock oder Renaissance ist der Zeitaspekt immanent und wird im Normdatensatz erfasst.7 Beispielsweise ist für die Epochenbezeichnung „Barock“ die Zeitspanne von 1570 bis 1750 im Normdatensatz angegeben. Aus den Verwendungshinweisen geht überdies hervor, dass bei Werken aus dem Bereich der Kunst die gültige Zeitspanne auf den Zeitraum von 1600 bis 1750 verkürzt ist.8 Epochenbezeichnungen werden bei der Schlagwortvergabe wie Sachschlagwörter behandelt.

Die nach RSWK zugelassenen acht Zeitschlagwörter9 haben einen eigenen Indikator und stehen bei der Bildung von Schlagwortfolgen in der Regel am Ende. Üblicherweise sind sie um Jahresangaben ergänzt. Nur bei Gesamtdarstellungen fehlen diese. Problematisch ist bisher die mangelnde Verwertbarkeit der zeitlichen Angaben aus den Normdatensätzen und Zeitschlagwörtern für das Retrieval in elektronischen Katalogen.

Beispiele für Schlagwortfolgen mit Epochenbezeichnung und Zeitschlagwort:
Titel: Grundriss Philosophie des Humanismus und der Renaissance (1350–1600) / Thomas Leinkauf. – 2017
Schlagwortfolgen: Renaissance ; Humanismus ; Philosophie
Philosophie ; z Geschichte 1350–1600 10

Titel: Untersuchungen zur römischen Keramik und weiteren Funden aus Syene/Assuan (1.–7. Jahrhundert AD) : Grabungen 2001–2004 / von Stefanie Martin-Kilcher und Jacqueline Wininger. – 2017
Schlagwortfolge: Assuan ; Funde ; z Geschichte 1–700 11

2. Retrieval der Zeitdimension – Überblick über die Regelwerkssituation und die verwendeten Normdateien (2003–2017)

2003 hatte sich Jutta Frommeyer in ihrer Dissertation „Zeitbegriffe und Zeitcodierungen in allgemeinbibliographischen Datenbanken“ dem Thema „Zeitretrieval“ gewidmet.12 Sie untersuchte die „Regeln für den Schlagwortkatalog (RSWK)“,13 die Library of Congress Subject Headings (LCSH) als Regelwerk sowie das französische Pendant und die nach diesen Regeln erstellten Normdateien (SWD, LCSH, RAMEAU) und stellte ein theoretisches Modell für ein Zeitretrieval vor mit den Elementen Zeitcode, Chronikcode und Chroniknormdatei. Der Zeitcode ist ein numerisches Feld in der bibliografischen Beschreibung; Zeitangaben werden als Zahlen und nicht als Zeichen erfasst, der Chronikcode ist analog zum Zeitcode ein numerisches Feld innerhalb eines Normdatensatzes für die Erfassung des zeitlichen Bezugs. Bei der Chroniknormdatei handelt es sich um eine eigene Normdatei für alle Normdatensätze mit einem zeitlichen Bezug ausgehend von der zeitlichen Komponente, d.h. es werden einzelne Normdatensätze für die zeitliche Komponente gebildet, die die Vorzugsbenennung darstellt. Die Erfassung erfolgt in der gleichen Struktur wie des Zeitcodes.14

Beispiele für Normdatensätze einer Chroniknormdatei nach dem Vorschlag von Jutta Frommeyer (Grundlage sind Datensätze aus der GND; die Indikatoren entsprechen den Absprachen in den RSWK15):

Aufgrund der gleichen Struktur der Zeitangaben in der bibliografischen Beschreibung, in den Zeiterfassungsfeldern von Normdatensätzen und den speziellen Normdatensätzen der Chroniknormdatei können umfassende Suchen sowohl mit den Zeitangaben als auch mit verbalen Entsprechungen durchgeführt werden.

Zwischenzeitlich haben sich bibliothekarische Modelle und Regelwerke sowie die im D-A-CH-Raum verwendete Gemeinsame Normdatei (GND) weiterentwickelt. Allgemein bekannt ist die FRBR-Familie,16 die mit dem IFLA Library Reference Model (IFLA LRM)17 wohl zunächst ihren Abschluss gefunden hat. FRBR und IFLA LRM verwirklichen ein Entity-Relationship-Model, das heißt, verschiedene Entitäten werden zueinander in Beziehung gesetzt und die Art der Beziehung gekennzeichnet. Das neue Regelwerk Resource Description and Access (RDA)18 gründet sich auf FRBR beziehungsweise zukünftig auf IFLA LRM. Bei der Entwicklung der Gemeinsamen Normdatei (GND) wurde auch auf ein Entity-Relationship-Model gesetzt. RSWK ist nicht mehr länger das Regelwerk für alle Entitäten der Sacherschließung, die nun in der GND vorgehalten werden. Die Regeln zur Erstellung von Normdatensätzen der GND für mögliche geistige Schöpfer (Personen, Körperschaften) und Werke, die auch Thema sein können, folgen seit dem Umstieg des D-A-CH-Raums auf RDA dem neuen Regelwerk.

Beim Ursprungsmodell FRBR ist die Zeitfacette in der Gruppe 3 in Form der Entität „Event“ dargestellt, jedoch ausschließlich für inhaltliche Aspekte der Erschließung vorgesehen. Die in den 2000er-Jahren erarbeiteten Modifizierungen von FRBR versuchten in der Folge, die Zeitentität unabhängig von der Erschließungsart zu definieren und den Informationseinrichtungen somit einen größeren Spielraum in der Gestaltung ihrer spezifischen Regelwerke und Recherchesysteme zu belassen. Im LRM ist die Entität „Ereignis“ in „Zeitspanne“ („Time-span“, LRM-E11) umbenannt worden und rangiert zusammen mit den meisten anderen Entitäten auf der zweiten Hierarchieebene des Referenzmodells. Damit ist die Entität „Zeitspanne“ eine Instanz der Entität „Res“ und kann für jedwede Art von Zeitangabe verwendet werden.

Nicht zuletzt aufgrund dieser tiefgreifenden Veränderungen und weil der Standardisierungsausschuss eine Weiterentwicklung der RSWK intendiert, erschien es sinnvoll, im Rahmen einer Masterarbeit die Zeitdimension in der bibliothekarischen inhaltlichen Erschließung erneut zu untersuchen und Empfehlungen für ein verbessertes Retrieval auszuarbeiten. Die Masterarbeit von Michael Wening,19 die an der DNB erstellt wurde, analysiert die Vorgaben für die Erfassung der Zeitfacette in klassifikatorischen und verbalen Erschließungsregelwerken und bewertet sie bezogen auf das Retrieval.

Wie er herausgearbeitet hat, ist beispielsweise ein großer Nachteil von RDA, dass Zeitangaben kaum maschinenlesbar erfasst werden. In RDA 6.20.3.3, wo es um die Erfassung des Datums eines Abkommens geht, heißt es: „Erfassen Sie das Datum in der Form [Jahr] [Monat] [Tag]. Erfassen Sie den Monat in der Sprache und Schrift, die die Agentur bevorzugt, welche die Daten erzeugt.“ Das heißt, dass je nach Arbeitssprache ganz unterschiedliche Angaben für den Monat gemacht werden (Juni – June – Juin – Junio etc.). Um eine bessere internationale Standardisierung der Katalogdaten erreichen zu können, müssten Zeitangaben im besten Fall in einem rein numerischen Datumsformat erfasst werden. Zeitangaben sind nicht nur in der bibliothekarischen Welt wichtig, sondern in vielen Zusammenhängen. Die Anforderungen sind für alle Anwendergemeinschaften ähnlich. Deshalb ist es sinnvoll, solche Angaben über allgemeine Standards wie Normen des DIN oder der internationalen Normungsorganisation ISO zu regeln. In der internationalen Norm ISO 860120 werden Empfehlungen zur Erfassung von Zeitangaben gegeben. Die bibliothekarischen Standards sollten die allgemeinen Standards berücksichtigen und ggf. ganz auf sie verweisen, wenn sie für die Erfassung von Katalogdaten ausreichend sind.

Ebenfalls untersucht wurden die angebotenen Möglichkeiten für ein Zeitretrieval in großen Bibliothekskatalogen (Verbundkataloge, Katalog der DNB), wobei auch Vergleiche mit Spezialportalen21 angestellt wurden, weil diese für ihren speziellen Focus häufig andere oder elaborierte Zugänge anbieten. Wie sich zeigte, hat sich an den Möglichkeiten der inhaltlichen Suche nach der Zeitfacette seit 2003 in den Bibliothekskatalogen kaum etwas verbessert. Klassifikatorisch erschlossene Titel sind bezogen auf den Zeitaspekt i.d.R. schwer recherchierbar, da die Zeitfacette üblicherweise Teil der Gesamtnotation ist. Durch die Einzelablage der verschiedenen Bestandteile von synthetischen Notationen der DNB kann über WebDewey Search zwar die Zeitfacette gesucht werden; die Suche ist aber nicht intuitiv.22 Die Erfassung der Zeitdimension nach RSWK ist nicht normiert; es werden immer die konkreten Anfangs- und Endjahre erfasst. Die erfassten Zeitabschnitte sind für den Endnutzer nicht vorhersehbar und deshalb im Retrieval schlecht zu verwenden. Im Rahmen der verbalen Erschließung hat Michael Wening diskutiert, ob die Erfassung von normierten Zeitabschnitten oder Normdatensätze für Zeitschlagwörter eine Verbesserung bringen würden.

Der von Jutta Frommeyer geforderte Chronikcode ist in der GND durch die neue Datenstruktur verwirklicht: Im Feld 548 sollen bei allen Normdatensätzen mit Zeitbezug die Angaben strukturiert erfasst werden.

Beispiele, Katalogdarstellung in PICA3:
150 Renaissance
548
1420$b1600$4datb23

110 Deutsch-Finnische Gesellschaft
510
!98806328X!Deutsch-Finnische Gesellschaft in Süddeutschland [Tb1]$4vorg
548 1956$4datb24

100 Schiller, Friedrich
548
1759$b1805$4datl
548 10.11.1759$b09.05.1805$4datx25

Eine Chroniknormdatei, in der ausgehend von der Zeitangabe alle Normdatensätze mit der gleichen Zeitangabe zusammengefasst werden, gibt es zurzeit allerdings in der Weise nicht. Bei der Entwicklung der GND wurde davon Abstand genommen, Normdatensätze für Zeitangaben zu erfassen, da solche Datensätze ins Uferlose anwachsen und bei guten Retrievalmöglichkeiten auch nicht gebraucht würden.26 Stattdessen empfiehlt Michael Wening, für das Zeitretrieval nicht nur die Angaben mit Zeitbezug in der Schlagwortfolge, sondern auch etwaige Zeitangaben in den Normdatensätzen der übrigen Schlagwörter in der Schlagwortfolge auszuwerten. Das würde bei einer zeitlichen Suche die relevante Treffermenge merklich erhöhen.

Eine rasche Verbesserung im Retrieval ließe sich bei einer verbesserten Auswertung der Zeitschlagwörter nach RSWK erreichen. Die Erfassung in einem neuen Zeitcode-Feld in der bibliografischen Beschreibung analog zum Vorschlag von Jutta Frommeyer ist wahrscheinlich nicht notwendig; eine bessere Strukturierung der derzeit erfassten Zeitangaben aber sinnvoll. Im Rahmen der Masterarbeit von Michael Wening wurde ein Vorschlag für ein verbessertes Retrieval der Zeitschlagwörter nach RSWK erarbeitet, der im Folgenden vorgestellt wird.

3. Recherche nach Zeitschlagwörtern der RSWK und mögliche Weiterentwicklung

Es lassen sich zwei grundsätzliche Arten von Zeitschlagwörtern unterscheiden: Zeitschlagwörter ohne und mit Jahreszahlerweiterung. Zeitschlagwörter ohne Jahreszahlerweiterung sind zu verwenden, wenn es sich um Gesamtdarstellungen handelt, d.h. wenn die gesamte Geschichte der thematisierten Sache dargestellt wird. Bei Inhalten mit zeitlicher Begrenzung (d.h. wenn es um einen bestimmten zeitlichen Ausschnitt geht) wird das Zeitschlagwort mit den entsprechenden Jahreszahlen vergeben.27

Beispiele:
Zeitschlagwort ohne Jahreszahlerweiterung, da Gesamtdarstellung
Titel: Der Dreißigjährige Krieg / Georg Schmidt. – 201028
Schlagwörter: Dreißigjähriger Krieg ; Geschichte
Behandelt ist der Gesamtzeitraum von 1618–1648

Zeitschlagwort mit Jahreszahlerweiterung, da die Darstellung zeitlich begrenzt ist:
Titel: Sozialgeschichte Baden-Württembergs : 1800–1989 / Willi A. Boelcke. – 198929
Schlagwörter: Baden-Württemberg ; Sozialgeschichte 1800–1989

Im Folgenden sollen die Zeitschlagwörter mit erweiterter Jahreszahlangabe näher betrachtet werden.30 Deren wesentlicher Nachteil besteht darin, dass bei dieser Form der Erschließung im Retrieval der abgefragte Zeitraum exakt mit den Zeitangaben im Zeitschlagwort der Titeldaten übereinstimmen muss. Weicht auch nur eine Ziffer ab, werden keine Treffer angezeigt, sofern eine reine Boolesche „UND“-Suche zugrunde liegt. In den meisten Fällen kann das Zeitschlagwort also nicht für die Recherche verwendet werden, sondern bringt nur bei der Anzeige einen Nutzen.

Beispiel:
Suche im Portal der DNB mit „Sozialgeschichte 1800–1988“:
Es wird nur ein Titel gefunden, der genau diese Jahreszahlerweiterung aufweist, obiger Titel „Sozialgeschichte Baden Württembergs“, der den Zeitraum bis 1989 umfasst, wird nicht gefunden:
Titel: Altes Handwerk im 20. Jahrhundert / Frieder Stöckle. – 1993
Schlagwörter: Stuttgart ; Handwerk ; Ländlicher Raum ; Sozialgeschichte 1800–1988.31

Es gibt theoretisch eine Reihe von denkbaren Varianten, um die maschinelle Auswertbarkeit der Zeitschlagwörter zu erhöhen und dadurch bessere Retrievalergebnisse zu erhalten. Eine Möglichkeit bestünde darin, das Zeitschlagwort in seiner gegenwärtigen Form (bei der die Jahreszahlen jeweils ganz exakt angegeben werden) durch normierte, gröbere Zeitabschnitte ähnlich den in den LCSH (Library of Congress Subject Headings32) gebräuchlichen period subdivisions zu ersetzen. Eine andere Alternative wäre, die bisherige Praxis der Zeitangabe zwar beizubehalten, die freie Vergabe der Jahreszahlen jedoch durch das Anlegen von zeitlichen Normdatensätzen abzulösen und diese ihrerseits in eine Hierarchie von zeitlichen Normdatensätzen einzubinden. Bei jeder Erfassung eines neuen Zeitabschnitts wäre ein entsprechender zeitlicher Normdatensatz in der GND anzulegen, sofern der jeweilige Zeitraum nicht bereits in der exakt gleichen Form vorhanden ist. Beide Möglichkeiten verlangen allerdings zunächst einen sehr hohen Implementierungsaufwand.

4. Modell „Abgleich von Zeitraumüberschneidung“

Bereits vor einigen Jahren hat Heidrun Wiesenmüller ein bisher unveröffentlichtes Modell entworfen,33 welches die Zeitschlagwörter für das Retrieval auswertet und als „Abgleich von Zeitraumüberschneidung“ bezeichnet werden kann: Sie schlägt eine Methode vor, die auf einfachen mathematischen Abgleichen zwischen den Abfragezeiträumen der Nutzerinnen und Nutzer und den in den Titeldaten enthaltenen Jahreszahlangaben der Zeitschlagwörter beruht.34 Sobald in irgendeiner Weise eine Überschneidung zwischen den beiden Zeitspannen Abfragezeitraum und Titeldaten vorliegt, werden die entsprechenden Katalogeinträge als Treffer ausgegeben (Abb. 3).

Dieses Verfahren bringt viele Vorteile mit sich, in erster Linie eine bessere Berücksichtigung aller für die Nutzerin oder den Nutzer tatsächlich relevanten Titel (Recall). Allerdings ergibt sich durch die Methode hinsichtlich des Anteils der Treffer mit Relevanz eine größer werdende Unschärfe, je länger die abgefragten Zeiträume werden. Denn wer Überblicksdarstellungen zu langen Epochen sucht, würde aufgrund des großen Schnittmengenbereichs des Abfragezeitraums viele irrelevante Titel in seiner Trefferliste erhalten, da sämtliche Titel, welche auch nur ein einziges Kalenderjahr an „Übereinstimmung“ mit dem Abfragezeitraum haben, automatisch in die Trefferliste aufgenommen werden, soweit die Suche nicht durch andere relevante Suchbegriffe eingeschränkt würde. Dieser Ausfransung der Präzision in der Treffermenge könnte man mit einem sogenannten Toleranzfenster entgegenwirken.

5. Toleranzfenster-Tool für präziseres Suchen

Um sowohl einen möglichst vollständigen Recall als auch eine hohe Precision in der zeitlichen Suche zu erreichen, müsste man für das inhaltliche Zeitretrieval nach längeren Zeiträumen eine Möglichkeit vorsehen, die Anfangs- und Endjahre der zeitlichen Suche jeweils wiederum mit einer Art Toleranzfenster erweitern zu können, dessen Ausdehnung variabel einstellbar sein könnte. Alle Titel, deren Zeitschlagwörter mit Jahreszahlerweiterung keine Überschneidung mit den Zeiträumen der beiden Toleranzfenster aufweisen, gehen somit nicht mehr in die Trefferliste ein.

Zur Veranschaulichung des Sachverhalts ein Beispiel: Ein über einhundertfünfzig Jahre langer Abfragezeitraum (1789–1945) würde im Modell der Überschneidungsmengenauswertung viele und in der Mehrheit irrelevante Treffer hervorbringen, da sämtliche Titel, deren Zeitspanne komplett innerhalb oder auch nur zum Teil innerhalb dieser Epoche liegen, Eingang in die Trefferliste fänden. Meist möchten die Recherchierenden jedoch lediglich Titel angezeigt bekommen, die die von ihnen eingestellte Epoche in Gänze oder zumindest wesentliche Teile davon behandeln. Dazu sollen aber nach Möglichkeit auch Titel gehören, deren Anfangs- und Endjahre im Zeitschlagwort beispielsweise 1787–1955 oder 1792–1939 lauten, mithin also ähnliche, nur geringfügig abweichende Zeitparameter aufweisen.

Um diese Recherchewünsche möglichst exakt zu erfüllen, reicht die Methode der vorgestellten einfachen Überschneidungsmengenauswertung aufgrund der oben erläuterten Defizite nicht mehr aus. Sie wird daher um die Öffnung von Toleranzfenstern um die beiden Daten „1789“ und „1945“ herum ergänzt. Für das Anfangsjahr werden beispielsweise plus/minus fünf „Toleranzjahre“, für das Endjahr plus/minus zehn „Toleranzjahre“ eingestellt.35 Alle Publikationen, deren Zeitschlagwortangaben keine Überschneidung mit den beiden Toleranzfensterzeiträumen aufweisen, fallen nun aus der Trefferliste heraus, was die Präzision des Recherecheergebnisses wesentlich erhöht. Umgekehrt können aber alle Titel, bei denen die Zeitschlagwortangabe der Anfangs- oder Endjahre innerhalb der Toleranzfenster liegt, in der Trefferliste erscheinen, da sie aufgrund ihrer großen Ähnlichkeit mit dem parametrisierten Suchzeitraum als relevant angesehen werden. Auch die beiden oben angeführten Titelzeiträume wären bei der beispielhaft skizzierten Ausdehnung der Toleranzfenster in der Treffermenge inkludiert.

In vielen Katalogen sind trunkierte Suchen möglich. In gewisser Weise entsprechen sie einem Toleranzfenster. Allerdings sind sie kaum skalierbar. Eine trunkierte Suche im Portal der DNB mit „Sozialgeschichte 1800–198*“ ergibt zehn relevante Treffer; die Abfrage „Sozialgeschichte 180*–198*“ bringt dagegen keine weiteren Suchergebnisse; wenn allerdings bereits nach der zweiten Stelle „Sozialgeschichte 18*–198*“ trunkiert wird, steigt die Trefferzahl rapide an, allerdings mit dem oben beschriebenen Nachteil, dass die Präzision zurückgeht. Toleranzfenster bieten einen Mehrwert zur trunkierten Suche.

6. Fazit

Mithilfe der Verwendung von spezifischen Toleranzfenstern könnten also auch und insbesondere bei langen Suchspannen die beiden grundsätzlichen Anforderungen nach Recall und Precision beim zeitlichen Retrieval erfüllt werden: Die Trefferliste enthält alle Titel, die für die Nutzerin oder den Nutzer relevant sein können und spart dabei gleichzeitig sehr viele nichtrelevante Titel aus.

Es gibt in einigen Punkten der vorgestellten Variante „Abgleich von Zeitraumüberschneidung“ noch offene Fragen, beispielsweise wie eine nutzerfreundliche Realisierung des Toleranzfenster-Tools gewährleistet werden kann, oder auf welche Weise die zeitliche Parametrisierung am intuitivsten erfolgen sollte (über Zeitstrahl oder Eingabefenster). Sie müssen im konkreten Anwendungsfall unterschiedlich gehandhabt und auf die jeweiligen Anforderungen der betreffenden Informationseinrichtungen angepasst werden.

Die begonnene Thematik „Erfassung und Recherche der Zeitfacette“ stellt ein weites Feld dar. In einem späteren Artikel soll das Zeitretrieval außerhalb von Bibliothekskatalogen und die Anwendung der Time-Ontology auf die GND untersucht werden.

Literaturverzeichnis

– Deutsche Nationalbibliothek. Regeln für die Schlagwortkatalogisierung: RSWK. 4., vollständig überarbeitete Auflage 2017. Stand: März 2017. urn:nbn:de:101-2017011305.

– Frommeyer, Jutta. Zeitbegriffe und Zeitcodierungen in allgemeinbibliographischen Datenbanken: Eine Analyse von RSWK, LCSH und RAMEAU sowie Entwicklung eines theoretischen Modells für ein Zeitretrieval. Berlin: Logos-Verl., 2003.

– IFLA. „Bibliographic Conceptional Models.” Zuletzt geprüft am 28.03.2018. https://www.ifla.org/node/2016.

– IFLA. „Functional Requirements for Authority Data FRAD (2009).” Zuletzt geprüft am 28.03.2018. https://www.ifla.org/publications/functional-requirements-for-authority-data.

– IFLA. „Functional Requirements for Bibliographic Records FRBR (1998).” Zuletzt geprüft am 28.03.2018. https://www.ifla.org/publications/functional-requirements-for-bibliographic-records.

– IFLA. „Functional Requirements for Subject Authority Data FRSAD (2011).” Zuletzt geprüft am 28.03.2018. https://www.ifla.org/node/5849.

– IFLA. „Library Reference Model (IFLA LRM) (2017).“ Zuletzt geprüft am 28.03.2018. https://www.ifla.org/publications/node/11412.

– International Organization for Standardization. „ISO 8601 Date and time format: Data elements and interchange formats – Information interchange – Representation of dates and times.“ Zuletzt geprüft am 28.03.2018. https://www.iso.org/standard/40874.html.

– Scheven, Esther. „Rezension zum Buch von Jutta Frommeyer: Zeitbegriffe und Zeitcodierungen in allgemeinbibliographischen Datenbanken.“ Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 50 (2003): 295–297. Zuletzt geprüft am 28.03.2018. http://zfbb.thulb.uni-jena.de/servlets/MCRFileNodeServlet/jportal_derivate_00001835/j03-h5-rez-1.pdf.

– Wening, Michael. Die Zeitfacette in bibliothekarischen Erschließungen: Eine Analyse unter besonderer Berücksichtigung von sachlicher Erschließung und Retrieval. Masterarbeit im Rahmen des Masterstudiengangs „Bibliotheks- und Informationswissenschaft“. Berlin: Humboldt-Universität, 2017. Zuletzt geprüft am 28.03.2018. http://d-nb.info/1149163542.

– Wiesenmüller, Heidrun. Recherche über Zeitschlagwörter: Brainstorming. Unveröffentlichtes Manuskript (2011).

1 Dewey-Dezimalklassifikation (Deutsch), zuletzt geprüft am 28.03.2018, https://deweyde.pansoft.de/webdewey/login/login.html.

2 Abbildung: OCLC, CC BY-NC-ND 3.0.

3 Abbildung: OCLC, CC BY-NC-ND 3.0.

4 WebDeweySearch, zuletzt geprüft am 28.03.2018, https://deweysearchde.pansoft.de/webdeweysearch.

5 WebDeweySearch, zuletzt geprüft am 28.03.2018, https://deweysearchde.pansoft.de/webdeweysearch. Im Portal der DNB: „Browsen (DDC)“, Hilfstafel und Zeitabschnitt aussuchen; Treffermenge im Katalog auf die Sachgruppe einschränken.

6 Deutsche Nationalbibliothek, Regeln für die Schlagwortkatalogisierung: RSWK, 4. vollständig überarbeitete Auflage 2017, Stand: März 2017,, urn:nbn:de:101-2017011305.

7 Im Feld 548, siehe „GND-Erfassungsleitfaden, Feld 548,“ zuletzt geprüft am 28.03.2018, https://wiki.dnb.de/download/attachments/50759357/548.pdf.

8 Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek, zuletzt geprüft am 28.03.2018, http://d-nb.info/gnd/4004541-9.

9 Die acht Zeitschlagwörter nach RSWK: §402 lauten: Geschichte, Prognose, Geistesgeschichte, Ideengeschichte, Kirchengeschichte, Sozialgeschichte, Vor- und Frühgeschichte, Weltgeschichte.

10 Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek, zuletzt geprüft am 28.03.2018, http://d-nb.info/1130678040.

11 Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek, zuletzt geprüft am 28.03.2018, http://d-nb.info/1149778997.

12 Frommeyer, Jutta, Zeitbegriffe und Zeitcodierungen in allgemeinbibliographischen Datenbanken: Eine Analyse von RSWK, LCSH und RAMEAU sowie Entwicklung eines theoretischen Modells für ein Zeitretrieval (Berlin: Logos-Verl., 2003).

13 Bis zur dritten Auflage hieß der Titel „Regeln für den Schlagwortkatalog“; mit der vierten Auflage wurde er in „Regeln für die Schlagwortkatalogisierung“ geändert.

14 Esther Scheven, „Rezension zum Buch von Jutta Frommeyer: Zeitbegriffe und Zeitcodierungen in allgemeinbibliographischen Datenbanken,“ Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 50 (2003): 295–297, zuletzt geprüft am 28.03.2018, http://zfbb.thulb.uni-jena.de/servlets/MCRFileNodeServlet/jportal_derivate_00001835/j03-h5-rez-1.pdf.

15 Indikatoren: g = Geografika; k = Körperschaften; p = Personen; s = Sachbegriff; t = Werknormsatz.

16 FRBR-Familie, siehe „IFLA Conceptional Models,“ zuletzt geprüft am 28.03.2018, https://www.ifla.org/node/2016. „FRBR = Functional Requirements for Bibliographic Records (1998),“ zuletzt geprüft am 28.03.2018, https://www.ifla.org/publications/functional-requirements-for-bibliographic-records. „FRAD = Functional Requirements for Authority Data (2009),“ zuletzt geprüft am 28.03.2018, https://www.ifla.org/publications/functional-requirements-for-authority-data. „FRSAD = Functional Requirements for Subject Authority Data (2011),” zuletzt geprüft am 28.03.2018, https://www.ifla.org/node/5849.

17 „IFLA Library Reference Model (IFLA LRM) (2017),” zuletzt geprüft am 28.03.2018, https://www.ifla.org/publications/node/11412.

18 Resource Description and Access, zuletzt geprüft am 28.03.2018, http://access.rdatoolkit.org/index.php.

19 Michael Wening, Die Zeitfacette in bibliothekarischen Erschließungen: Eine Analyse unter besonderer Berücksichtigung von sachlicher Erschließung und Retrieval, Masterarbeit im Rahmen des Masterstudiengangs „Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ (Berlin: Humboldt-Universität, 2017), zuletzt geprüft am 28.03.2018, http://d-nb.info/1149163542.

20 „ISO 8601 Date and time format, Data elements and interchange formats – Information interchange – Representation of dates and times,“ zuletzt geprüft am 28.03.2018, https://www.iso.org/standard/40874.html. Neue Entwürfe von 2017: „Teil 1: Basic rules,“ zuletzt geprüft am 28.03.2018, https://www.iso.org/obp/ui#iso:std:iso:8601:-1:dis:ed-1:v1:en. „Teil 2: Extensions,“ zuletzt geprüft am 28.03.2018, https://www.iso.org/obp/ui#iso:std:iso:8601:-2:dis:ed-1:v1:en.

21 Eine Darstellung des Zeitretrievals der untersuchten Spezialportale sprengt den Rahmen von diesem Artikel. Deshalb sei auf die Ausführungen in der Masterarbeit verwiesen: Wening, Die Zeitfacette, 34–37.

22 Perspektivisch wird die DNB die Erfassung von synthetischen Notationen mit Einzelablage durch die Vergabe von Kurznotationen ersetzen.

23 Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek, zuletzt geprüft am 28.03.2018, http://d-nb.info/gnd/4049450-0.

24 Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek, zuletzt geprüft am 28.03.2018, http://d-nb.info/gnd/1029712-1.

25 Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek, zuletzt geprüft am 28.03.2018, http://d-nb.info/gnd/118607626.

26 Der Gedanke von Jutta Frommeyer, über eine Chroniknormdatei sprachlich unterschiedliche Normdateien (beispielsweise LSCH, RAMEU, GND) miteinander zu verknüpfen, sollte weiterhin verfolgt werden.

27 Vergleiche Paragraf 401a, Nr. 2, a) + b), RSWK.

28 Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek, zuletzt geprüft am 28.03.2018, http://d-nb.info/1001926684.

29 Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek, zuletzt geprüft am 28.03.2018, http://d-nb.info/891225021.

30 Für die Zeitschlagwörter ohne Jahreszahlerweiterung wird in der Masterarbeit empfohlen, unter bestimmten Bedingungen das Erscheinungsjahr bei dem Retrieval mitauszuwerten.

31 Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek, http://d-nb.info/552168610, zuletzt geprüft am 28.03.2018.

32 Die LCSH bestehen aus Hauptschlagwörtern, die durch andere spezifiziert werden können; diese nennt man „subdivisions“. Es gibt eine ganze Reihe von „subdivisions“, unter anderem auch „period subdivisions“.

33 Die Ausführungen beziehen sich auf das unveröffentlichte Dokument Heidrun Wiesenmüllers. Heidrun Wiesenmüller, Recherche über Zeitschlagwörter: Brainstorming, unveröffentlichtes Manuskript (2011), 1–2.

34 Ohne dass damit der Aufwand des Erstellens eines Normdatensatzes einhergeht. Es würde ausreichen, die Jahreszahlen nicht direkt hinter das Zeitschlagwort zu schreiben, sondern in jeweils dafür vorgesehenen, eigenen Feldern abzuspeichern. Prinzipiell könnte das Erfassen des Zeitcodes (Paragraf 418, RSWK) als Vorlage hierzu dienen.

35 Das Toleranzfenster um das Anfangsjahr hat demnach die Ausdehnung 1784–1794, das Toleranzfenster um das Endjahr hat die Ausdehnung 1935–1955. Um das Jahr 1945 wird das Toleranzfenster deshalb weiter geöffnet, da somit sichergestellt werden kann, dass alle relevanten Publikationen zum Zweiten Weltkrieg und die unmittelbaren Nachkriegsjahre in der Treffermenge mitberücksichtigt werden.