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Sprache als Schlüssel zur Welt: Bibliotheken und Sprach-Kitas in guter Partnerschaft

Susanne Brandt, Büchereizentrale Schleswig-Holstein

Zusammenfassung:

Von 2016 bis voraussichtlich 2020 wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Bundesprogramm „Sprach-Kitas. Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“ gefördert. Es richtet sich an Kindertageseinrichtungen, die von einem überdurchschnittlich hohen Anteil von Kindern mit besonderem Bedarf an sprachlicher Bildung und Förderung besucht werden. Dabei stehen besonders die folgenden drei Zielbereiche im Fokus: alltagsintegrierte sprachliche Bildung, inklusive Bildung und Zusammenarbeit mit den Familien. An den Standorten dieser mehr als 3000 Sprach-Kitas in Deutschland gibt es nahezu überall öffentliche Bibliotheken, die als nachbarschaftliche Partnerinnen den Sprach-Kitas bei der Sprachförderung mit vielfältigen Medien und Kooperationsangeboten zur Seite stehen. Auch als Schnittstelle zwischen Kita und Familie können die Büchereien wichtige Aufgaben im Rahmen des Programms übernehmen. Die Büchereizentrale Schleswig-Holstein hat daher mit Fördermitteln des Landes und in guter Abstimmung mit den Sprachkoordinatorinnen der Kitas das Projekt „Mit Worten wachsen“ entwickelt. Der Beitrag beschreibt, welche Chancen und Herausforderungen sich durch eine solche Zusammenarbeit mit Sprach-Kitas für Bibliotheken ergeben und wie sich daraus eine lebendige interdisziplinäre Partnerschaft im Sinne der genannten Zielbereiche entwickeln lässt.

Summary:

Since 2016, the Federal Ministry for Family Affairs, Senior Citizens, Women and Youth has sponsored the programme “Language day-care centres. Because language is the key to the world” (Sprach-Kitas. Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist); this is expected to last until 2020. The programme addresses day-care facilities which are attended by an above-average number of children with special needs in their language development. The following three aims are at the centre of the programme: language education which is integrated in everyday life; education based on inclusion; cooperation with the families. There are more than 3.000 language day-care centres in Germany, and almost all of them are close to a public library. Libraries can be a partner and assist in language training with various media and offers of cooperation. They can also act as a link between day-care centres and families, and undertake important tasks in the context of the programme. Therefore, the Public Library Office Schleswig-Holstein (Büchereizentrale Schleswig-Holstein) developed the project „Growing with words“ (Mit Worten wachsen) with a state grant and in close coordination with language instructors in day-care centres. The paper discusses opportunities and challenges for libraries arising from such a cooperation with day-care centres and shows how a successful partnership can be built in order to reach the three aims.

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2017H4S30-40
Autorenidentifikation: Brandt, Susanne: GND 124170196
Schlagwörter: Sprachförderung; Nachhaltigkeit; Sprachentwicklung; Inklusion; Wahrnehmung; Elementarbereich; Bibliothek

Das Bundesprogramm „Sprach-Kitas. Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“1 wird von 2016 bis 2020 durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und richtet sich an Kindertageseinrichtungen, die von einem überdurchschnittlich hohen Anteil von Kindern mit besonderem Bedarf an sprachlicher Bildung und Förderung besucht werden. Deutschlandweit konnten sich Kindertagesstätten für dieses Programm bewerben. Es schließt an das Vorgängerprogramm mit Schwerpunkt-Kitas „Sprache & Integration“ konzeptionell an und vertieft den begonnenen Weg vor allem durch den Einsatz von zusätzlichen Sprach-Fachkräften für die Kindertageseinrichtungen sowie durch zusätzliche Fachberaterinnen, die die Arbeit und Qualifizierung kontinuierlich prozessbegleitend unterstützen und für die Themen sprachliche Bildung, Zusammenarbeit mit Familien und inklusive Pädagogik verantwortlich sind. Die zusätzlichen Fachberatungen sind für einen regionalen Verbund von 10 bis 15 Sprach-Kitas zuständig. Sie sind auch für Bibliotheken, die sich auf diesem Gebiet engagieren, verlässliche Kontakte und Multiplikatoren für alle Fragen der Kooperation.

1. Sprach-Kitas und Bibliotheken in guter Partnerschaft – Gemeinsame Anliegen entdecken und miteinander abstimmen

Eine Kultur, die soziale Vielfalt wertschätzt und die Teilhabe aller unterstützt, ist die Grundlage für alle Lern- und Bildungsprozesse. Das Bundesprogramm „Sprach-Kita“ hat vor diesem Hintergrund drei Zielbereiche besonders im Blick:

Alltagsintegrierte sprachliche Bildung

Inklusive Bildung

Zusammenarbeit mit den Familien

Im Unterschied zu den sogenannten additiven Sprachförderprogrammen früherer Jahre mit Kleingruppenangeboten und kompensatorischen Zielen, für die verschiedenen Evaluationen kaum positive Effekte nachweisen konnten,2 geht es beim alltagsintegrierten Ansatz darum, die sprachliche Bildung aller Kinder der Kita in das alltägliche Geschehen und Handeln einzubetten sowie Spiel- und Dialogsituationen, Bewegungs- und Handlungserfahrungen mit Sprache zu verbinden. Dadurch gewinnen die Interessen der Kinder bei der sprachlichen Bildung eine größere Berücksichtigung, was die Motivation verstärkt. Die Übertragung des Gelernten auf verschiedene Lebens- und Handlungsbereiche gelingt leichter und es besteht nicht die Gefahr der Stigmatisierung von „Kindern mit besonderem Förderbedarf“, da alle Kinder der Gruppe gleichermaßen in das sprachfördernde Geschehen einbezogen sind.

Aus diesem alltagsorientierten Ansatz ergibt sich in schlüssiger Konsequenz auch das inklusive und familienorientierte Anliegen des Programms.

Für Bibliotheken, die sich als Bildungspartnerinnen der Sprach-Kitas in das Programm einbringen möchten, ist es wichtig, diesen Ansatz als gemeinsames Anliegen zu verstehen und bei der Medienauswahl zu berücksichtigen. Es geht nicht darum, nach Übungsmaterial für bestimmte Defizite in der Sprachentwicklung zu suchen, sondern das alltägliche Erleben und Handeln von Kindern in Familie und Kita als ein bewegtes und lebendiges Geschehen zu begreifen, in das ausgewählte Medien und Vermittlungsmethoden eingebettet sind. Bei der Beratung, bei der Gestaltung bibliothekarischer Leseförderung sowie beim Bestandaufbau kann dieses Grundverständnis also von großer Bedeutung sein.

Ähnlich wie 2010 bis 2012 beim Kooperationsprojekt „Geschichten bewegen“ 3 in Niedersachsen ergibt sich für Bibliotheken auch in dieser Partnerschaft die Chance einer intensiven interdisziplinären Zusammenarbeit im Austausch zu Fragen einer nachhaltigen Sprachförderung als gemeinsame Aufgabe von verschiedenen Akteurinnen und Akteuren.

Wichtige Beraterinnen bei der Unterstützung und Mitgestaltung einer sprachanregenden Alltagswelt sind in der Kooperation mit den Sprach-Kitas nun besonders die Sprachfachkräfte der jeweiligen Regionen. Sie begleiten die Kita-Teams vor allem in den drei eingangs genannten Zielbereichen, wirken als Multiplikatoren und leisten Hilfestellung durch Anregungen, Ideen und gemeinsam durchführbare Projektbausteine, die zu den Zielbereichen passen.

Ein solches Projekt kann z.B. die Einführung des Kamishibai-Erzähltheaters als Methode zur Sprachförderung im Kita-Alltag wie in der Kooperation mit Bibliotheken sein.4 Daneben wird das Medium Buch so eingesetzt, dass es für die Kinder und die pädagogischen Mitarbeiterinnen die Sprachförderung optimal ergänzt und eine Brücke ins Elternhaus schlägt. 

Wo Familien mit verschiedenen Herkunftssprachen vertraut sind, erfahren diese durch mehrsprachige Angebote eine besondere Wertschätzung. Auch Musikmedien, gern in Verbindung mit Bewegung, spielen im Rahmen des Konzepts eine wichtige Rolle. Zum alltagsintegrierten Förderansatz gehört es, dass an jedem Tag erzählt, diskutiert, gesungen, gereimt, gerätselt, vorgelesen, gespielt und die Welt entdeckt wird – denn kaum eine alltägliche Aktivität kommt ohne Sprache in all ihren Facetten aus.

2. Wege der Zusammenarbeit am Beispiel von Schleswig-Holstein: das Projekt „Mit Worten wachsen“ und seine Bausteine

Öffentliche Bibliotheken sind wichtige Partnerinnen bei der sprachlichen Bildung. Sie fördern mit ihrer Arbeit eine Kultur, die soziale Vielfalt wertschätzt und die Teilhabe aller ermöglicht. Mit ihren verschiedenen Medien und Kooperationsangeboten kommt ihnen daher in der Zusammenarbeit mit Sprach-Kitas eine besondere Bedeutung zu.

Diese Zusammenarbeit wird in Schleswig-Holstein seit Frühjahr 2017 in besonderer Weise mit Leben gefüllt und vertieft: Unter dem Motto „Mit Worten wachsen!“ hat die Büchereizentrale Schleswig-Holstein Medienboxen zusammengestellt, die von den mehr als 100 Sprach-Kitas allein in diesem Bundesland jeweils über die örtlichen Büchereien ausgeliehen werden können. Die Zusammenstellung der Boxen fand in Abstimmung mit der Fachberatung der „Sprach-Kitas“ statt. Gefördert wurde das Projekt durch das Ministerium für Justiz, Kultur und Europa des Landes Schleswig-Holstein im Rahmen der Förderung von Innovationen in Öffentlichen Bibliotheken.5

In der Berichterstattung zum Projektstart heißt es dazu: „In den Boxen sind Materialien und Bücher, die speziell auf die Belange der Kinder aus den Sprach-Kitas zugeschnitten sind“, erklärt Anke Fiebig, Fachberaterin im Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ in der nördlichen Region. „Das sind zum Beispiel Bücher ohne Worte, mehrsprachige Bücher oder das Kamishibai Erzähltheater. Beim Fachaustausch haben mir die zusätzlichen Fachkräfte „Sprach-Kitas“ jeweils ein Buch vorgestellt, das unbedingt in der Medienbox vertreten sein sollte. So wird sichergestellt, dass die Box den Sprach-Kitas nützt.“ 6

Zusätzlich zu den Medienboxen erhalten die Sprach-Kitas kleine Wochenendrucksäcke. Die Familien können so einzelne Bücher ausleihen und am Wochenende mit nach Hause nehmen. Dies regt zum Vorlesen und Erzählen an und fördert die Zusammenarbeit mit den Familien.

Die Basis der Zusammenarbeit zwischen Sprach-Kitas und Öffentlichen Bibliotheken in Schleswig-Holstein wird im Kern aus vier Bausteinen gebildet:

Sprach-Kita-Medienboxen mit abgestimmten Inhalten

Wochenend-Rücksäcke für Familien

Kamishibai-Material als methodische Anregung für das dialogische Vorlesen und Erzählen

Laufend ergänzte Ideensammlung für die Praxis online über den Blog der Büchereizentrale7

Auf dieser Grundlage ergeben sich jeweils vor Ort viele Möglichkeiten, um die Zusammenarbeit lebendig zu gestalten.

3. Kein Kurzzeitprojekt – Nachhaltigkeit als übergeordnetes Anliegen in allen Zielbereichen

Bei allen Zielbereichen des hier beschriebenen Sprachförderansatzes ist der Faktor Bildung für eine nachhaltige Entwicklung als ein übergeordnetes gemeinsames Anliegen anzusehen. Ein Engagement von Bibliotheken in der Kooperation mit Sprach-Kitas ist also immer auch ein nachhaltiges Engagement im folgenden Sinne:

„Ziel einer Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ist nicht ein Wissenskanon, sondern eine Persönlichkeit, die sich ermutigt und fähig fühlt, das eigene Leben mitzugestalten, und die über Wissen und Kompetenzen verfügt, dies im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu tun. Deshalb sind die Förderung von Wahrnehmungsfähigkeit, Kreativität, Selbsttätigkeit, kooperativem Arbeiten, unterschiedlichen Ausdrucksformen für Erfahrungen, Erleben und Bewerten ebenso Elemente von Bildungsprozessen wie eine systematische Suche nach inhaltlichen Zusammenhängen und Erklärungen mithilfe von Medien.“8

Die zur Bildung für eine nachhaltige Entwicklung besonders bedeutsamen Aspekte in der Zusammenarbeit mit Sprach-Kitas sind daher

Inklusion und Diversität mit lokaler wie globaler Perspektive

Sprach- und Verständigungskompetenzen in allen Lern- und Lebensbereichen

Im Elementarbereich sind diese Kompetenzen und Perspektiven untrennbar mit Wahrnehmungsfähigkeit, Kreativität, Selbsttätigkeit, kooperativem Arbeiten sowie unterschiedlichen Ausdrucksformen für Erfahrungen verbunden. Bei der Medienauswahl wie bei der Wahl geeigneter Vermittlungsmethoden (z.B. im Blick auf Mehrsprachigkeit, Sprache und Bewegung sowie auf dialogisches Vorlesen und Erzählen) können Bibliotheken zur Konkretion dieser Aspekte in der Praxis wichtige Beiträge leisten.9

Eine solche Konkretion soll nun deutlich werden, wenn nachfolgend im Sinne der beschriebenen Zielbereiche von Sprach-Kitas einige Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Bibliotheken auf der Grundlage von ausgewählten „Beispielen für gute Praxis“ beschrieben werden.

4. Unter der Lupe: Kooperation in der Praxis im Sinne der Zielbereiche

Sprachförderung in Sprach-Kitas ist eingebettet in bedeutungsvolles Handeln, wird begleitet durch feinfühlige Beziehungsarbeit und findet in allen Situationen des Alltags- und Familienlebens verschiedene Formen der praktischen Umsetzung. Sprachliche Bildung geschieht in alltäglich wiederkehrenden Situationen (z.B. Mahlzeiten), freien Spielsituationen (z.B. Rollenspiel) und gezielten Angeboten der Kita und in der Geborgenheit der Familie.

Im Umgang mit der alltäglichen Vielfalt im Zusammenleben können Kinder bei sich und anderen besondere Stärken entdecken. Sie werden ermutigt, ihre eigene Identität wahrzunehmen, Mehrsprachigkeit und kulturelle Verschiedenheiten wertzuschätzen, Gedanken und Gefühle zum Ausdruck zu bringen und gemeinsame Regeln zu vereinbaren.

Für die Auswahl und Vermittlung von Bilderbüchern und Geschichten heißt das:

Kinder brauchen Zeit für eigene Wahrnehmungen in Auseinandersetzung mit Freiheit und Fremdheit. Sie lernen durch spielerische Erfahrungen und eigene Deutungsversuche, die sich nicht an vorgegebenen Erklärungen orientieren müssen. Sie erleben dabei die Herausforderung, durch Fremdes und Irritierendes ein vielfältiges Weltverständnis zu entwickeln.

Bei aller Verschiedenheit öffnen Bücher und Geschichten auch gemeinsame Zugänge zu elementaren menschlichen Grunderfahrungen, die uns verbinden. Im Fremden lässt sich oft auch Vertrautes erkennen, etwa durch kulturübergreifende Erfahrungen wie Angst und Freude, Zugehörigkeit, Einsamkeit und Ausgrenzung, Familienkonflikte, Schuld und Versöhnung.

Ästhetik und Sprache anderer Kulturen und Weltbilder sprechen für sich in einer jeweils eigenen Sprache, die sich nicht nur durch vertraute Worte vermittelt. Eine Vielfalt von Illustrationsstilen, Sprachen und Gefühlswelten aus verschiedenen Ländern macht Kinder vertraut mit der Entschlüsselung von ungewohnten Bildern und Zeichen.

Unter welchen Bedingungen können solche Erfahrungen mit Büchern und Geschichten gelingen?

Als Handlungsempfehlung werden den Sprach-Kitas „Beispiele für gute Praxis“ als Poster an die Hand gegeben. Einige der dort gesammelten Tipps und Zitate verweisen bereits auf Möglichkeiten, die von Bibliotheken aufgenommen, gemeinsam mit den Sprach-Kitas umgesetzt und weiterentwickelt werden können. Hier einige Beispiele10:

„Richten Sie einen Teil des Raums als Wortwerkstatt ein, in der Sie oder andere Erwachsene mit Kindern Bücher betrachten oder vorlesen können. Kinder können dort auch selbst in Ruhe Lesestoff anschauen. Auch eine mobile Bibliothek in Form eines Rucksacks oder Koffers ist denkbar. Stellen Sie den Kindern und ihren Eltern ein- und mehrsprachige Bücher, CDs, Spiele, Spielideen, Tischsprüche, Reime und Lieder zur Verfügung. Natürlich dürfen die Eltern diese Bibliothek auch selbst bestücken.“

„Lassen Sie die Kinder Geschichten erfinden. Dazu können Sie entweder die Geschichtensäckchen zum Vorbild nehmen oder auch ein ganz normales Figurentheater. Fortsetzungsgeschichten, die sich die Kinder gemeinsam ausdenken, regen zum Sprechen an. Natürlich kann dabei auch eine wilde Quatschwörtergeschichte herauskommen, bei der alle mit der Sprache spielen.“

„Führen Sie einen ,Tag der Muttersprache‘ in der Kita ein und geben Sie Familien so die Möglichkeit, durch gemeinsames Singen, Musizieren, Tanzen und Spielen ihre Sprache und Traditionen in der Kita zu präsentieren.“

„Laden Sie mehrsprachige Verwandte der Kinder ein, in die Kita zu kommen, um mit den Kindern Bilderbücher zu entdecken, Geschichten zum Buch zu erfinden und ihnen diese in ihrer Herkunftssprache vorzulesen.“

„Um über verschiedene religiöse Feiertage und Feste informiert zu sein, können Sie gut sichtbar einen interkulturellen Kalender in der Kita aufhängen. Damit zeigen Sie den Familien Ihre Wertschätzung.“

Für kooperierende Bibliotheken bedeutet das:

Schon eine kleine Auswahl von 10 bis 15 Titeln, z.B. in einer „Sprach-Kita-Medienbox“, kann bei gezielter Zusammenstellung eine große Vielfalt an Themen, Sprachen und Erzählweisen beinhalten, die sich unmittelbar in den Alltag integrieren lassen. Mehrsprachiges gehört ebenso dazu wie Bücher ohne Worte, Anregungen zum Singen und für Fingerspiele, kleine Geschichten und Bilderfolgen, die besonders das dialogische Vorlesen und Erzählen fördern. Immer sind auch die beziehungsstiftenden Möglichkeiten des Mediums im Dialog und in der Interaktion mit zu berücksichtigen. Für Gruppensituationen wird besonders im bildgestützten Erzählen mit Kamishibai ein gutes Potenzial für dialogische Bilderbuchbetrachtungen gesehen.

Bei der Titelauswahl werden vor allem inklusive Aspekte in Text und Bildersprache mit bedacht. Eine gute Hilfe hierfür bietet z.B. das Auswahlverzeichnis der Büchereizentrale Schleswig-Holstein zu inklusiven Bilderbüchern unter dem Titel „Anders ... als du denkst“.11 Eltern erhalten im Rahmen des Projekts vielfältige Anregungen, wie sie auch zu Hause ein sprachanregendes Umfeld schaffen können. Durch die „Wochenend-Rucksäcke“, mit denen Kinder Bücher aus Kita oder Bücherei in die Familien tragen, durch zweisprachige Bilderbuchausgaben für das häusliche Vorlesen oder Erzählen wie auch durch die persönliche Einladung der Familien, in der Freizeit die Bibliothek zu nutzen, werden Kontakte geknüpft und vertieft.

5. Sonst noch was? Wir sehen uns in der Bibliothek!
Gestaltung von Sprach-Kita-Besuchen in der Bibliothek

Besucht eine Sprach-Kita-Gruppe die Bibliothek, sind viele Möglichkeiten denkbar, um den Raum mit seinen Medien als sprachanregende Umgebung erfahrbar und vertraut werden zu lassen. Nicht die klassische „Bibliothekseinführung“ mit Erklärungen zu Ausleihregeln etc. steht dabei im Mittelpunkt, sondern das Entdecken von Bildern und Geschichten in einer Atmosphäre, die von Willkommensein, persönlichen Begegnungen und Freundlichkeit, von vielfältigen sinnlichen Wahrnehmungen und Interaktion geprägt ist.

Im Weblog der Büchereizentrale zur Medienvermittlung lassen sich in der zum Projekt „Mit Worten wachsen“ eingerichteten Rubrik12 viele Impulse, methodische Ideen und Medien-Tipps recherchieren, die bei der Vorbereitung solcher Gruppenbesuche in der Bibliothek helfen können bzw. als Anregungen für den Bestandsaufbau zu verstehen sind. Von besonderem Nutzen dabei sind z.B. die dort empfohlenen Veröffentlichungen aus Bremen „Mit Bilderbüchern in die Lesewelt“13, die viele wertvolle Vermittlungsideen zu ausgewählten Bilderbüchern beschreiben.

Als Beispiel für den Ablauf einer solchen Bilderbuchstunde in der Bibliothek ist auch folgendes Modell anzusehen, das sich mit ganz verschiedenen Themen und Geschichten verbinden lässt, dabei aber vor allem die Aspekte Wahrnehmen, Entdecken, Dialog und eigene Ausdrucksmöglichkeiten für Kinder berücksichtigt14: Eine Gruppe von vielleicht 10 oder 20 Kindern aus der Sprach-Kita hat sich für einen Bibliotheksbesuch angemeldet. Ziel ist es, den Kindern durch eine bewusste Einbeziehung von spielerischen Elementen Gelegenheit zu geben, die vermittelten Eindrücke und inneren Bilder mit verschiedenen Sinnes- und Beziehungserfahrungen in der Gruppe zu verbinden und im freien spielerischen Tun individuell zu vertiefen. Dabei werden die Kinder mit Geschichten und Themen vertraut und können Medien als bedeutsam für ihr Leben wahrnehmen.

Kennzeichnend für die methodische Gestaltung einer solchen Vorlese- und Erzählsituation ist ein gut ausbalanciertes Wechselspiel aus Phasen, in denen die Kinder sich einerseits spielerisch mit ihren Ausdrucksmöglichkeiten in der Gruppe erleben und andererseits Freiräume für ein ungestörtes Nachdenken und Ausprobieren entdecken. Bilderbücher und Geschichten, die sich für ein solches Angebot eignen, sind nicht an bestimmte Inhalte gebunden, bieten jedoch ausreichend große Deutungs- und Gestaltungsräume, in denen die Kinder individuelle Zugänge dazu finden und eigene Vorstellungen dazu aufbauen können. Auch die Begegnung mit fremden Kulturen, ungewohnten Sprach- und Bilderwelten kann hier Raum und Ruhe zum Entdecken finden.

Die Geschichte selbst sollte dafür vom Umfang her überschaubar sein (nicht länger als 10 Minuten), geeignete Impulse zum freien Weiterdenken und spielerischen Tun enthalten und Anknüpfungspunkte bieten für das Weltwissen der Kinder.

Das hier vorgestellte Modell für den möglichen Ablauf einer solchen Veranstaltung in vier Phasen (Zusammenfinden, Ansprechen, Raum geben, Teilnehmen = ZART)15 ist als eine erprobte und bewährte Orientierungshilfe zu verstehen, mit der sich immer wieder neue spielerische Ausgestaltungsmöglichkeiten für die Praxis entwickeln lassen. Anders als bei komplexeren Spielformen, die oft einen größeren Zeitraum und Materialeinsatz benötigen und das kreative und interaktive Tun als Aktion stärker in den Mittelpunkt stellen, geht es bei ZART um ein Veranstaltungsmodell von insgesamt etwa 45 Minuten Dauer, das vor allem das Vertrautwerden mit Sprache und Geschichten in Verbindung mit spielerischen, kreativen und sinnlichen Elementen zum Ziel hat und dabei besonders den dialogischen und beziehungsstiftenden Erfahrungen in der Gruppe Raum gibt. Bei den Zeitangaben zu den einzelnen Phasen handelt es sich um Richtwerte, die je nach Situation auch spontan variiert werden können:

Z wie Zusammenfinden (ca. 5 Minuten)

Ein kleines spielerisches Einstiegsritual mit einem inhaltlichen Bezug zur nachfolgenden Geschichte schafft Vertrautheit, sammelt die Aufmerksamkeit der Kinder und weckt die Achtsamkeit für die Gruppe wie auch für die Beziehungen untereinander. Es regt die individuelle Phantasie und Gestaltungsfreude der Kinder an, leitet spielerisch zur Geschichte über und bereitet so das gemeinsame Schauen, Sprechen und Hören vor (geeignete Spielformen hierfür z.B. Gestenspiel, Bewegungsvers, Lied, Wahrnehmungsspiel mit Materialien).

A wie Ansprechen (ca. 10 Minuten)

Hier kommt das ausgewählte Medium zum Einsatz, also die Geschichte, das Bilderbuch, möglicherweise auch zweisprachig und mit Hilfe des Kamishibais. Dabei werden die Kinder so angesprochen, dass jedes einen eigenen Zugang, eigene Gefühle und Gedanken zu dem, was es hört und sieht, finden und sich im Dialog dazu äußern kann.

R wie Raum geben (ca. 20 Minuten)

Im Anschluss an das Vorlesen bzw. Betrachten der Bilder ist es wichtig, Raum zu geben für persönliche Äußerungen der Kinder wie auch für spielerische oder gestaltende Ausdrucksformen, die vertiefend an Aspekte der Geschichte anknüpfen können, zugleich aber genügend Freiraum lassen für individuelle Umsetzungsideen (freies Spielen, Legen, Formen, Phantasieren, Bewegen...).

T wie Teilnehmen (ca. 10 Minuten)

Alle Phasen geschehen mit einem Bewusstsein der Teilnahme, das bedeutet: Die vorlesende und begleitende Person nimmt aufrichtig und einfühlsam Anteil an den Äußerungen und Ausdrucksformen von jedem einzelnen Kind (Echtheit, Anteilnahme und Verständnis) durch aufmerksames Zuhören und wertschätzende Beachtung. Ebenso erleben sich die Kinder teilnehmend in einer Gruppe, die ihnen Freiraum für eigene Ausdrucksformen gibt, aber auch von Achtung und Wahrnehmung untereinander getragen wird. Eine verbindende Geste, ein spielerisches Abschlussritual kann am Ende die gemeinsame Anteilnahme erneut spürbar werden lassen, vielleicht die Wertschätzung für entstandene Ideen oder Bilder der Kinder bewusst machen.

Auch wenn hier immer wieder von Bilderbüchern oder Geschichten, vom Vorlesen und Erzählen die Rede ist – anwendbar ist das Modell ebenso auf die Beschäftigung mit Sachthemen oder beim Einsatz von kleinen Hörspielen, die im Rahmen dieses Modells gemeinsam gehört und dann in gleicher Weise ausgestaltet werden. Prinzipiell vorstellbar ist ein in dieser Form beziehungsstiftend und spielerisch gestaltetes Angebot für Kinder ab 4 Jahren in Bibliotheken zu allen Themen und Medienformen.

Literaturverzeichnis

Brandt, Susanne. Lauschen und Lesen: Hörerlebnisse in der Sprach- und Leseförderung von Kinderbibliotheken. Berlin: Simon Verlag für Bibliothekswissen, 2008.

Brandt, Susanne. „,Prinzip Nachhaltigkeit‘ als Herausforderung für Bibliotheken.“ Vortrag auf dem 99. Deutschen Bibliothekartag in Leipzig 2010. Vortragsfolien unter: http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn:nbn:de:0290-opus-8279.

Brandt, Susanne. „,Geschichten bewegen‘: Transferprojekt zur Erprobung neuer Wege einer lebendigen Vorlese- und Erzählkultur in lokalen Netzwerken von Bibliotheken in Kooperation mit Universität, Erwachsenenbildung, Kindertagesstätten und Schulen.“ Vortrag auf dem 100. Deutschen Bibliothekartag in Berlin 2011. Vortragsfolien unter: http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn:nbn:de:0290-opus-9755.

Bremer Institut für Bilderbuchforschung. „Mit Bilderbüchern in die Lesewelt.“ Zuletzt geprüft am 08.08.2017. http://www.bibf.uni-bremen.de/index.php/publikationen/mit-bilderbuechern-in-die-lesewelt.

Büchereizentrale Schleswig-Holstein. Anders … als du denkst! Diversität und Inklusion als Thema in vorurteilsbewussten Bilderbüchern für Vor- und Grundschulkinder (2015). Zuletzt geprüft am 08.08.2017. http://www.bz-sh.de/index.php/downloadbereich/download/69-auswahlverzeichnisse/336-anders-als-du-denkst.

Kasimir, Sabine. Abschlussbericht Transferprojekt „Geschichten bewegen – neue Wege einer lebendigen Vorlese- und Erzählkultur“ (2012). Zuletzt geprüft am 08.08.2017. https://www.nifbe.de/pdf_show_projects.php?id=48.

Keller-Loibl, Kerstin und Susanne Brandt. Leseförderung in Öffentlichen Bibliotheken. Berlin: De Gruyter, 2014.

Kuger, Susanne, Jutta Sechtig und Yvonne Anders. „Kompensatorische (Sprach-)Förderung: Was lässt sich aus US-amerikanischen Projekten lernen?“ Frühe Bildung 1, Nr. 4 (2012): 181–193. https://doi.org/10.1026/2191-9186/a000061.

Stoltenberg, Ute. Bildung für eine nachhaltige Entwicklung im Elementarbereich. (Lüneburg: Leuchtpol, 2009). Zuletzt geprüft am 08.08.2017. http://www.leuchtpol.de/fortbildungen/mehr-zu-bne/bildungfuereinenachhaltigeentwicklungutestoltenberg.pdf.

Wolf, Katrin M., Anja Felbrich, Petra Stanat und Wolfgang Wendt. „Evaluation der Kompensatorischen Sprachförderung in Brandenburger Kindertagesstätten.“ Empirische Pädagogik 25, Nr. 4 (2011): 423–438.

1 „Bundesprogramm Sprach-Kitas,“ Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, zuletzt geprüft am 08.08.2017, http://sprach-kitas.fruehe-chancen.de/.

2 Vgl. Untersuchungen bei Susanne Kuger, Jutta Sechtig und Yvonne Anders, „Kompensatorische (Sprach-)Förderung: Was lässt sich aus US-amerikanischen Projekten lernen?,“ Frühe Bildung 1, Nr. 4 (2012): 181–193, https://doi.org/10.1026/2191-9186/a000061 sowie Katrin M. Wolf, u.a., „Evaluation der Kompensatorischen Sprachförderung in Brandenburger Kindertagesstätten,“ Empirische Pädagogik 25, Nr. 4 (2011): 423–438.

3 Sabine Kasimir, Abschlussbericht Transferprojekt „Geschichten bewegen – neue Wege einer lebendigen Vorlese- und Erzählkultur“ (2012), zuletzt geprüft am 08.08.2017, https://www.nifbe.de/pdf_show_projects.php?id=48, s.a. Susanne Brandt, „,Geschichten bewegen‘: Transferprojekt zur Erprobung neuer Wege einer lebendigen Vorlese- und Erzählkultur in lokalen Netzwerken von Bibliotheken in Kooperation mit Universität, Erwachsenenbildung, Kindertagesstätten und Schulen“ (Vortrag auf dem 100. Deutschen Bibliothekartag in Berlin 2011), Vortragsfolien unter: http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn:nbn:de:0290-opus-9755.

4 „Vorhang auf für die Bremer Stadtmusikanten,“ Hohenzollerische Zeitung, 16. März 2016, zuletzt geprüft am 08.08.2017, http://www.swp.de/hechingen/lokales/hechingen/vorhang-auf-fuer-die-bremer-stadtmusikanten-11958044.html.

5 „Mit Worten wachsen! Sprache durch Bilderbücher entdecken,“ Büchereizentrale Schleswig-Holstein, zuletzt geprüft am 08.08.2017, http://www.bz-sh.de/index.php/blockbestaende/490-mit-worten-wachsen-medienboxen-fuer-sprach-kitas.

6 „Sprach-Kitas und Bibliotheken in guter Partnerschaft,“ Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, zuletzt geprüft am 08.08.2017, http://sprach-kitas.fruehe-chancen.de/aktuelles/medienboxen-mit-worten-wachsen/.

7 Über 50 Praxis-Tipps für die Medienarbeit in Sprach-Kitas (Stand: August 2017) umfasst inzwischen die Materialsammlung der Büchereizentrale speziell für die Kooperation mit Sprach-Kitas, zuletzt geprüft am 08.08.2017, http://www.bz-sh-medienvermittlung.de/thema/mit-worten-wachsen-materialien-zum-projekt/.

8 Ute Stoltenberg, Bildung für eine nachhaltige Entwicklung im Elementarbereich (Lüneburg: Leuchtpol, 2009), zuletzt geprüft am 08.08.2017, http://www.leuchtpol.de/fortbildungen/mehr-zu-bne/bildungfuereinenachhaltigeentwicklungutestoltenberg.pdf.

9 Susanne Brandt, „,Prinzip Nachhaltigkeit‘ als Herausforderung für Bibliotheken“ (Vortrag auf dem 99. Deutschen Bibliothekartag in Leipzig 2010), Vortragsfolien unter: http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn:nbn:de:0290-opus-8279.

10 Zitiert nach ausgewählten Zitaten der Poster für „Beispiele guter Praxis“, zuletzt geprüft am 08.08.2017 http://sprach-kitas.fruehe-chancen.de/aktuelles/bericht-und-poster-mit-beispielen-guter-praxis/.

11 Büchereizentrale Schleswig-Holstein, Anders … als du denkst! Diversität und Inklusion als Thema in vorurteilsbewussten Bilderbüchern für Vor- und Grundschulkinder (2015), zuletzt geprüft am 08.08.2017, http://www.bz-sh.de/index.php/downloadbereich/download/69-auswahlverzeichnisse/336-anders-als-du-denkst.

12 Siehe Anm. 7.

13 „Mit Bilderbüchern in die Lesewelt,“ Bremer Institut für Bilderbuchforschung, zuletzt geprüft am 08.08.2017, http://www.bibf.uni-bremen.de/index.php/publikationen/mit-bilderbuechern-in-die-lesewelt, dort Downloadmöglichkeiten der Publikationen.

14 Vgl. Kerstin Keller-Loibl und Susanne Brandt, Leseförderung in Öffentlichen Bibliotheken (Berlin: De Gruyter, 2014).

15 Hier beschrieben nach: Susanne Brandt, Lauschen und Lesen: Hörerlebnisse in der Sprach- und Leseförderung von Kinderbibliotheken (Berlin: Simon Verlag für Bibliothekswesen, 2008).