Zu Artikeldetails zurückkehren Entwurfsatlas Bibliotheken / Nolan Lushington, Wolfgang Rudorf, Liliane Wong
Rezension: Entwurfsatlas Bibliotheken

Entwurfsatlas Bibliotheken / Nolan Lushington, Wolfgang Rudorf, Liliane Wong. – Basel: Birkhäuser, 2016. – 263 Seiten: zahlreiche Illustrationen. – ISBN 978-3-0346-0571-7: EUR 89,95 (auch als E-Book verfügbar)

Der vorliegende Sammel- und Überblicksband trägt den Namen „Atlas” zu Recht: Es ist ein wahrhaft großformatiges Werk, das gut zwei Kilogramm auf die Waage bringt, sodass der Rezensent sich beim Transport gewünscht hätte, über die parallel erscheinende E-Book-Ausgabe verfügen zu können. Aber es ist nicht nur ein üppig ausgestattetes Werk mit zahlreichen, überwiegend farbigen Abbildungen und wiedergegebenen Grundrissen, sondern hat auch den Anspruch, einen universalen Überblick über Entwicklung und Stand des architektonischen Entwerfens von Bibliotheken zu vermitteln. Herausgegeben von zwei US-amerikanischen Architekten und einem Bibliothekar, ist der Band das Ergebnis eines längeren Dialogs, der bei der Sanierung und Erweiterung einer Bibliothek in Connecticut seinen Anfang genommen hatte. Er gliedert sich in zwei Teile mit jeweils vier Kapiteln. Der erste Teil ist mit „Grundlagen und Prozesse” überschrieben und bildet den eher theoretischen Teil dieses Bandes, dem dann in einem zweiten Teil die Vorstellung ausgewählter Bibliotheksbauten folgt.

Die vier Kapitel des ersten Teils „Grundlagen der Planung von Bibliotheken”, „Planungsanforderung und Raumprogramm”, „Aspekte des technischen Ausbaus” sowie „Inneneinrichtung und Ausstattung” sind in insgesamt 18 in sich abgeschlossene und von zwölf Autor/inn/en verfasste Abschnitte unterteilt. Die Autor/inn/en dieses ersten Teils, zu dem auch die Herausgeber gehören, kommen überwiegend aus dem Bereich der Architektur und stammen aus den Vereinigten Staaten, Deutschland und Dänemark; daneben haben auch drei deutsche Bibliothekare jeweils einen Abschnitt beigetragen. Es ist an dieser Stelle nicht möglich, jeden einzelnen der 18 Abschnitte, die meist sechs bis acht Seiten, in einem Fall aber auch nur zwei Seiten umfassen, hier einzeln zu würdigen. Stattdessen sollen einige Aspekte, die dem Rezensenten besonders ins Auge gefallen sind, herausgehoben werden. Vorneweg: Die Herkunft der Autor/inn/en aus unterschiedlichen Ländern gibt diesem Band eine willkommene Internationalität, allerdings bleibt – trotz der sehr praxisnahen Ergänzungen der deutschen Autor/inn/en – die US-amerikanische Perspektive in diesem Band stets im Vordergrund. Dies zeigt sich zum Beispiel an dem von Liliane Wong verfassten Abschnitt zur Finanzierung von Bibliotheksbauten: Ihre Beispiele, wie die Finanzierung von Bibliotheksbauten über eigens aufgelegte Staatsanleihen mit vorangehender Volksabstimmung, lassen sich kaum auf die hiesigen Verhältnisse übertragen. Auch der für europäische Leser/innen eingefügte Hinweis auf EU-Zuschüsse dürfte nur bei wenigen Bauvorhaben im Bibliotheksbereich eine größere Rolle spielen. Dagegen ist das von Nolan Lushington, dem vor der Drucklegung verstorbenen bibliothekarischen Mitherausgeber, verfasste Kapitel über „Öffentliche Bibliotheken in den Vereinigten Staaten” eher ein Zeichen für die Anschaulichkeit dieses Bandes und skizziert konzise die Entwicklung des Bibliotheksbaus in den Vereinigten Staaten.

Die amerikanische Dominanz zeigt sich auch in einzelnen Abschnitten des dritten Kapitels, das sich den technischen Fragen des Bibliotheksbaus widmet. So orientiert sich der in den USA arbeitende Autor Wolfgang Rudorf in seinem Beitrag zur Tragwerksplanung zunächst an den in den Vereinigten Staaten einschlägigen Normen und Vorschriften; es folgen nützliche Tabellen zur Abschätzung der Tragwerkslast und typische Rasteranordnungen sowie eine Übersicht zur konstruktiven Tragwerksoptimierung. Dass die Konstruktionsraster durchweg in amerikanischen Maßen (mit in Klammern gesetzten Umrechnungen in metrische Maßeinheiten) angegeben sind, schränkt die unmittelbare Übertragung für kontinentaleuropäische Nutzer/innen allerdings leicht ein, weil sich bei der Umrechnung sehr ungerade Werte ergeben, die bei einer Planung hierzulande nicht zugrunde gelegt würden. Auch der ebenfalls von Wolfgang Rudorf zusammen mit Liliane Wong verfasste Abschnitt zu Regalen und Regalsystemen überzeugt durch seinen praktischen Ansatz, besonders da die Autor/inn/en auch auf die systematische Aufstellung in Bibliotheken eingehen (wenngleich die DDC in Deutschland anders als in den USA keine große Rolle als Aufstellungssystematik spielt). Neuere Tendenzen einer stärkeren Magazinierung zugunsten einer höheren Zahl von Arbeitsplätzen werden von den Autor/inn/en am Beispiel der UB der TU Delft angesprochen, dagegen fehlt eine systematische Unterscheidung zwischen den unterschiedlichen Anforderungen an Freihand- und Magazinbereiche. Am Beginn eines Raumprogramms und einer Entwurfskonzeption sollte eine systematische Analyse der einzelnen Funktionsbereiche im Grundriss stehen. Der entsprechende, von Liliane Wong verfasste Abschnitt geht dabei ebenso instruktiv wie systematisch vor: Zunächst werden sechs Hauptfunktionsbereiche identifiziert, die dann mittels farbiger Symbole im Hinblick auf die Bewegungsflüsse und Abläufe in den unterschiedlichen Bereichen in Beziehung gesetzt werden. So sinnvoll die schematische Darstellung der einzelnen Funktionsbereiche und ihre sorgfältige Analyse im Vorentwurfs-Stadium eines jeden Bibliotheksbaus sind, folgt dieser Beitrag doch einer nicht ganz zeitgemäßen Funktionsanalyse. So ist der Ersatz von Zettelkatalogen „durch viele, überall in der Bibliothek verteilte Computerstationen” (S. 49) durch die Ubiquität mobiler Geräte heute schon wieder Geschichte und sollte daher nicht Grundlage einer aktuellen Entwurfsplanung sein. Auch bleiben in diesem Beitrag die Begrifflichkeiten etwas unpräzise und sie sind nicht immer an die deutschen Verhältnisse angepasst. Unklar ist zum Beispiel, was mit den Begriffen „Handbestand” und „Sammlung” gemeint ist – etwa am Beispiel des innerhalb dieses Aufsatzes abgebildeten Grimm-Zentrums der HU Berlin. Auch wäre es besser gewesen, zunächst – wie im deutschsprachigen Raum üblich – zwischen Freihand- und Magazinbeständen zu unterscheiden und dann die funktionellen Abläufe in Abhängigkeit von der Magazinierung oder der Nutzerzugänglichkeit der Bestände zu analysieren.

Reich an praktischer Erfahrung ist der Beitrag von Rebecca Chestnutt zum Thema „Bibliotheken entwerfen”. Die Berliner Architektin und Stuttgarter Hochschullehrerin geht darin der veränderten Rolle der Bibliotheken von reinen Bücherspeichern zu Orten mit hoher Aufenthaltsqualität nach und skizziert den Entwurfsprozess als einen iterativen Vorgang anhand dreier von ihr in der jüngsten Zeit entworfener Bibliotheken. Bei allen drei Bibliotheken, der Bibliothek am Luisenbad in Berlin-Wedding, der Hochschulbibliothek in Wildau und der Mittelpunktsbibliothek in Berlin-Niederschönweide, war ein Bestandsgebäude mit einem Neu- bzw. Umbau zu verbinden. Die Autorin skizziert in gut nachvollziehbar Weise den Weg des Entwurfes von einem grundlegenden Entwurfsthema über die Raum-Idee und räumliche Komposition bis zu ihrer Realisierung durch architektonische Mittel. Sie zeigt dabei, wie die Entwurfskonzeption mit der Geschichte der Bestandsbauten und der räumlichen Umgebung sowie den Nutzungsanforderungen interagiert und dabei auf einen gemeinsamen Planungsprozess von Architekt/inn/en, Bauherr/inn/en und Nutzer/inne/n angewiesen ist. Inhaltlich schließt sich der Beitrag von Klaus-Ulrich Werner an, der sich ganz der interdisziplinären Interaktion von Architekt/inn/en und Bibliothekar/inn/en im Planungsprozess widmet. Dass Bau und Planung einer Bibliothek für die Bibliothekarinnen und Bibliothekare, aber meist auch für die Architektin bzw. den Architekten eine sich nur einmal im Leben stellende Aufgabe ist, bildet den Ausgangspunkt der Überlegungen des Autors, der durch die bibliothekarische Planung der Philologischen Bibliothek der FU Berlin, aber auch aufgrund der Begleitung weiterer bibliothekarischer Bauvorhaben über einen reichen Erfahrungsschatz verfügt – wenngleich der werbende Hinweis auf die von ihm dazu angebotenen Fortbildungsveranstaltungen entbehrlich ist. Werners Plädoyer, die Visionen der jeweils anderen Seite zu verstehen, dient dem Dialog zwischen beiden Gruppen auf Augenhöhe; zugleich stimmt er planende Bibliothekarinnen und Bibliothekare auf typische Fragen und grundlegende Vorstellungen der Entwurfsplaner/innen ein. Dass Architekt/inn/en mit Bibliotheken überraschend konservative Assoziationen verbinden, ist die Erfahrung vieler planender Bibliothekarinnen und Bibliothekare, lässt sich aber – wie auch viele der im zweiten Teil des Bandes vorgestellten neueren Bibliotheksbauten zeigen – nicht verallgemeinern.

Auf die beiden weiteren deutschen Autoren aus dem Bibliotheksbereich gehen jeweils ein Abschnitt über Buchsicherung und RFID von Frank Seeliger und über Leit- und Orientierungssysteme von Michael Franke-Maier zurück. Seeliger greift in seinem Überblicksartikel auf seine reiche Expertise zu diesem Thema zurück und schildert die grundlegende Funktionalität der RFID-Technik und ihren Einsatz in Bibliotheken. Mit einigen besonders spektakulären Diebstahlfällen aus Bibliotheken belegt er den Nutzen einer Bestandssicherung. Dagegen gerät der Aspekt der Selbstverbuchung, der für die meisten Bibliotheken ein entscheidendes Kriterium für die Einführung der RFID-Technik ist und der für die Planung und das Entwurfskonzept tiefgreifende Konsequenzen hat, etwas in den Hintergrund. Ausführlich und mit vielen Abbildungen führt Michael Franke-Maier in das Thema Leit- und Orientierungssysteme ein und geht dabei auch auf innovative Entwicklungen virtueller Welten ein.

Von den hier nicht näher besprochenen Abschnitten sollen die Beiträge zu Klimatechnik, Lichtplanung und Tageslichtsystemen im Kapitel „Aspekte des technischen Ausbaus” zumindest genannt werden. Sie vermitteln gerade planenden Bibliothekarinnen und Bibliothekaren einige der notwendigen technischen Grundlagen des Bibliotheksbaus. Ebenfalls erwähnt werden sollen die grundlegenden und historischen Abschnitte des ersten Kapitels. Hier ist der Beitrag von Ursula Kleefisch-Jobst zu nennen, der die Geschichte des Bibliotheksbaus vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert nachzeichnet. Der darauf folgende Beitrag von Karl-Heinz Schmidt schließt zeitlich daran an und stellt in überzeugender Weise die Entwicklung des Bibliotheksbaus in den letzten 100 Jahren anhand der Entwurfs-Dichotomie von gefasstem und fließendem Raum dar.

Im zweiten Teil des „Entwurfsatlas” werden in einer Auswahl 34 Bibliotheksbauten präsentiert, aufgegliedert in vier Kapitel: Nationalbibliotheken, große öffentliche Bibliotheken, kleine öffentliche Bibliotheken und Universitätsbibliotheken. Jede Präsentation bietet auf in der Regel vier Seiten einen kurzen tabellarischen Überblick über die wichtigsten Kennzahlen, das entwerfende Architekturbüro und das Jahr der Fertigstellung, einen Grundriss, einen Längsschnitt oder eine Seitenansicht sowie neben einem erläuternden Text eine reiche, überwiegend farbige Bebilderung. Die naturgemäß subjektive Auswahl der 34 zum größten Teil in Europa und Nordamerika liegenden Bibliotheken bietet durchaus einen repräsentativen Querschnitt. Bei den Universitätsbibliotheken werden gerade aus dem deutschsprachigen Raum die paradigmatischen Entwürfe international bekannter Büros präsentiert: Die Philologische Bibliothek der FU Berlin von Norman Foster, das Grimm-Zentrum der HU Berlin von Max Dudler, das IKMZ in Cottbus von Herzog & de Meuron und die Bibliothek des Rechtswissenschaftlichen Instituts der Universität Zürich von Santiago Calatrava – weiter wird aus der Schweiz das ebenfalls als prototypischer Bibliotheksbau geltende Rolex Learning Center der EPFL in Lausanne dargestellt. Gleichwohl wären aus dem deutschsprachigen Raum noch weitere Entwürfe zu erwarten gewesen, so zumindest die Bibliothek der WU Wien von Zaha Hadid, von der sich im ersten Teil des Bandes auch eine Abbildung findet, oder auch die neue Universitätsbibliothek in Freiburg von Degelo, deren Fertigstellung jedoch wohl nach dem Redaktionsschluss für diesen Band erfolgte. Bei den dargestellten Nationalbibliotheken fällt auf, dass die großen Bauten der Bibliothèque nationale de France und der British Library fehlen, während auf die Zentralbibliothek des mexikanischen Bundesstaates Guanajuato das Kriterium der Nationalbibliothek nicht ganz passen dürfte. Bei den großen öffentlichen Bibliotheken wäre zumindest das DOKK1 in Aarhus zu erwarten gewesen, das vermutlich der breiten, aber durchaus instruktiven Präsentation kleinerer öffentlicher Bibliotheken zum Opfer gefallen ist.

Die Auswahl der kleinen öffentlichen Bibliotheken zeigt die größte geografische Spannweite. Die Auswahl ist darauf abgestellt, interessante Bibliotheken nicht nur unter dem Aspekt des Entwurfs, sondern auch hinsichtlich der Einbindung der Architektur in die städtebauliche und soziale Umwelt zu zeigen. Hier fallen Bibliotheken aus Orten auf, die auch am Bibliotheksbau Interessierte kaum jemals besichtigen werden, wie die Parque Biblioteca España im von zurückliegenden Drogenkriegen erschütterten kolumbianischen Medellin oder die Biblioteca Pùblica de Ceuta in der vom angrenzenden Festland hermetisch abgeriegelten spanischen Nordafrika-Exklave. Dagegen fällt die für einen Bestand von 4.500 Bänden ausgelegte und aus Stampflehm mit einem Wellblechdach errichtete kleine Schulbibliothek des Dorfes Gando in Burkina Faso etwas aus dem Rahmen – hier wirkt die Aufnahme in diesen Band etwas sehr bemüht geopluralistisch.

Da der Band in einem renommierten und einschlägigen Architekturverlag neben anderen Entwurfsatlanten erschienenen ist, ist zu hoffen, dass er Architekt/inn/en in der Entwurfs-, besonders aber in der Vorentwurfs- und Wettbewerbsphase für die Besonderheiten bibliothekarischer Anforderungen und für den Dialog mit Nutzer/inne/n und Bibliothekar/inn/en sensibilisiert. Er wird sich jedoch gleichermaßen an mit größeren Bauvorhaben betraute Bibliothekarinnen und Bibliothekare und an Projektleitungen öffentlicher Bauverwaltungen richten. Den größten Nutzen würde der „Entwurfsatlas” entfalten, wenn er von Bibliothekar/inn/en, Architekt/inn/en und Bauherrenvertreter/inne/n gemeinsam studiert würde und so einen Dialog initiieren könnte, als Grundlage des erfolgreichen Bauens von Bibliotheken.

Klaus-Rainer Brintzinger, Universitätsbibliothek der LMU München

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2018H1S71-74