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Regionalverband Südwest

Auf dem Weg zu Open Access: Bericht zur Jahresversammlung 2017 des VDB-Regionalverbands Südwest an der Universitätsbibliothek Freiburg

Der VDB-Regionalverband Südwest lud zu seiner Jahresversammlung am 23. Juni 2017 in den Südwesten von Baden-Württemberg ein.1 Gastgeberin war die Universitätsbibliothek Freiburg, daher lag es nahe, dem Neubau und seinen Einrichtungen den ersten thematischen Schwerpunkt der Jahresversammlung zu widmen. Im zweiten Teil wurde die Frage „Open Access – ist die Transformation schon auf der Zielgeraden?“ aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Die Fortbildung mit anschließender Mitgliederversammlung des Regionalverbands Südwest lockte mehr als 40 Teilnehmende nach Freiburg.

Zur Begrüßung und Einstimmung berichtete die Direktorin der UB Freiburg, Antje Kellersohn, welchen Zulauf die Universitätsbibliothek seit ihrer Wiedereröffnung erlebt – an Spitzentagen strömen 14.000 Menschen durch die großen Drehtüren am Eingang. Der Vorsitzende des VDB-Regionalverbandes, Robert Scheuble, erinnerte daran, dass der Regionalverband bereits zweimal an der UB Freiburg zu Gast sein durfte, zum ersten Mal vor 35 Jahren, mit der allerersten Jahresversammlung des Regionalverbandes.

Als Auftakt zu Führungen durch die Bibliothek wurde den Teilnehmenden der sehr beeindruckende Film „Zeit Räume“ präsentiert, der während des Abbruchs und Neubaus der oberirdischen Geschosse der Universitätsbibliothek gedreht wurde. Einer der Macher des Films, Franz Leithold, zugleich stellvertretender Direktor der UB und Leiter des Medienzentrums, führte in den Film ein. Er erläuterte, dass eine filmische Dokumentation des Baus von vornherein geplant war. Aber der Film sollte auch reflektieren, dass das Wissen der Welt in Bibliotheken archiviert und produziert wird. So rezitieren im Film eine Schauspielerin und ein Schauspieler dazu Zitate aus der Weltliteratur. Zusätzlich zu eigens für die Dokumentation erstellten Filmaufnahmen wurden etwa 50.000 Aufnahmen der an der Baustelle fest installierten Webcam im Zeitraffer verarbeitet.

Die Zuschauenden konnten anschließend im Film erleben, wie die alte UB Freiburg bis zum früheren Parkdeck und den beiden darunterliegenden Magazinstockwerken abgetragen wurde. Nur noch die drei verbliebenen Treppenhäuser, die den Zugang zum Magazin auch während der gesamten Bauphase gewährleisteten, ragten wie einsame Wächter in den Himmel. Anschließend konnte man sehen, wie der Neu- und zugleich Wiederaufbau vonstattenging. Im gesamten Film wechseln ruhige Szenen, zu denen die Sprecherin und der Sprecher philosophische Betrachtungen zu Buch, Bibliothek, Lesen und ihre Bedeutung für die menschliche Kultur rezitieren, mit Zeitraffersequenzen ab. Nach dem Abbruch kann man die Entstehung des Rohbaus, den Fassadenaufbau, die Anfertigung der Estriche und den Innenausbau verfolgen. Schließlich stehen die leeren Regale, die im Zeitraffer in einem atemberaubenden Tempo gefüllt werden, und man sieht die ersten Möbel unter ihren Schutzhüllen. Aber auch die schwere Arbeit, die hinter dem Bau steckt, wird gezeigt; besonders beeindruckt das Hochwuchten der schweren Glasscheiben für die Abtrennung des Lesesaalbereichs vom sogenannten Parlatorium („Sprechbereich“) über die schmalen Treppenfluchten bis in die oberen Stockwerke. Nachdem die Kamera in den verschiedenen Baustadien immer wieder durch die menschenleeren Räume gestreift war, zeigt sie zum Abschluss, wie zahllose Menschen durch den Haupteingang in die fertige Bibliothek strömen: Nicht nur ist die Bibliothek die Seele eines Hauses (frei nach einem der Rezitate im Film), sie wiederum wird von den Menschen beseelt, die sie nutzen und neues Wissen aufbauen.

Nach diesem eindrucksvollen Einblick erhielten die Teilnehmenden die Gelegenheit, das Gebäude der UB Freiburg im Rahmen zweier Führungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten zu besichtigen. Die eine Gruppe wählte den Schwerpunkt Medienzentrum und Digitalisierung und wurde von Ingeborg Falk durch das Gebäude und zu den einzelnen Stationen geleitet. Die andere Gruppe legte den Schwerpunkt auf die Architektur und wurde von Ralf Ohlhoff im und um den Bibliotheksbau geführt.

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Nach einer Einführung im Foyer der UB konnten die Teilnehmenden an der Architekturführung von außen die gelungene Umsetzung der Planungen ins Auge fassen. Die UB passt sich nicht nur in ihre Umgebung auf besondere Weise ein, sondern nimmt die Umgebung von allen Seiten in ihre Fassade auf und spiegelt sie in großflächigen Facetten wider. Direkt umgeben ist das Gebäude tagtäglich von unzähligen geparkten Fahrrädern. Denn die Fahrradgarage, die ins Gebäude integriert wurde, kann bei stark gestiegenen Benutzerzahlen in einer fahrradfreundlichen Stadt nur einen Teil der abgestellten Räder fassen. Im Innern führte Ralf Ohlhoff die Gruppe zunächst ins 1. UG des Gebäudeteils, der die Lesesäle beherbergt. Das Geschoss der ehemaligen Tiefgarage, das über zwei Magazingeschossen liegt, wurde mit neuen Fensteröffnungen versehen und hält heute rund 130.000 Bände in Selbstbedienung vor: Es beherbergt die systematisch geordnete Lehrbuchsammlung, einen numerisch aufgestellten Ausleihbereich und die Selbstverbuchung, daneben auch den Fuhrpark für die Bücherwagen und die Buchsortieranlage. Anschließend wechselte die Gruppe in den anderen Gebäudeteil, das Parlatorium, und stieg dort in die höheren Stockwerke hinauf. Von diesen aus kann man dank der gläsernen Bauweise in und durch die Lesesäle hindurchblicken, erhält aber auch immer wieder eindrucksvolle Ausblicke in die Nachbarschaft der Universitätsbibliothek. Im obersten Stockwerk endete die Führung im Verwaltungbereich der UB, wo in einem großen, offenen Raum die Arbeitsplätze der Mehrzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter untergebracht sind. Sowohl innerhalb der Bibliothek als auch von außen wird der Bibliotheksbau den hohen Erwartungen, die an den Neubau und das neue Raumkonzept gestellt wurden, gerecht und kann auf jeden Fall zu einem weiteren „must-see“ im Stadtbild Freiburgs gezählt werden.

Ingeborg Falk, die stellvertretende Leiterin der Informationsdienste, führte die andere Gruppe zunächst ebenfalls ins 1. UG des Lesesaalbereichs. Sie erläuterte die Organisation des Stockwerks und die wichtigsten Eckpunkte des Service und der Benutzung der UB, die rund um die Uhr an jedem Tag des Jahres geöffnet ist. Im Selbstbedienungsbereich im 1. UG muss ein gewisses Maß an Sprechen zwar toleriert werden, es ist jedoch ratsam, die Stimme zu dämpfen, da durch die offene Bauweise der Schall nach oben in die Lesesäle getragen wird. Im Parlatorium, wohin Ingeborg Falk die Gruppe anschließend geleitete, darf und soll aber geredet werden – im EG gibt es auch ein Café – entsprechend hoch ist der Schallpegel.

Die Führung durch das Medienzentrum im 3. OG des Parlatoriums übernahm Franz Leithold selbst. Das Medienzentrum bietet den Studierenden eine einmalige Entfaltungsmöglichkeit und Unterstützung bei Ton- und Filmaufnahmen: Einführungskurse, Kameraworkshops und Videoschnittkurse werden angeboten. Die Studierenden können die gesamte Technik mit Kameras und Lichtsets für universitäre Projekte ausleihen. Für die Nachbearbeitung ist das Medienzentrum mit zahlreichen iMac-Plätzen und Videoschnittplätzen ausgestattet.

Ein Videostudio bietet die neueste Technik: einen Greenscreen-Hintergrund, der virtuell oder real eingesetzt werden kann, Mischer, Kontrollmonitore und eine schalldichte Sprecherkabine. Wegen der geringen Deckenhöhe des Studios mussten Speziallampen mit geringer Wärmestrahlung eingebaut werden. Im Videostudio werden Musikproduktionen erstellt, aber auch Theater und andere Formate für Uni-Radio, Uni-TV und Uni-Online produziert. Inzwischen wird das Videostudio auch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nachgefragt, die ihre Fachthemen im Video darstellen wollen.

In zwei Tonstudios (ein Sende- und ein Produktionsstudio) lernen Studierende eigene Sendungen zu gestalten und live zu moderieren. Die Musikredaktion ist sehr rührig und bietet auch regionalen Independent-Gruppen eine Bühne.

Im langgestreckten Redaktionsraum des Medienzentrums sitzen und arbeiten alle Sparten zusammen. Auch die Landesredaktion für die baden-württembergischen Hochschulen, die die Hochschul-TV-Sender koordiniert, hat dort ihren Sitz. Das Medienzentrum wurde vor 17 Jahren in der Universitätsbibliothek mit einer Kamera und einem Schnittplatz gegründet. Heute arbeiten hier insgesamt zwölf ständige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter zwei aus dem Bibliotheksbereich. Das Medienzentrum kooperiert mit diversen Studiengängen, z.B. werden für den Medienstudiengang zurzeit vier Ganzsemesterkurse angeboten. Ein Schwerpunktangebot des Medienzentrums ist die Ausbildungsredaktion uniCROSS. In diesem Projekt für crossmediales Arbeiten können die Studierenden übergreifend Erfahrung mit TV-, Rundfunk- und Online-Journalismus sammeln. In jedem Semester kommen ca. 100 Studierende, die von vier Journalistinnen und Journalisten bzw. Betreuenden begleitet werden. Zwar können sie auch bei uniCROSS ECTS-Punkte erwerben, aber viele der Studierenden arbeiten freiwillig, aus eigenem Interesse mit.

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Oliver Rau führte die Gruppe anschließend durch die Abteilung Digitalisierung. Seit dem Jahr 2000 werden im Digitalisierungszentrum der UB Freiburg historische Bestände digitalisiert. In der an allen Wänden, Decke und Fußboden komplett grau gehaltenen Digitalisierungswerkstatt kommen neben flachen Digitalisierungstischen auch ein Grazer Buchtisch für Handschriften mit Zusatzleuchten, damit Vergoldungen gut herauskommen, und ein Scanroboter zum Einsatz. Am Anfang der Digitalisierungsarbeiten stand die „Freiburger Zeitung“ (erschienen von 1784 bis 1943). Sie wurde bereits in den 1980er Jahren auf Schwarz-Weiß-Mikrofilmen gesichert. Die Digitalisate wurden vom Film ausgehend mit einem Mikrofilmscanner erstellt und so gut wie möglich nachbearbeitet, da Papier- und Druckbildqualität stark schwanken. Laufend werden im Rahmen des „Tresorprojekts“ Handschriften digitalisiert und die UB Freiburg möchte sich auch an der Digitalisierung im Rahmen von VD18 beteiligen. Zurzeit arbeitet die Abteilung an der Digitalisierung der ehemaligen Bestände des Benediktinerklosters St. Peter. Dies geschieht in Zusammenarbeit u.a. mit dem Erzbistum Freiburg und der Badischen Landesbibliothek, die wie die UB Freiburg viele Bände aus St. Peter besitzt. Die Bestände von St. Peter wurden nach 1803 zwar stark zerstreut, aber ein handschriftlicher Bibliothekskatalog aus dem 18. Jahrhundert, der sich im Besitz der UB befindet, konnte in einer Datenbank aufbereitet werden und dient nun als Grundlage für die Rekonstruktion der Bestände von St. Peter. So soll nun mithilfe der Digitalisierung die Bibliothek virtuell wieder zusammengeführt werden. Die Besucherinnen und Besucher waren sehr an Technik und Arbeitsabläufen in der Digitalisierungswerkstatt interessiert und diskutierten lebhaft. Zurück im Tagungsraum erwartete die Teilnehmenden ein Mittagsimbiss.

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„Open Access – ist die Transformation schon auf der Zielgeraden?“, lautete das Thema des Fortbildungsteils, den Robert Scheuble moderierte. Dabei vertrat Andrea Hacker von der Universität Heidelberg in ihrem Vortrag „Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann. Warum sich Wissenschaftler für Open Access entscheiden“ die Perspektive der Forscher. Die Gründung des inzwischen weltweit renommierten Fachrepositoriums ArXiv.org im Jahr 1991 habe gezeigt, dass es ein Bedürfnis nach schnellem, unkompliziertem Austausch von Forschungsinformationen und Feedbacks dazu gebe. Doktorandinnen und Doktoranden könnten heute bei HeiDok, dem Heidelberger Dokumentenserver, veröffentlichen. Das sei vor acht Jahren noch anders gewesen. Im Bereich von Open Access Gold gehörten Mega-Journals in den Naturwissenschaften inzwischen zu den besseren Adressen (Plos One, Biomed Central u.a.). Und Open-Access-Optionen für Geistes- und Sozialwissenschaften würden salonfähiger.

Andrea Hacker vertrat die These, dass drei Beweggründe Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu bringen, Open Access zu publizieren, nämlich Zwang, Eigennutz und Gemeinwohlorientierung. Während viele Geldgeber Open Access bereits zur Pflicht machten, verfolge die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) keine kohärente Strategie. „Die DFG hat immer noch kein strenges Mandat. Andere Forschungsförderer ziehen die Daumenschrauben an“, sagte Hacker. Sie kritisierte auch die mangelnde Sensibilität auf Seiten der Forscherinnen und Forscher: „Viele gestandene Wissenschaftler sind sich nicht bewusst, wie viele Nutzungsrechte sie bei Verlagsverträgen abgeben. Als ob die Publikation im Verlag das Ziel der Forschung wird. Das verwundert mich.“ In den Geistes- und Sozialwissenschaften sei es immer noch eine Prestigefrage, im Verlag zu publizieren. Auf der anderen Seite bedeute es durchaus auch ein existenzielles Risiko, wenn Verlage auf Open Access wechseln.

Hacker betreut seit 2009 als Managing Editor die Open-Access-Zeitschrift „Transcultural Studies“, die mit der Software Open Journal Systems (OJS) betrieben wird. Die Akquise für neue Veröffentlichungen sei heute leichter geworden, sagt sie. „Sieben Jahre nach Zeitschriftengründung ist es jetzt möglich, zwei, drei Ausgaben in die Zukunft zu planen. Qualitativ hochwertige Manuskripte werden unaufgefordert eingereicht“, so die Referentin. Wichtig ist ihr, junge Forscherinnen und Forscher darauf hinzuweisen, dass sie ihre Rechte nicht verlieren, wenn sie Open Access publizieren.

„In Zeiten, in denen sich 30 Sekunden Downloadzeit wie eine Ewigkeit anfühlen, sind 20 Jahre unbefriedigend“, spielte Hacker auf die Bilanz der Open-Access-Bewegung an. Die Befürworterinnen und Befürworter seien ungeduldig. Forschende kämpften heute härter um Stellen und Bibliotheken sähen sich völlig neuen Aufgabenbereichen gegenüber. „Grün und Gold sind ganz weit gediehen. Open Access ist einleuchtender und praktischer geworden, aber es wird noch Zeit brauchen“, zog sie Bilanz.

In der anschließenden Diskussion wurden zwei Extreme auf Seiten der Autorinnen und Autoren identifiziert, die sich auf die Präferenz, Open Access zu publizieren, auswirken. Zum einen gebe es bekannte Persönlichkeiten, denen es egal ist, wo sie publizieren, also gerne auch Open Access, und Nachwuchsforscherinnen und -forscher, die kaum eine Wahl haben. Nachfragen gab es auch zur Gründung der Zeitschrift „Transcultural Studies“. Es habe Interesse von Verlagen gegeben, die Zeitschrift ins Programm aufzunehmen, so die Referentin. Der Vertrieb wäre einfacher gewesen. Auch sei am Anfang der Gegenwind stärker gewesen, als dies im Verlag der Fall gewesen wäre.

Antje Kellersohn, Direktorin der UB Freiburg, kritisierte in ihrem Vortrag „Die Transformation zu Open Access – Bibliotheken als Katalysatoren“ wie Andrea Hacker die mangelnde Positionierung der DFG zu Open Access. Dem ständen die Open-Access-Strategie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und die Allianz der Wissenschaftsorganisationen gegenüber mit dem Ziel, eine großflächige Transformation der Subskriptionszeitschriften zu erreichen. Klärungsbedarf sah Kellersohn auch bei Definitionsfragen. „Was verstehen wir eigentlich unter Open Access? Die Realität zeigt, dass jeder andere Erwartungen, Vorbehalte und Visionen hat“, stellte sie fest.

Studien wie das MDPL White Paper zum globalen Publikationsmarkt, zuletzt vorgestellt auf der Berlin Open Access Conference, zeigten, dass ein Umstieg auf Open Access kostenneutral möglich sei. Kellersohn ging auch auf die Sorge ein, dass mit dem Umstieg auf Open Access die Artikelgebühren (APC) als künftige Währung genauso vom Preisauftrieb betroffen sein könnten wie der Subskriptionsbereich, oder noch stärker. Die Preissteigerungen wären immer auch davon abhängig, welche Zeitschriften auf den Markt kämen. Auf der anderen Seite würden Publikationsfonds zurzeit nicht ausreichen, um Open Access zu finanzieren. Die Referentin bezog sich bei ihrer Diagnose auf die Befragung von Autorinnen und Autoren der Nature Publishing Group (NPG) und Palgrave Macmillan (Author Insights, 2015). Danach seien Qualitätsmängel, gefolgt von der mangelnden Bereitschaft, Artikelgebühren zu zahlen, und der fehlenden Finanzierungsmöglichkeit die Hauptgründe dafür, nicht Open Access zu publizieren.

In Bezug auf die Interessenkonflikte der Akteure sprach sich Antje Kellersohn gegen die mehr oder weniger stillschweigende Akzeptanz von „Black“ Open Access aus, wie es im großen Stil von der Plattform Sci-Hub angeboten wird. Die Interessenkonflikte seien überwindbar. Die Bibliotheken sieht sie im Transformationsprozess als Katalysator. Deren Erfolg sei durch folgende Handlungsfelder bestimmt: Beratung und Information, Repositorien, Publikationsportale, Hochschulverlage, Workflow-Entwicklung (zum Beispiel bei ORCID und INTACT), Erschließung, Langzeitarchivierung, Lizenzverhandlungen mit den Verlagen (kein Double Dipping) und der Budgetverantwortung. Bei der Budgetverantwortung gehe es um die Zusammenführung von Erwerbungsbudgets und Publikationsfonds, nachhaltige Finanzierungskonzepte und die Entlastung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Im Hinblick auf die eigene Zunft sieht Antje Kellersohn Aufklärungs- und Weiterbildungsbedarf: „Auch in den Bibliotheken gibt es noch viel Halbwissen und Fehlinformationen.“

Kellersohn, Sprecherin der DEAL-Projektgruppe, stellte in ihrem Vortrag auch die Ziele der DEAL-Verhandlungen vor. Bei DEAL geht es um die bundesweite Lizenzierung von Angeboten großer Wissenschaftsverlage (Elsevier, Springer, Wiley). Erreicht werden solle der dauerhafte Volltextzugriff auf das gesamte Titelportfolio. Alle Publikationen von Autorinnen und Autoren aus deutschen Einrichtungen würden damit automatisch Open Access geschaltet. Verhandelt werde eine angemessene Bepreisung, die sich am Publikationsaufkommen orientiere, so Kellersohn.

In der Diskussion wurden die Kosten für die Open-Access-Transformation hinterfragt. Einigkeit gab es bei der Feststellung, dass es schwierig ist, zu validen Zahlen zu kommen. Kritisiert wurden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die auf der einen Seite auf ihr Urheberrecht pochen, aber auf der anderen Seite illegal Sci-Hub benutzen. In Bezug auf Elsevier stellte Kellersohn klar, dass die Kündigungen bis zum Jahresende weitergehen würden. Dafür gebe es ein klares Mandat für die DEAL-Verhandlungen.

Hildegard Schäffler von der Bayerischen Staatsbibliothek München knüpfte an den Vortrag von Antje Kellersohn an und sprach zum Thema „Open Access und Lizenzen: Mit Offsetting auf dem Weg zur Transformation“. Sie stellte verschiedene Offsetting-Modelle vor, also Transformationsverträge auf der Basis von hybridem Open Access. Zur Mechanik der Offsetting-Verträge beschrieb Schäffler verschiedene Herausforderungen. Die DFG-Ausschreibung „Open-Access-Transformationsverträge“ habe beispielsweise das Ziel, dass das Thema Transformation bei der Antragsstellung herausgearbeitet wird, nicht jedoch das Thema Offsetting. Bei den Verlagsmodellen könne es nicht mehr um reine APC-Rabatte oder Vouchers gehen, sondern um eine erkennbare Verlagsstrategie zur kompletten Umstellung auf Open Access. Die Vertragsvorbereitung sollte in Abstimmung mit dem Nationalen Open Access Kontaktpunkt (NOAK) erfolgen. Die Höhe der APCs (Article Processing Charges) orientiere sich dabei am DFG-Programm „Open Access Publizieren“, also an der 2.000-Euro-Grenze. Die Preisgestaltung müsse nachvollziehbar hergeleitet und begründet sein. Zusätzliche Publikationskosten werden ausgeschlossen. Im Titelportfolio sei darauf zu achten, dass möglichst keine Einschränkungen vorliegen. Weitere Ziele seien die Autorenidentifikation und -information, also die eindeutige Zuordnung der Autorinnen und Autoren durch den Verlag (sanktionierbar) und die eindeutige Kennzeichnung der Open-Access-Artikel auf der Verlagsplattform. Nicht umsonst sprach die Referentin von Herausforderungen, denn in der Praxis ist man zum Beispiel bei der Autorenidentifikation oft noch weit von einer Lösung entfernt. Zu den Perspektiven sagte Hildegard Schäffler, dass die Transformationsverträge nur als temporäres Instrument zu verstehen seien. Die DEAL-Verhandlungen und die DFG-Ausschreibungen sieht sie als mögliche Katalysatoren für die transformationsbezogene Lizenzierung in Deutschland.

In der anschließenden Diskussion kam die Frage auf, warum bei den DEAL-Verhandlungen nur die drei Großverlage und nicht die Verlage der wissenschaftlichen Fachgesellschaften als Partner mit im Boot sind. Dass die Auswahl auf die Großverlage gefallen ist, erläuterte Antje Kellersohn, sei angesichts der Preisentwicklung und der Versorgungsnotstände ein Desiderat der Hochschulrektorenkonferenz gewesen. Im Auftrag der Allianz der Wissenschaftsorganisationen seien alle Teilnehmereinrichtungen im Vorfeld befragt worden. Daraus habe sich die Mandatierung ergeben.

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Den Abschluss des Tages bildete die jährliche Mitgliederversammlung, in der Vorstand und Kassenprüfer nach ihren jeweiligen Berichten entlastet wurden. Wünsche für Fortbildungen wurden abgefragt und es wurde dazu ermuntert, diese auch per E-Mail beim Vorstand einzureichen. Ebenfalls erging ein Aufruf für Beiträge zum jährlichen Südwest-Info, besonders auch an kleinere Bibliotheken. Nach einem Bericht aus dem Bundesverband und einem Bericht der Landesgruppe Saarland des BIB, der als Gast vertreten war, schloss die Versammlung.

Zum gemütlichen Ausklang ging, wer nicht gleich aufbrechen musste, anschließend ins benachbarte Theatercafé „Quadrille“ und genoss dort auf der Terrasse noch das Gespräch und die abendliche Wärme. Für eine rundum gelungene Jahresversammlung sei sowohl den Vortragenden und den Führenden als auch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der UB Freiburg, die die perfekte Organisation vor Ort in die Hand genommen hatten, sehr herzlich gedankt. Das Programm und die Vortragsfolien zur Jahresversammlung sind im Veranstaltungsarchiv des VDB-Regionalverbands Südwest zu finden.2

Stefan Drößler, Universitätsbibliothek Stuttgart
Imma Hinrichs, Universitätsbibliothek Stuttgart (Vorstandsmitglied des Regionalverbandes)

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2017H4S290-298

1 Programm der Jahresversammlung im Veranstaltungsarchiv des VDB-Regionalverbands Südwest, zuletzt geprüft am 14.11.2017, https://www.vdb-online.org/veranstaltungen/732/einladung.pdf.

2 Zuletzt geprüft am 14.11.2017, https://www.vdb-online.org/veranstaltungen/732/.