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„Open-Access-Publikationsdienste für die Wissenschaft“

Fortbildungsveranstaltung des DBV-Landesverbands Thüringen

Peter Blume, Universitätsbibliothek Ilmenau

Zwei Aspekte waren es, die dazu motiviert haben, eine Tagung zum Thema Open Access in Thüringen anzubieten, die zugleich aber auch den inhaltlichen Zuschnitt der Veranstaltung bestimmten. Zum einen rückt das Thema im Freistaat auch auf politischer Ebene zunehmend auf die Agenda, nachdem es in den Bibliotheken, und hier vor allem den vier Universitätsbibliotheken, schon längst eine wichtige Rolle spielt.1 Zum anderen war das Ziel, die bestehende breite Palette an bibliothekarischen Kommunikations- und Fortbildungsangeboten zu Open-Access-Publikationsdiensten sinnvoll zu ergänzen und möglichst eine Lücke zu füllen. Die „Open-Access-Szene“ im deutschsprachigen Bereich ist bereits soweit professionalisiert und ausdifferenziert, dass ihre einschlägigen Austauschforen oft bei den Teilnehmenden einen nicht eben niedrigen Wissens- und Erfahrungsstand voraussetzen. Hier ist die Veranstaltung, die am 20. Februar 2017 an der Universitätsbibliothek Ilmenau stattfand, bewusst einen Schritt zurückgetreten und hat versucht, einen Einstieg in das Themenfeld zu vermitteln, der sich gleichwohl auf dem Stand der aktuellen Entwicklungen bewegt.

Einführung in das Thema

Entsprechend der Zielsetzung widmete sich Peter Blume, Open-Access-Beauftragter der TU Ilmenau und Verfasser dieses Tagungsberichts, mit einem Einleitungsvortrag ganz der Aufgabe, die Bedeutung des Publikationswegs Open Access für Bibliotheken möglichst knapp zusammenzufassen und zugleich aktuelle wie künftige Handlungsfelder aufzuzeigen. Das Open-Access-Publizieren im engeren Sinn wurde dabei zunächst in den umfassenderen Kontext von Open Science mit angrenzenden oder verwandten Konzepten wie etwa Open Data oder Open Peer Review gerückt.2 Im Mittelpunkt des Vortrags stand das Bestreben, die vielfältigen Aktivitäten wissenschaftlicher Bibliotheken im Umfeld von Open Access strukturiert und systematisch darzustellen. Bibliotheken fördern auf der einen Seite die Rezeption von Open-Access-Veröffentlichungen, indem sie beispielsweise entsprechende Metadaten in Discovery-Systeme aufnehmen und damit die Auffindbarkeit lizenzfrei zugänglicher Dokumente erhöhen, aber auch indem sie, etwa in Informations- und Schulungsveranstaltungen, überhaupt auf die Existenz und den Wert dieser Publikationsart hinweisen. Auf der anderen Seite unterstützen viele Bibliotheken ganz selbstverständlich auch die Produktion wissenschaftlicher Open-Access-Veröffentlichungen. Hier öffnet sich das eigentliche Feld der Publikationsdienstleistungen, auf dem es um die zielgerichtete und bedarfsgerechte Hilfe für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geht. Bibliotheken sind mittlerweile in zwei Bereichen aktiv, um das Open-Access-Publizieren zu unterstützen: Sie bieten sowohl eigene Infrastrukturen für genuin hochschulinterne Veröffentlichungen auf institutionellen Repositorien oder in eigenen Universitätsverlagen als auch Förderung für das hochschulexterne Veröffentlichen zum Beispiel in dedizierten Open-Access-Fachzeitschriften kommerzieller Verlage. Interessanterweise liegt der Schwerpunkt der internen Publikationsdienste dabei auf dem Gebiet wissenschaftlicher Monografien, bei der Unterstützung des externen Publizierens hingegen auf dem der Aufsatzpublikation in Fachzeitschriften. Allerdings ergänzen zunehmend weitere Dienste die Angebotspalette, so dass mehr und mehr das gesamte Spektrum des wissenschaftlichen Publizierens auf dem Open-Access-Weg begleitet werden kann. Neue Finanzierungsmodelle zeigen Wege auf, Open Access auch für monografische, Sammel- oder Konferenzbände in kommerziellen Verlagen attraktiver zu machen. Ein Beispiel hierfür ist das Unternehmen „Knowledge Unlatched“, das das Geschäftsmodell der Vorauszahlung, um Publikationen allgemein frei zugänglich zu machen, von der Zeitschriften- auf die Buchwelt überträgt und dabei auf das Crowdfunding-Prinzip setzt.3 Auf der anderen Seite wird bereits eine Vielzahl von Open-Access-Zeitschriften quasi im Selbstbetrieb hochschulintern technisch unterhalten und redaktionell betreut. Eine etablierte technische Plattform, um Zeitschriften in Eigenregie zu betreiben, bietet die Open-Source-Software „Open Journal Systems“, für die mit OJS-de.net auch eine deutschsprachige Beratungsinfrastruktur existiert.

Open-Access-Journals selbst betreiben mit der Software „Open Journal Systems“

Detailliert auf die Grundlagen und Möglichkeiten von „Open Journal Systems“ (OJS) ging Christina Riesenweber vom Center für Digitale Systeme (CeDiS) der Freien Universität Berlin in ihrem Vortrag ein. Sie betonte dabei gleich eingangs, dass OJS von Grund auf als System gedacht ist, um den Redaktionsablauf wissenschaftlicher Online-Zeitschriften vollständig abzubilden und zu begleiten. Grob kann der Redaktionsprozess in vier unterstützte Phasen eingeteilt werden:

1. Manuskripteinreichung durch Autor/inn/en

2. Begutachtungsverfahren sowie gegebenenfalls Lektorat und Satz

3. Eigentliche Publikation durch Bereitstellung von Ausgaben und Unterrubriken für den Online-Zugriff

4. Anreicherung mit Metadaten und Schnittstellenverwaltung für die Indexierung und Katalogisierung

Basis für die Unterstützung der ersten beiden Phasen ist ein stringentes Modell, nach dem allen Nutzer/inne/n einer OJS-Instanz Rollen zugewiesen sind, mit denen sich jeweils eigene Zugriffsrechte und Sichten auf den Redaktionsablauf verbinden. So können Autor/inn/en jederzeit sehen, welche Artikel sie eingereicht haben, nicht aber, an welche Gutachter diese Artikel weitergeleitet wurden. Dies ist Redakteur/inn/en mit der entsprechenden Rollenzuweisung vorbehalten, die dann auch in Phase 3 Dokumente bearbeiten und für den öffentlichen Zugriff freischalten können. Auch die Verwaltung von Metadaten und Schnittstellen ist – wie beispielsweise die Gestaltung des Layouts von Artikeln und die Anpassung des Erscheinungsbilds der Zeitschrift – bestimmten Rollen vorbehalten.

Ein zentrales Argument dafür, als wissenschaftliche Bibliothek die Funktion eines Journal-Dienstleisters zu übernehmen und dazu eine eigene OJS-Installation zu betreiben, sieht Christina Riesenweber darin, dass die meisten Hochschulbibliotheken ohnehin bereits als Publikationsdienstleister agieren und etwa Dokumentenserver oder Repositorien betreiben, die sich leicht in eine OJS-Infrastruktur integrieren lassen. Es bietet sich sogar an, über OJS publizierte Dokumente nicht oder zumindest nicht ausschließlich in OJS, sondern auf einem institutionellen oder Fachrepositorium zu hinterlegen, dessen Funktionen zur Langzeitarchivierung und Schnittstellenverwaltung dann einfach weitergenutzt werden können. Aus OJS heraus lässt sich auf die Dokumente verlinken. Ein weiteres nicht unwichtiges Argument für Bibliotheken als OJS-Dienstleister ist nach Riesenweber darin zu sehen, dass Bibliotheken eine zentrale Rolle bei der Transformation des wissenschaftlichen Publizierens in Richtung Open Access zukommt. Als hochschulinterner Service-Partner für den Eigenbetrieb wissenschaftlicher Online-Zeitschriften können Bibliotheken langfristig Alternativen zu kostenpflichtigen Verlagsmodellen aufzeigen, indem sie die Möglichkeit schaffen, sich gänzlich von kommerziellen Angeboten, sei es subskriptions- oder publikationskostenbasiert, zu lösen. Der gebotene Leistungsumfang kann dabei von der reinen Bereitstellung der Software-Infrastruktur über bibliothekarische Zusatzdienste wie die Schaffung von Schnittstellen zu Datenbanken und Repositorien, weitere technische und Beratungsangebote bis hin zum Full Service reichen, der mit Korrektorat, Lektorat oder dem Zeitschriftenmarketing auch redaktionelle Kernaufgaben abdeckt. Der genaue Leistungsumfang sollte aber im Vorhinein zwischen Bibliothek und Partnern in der Wissenschaft schriftlich fixiert werden, um Missverständnisse und spätere Unklarheiten zu vermeiden.

Für die Entscheidung, ob, in welchem Umfang und für welche Zielgruppe ein Zeitschriftenpublikationsservice mittels OJS ein attraktives Angebot sein kann, sind die Ergebnisse einer Umfrage interessant, die das Netzwerk OJS-de.net Anfang 2015 durchgeführt hat.4 Christina Riesenweber verwies besonders auf die insgesamt hohen Zufriedenheitswerte im Zusammenhang mit der Nutzung der Software durch Hostinganbieter und Zeitschriftenbetreiber.

Open Access aus der Sicht einer Wissenschaftlerin

Die zweite Hälfte der Tagung leiteten Christina Schumann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medien und Kommunikationsforschung der TU Ilmenau, und Johannes Wilken, Leiter der Bereiche elektronisches Publizieren und Universitätsverlag innerhalb von ilmedia (Ilmenau Media Services) an der Universitätsbibliothek Ilmenau, gemeinsam ein. Während Christina Schumann die Zusammenarbeit zwischen Fachwissenschaft und bibliotheksnahen Publikationsdienstleistungen von der Wissenschaftsseite her beleuchtete und dabei besonders auf die Rolle und die Zukunftsperspektiven von Open Access einging, komplettierte Johannes Wilken das Bild, indem er die spezifischen Implikationen von Open Access für die praktische Tätigkeit eines Universitätsverlags in der Zusammenarbeit mit Fachwissenschaftler/inne/n in den Vordergrund rückte.

Aus Bibliothekssicht sehr aufschlussreich war, von Christina Schumann zu hören, was sie als Nachwuchswissenschaftlerin überhaupt dazu motiviert, Open Access als Publikationsweg zu wählen. Neben dem Argument der erhöhten Sichtbarkeit und des beschleunigten Informationsaustauschs, was quasi im Eigeninteresse der Forschenden liegt, spielen demnach auch Gründe eine Rolle, die eher mit der Wissenschaftsinfrastruktur in Zusammenhang stehen. Das sind zum einen normative Vorgaben vor allem von Institutionen der Forschungsförderung, die vermehrt die Finanzierung von Projekten an die Vorgabe koppeln, Projektergebnisse Open Access zu publizieren, zum anderen resultiert aus einer gewissen Frustration, die sich auf der Seite der Fachwissenschaft in der Zusammenarbeit mit kommerziellen Verlagen aufgestaut hat, eine starke Motivation, nach neuen Wegen des wissenschaftlichen Publizierens zu suchen. Als frustrierend beschrieb Christina Schumann vor allem die urheberrechtlichen Restriktionen, mit denen sich viele ihrer Kolleginnen und Kollegen in der Nutzung sogar selbst erarbeiteter Inhalte konfrontiert sehen, sobald diese Inhalte kommerziell publiziert wurden, aber auch ein gewisses Ungleichgewicht zwischen Kosten auf der einen und gebotenem Dienstleistungsniveau auf der anderen Seite, das bei Verlagen im Bereich der Gesellschafts- und Sozialwissenschaften zu beobachten sei.

Aus ihrer Erfahrung als Koordinatorin bzw. Mitherausgeberin zweier kommunikationswissenschaftlicher Open-Access-Schriftenreihen,5 musste Christina Schumann aber auch konstatieren, dass mit der Entscheidung für diesen Publikationsweg eine Reihe von traditionellen Verlagsaufgaben auf das Herausgebergremium übergehen. Vor allem das Marketing und der Vertrieb von Druckexemplaren sowie die Konzeption und Finanzierung neuer Reihentitel erwiesen sich als zeitaufwendige Zusatzaufgaben, die nur mit viel Engagement und einem gewissen Idealismus zu bewältigen sind. Dem steht auf der anderen Seite jedoch auch ein in der Summe äußerst positives Feedback der Fachcommunity gegenüber. Die freie Verfügbarkeit der sich fachlich auf hohem Niveau bewegenden Publikationsreihen wird in den allermeisten Fällen als großer Vorteil wahrgenommen, was gerade auch dem beteiligten wissenschaftlichen Nachwuchs einen echten Reputationsgewinn eintragen kann.

Nicht nur aus diesem Grund sieht Christina Schumann Open Access in der Medien- und Kommunikationswissenschaft als Zukunftsmodell. Zumal sich das Problem der erhöhten Belastung der Herausgeberschaft mit administrativen Verlagsaufgaben gut durch die Zusammenarbeit mit Universitätsverlagen abfangen lässt, die einige dieser Aufgaben übernehmen können. Eine andere Frage ist allerdings, ob das klassische Publikationsmodell von Monografien und Sammelbänden mittel- bis langfristig in der Kommunikationswissenschaft – und möglicherweise generell in den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften – überhaupt noch funktionieren wird. Dem digitalen Online-Publizieren entspricht das schnelle Veröffentlichen von Forschungsergebnissen in kurzer und prägnanter Aufsatzform möglicherweise eher als das zeitlich mit Produktionsverzug behaftete Zusammentragen von Beiträgen oder überhaupt die „Langform“ der wissenschaftlichen Ausarbeitung.

Erfahrungen mit Open Access im Universitätsverlag Ilmenau

Die Fragen, welche Dienstleistungen ein Universitätsverlag wie anbieten kann und worin die Vorteile für die Wissenschaftler/innen nach den Erfahrungswerten eines gut etablierten Universitätsverlags liegen, griff Johannes Wilken im zweiten Vortragsteil auf, der inhaltlich an die Ausführungen von Christina Schumann anschloss. Im Wesentlichen ist es nach den Erfahrungen des Universitätsverlags Ilmenau die Kombination von drei Argumenten, die Autorinnen und Autoren dazu bewegen, in einem Universitätsverlag zu veröffentlichen:

1. Den Nutzungsgewohnheiten entspricht es immer noch eher, längere wissenschaftliche Fachtexte in Buchform zu lesen: Das spricht gegen die reine Online-Publikation.

2. Vor Kauf eines gedruckten Fachbuchs sich in einer kostenlos verfügbaren Online-Parallelausgabe über den Inhalt informieren zu können, wird als hoher Mehrwert wahrgenommen:
Das spricht gegen die reine Print-Publikation und gegen die Print-Publikation mit kostenpflichtiger Online-Parallelveröffentlichung in einem kommerziellen Verlag.

3. Das Preis-Leistungs-Verhältnis wird als fair und angemessen empfunden, zumal die Papier- und Druckqualität den Vergleich mit der gängiger Wissenschaftsverlage nicht zu scheuen braucht und die bibliografisch erschlossene, mit persistentem Identifikator (URN) versehene und langzeitgesicherte Online-Publikation quasi als kostenlose Ergänzung hinzukommt.

Deutlich ist, dass diese Argumente nur für die oben erwähnten „Langformen“ wissenschaftlicher Publikationen gelten, für die traditionelle wissenschaftliche Monografie also (in den meisten Fällen Dissertationen) oder für Sammel- und Konferenzschriften. Für wissenschaftliche Zeitschriften und die Beiträge darin gelten andere Rezeptionsregeln, denen eher auf der Basis von Online-Publikationssystemen wie OJS entsprochen werden kann.

Detailliert stellte Johannes Wilken Geschäftsmodell und Finanzierungswege am Beispiel des Universitätsverlags Ilmenau dar. Relativ komplex wird das Geschehen durch die Notwendigkeit, Zahlungsströme zu steuern, die nicht in die klassischen Geschäftsgänge von Bibliotheken passen. Das ist zum einen die selbstverständlich mit Kosten verbundene Einbeziehung eines externen Druckdienstleisters, dessen Preiskalkulation für die Basisdienstleistung und eventuell benötigte Autorenexemplare den Autor/inn/en zu vermitteln und letztlich in Form einer Rechnungsstellung an sie weiterzugeben ist. Diesen Kosten stehen aus Autorensicht jedoch auch Einnahmen gegenüber, die sie über anteilige Verkaufstantiemen für Druckexemplare erzielen. Auch diese Zahlungen werden durch den Verlag abgewickelt. Ob und inwieweit weitere, ergänzende Verlagsdienstleistungen wie Korrektorat oder Layout-Dienste angeboten und in Rechnung gestellt werden, ist eine grundsätzliche Frage, deren Beantwortung nicht zuletzt von den vorhandenen personellen Ressourcen abhängt.

Zum oft – auch im Gespräch mit interessierten wissenschaftlich Publizierenden – diskutierten Problem, ob sich die Bereitstellung einer kostenfrei online verfügbaren Open-Access-Version nicht negativ auf die Nachfrage und damit letztlich den Verkauf der Druckversion auswirkt, konnte aus der Perspektive des Universitätsverlags Ilmenau nicht eindeutig Stellung bezogen werden. Erkennbar ist aber eine deutliche Tendenz zum „parallelen“ Verlauf der Download- und Absatzzahlen von Online- und Print-Version. Beide Zahlen sinken mit zunehmender Dauer der Verfügbarkeit bzw. Lieferbarkeit. Generell werden wenig verkaufte Titel auch weniger online genutzt.

Was kostet Open Access? Die Initiative „Open APC“

Den abschließenden Vortrag der Tagung steuerte Najko Jahn von der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen bei. Im Zentrum seines Beitrags mit dem Titel „Was kostet Open Access?“ standen Daten, die im Rahmen der durch die Universitätsbibliothek Bielefeld und die Max Planck Digital Library vorangetriebenen Initiative „Open APC“6 gewonnen worden sind. Mit dem Projekt, an dem Najko Jahn über einige Jahre maßgeblich mitgearbeitet hat, war von Beginn an das Ziel verbunden, die Preistransparenz auf dem wissenschaftlichen Publikationsmarkt zu erhöhen. Denn auf der einen Seite ist es gerade in Bezug auf Open-Access-Veröffentlichungen besonders schwierig, genaue Kosten auf der Ebene von Institutionen oder Regionen zu ermitteln, weil Zahlungen sehr kleinteilig, d. h., anders als bei Lizenzen für den Lesezugriff auf ganze Zeitschriftenpakete, pro einzelnem publiziertem Aufsatz anfallen und diese Einzelzahlungen aus ganz unterschiedlichen Quellen und zu Konditionen geleistet werden, die von Institution zu Institution stark schwanken können. Auf der anderen Seite wäre aber aus Sicht von Bibliotheken gerade wegen der Kleinteiligkeit der Zahlungsprozesse möglichst hohe Kostentransparenz wünschenswert, weil sie eine gewisse Informationsparität in der Preisgestaltung mit Open-Access-Verlagen schafft. Aus dieser Perspektive ist der Nutzen von „Open APC“ für Institutionen, die Unterstützungsdienstleistungen rund um das Open-Access-Publizieren anbieten, als sehr hoch einzuschätzen.

Den Kern des Projekts „Open APC“ bildet eine Datenbank, in der in standardisierter Kurzform die bibliografischen Angaben zu Fachaufsätzen verzeichnet sind, die in kostenpflichtigen Open-Access-Zeitschriften publiziert wurden. Der besondere Mehrwert liegt dabei darin, dass neben den üblichen Basisdaten wie Zeitschriftentitel, Verlagsname und eindeutigem Identifikator (DOI) jeweils auch die tatsächlich gezahlte Publikationsgebühr („Article Processing Charge“, APC) sowie Angaben zur gebührentragenden Institution mit erfasst werden. Diese Verknüpfung ermöglicht Analysen nach ganz verschiedenen Kriterien, wobei vor allem die breite und mittlerweile auch internationale Datengrundlage7 relativ valide statistische Auswertungen erlaubt.8

Im Hauptteil seines Vortrags stellte Najko Jahn eine ganze Reihe interessanter Ergebnisse einer Auswertung des Gesamtdatenbestands von Open APC vor.9 Die zentralen Fakten lassen sich für den Gesamtdatensatz und für den Ausschnitt der von in Deutschland ansässigen Institutionen gelieferten Daten tabellarisch gegenüberstellen:

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Die vor allem in den Jahren 2014 und 2015 einen großen Teil der neu aufgenommenen Datensätze ausmachenden hybriden Open-Access-Publikationen, bei denen also die freie Verfügbarkeit auf eine zusätzlich zu den Subskriptionskosten für die betreffende Zeitschrift zu zahlende Gebühr zurückgeht, stammen beinah ausschließlich von datenliefernden Institutionen aus Österreich und Großbritannien. Dies dürfte, wie Najko Jahn herausstellte, darauf zurückzuführen sein, dass die Finanzierungswege des Open-Access-Publizierens in Deutschland sehr stark durch die Förderpraxis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bestimmt sind. Ein großer Teil der Open-Access-Fonds an deutschen Hochschulen profitiert von einer Förderung im DFG-Programm „Open Access Publizieren“, das zum einen hybride Open-Access-Publikationen ganz von der Finanzierung ausschließt und zum anderen eine Preisobergrenze von 2.000 € je Artikel festlegt. Die Wirksamkeit der Kombination beider Vorgaben auf das resultierende Preisniveau belegt der deutlich geringere Mittelwert in Deutschland im Vergleich zum internationalen Wert.

Mit diesem Befund leitete Najko Jahn die Interpretation und Diskussion der Analyseergebnisse ein. Als Herausforderungen für die weitere Entwicklung der Open-Access-Förderung identifizierte er vor allem die Notwendigkeit, künftig die Publikationsgebühren für Zeitschriftenartikel in eine Gesamtbetrachtung zusammen mit den klassischen Subskriptionsgebühren und auch den administrativen Abwicklungs- und Bearbeitungskosten einzubeziehen. Eine solche Gesamtbetrachtung der „Total Cost of Publication“ (TCP) kann beispielsweise in Vertragsgestaltungen münden, in denen Zugriffs- ebenso wie Publikationsrechte einer Institution bei einem Verlag in der Art eines Offsetting-Modells gegeneinander verrechnet werden. Solche Verträge lassen sich allerdings nur dann sinnvoll durch Bibliotheken aushandeln, wenn diese eine verlässliche Datenbasis über Publikationen und damit verbundene Zahlungen besitzen. Genau diese Datenbasis stellt Open APC bereit.

Mit diesem Ausblick auf die weitere Entwicklung schloss die Tagung, die in der anschließenden Feedbackrunde von den Teilnehmenden als inhaltlich sehr vielfältig und kompakt, aber auch als gut strukturiert bewertet wurde. Auch wenn die Herausforderung, Open-Access-Experten ebenso anzusprechen wie Einsteiger in das Thema, nicht vollständig gemeistert werden konnte, war die Veranstaltung sicher ein wertvoller Beitrag dazu, die Open-Access-Aktivitäten an den Thüringer Hochschulen auf eine breitere Basis zu stellen – und sie wird ganz sicher nicht der letzte Beitrag dazu gewesen sein.

Die Präsentationsdateien der Vortragenden sind in der „Digitalen Bibliothek Thüringen“ (http://www.db-thueringen.de) hinterlegt.10

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2017H4S249-256

1 Bereits in ihrem Koalitionsvertrag hatten sich die drei aktuell die Landesregierung stellenden Parteien 2014 zur Förderung von Open Access in Thüringen bekannt. Diese Absichtserklärung wurde mit einer Anfang 2016 in Kraft getretenen Rahmenvereinbarung zwischen der Landesregierung und den Thüringer Hochschulen insofern konkretisiert, als sie die Entwicklung einer Strategie zur Digitalisierung an den Hochschulen in Thüringen bis 2017 verbindlich festschreibt. Dieses Strategiepapier, an dem die Hochschulen und auch die Hochschulbibliotheken intensiv mitgewirkt haben und das auch detailliert auf den Bereich des Open-Access-Publizierens eingeht, steht mittlerweile kurz vor seiner Verabschiedung.

2 Vgl. dazu auch die Zusammenstellung der deutschsprachigen Open Science AG innerhalb der Open Knowledge Foundation: „Open Science: Definition,“ zuletzt geprüft am 27.09.2017, https://www.ag-openscience.de/open-science/.

3 Vgl. „Free Access to Scholarly Content,“ zuletzt geprüft am 27.09.2017, http://www.knowledgeunlatched.org.

4 Vgl. „Ergebnisse der Bedarfsanalyse,“ zuletzt geprüft am 27.09.2017, http://www.ojs-de.net/projektbeschreibung/bedarfsanalyse/Ergebnisse.

5 Vgl. „NEU – Nachhaltigkeits-, Energie- und Umweltkommunikation,“ zuletzt geprüft am 27.09.2017, http://www.neu-kommunikation.de, und „Digital Communication Research,“ zuletzt geprüft am 27.09.2017, http://www.digitalcommunicationresearch.de.

6 Vgl. „OpenAPC/openapc-de,“ zuletzt geprüft am 27.09.2017, https://github.com/openapc/openapc-de/ und „Open APC,“ zuletzt geprüft am 27.09.2017, https://www.intact-project.org/openapc/.

7 Open APC beruht auf dem Prinzip der verteilten Datenlieferung. Institutionen können in einem technisch niederschwelligen Verfahren freiwillig Daten über Open-Access-Zeitschriftenveröffentlichungen und die dafür jeweils tatsächlich gezahlten Publikationsgebühren beisteuern. Eine Liste der partizipierenden Institutionen findet sich auf der Homepage des Projekts unter https://github.com/OpenAPC/openapc-de. Bei Interesse, sich künftig an der Datenlieferung zu beteiligen, steht auch eine Handreichung für die Dateneingabe bereit: zuletzt geprüft am 28.11.2017, https://github.com/OpenAPC/openapc-de/wiki/Handreichung-Dateneingabe.

8 Unter https://treemaps.intact-project.org/apcdata/openapc/ steht ein Visualisierungs­tool zu Verfügung, mit dessen Hilfe sich sehr einfach auch eigene Auswertungen erstellen lassen.

9 Die Auswertung ist auch in eine Publikation eingeflossen: Najko Jahn und Marco Tullney, „A Study of Institutional Spending on Open Access Publication Fees in Germany,“ PeerJ, August 9, 2016, 4:e2323, https://doi.org/10.7717/peerj.2323. Sie wird sehr gut ergänzt durch eine neuere Studie, die auf einer Rohdatenanalyse des Web of Science basiert: Michael Wohlgemuth, Christine Rimmert und Niels Taubert, „Nutzung von Gold Open Access auf globaler und europäischer Ebene sowie in Forschungsorganisationen,“ https://doi.org/10.13140/RG.2.2.33235.89120.

10 Peter Blume, „Bibliotheksdienstleistungen rund um das wissenschaftliche Open-Access-Publizieren,“ zuletzt geprüft am 03.11.2017, https://www.db-thueringen.de/receive/dbt_mods_00031764#; Christina Riesenweber, „Open-Access-Journals als Service-Angebot,“ zuletzt geprüft am 03.11.2017, https://www.db-thueringen.de/receive/dbt_mods_00031769#; Christina Schumann, „Publizieren im Open Access Format: Perspektiven der Wissenschaft,“ zuletzt geprüft am 03.11.2017, https://www.db-thueringen.de/receive/dbt_mods_00031770#; Johannes Wilken, „Erfahrungen mit einer Open-Access-Schriftenreihe: ‚NEU – Nachhaltigkeits-, Energie- und Umweltkommunikation’ an der TU Ilmenau,“ zuletzt geprüft am 03.11.2017, https://www.db-thueringen.de/receive/dbt_mods_00031771#; Najko Jahn, „Was kostet Open Access? Daten aus der Open APC Initiative und mögliche Konsequenzen,“ zuletzt geprüft am 03.11.2017, https://www.db-thueringen.de/receive/dbt_mods_00031772#.