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Aus der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Aus der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Am 19. und 20. Oktober 2017 ist der Ausschuss für Wissenschaftliche Bibliotheken und Informationssysteme (AWBI) zu seiner Herbstsitzung zusammengekommen. Neben der abschließenden Bewertung einer Reihe von Anträgen standen dabei folgende Themen im Vordergrund:

Erarbeitung eines neuen Positionspapiers im Bereich „Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme” (LIS)

Ein Schwerpunkt der Sitzung des AWBI lag auf der Erarbeitung eines neuen Positionspapiers für den Bereich „Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme”, das die Ergebnisse der Klausurtagung des AWBI im Mai 2017 zusammenfassen soll. Die Veröffentlichung des Positionspapiers soll – nach Verabschiedung durch den Senat der DFG – im Laufe des Jahres 2018 erfolgen.

In einem übergeordneten Teil wird sich das Positionspapier mit den strukturellen Rahmenbedingungen der DFG-Förderung im Bereich der wissenschaftlichen Informationsinfrastruktureinrichtungen, den geänderten Bedarfen der Wissenschaft angesichts des digitalen Wandels sowie neuen Formen der Zusammenarbeit befassen. Der digitale Wandel in den Wissenschaften soll durch das Förderhandeln der DFG im Bereich der Informationsversorgung aktiv mitgestaltet werden.

Ein zweiter Teil des geplanten Positionspapiers wird sich mit konkreten förderstrategischen Überlegungen zu den Bereichen „Erschließung und Digitalisierung”, „Open-Access-Transformation” und „Forschungsdaten” befassen. Die Ergebnisse der Klausurtagung zu diesen Punkten waren im letzten Bericht über den AWBI dargestellt worden.

Fachinformationsdienste für die Wissenschaft

Der AWBI hat sich mit den im Jahr 2017 eingegangenen zehn Anträgen zu dem Programm „Fachinformationsdienste für die Wissenschaft” befasst und drei weitere Fachinformationsdienste (FID) befürwortet. Neben dem FID Philosophie und FID Germanistik konnte mit dem Fachinformationsdienst Mobilitäts- und Verkehrsforschung (FID move) ein FID zu einer Disziplin bewilligt werden, die im früheren Sondersammelgebietssystem nicht abgebildet war.

Generell hat der AWBI in diesem Zusammenhang festgestellt, dass sich die Anträge zu den FIDs nicht nur auf die zentrale Aufgabe der Informationsversorgung konzentrieren, sondern auch erweiterte Angebote zu Dienstleistungen beinhalten. Diese, zum Teil sehr innovativen Arbeitspakete, könnten auch als eigenständige Projekte in anderen Programmen der Gruppe LIS, wie beispielsweise „Erschließung und Digitalisierung” oder „e-Research-Technologien” eingereicht werden. Mit der Frage, was zu den Kernaufgaben und was zu den arrondierenden Aufgaben eines FID gezählt werden kann, wird sich auch die zur Evaluierung des FID-Programms eingesetzte Kommission befassen.

Der AWBI hat sich zudem über den aktuellen Stand der Evaluierung des Förderprogramms informiert. Das von der Kommission verabschiedete Evaluationskonzept sieht eine differenzierte Evaluierung des FID-Programms aus vier verschiedenen Perspektiven vor – aus der Perspektive der Fachinformationsdienste, der wissenschaftlicher Nutzerinnen und Nutzer, der wissenschaftlichen Bibliotheken als Mandanten und des Kompetenzzentrums für Lizenzierung zu Fragen der Bereitstellung digitaler Medien und der Lizenzierung. Die damit verbundenen Befragungen werden durch einen externen Dienstleister durchgeführt, der bereits mit der Befragung aller FID begonnen hat. Der AWBI hat sich nachdrücklich dafür ausgesprochen, den Evaluierungsprozess transparent zu gestalten. So fand in diesem Sinne auch zum zweiten Mal ein Treffen der Leiterinnen und Leiter von FID-Einrichtungen statt. Neben der „Evaluierung der Fachinformationsdienste” war der „Steuerungs- und Koordinierungsbedarf” ein weiterer Themenschwerpunkt der Vorträge und Diskussionsrunden.

Ausschreibung „Digitalisierung archivalischer Quellen”

Im Rahmen der Ende 2016 veröffentlichten Ausschreibung „Digitalisierung archivalischer Quellen” konnten Ende 2017 von 21 eingereichten Anträgen 15 Anträge in einem Umfang von rund 2,7 Mio. Euro bewilligt werden. Positiv wurde vom AWBI bewertet, dass sich ein breites Spektrum an Einrichtungen (Stadt- und Kreisarchive, Instituts-, Universitäts- und Stiftungsarchive, Staats- und Landesarchive, Museen und Bibliotheken) an der Ausschreibung beteiligt hat. Auch bei den zur Digitalisierung vorgesehenen Beständen war eine erfreulich hohe Diversität sowohl hinsichtlich der Materialien – klassisches Archivgut, Mikrofilme, Urkunden, Plankarten und Bildmaterialien – als auch mit Blick auf die zeitliche Einordnung der Bestände zu verzeichnen.

Der AWBI hat sich auf der Grundlage ausdrücklich für eine Wiederholung der Ausschreibung ausgesprochen, die Anfang Januar 2018 veröffentlicht worden ist.1 Hervorgehoben wurde, dass zentrales Kriterium für die Auswahl der zu digitalisierenden Bestände der Forschungsbedarf sein muss. In der zweiten Ausschreibungsrunde sollte stärker betont werden, dass auch die Möglichkeit von Gemeinschaftsanträgen mehrerer Einrichtungen besteht.

Wie in den überarbeiteten DFG-Praxisregeln „Digitalisierung” von 2016 festgehalten, hat der AWBI nochmals mit Nachdruck die Regelung bestätigt, dass bei Digitalisierungsmaßnahmen von Mikrofilmen, die aus der Bundessicherungsverfilmung stammen, auf das Erstellen eines digitalen Masters verzichtet werden kann. Die durch den Bund archivierten Mikrofilme können nach derzeitigem Stand als langzeitstabil gewertet werden, die zusätzliche Archivierung eines TIF-Masters würde unverhältnismäßig hohe Kosten verursachen.

Pilotphase „Digitalisierung historischer Zeitungen”

Der AWBI hat sich eingehend mit dem Abschlussbericht und Masterplan zur Pilotphase „Digitalisierung historischer Zeitungen” befasst und ihn einhellig gebilligt. An der Pilotphase waren die Staatsbibliothek zu Berlin, die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, die Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt/Main, die Universitäts- und Landesbibliothek Halle und die Bayerische Staatsbibliothek München beteiligt.

Ziel der Pilotphase war es, die methodischen, technischen und organisatorischen Grundlagen für eine Förderung zur Digitalisierung historischer Zeitungen zu schaffen. Der AWBI hat sich nachdrücklich dafür ausgesprochen, eine entsprechende Ausschreibung vorzunehmen und die Eckpunkte für eine solche Ausschreibung festgelegt. Bei der Auswahl der zu digitalisierenden Zeitungen ist die überregionale Bedeutung unabdingbar. Digitalisierungsmaßnahmen sollen sowohl vom Original als auch von Mikrofilmen vorgenommen werden können, allerdings muss bei der Wahl der Vorlage die Erkennungsquote bei einer OCR-Bearbeitung berücksichtigt werden. Neben der Digitalisierung der Zeitungen soll der gleichzeitigen Volltextgenerierung im Rahmen der Ausschreibung ein hoher Stellenwert eingeräumt werden. Die Ausschreibung erfolgt im ersten Quartal 2018.

Neues Handschriftenportal / Digitalisierung mittelalterlicher Handschriften

Im Jahr 2016 konnten Abschlussbericht und Masterplan zur Pilotphase „Digitalisierung mittelalterlicher Handschriften” von den zuständigen Gremien der DFG gebilligt werden. Ein Ergebnis der Pilotphase war, dass das bisherige Portal „Manuscripta Mediaevalia” durch ein neu zu konzipierendes Handschriftenportal abgelöst werden sollte, das für die Präsentation sowohl der Handschriftenbeschreibungen als auch der Digitalisate geeignet ist. Daher hatten die Gutachterinnen und Gutachter festgelegt, dass das Moratorium zur Digitalisierung mittelalterlicher Handschriften erst dann aufgehoben werden kann, wenn eine tragfähige Interimslösung sowie ein zukunftsfähiges Konzept für ein neues Handschriftenportal vorliegen. Ende 2017 wurde der Antrag der Staatsbibliothek zu Berlin, der Universitätsbibliothek Leipzig, der Bayerischen Staatsbibliothek München und der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel zum Aufbau eines neuen Handschriftenportals bewilligt. Vor diesem Hintergrund hat der AWBI das Moratorium für die Digitalisierung von Handschriften aufgehoben, eine Ausschreibung dazu soll im dritten Quartal 2018 veröffentlicht werden.

Programm „Open Access Publizieren”

Der AWBI hat mit Interesse zur Kenntnis genommen, dass in der Begutachtungsrunde 2017 im Programm „Open Access Publizieren” erstmals auch mehrere Anträge von Fachhochschulen eingereicht worden sind. Insgesamt waren es zwölf Anträge von erstantragstellenden Einrichtungen. Seitens der Gutachterinnen und Gutachter wurde beobachtet, dass weiterhin nur wenige Umschichtungen aus Erwerbungsetats erfolgen, stattdessen aber eine Zunahme von Zusatzfonds der Einrichtungen zur Finanzierung von Buchkapiteln oder höherpreisigen Artikeln zu verzeichnen ist.

Evaluierung der Programme „Open Access Publizieren” und „Überregionale Lizenzierung/Allianz-Lizenzen”

Die beiden Programme „Open Access Publizieren” und „Überregionale Lizenzierung/Allianz-Lizenzen” sind bis Ende 2020 befristet eingerichtet. Da es neben der zeitlichen Überschneidung vor allem auch inhaltliche Überschneidungen bei den Programmzielen sowie bei den Programmmechanismen und Förderkriterien gibt, sollen beide Programme gemeinsam evaluiert werden. Dazu wurde seitens des AWBI eine Kommission eingesetzt, die die Ergebnisse der Programme auswerten und auf dieser Basis Empfehlungen für die weitere Förderung erarbeiten soll.2

Ausschreibung „Skalierbare Verfahren der Text- und Strukturerkennung für die Volltextdigitalisierung historischer Drucke (OCR)”

Seit 2015 fördert die DFG ein Koordinierungsprojekt zur Weiterentwicklung von OCR-Verfahren (kurz OCR-D), um in Kollaboration von Wissenschaft und Infrastruktureinrichtungen der Herausforderung der Massenvolltextdigitalisierung zu begegnen. Auf der Basis der organisatorischen, technischen und inhaltlichen Vorbereitungen von OCR-D folgte im Frühjahr 2017 eine Ausschreibung zur Entwicklung kreativer, innovativer, skalierbarer und optimierender Verfahren der Text- und Strukturerkennung für die Volltextdigitalisierung historischer Drucke. Dazu waren in sechs Modulen insgesamt 14 Teilaufgaben ausgeschrieben. Acht Projekte konnten im Herbst 2017 in einem Umfang von 1,3 Mio. Euro bewilligt werden. Am Ende des Gesamtvorhabens soll ein konsolidiertes Verfahren zur OCR-Verarbeitung von Digitalisaten des gedruckten deutschen Kulturerbes des 16. bis 19. Jahrhunderts stehen. An die Entwicklung eines prototypischen OCR-D-Gesamtworkflows soll sich dann eine dritte Ausschreibung anschließen, mit der die Implementierung des Gesamtworkflows in Bibliotheken und Kultureinrichtungen gefördert werden soll.

Initiative RA21: Resource Access in the 21st Century

Bei „RA21: Resource Access in the 21st Century”, einer Initiative der International Association of Scientific, Technical, and Medical Publishers (STM) und der National Information Standards Organization (NISO) handelt es sich um eine Initiative, die den Zugang zu lizenzierten Inhalten auf Basis von individualisierten Autorisierungs- und Authentifizierungsmechanismen neu konzipieren und organisieren möchte. Insbesondere in den USA wird diese Initiative teilweise von Bibliotheken mitgetragen, da damit eine Ablösung der IP-Authentifizierung verbunden wäre.

Der AWBI steht dieser Initiative nach eingehender Diskussion skeptisch gegenüber. Sie steht im Bereich der Literaturversorgung und des Open Access den Zielen des AWBI eindeutig entgegen. Die wissenschaftspolitischen Auswirkungen der Initiative, mit der eine „digitale Kontrolle” von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erfolgen könnte, sind ebenfalls zu berücksichtigen. Die Initiative sollte nicht nur auf der Basis einer technischen Implementierung wahrgenommen werden, sondern muss auch auf wissenschaftspolitischer Ebene bewertet werden.

Neues Strategiepapier der Allianz-Initiative Digitale Information

Die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen, zu der neben der DFG die Alexander von Humboldt-Stiftung, die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), die Leibniz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und der Wissenschaftsrat gehören, hat ihre Zusammenarbeit im Rahmen der Schwerpunktinitiative Digitale Information um weitere fünf Jahre bis 2022 verlängert. Beispielhafte Ergebnisse der bisherigen Zusammenarbeit sind die Projekte DEAL (Bundesweite Lizenzierung von Angeboten großer Wissenschaftsverlage) und OA2020.de (Nationaler Open-Access-Kontaktpunkt) sowie Stellungnahmen zum Urheberrecht und zum Zweitveröffentlichungsrecht.

Für die kommende Periode stehen folgende Themen im Fokus: Wissenschaftliches Publikationssystem; Digitale Werkzeuge – Software und Dienste; Digitale Datensammlungen und Textkorpora; Föderieren von IT-Infrastruktur; Digitales Lernen, Lehren und Vernetzen; Digital qualifiziertes Personal; Recht für Wissenschaft im digitalen Zeitalter; Wissenschaftspraxis. Das Leitbild und die neuen Handlungsfelder stehen online zur Verfügung.3

Ulrike Hintze, Deutsche Forschungsgemeinschaft Gruppe „Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme (LIS)”

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2018H1S58-62


2 Zusammensetzung der Kommission Evaluation Publikations- und Lizenzförderung, http://www.dfg.de/foerderung/programme/infrastruktur/lis/lis_awbi/kommissionen_arbeitsgruppen/index.html

3 „Den digitalen Wandel in der Wissenschaft gestalten. Die Schwerpunktinitiative „Digitale Information” der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen. Leitbild 2018 – 2022”: http://doi.org/10.2312/allianzoa.015.