Zu Artikeldetails zurückkehren Digitaler Zugang zu Filmen und Fachinformation online. Bericht vom Arbeitstreffen des Arbeitskreises Filmbibliotheken
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Digitaler Zugang zu Filmen und Fachinformation online

Bericht vom Arbeitstreffen des Arbeitskreises Filmbibliotheken

Anna Bohn, Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Eva Kietzmann, Zentral- und Landesbibliothek Berlin
Margret Schild, Filmmuseum Düsseldorf

Neue Dienstleistungen für den digitalen Zugang zu audiovisuellen Inhalten und Fachinformationen standen im Mittelpunkt des Arbeitstreffens des Arbeitskreises Filmbibliotheken am 30. Mai 2017 auf dem 106. Deutschen Bibliothekartag in Frankfurt am Main. Der 1996 gegründete Arbeitskreis Filmbibliotheken zielt auf den Austausch von Informationen und Erfahrungen sowie die kooperative Zusammenarbeit bei der Sammlung, Erschließung, Verfügbarmachung und Vermittlung von audiovisuellen Medien und Multimedia in Bibliotheken und Mediatheken. Der Arbeitskreis versteht sich als Forum für den Fachaustausch, das interessierten Kolleg/inn/en wissenschaftlicher und öffentlicher Bibliotheken offensteht. Seit 2015 findet das Arbeitstreffen des Arbeitskreises Filmbibliotheken jährlich in Rahmen des Deutschen Bibliothekartags statt. Da Wissen und Information zunehmend audiovisuell vermittelt werden, befasst sich der Arbeitskreis Filmbibliotheken seit 2015 auch mit der Evaluierung von Angeboten des Video-Streaming und den Erfordernissen digitaler Infrastrukturen zum Aufbau hybrider Mediatheken und Vermittlung digitaler Fachinformation.1 Zum Herbstreffen des Arbeitskreises Filmbibliotheken 2016 hatte die Technische Informationsbibliothek Hannover zum Workshop „Videos in Digital Libraries“2 auf der Konferenz zur Theorie und Praxis der digitalen Bibliotheken (TPDL) eingeladen. Themen des anschließenden Arbeitstreffens der Filmbibliotheken waren Film und RDA sowie die automatische Erschließung von Filmen und Open-Access-Video-Streaming von Wissenschaftsfilmen am Beispiel des AV-Portals der TIB Hannover.3 Auf dem Bibliothekartag 2017 standen dann Video-Streaming-Angebote im Bereich Kurzfilm, Spielfilm und Fernsehserien auf dem Programm.

Präsentiert wurden im Rahmen des Arbeitstreffens auf dem Bibliothekartag 2017 u.a. das Projekt AVA mit Kurzfilmen des Kurzfilmfestivals interfilm Berlin an der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, das Video-Streaming-Angebot Filmfriend.de des Verbunds der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) sowie der Fachinformationsdienst für Kommunikations-, Film- und Medienwissenschaft der Universitätsbibliothek Leipzig.

Gastgeber des Arbeitstreffens, das im Sitzungszimmer der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg stattfand, war das Deutsche Filminstitut Frankfurt am Main, vertreten durch Jens Kaufmann. Einen inhaltlichen Schwerpunkt bildete die Vorstellung neuer Video-Streaming-Projekte in den öffentlichen Bibliotheken in Berlin.

1. Kurzfilme in Bibliotheken: das EU-Projekt Audio Visual Access (AVA)

Eingangs stellte Eva Kietzmann das Projekt Audio Visual Access (AVA) an der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) vor.4 Das Projekt AVA zielt darauf, Kurzfilme europäischer Filmfestivals nach dem Ende des Festivals für einen befristeten Zeitraum in der örtlichen öffentlichen Bibliothek als Video-Stream on-site zugänglich zu machen.

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In der Pilotphase des Projekts (2016-2017) kooperieren sieben Kurzfilmfestivals aus sechs europäischen Ländern – Deutschland, Irland, Belgien, Finnland, Italien, Großbritannien – mit den lokalen öffentlichen Bibliotheken, darunter das Internationale Kurzfilmfestival Berlin interfilm mit der Zentral- und Landesbibliothek Berlin sowie das Kurzfilmfestival Köln (KKFK) mit der Stadtbibliothek Köln. Die Kurzfilme werden jeweils über die Video-on-Demand (VoD)-Plattform AVA von Reelport zugänglich gemacht. Die Firma Reelport stellt die technische Infrastruktur für die Datenbank bereit. Das Projekt ist als Public Private Partnership konzipiert. Die Projektleitung obliegt der Firma Reelport5, die in Europa die größte Plattform für Filmfestival Einreichungen darstellt und als Provider digitaler Filmbibliotheken für Filmfestivals tätig ist.

Das Projekt AVA wurde in der Pilotphase durch das Creative Europe MEDIA-Programm der Europäischen Union zunächst für die Dauer eines Jahres von 2016-2017 gefördert. Eine Anschlussförderung wurde im August 2017 für 2017-2018 bewilligt.

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Die Kuratorinnen und Kuratoren des Internationalen Kurzfilmfestivals in Berlin wählten aus dem Festivalprogramm 2016 knapp 200 Kurzfilme aus und klärten die Rechte mit den Filmemachern. Diese erlaubten es, die Filme über den Zeitraum von drei Monaten als On-site-Zugriff an acht Filmsichtungsplätzen in den Räumlichkeiten der Bibliothek zur Verfügung zu stellen. Das Programm beinhaltete Kurzfilme verschiedener Genres und Richtungen – Animationsfilme, Experimentalfilme, Spielfilme und Dokumentarfilme – aus allen Sektionen des Festivalprogramms, darunter Filme aus dem Wettbewerb sowie zum „Fokus China“ und „Fokus Italien“ des Sonderprogramms. Hierfür richtete Reelport einen Server ein, der über eine Client-Server-Architektur und ein Ethernet Netzwerk mit den Sichtungsplätzen Film in der Bibliothek verbunden wurde. Der Launch des AVA-Angebots mit öffentlicher Vorführung dreier ausgewählter Kurzfilme fand gemeinsam mit den Projektpartnern des interfilm Festivals und Reelport am 5. Mai 2017 im Salon der Amerika-Gedenkbibliothek statt.

Der Zugriff auf die Datenbank von interfilm war Bibliotheksnutzer/inne/n nach einer Authentifizierung möglich. Dem Portal war eine Log-In-Maske vorgeschaltet. Weil für die internationalen Kurzfilme keine FSK-Prüfung vorliegt, kann das Angebot aus rechtlichen Gründen erst ab 18 Jahren zugänglich gemacht werden. Für die Anmeldung ist eine Altersprüfung über die Service-Theken der Bibliothek nötig. Hierfür entwickelten die Kolleginnen der Filmbibliothek der ZLB in Kooperation mit den Projektpartnern einen Workflow und organisierten Einführungsveranstaltungen für das Personal der Info- und Servicetheken zur Information über die Funktionsweise und die Inhalte der Filmdatenbank.
Das englischsprachige AVA Library-Portal bietet die Möglichkeit, beispielsweise nach Filmtitel (Title), Regisseur (Director) oder Land und Jahr der Produktion (Year, Country) zu suchen und die Titelliste entsprechend zu sortieren. Die Metadaten zu den Filmen wurden von den Kuratorinnen und Kuratoren des Filmfestivals erfasst. So ist eine Auswahl über Filterkategorien wie Festival-Sektion, Laufzeit, Art des Films (Animation, Dokumentarfilm, Experimentalfilm, Spielfilm, Musikvideo) und Genre möglich. Die Metadaten beinhalten auch eine Kurzbeschreibung zum jeweiligen Titel. Nutzerinnen und Nutzer haben zudem die Möglichkeit sich individuelle Playlisten zu erstellen.

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Das Angebot des Pilotprojekts war aus rechtlichen Gründen zunächst befristet für den Zeitraum vom 5. Mai bis zum 31. Juli 2017. Das Projekt wird jedoch fortgesetzt und durch das Media Programm der Europäischen Union für ein weiteres Jahr gefördert werden. Hierfür wurde eine Co-Finanzierung von 330.000 Euro bewilligt. So soll in der zweiten Phase des Projekts (Laufzeit 2017-2018) das Angebot wesentlich ausgebaut werden. Neben Kurzfilmfestivals werden auch Dokumentarfilmfestivals als Projektpartner teilnehmen, so dass das Angebot an Filmen inhaltlich um Dokumentarfilme erweitert wird. Der Onlinezugang soll darüber hinaus auf Abruf nicht nur on-site, sondern auch per Remote Access auf Regional- und Verbundebene ausgeweitet werden. Die AVA-Projektpartner entwickelten außerdem als Ergebnis des Pilotprojekts ein Bezahlangebot für Bibliotheken, die Kurzfilme im Paket erwerben können.

Im Anschluss an die Projektpräsentation standen Tilman Scheel, der Projektleiter und Geschäftsführer der Firma Reelport/Picturepipe, sowie der Projektkoordinator James McBreen zur Verfügung, um Fragen zur technischen Infrastruktur und dem aus dem Pilotprojekt entwickelten kostenpflichtigen Angebot zu beantworten. Gefragt wurde nach möglichen Geschäftsmodellen. Die Kosten richten sich zum einen danach, ob das Angebot auf einem hauseigenen Server bereitgestellt wird oder über die Infrastruktur der Firma. Hinzu kommen auch hier Lizenzierungskosten, Kosten für den Traffic in Abhängigkeit vom Datenvolumen und der Zahl der Abrufe sowie die Entscheidung, ob ein solches Angebot nur temporär oder dauerhaft aufrechterhalten werden soll.

Ein Vorläufer des Projekts und Vorbild für die Kooperation zwischen Filmfestival und Bibliothek ist das Projekt Online Animation Library (OAL), bei dem das Internationale Trickfilmfestival Stuttgart (ITFS) mit der Stadtbibliothek Stuttgart kooperiert und die Firma Reelport die Video-Streaming Infrastruktur aufbaute.6 Ziel dieses Projektes ist es, Digitalisate vergangener Festivaleditionen zu erstellen und als Datenbank langfristig verfügbar zu machen.

Schon in diesem Projekt zeigte sich das Potential, dass Bibliotheken als Kulturerbe-Einrichtungen und Partner von Filmfestivals nicht nur eine Funktion als Erweiterung des Festivals erfüllen, sondern auch als digitales Archiv eines Festivals fungieren können. Derartige Projekte bringen darüber hinaus zwei Communities zusammen, die der Filmfestivals und der Bibliotheken.7

2. Video-on-Demand für Filmfreunde des VÖBB

Ein ebenfalls neues und speziell für Bibliotheken entwickeltes Projekt ist das Portal Filmfriend, das Kinofilme und Fernsehserien zum Abruf bereitstellt. Filmfreunde mit Bibliotheksausweis des Verbunds der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) können ab Juli 2017 Spielfilme und Fernsehserien über das Portal Filmfriend.de von zu Hause per Video-Stream abrufen. Beate Herbst vom VÖBB Servicezentrum und Andreas Vogel von der Filmwerte GmbH Potsdam stellten das Portal Filmfriend vor. Das in Potsdam ansässige Medienunternehmen Filmwerte,8 das die Plattform verantwortet, ist spezialisiert auf das Lizenzmanagement sowie den Vertrieb von Filmen und TV-Produktionen. Zudem betreibt die Firma den Video-on-Demand Service Alleskino.de, eine Online-Plattform für den deutschen Kinofilm (mit aktuell ca. 800 Filmen). Mit dem neuen Portal Filmfriend wurde ein Angebot speziell für Bibliotheken geschaffen.

Auf dem Portal Filmfriend sind aktuell für die Nutzer/innen des VÖBB ca. 1000 Filme und Fernsehsendungen vorwiegend deutscher Produktion von unterschiedlichen Content-Partnern abrufbar, darunter Filme aus dem Rechtebestand der Murnau-Stiftung, der DEFA-Stiftung und Filmgalerie 451, Fernsehproduktionen der WDR-Mediengruppe, Spiegel TV, Studio Hamburg, u.a. Das Angebot reicht von deutschen Filmklassikern sowohl bundesrepublikanischer Produktion wie auch der DEFA über anspruchsvolle Dokumentationen bis hin zu internationalen Arthouse Kinofilmen sowie Kinderfilmen und -serien. Das Angebot kontrastiert somit mit den großen marktführenden Streaming-Angeboten, auf denen, wie die Zeitung Die Welt am 12.08.2017 schreibt, „bis heute vor allem amerikanische Produktionen zu finden [sind], die sich auf ein globales Publikum hin entwerfen, was zur Folge hat, dass sie sich dramaturgisch immer ähnlicher werden.“9 In der Regel werden die Filme frühestens ein Jahr nach dem Kinostart und dem Ende der Sperrfristen auf der Plattform angeboten. Der Content der Datenbank wird kontinuierlich erweitert. Nutzererfahrungen sollen beim Bestandsaufbau mitberücksichtigt werden.

Im Unterschied zum Pilotprojekt AVA, das während der dreimonatigen Pilotphase von Mai bis Juli 2017 via On-site-Zugriff zur Verfügung stand, kann das Angebot von Filmfriend ab Juli via Remote Access 24 Stunden gestreamt werden. Dies wird u.a. durch die Einrichtung eines Authentifizierungssystems ermöglicht. Es besteht derzeit keine Kopienbeschränkung und somit ist Bibliotheksnutzer/inne/n des VÖBB ein unbegrenzter Zugriff auf die Plattform möglich. Filme können beliebig oft und von mehreren Usern gleichzeitig angesehen werden. Für den/die einzelne/n Nutzer/in besteht kein Streaming-Limit. Bereits kurz nach Start des Projekts sind 3.000 Nutzer/innen registriert (Stand 14.08.2017).10

Die Recherche nach Filmen auf dem Portal Filmfriend ist ohne Anmeldung möglich. Verschiedene Sucheinstiege über den Suchschlitz oder die Genre-Auswahl werden angeboten, und die Suche kann in weiteren Schritten über die Filterfunktionen „Genre“, „Jahr der Produktion“ und „Beliebteste“ noch weiter präzisiert werden.

Bei Auswahl eines Films werden neben Angaben zu „Titel“, „Land“, „Jahr“, „Länge“, „Format“, „Sprache“ oder „Farbe“ auch wesentliche Stabangaben wie „Regie“ und „Darsteller“ gelistet. Es gibt eine Kurzbeschreibung zum Film sowie Verlinkungen zu externen Online-Filmlexika, wie Internet Movie Database (IMDb)11 oder Filmportal12. Zudem kann ein Trailer zum Film abgespielt werden. Eine Authentifizierung wird erst erforderlich, wenn der Film gestartet wird. Es wird dann zunächst eine Log-In-Maske für die Eingabe der Daten des Bibliotheksausweises eingeblendet. Beim Anmeldevorgang erfolgt eine automatische Altersprüfung, so dass nur diejenigen Inhalte abgerufen werden können, die nach FSK-Vorgabe der jeweiligen Altersgruppe entsprechen.

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Perspektivisch ist geplant, eine Schnittstelle zum Katalog bereitzustellen, um die Einbindung von Metadaten zu ermöglichen und die Filme so auch über den OPAC recherchierbar zu machen.

Das Angebot Filmfriend wird über das Projekt Digitale Welten des Landes Berlin finanziell gefördert. Das Projekt Digitale Welten ist Teil der Zukunftsstrategie für die Berliner Öffentlichen Bibliotheken. Im Rahmen dieses Programms werden auch Musik- und Video-Streaming-Angebote weiterer Dienst­leister für die Berliner Bibliotheksnutzer/innen verfügbar gemacht, darunter z.B. Videos zum E-Learning des Anbieters Lynda.com in deutscher Sprache, die früher auch unter der Bezeichnung Video2Brain bekannt waren. Die Lehrvideos des Lynda-Portals aus den Bereichen Informationstechnologie, Wirtschaft sowie Kreativität und Gestaltung wurden vom VÖBB in die digitale Ausleihplattform Onleihe der divibib GmbH Wiesbaden13 eingebunden. Hierbei wurde die Präsentationsoberfläche von Lynda.com nicht übernommen, sondern Lynda.com erscheint in der Onleihe als Verlagsangabe.14 Um auf das Angebot zugreifen zu können, ist die Anmeldung über die Onleihe erforderlich. Das Angebot der per Video-Streaming abrufbaren E-Learning-Kurse dient der Förderung digitaler Kompetenzen sowie der privaten und beruflichen Aus- und Weiterbildung und dem lebenslangem Lernen. Die Inhalte stehen einer breiten Nutzergruppe mit unterschiedlichen Vorkenntnissen bereit und bieten Lehrvideos sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene. Gemeinsam ist den oben genannten Angeboten, dass sie mit Hilfe des Bibliotheksausweises kostenfrei abgerufen werden können.

Die Teilnehmer/innen des Arbeitstreffens diskutierten im Anschluss an die Präsentation des Portals Filmfriend, welche Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen, um ein solches digitales Angebot verfügbar machen zu können – sowohl in Hinblick auf die technische Infrastruktur als auch in Bezug auf das Rechtemanagement und die Finanzierung.

Für die Abspielbarkeit auf festen und mobilen Endgeräten müssen die Filme über Player mit integrierten zertifizierten Digital Rights Management (DRM)-Systemen laufen, um beispielsweise bestimmte Lizenzen US-amerikanischer Filmvertriebe erwerben zu können. Für unterschiedliche Betriebssysteme und Browser-Versionen werden ggf. mehrere DRM-Systeme benötigt. Diskutiert wurde auch, ob eine solche Plattform ebenso von anderen Einrichtungen genutzt werden könnte, die über Lizenzen für Filme verfügt. In einem solchen Fall muss das Rechtemanagement ebenfalls entsprechend modifiziert werden.
Eine weitere Variante wäre, die Plattform an die Bedürfnisse anderer Institutionen anzupassen, z.B. an Kunst- oder Medienhochschulen bzw. Museen mit individuellen inhaltlichen Ausrichtungen.

3. Fachinformationsdienst für Medien-, Kommunikations-, und Filmwissenschaft der Universitätsbibliothek Leipzig

Im Anschluss an die Präsentationen der neuen Video-Streaming-Angebote stellte Sebastian Stoppe den aktuellen Stand des Fachinformationsdienstes (FID) für Kommunikations-, Film- und Medienwissenschaft der Universitätsbibliothek Leipzig vor. Das Portal des FID „adlr.link“ kann ohne Regis­trierung für die Recherche genutzt werden.15 Für registrierte Nutzer/innen bietet der FID zusätzliche Service-Leistungen, darunter die Bestellung von Auszügen aus Publikationen in Form von Kopien über die Fernleihe oder die Möglichkeit, den Erwerb bislang nicht vorhandener Titel zu veranlassen und das Medium vor der Einarbeitung an die private Adresse zur Nutzung schicken zu lassen. Bei der Registrierung werden zwei Gruppen unterschieden: Studierende und wissenschaftliche Mitarbeiter/innen. Zurzeit sind über 600 Nutzer/innen registriert.

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Das Portal übernimmt seit 2016 auch die Funktion des bis Ende 2015 vom Kooperativen Bibliotheksverbund Berlin-Brandenburg (KOBV) gepflegten Verbundkatalogs Film.16 Die Bestände des unter „adlr.link“ im Aufbau begriffenen neuen Verbundkatalogs Film werden im Rahmen des FID als eigene Kollektion geführt und in den Trefferlisten entsprechend gekennzeichnet. Bislang ist lediglich ein Teil der Bestandsinformationen des ehemaligen Verbundkatalogs Film in das Portal des FID eingebunden. So enthält das Portal u.a. bereits die Katalogdaten des Deutschen Filminstituts DIF, des ZKM Karlsruhe, der Kunsthochschule für Medien Köln, der Universität der Künste Berlin, der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main und der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf Potsdam. Aktuell ist die Integration der Daten der Universitätsbibliothek Siegen und des Gesamtkatalogs der Düsseldorfer Kulturinstitute in Bearbeitung. Geplant ist außerdem die Einbindung der Daten der Deutschen Kinemathek, der Filmakademie Baden-Württemberg und der Zentral- und Landesbibliothek Berlin. Der Workflow hat sich grundsätzlich geändert: die teilnehmenden Bibliotheken müssen ihre Daten liefern, während vorher über Skripte die verschiedenen OPACs in die vorhandene Such­oberfläche eingebunden worden waren. Bei den Bibliotheken, die bereits an den Verbundkatalogen der wissenschaftlichen Bibliotheken teilnehmen, soll noch geprüft werden, ob eine Übernahme aus den Verbundkatalogen ggf. eine Datenlieferung ersetzen könnte.

Die erste Förderphase der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist bereits beendet. Im Rahmen der zweiten Förderphase liegt der Schwerpunkt des FID u.a. auf dem Responsive Design, d.h. der Möglichkeit, mit Hilfe unterschiedlichster Endgeräte (Smartphones, Tablets etc.) auf das Angebot zuzugreifen.

4. Ausblick – Perspektiven der hybriden Mediatheken

Die sich an die Präsentationen anschließenden Diskussionen und Rückfragen zeigten, dass seitens der Filmbibliothekare und Filmbibliothekarinnen starkes Interesse daran besteht, Video-Streaming-Angebote auszubauen. Dabei ist von erheblicher Bedeutung, welche konkreten Inhalte die unterschiedlichen Video-Streaming-Portale bieten und wie die Kosten- und Lizenzmodelle hierfür aussehen. Allerdings gab es keine konkreten Aussagen über entstehende Kosten für eine dauerhafte Verfügbarmachung, weil es sich bislang durchweg um Projekte handelt, die zeitlich befristet sind bzw. die über Drittmittel finanziert wurden.

Wie die Beispiele zeigen, ist der hybride Bestandsaufbau in einigen ausgewählten Filmbibliotheken bereits Realität. Allerdings kann der Ausbau in der Regel nicht über die etablierten Medienbudgets realisiert werden, sondern bedarf der Einwerbung zusätzlicher Fördermittel. Bislang kann das Angebot der mit dem Bibliotheksausweis online abrufbaren Filme mit der Vielfalt und Titelbreite der auf Vervielfältigungsträgern ausleihbaren Filme noch nicht konkurrieren. Dies zeigt u.a. das Beispiel der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, die mit ihrer Filmsammlung von über 65.000 Filmtiteln auf Medienträgern eine der größten frei zugänglichen Sammlungen im deutschsprachigen Raum zur Ausleihe anbietet. Diesem breiten und vielseitigen Angebot auf Vervielfältigungsträgern steht bislang ein noch kleines Angebot von Videos gegenüber, die auf Abruf online zugänglich sind.17

Es ist aus verschiedenen Gründen absehbar, dass der Bestandsaufbau Film auf Vervielfältigungsträger von den Bibliotheken in der näheren Zukunft weiterhin parallel zum Ausbau von Video-Streaming-Angeboten betrieben werden muss. Zum einen sind die gesetzlichen Regelungen derzeit noch nicht ausreichend auf die neuen digitalen Zugangswege zu Filmen und die neuen medientechnologischen Entwicklungen angepasst. Aus der Perspektive des Urheberrechts betrachtet zählt der Film insbesondere im Hinblick auf die neuen Nutzungsformen des digitalen Zugangs „zu den komplexesten und schwierigsten Kulturerzeugnissen“18. Für den Aufbau von Angeboten zum Video-Streaming ist u.a. zu beachten, dass Lizenzrechte zeitlich und räumlich befristet vermarktet werden und geografische Zugangsbeschränkungen gelten (Geo-Blocking). Daher ist z.B. das Filmangebot eines Video-Streaming-Anbieters wie Netflix USA nicht identisch mit dem Filmangebot von Netflix Deutschland. Für die Bibliotheken und Dienstleister stellt sich die Herausforderung, die Rechte entsprechend zu klären und Lizenzen abzugelten. Die Kosten für die Lizenzen und den Ausbau der technischen Infra­struktur für die Bereitstellung von Filmen per Video-Streaming liegen in der Regel weit höher als die Kosten für den Erwerb von Trägermedien. Für die Bibliotheken stellt sich daher die Herausforderung, zusätzliche Mittel einzuwerben und Allianzen zu bilden, um bessere Angebote zu verhandeln. Speziell für Bibliotheken geschaffene Video-Streaming-Portale wie AVA Library und Filmfriend sind zukunftsweisende digitale Infrastrukturen. Sie ermöglichen digitale Teilhabe für ein breites Publikum in einem stetig wachsenden Markt. Aus diesem Grund wurde das Video-on-Demand-Filmportal „filmfriend“ am 1. Dezember 2017 mit dem „Sonderpreis für Soziale Innovationen“ der Länder Berlin-Brandenburg auszeichnet.

Ein gravierendes Hindernis für den Zugang zu Filmen per Video-Streaming stellt derzeit der schleppende Ausbau der Breitbandversorgung in Deutschland dar, der im internationalen Vergleich zurückliegt. Für die störungsfreie Nutzung von Video-Streaming-Angeboten in hoch auflösenden Formaten ist eine schnelle Übertragung großer Datenmengen via Breitband Voraussetzung.19 Filmaffine Bibliotheksnutzer/innen, die großen Wert auf hochwertige Bild- und Tonqualität und störungsfreies Sehvergnügen für das Heimkino legen, bevorzugen daher Trägermedien wie Blu-ray Disc. Wenn auch in der Diskussion die Rede davon war, dass Datenträger unter Umständen sehr viel schneller verschwinden werden als man es sich heute vorstellen kann, so scheint angesichts der o.g. Gründe offensichtlich, dass der Erwerb und Verleih von Trägermedien in den kommenden Jahren weiterhin zu den Aufgaben der Filmbibliotheken zählen wird.

In Bezug auf den Bestandsaufbau von Filmen kommen mit der Einführung von Video-Streaming-Paketen neue Aufgaben hinzu. Dazu gehört es, neue Angebote als Paket zu kuratieren, zu evaluieren und Informationen über neue digitale Angebote auch an die Nutzer/innen zu vermitteln.

Beim Bestandsaufbau der online zugänglichen Filme muss der Workflow für die Erfassung, d.h. die Übernahme von Metadaten und Content, organisiert sowie die technische Infrastruktur samt des Systems der Authentifizierung ausgebaut werden. Wichtig ist auch die Frage, wie die neuen Angebote besser recherchierbar gemacht und die Metadaten in den Katalog eingebunden und präsentiert werden können – insbesondere dann, wenn die Angebote nur zeitlich befristet zur Verfügung stehen. Mit dem Ausbau der neuen Angebote einher geht auch die Anforderung, neue Formen der Filmvermittlung zu entwickeln.

Interessant ist hierbei auch der Blick auf Entwicklungen in den Nachbarländern. Jan Melissen, Leiter des Medien- und Informationszentrums der Zürcher Hochschule der Künste, hatte bereits auf dem Bibliothekartag 2016 über das Video-Streaming-Projekt nanoo.tv in der Schweiz berichtet, das Radio- und Fernsehaufnahmen in einer geschützten Umgebung zugänglich macht. Möglich macht dies der Vertragsschluss mit den Verwertungsgesellschaften in der Schweiz. Für die Mitglieder des Arbeitskreises Filmbibliotheken bietet der enge fachliche Austausch, die Zusammenarbeit beim Aufbau neuer Angebote und beim Verhandeln von Lizenzen, eine Möglichkeit, diese Angebote kostengünstiger zu gestalten und Synergien zu nutzen.

Aufgrund der überaus dynamischen Entwicklungen im Bereich Video-Streaming ist abzusehen, dass der Ausbau digitaler Dienstleistungen im Bereich Film und Multimedia auch auf der Agenda des Treffens des Arbeitskreises Filmbibliotheken auf dem 107. Bibliothekartag in Berlin 2018 stehen wird20, zu der interessierte Fachkolleg/inn/en aus dem Bereich Film und Multimedia eingeladen sind.

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2017H4S230-241

1 Anna Bohn, „Von DVD zu Video-on-Demand: Bewegte Bilder in Bibliotheken und neue Wege des Zugangs zum audiovisuellen Kulturerbe.“ Bibliotheksdienst 50, Nr. 1 (2015): 79–96, https://doi.org/10.1515/bd-2016-0008.

2 „Videos in Digital Libraries: What’s in it for libraries, publishers and scientists?“ Workshop 2016 TPDL Conference, Hannover, 8. September, 2016, zuletzt geprüft am 03.11.2017, http://blogs.tib.eu/wp/videos-in-digital-libraries/.

3 AV-Portal der TIB Hannover, https://av.tib.eu/.

4 Die AVA-Projektpräsentation ist auf dem OPUS Publikationsserver zugänglich: https://opus4.kobv.de/opus4-bib-info/frontdoor/index/index/docId/3158.

5 Webseite Reelport GmbH, www.reelport.com.

7 Anna Bohn, „Sharing Moving Image Metadata and Streaming Video on Demand Content – The Project AVA as a Use Case for Cross Domain Cooperation between Film Festivals and Public Libraries,“ Präsentation, Session 114, IFLA WLIC 2017 – Wrocław, Poland – Libraries. Solidarity. Society, Wrocław, Polen, 21. August, 2017 – Cataloguing, zuletzt geprüft am 27.11.2017, http://library.ifla.org/id/eprint/1769.

8 Filmwerte GmbH, https://www.filmwerte.de/.

9 Felix Stephan, „Die Berliner Bibliotheken streamen jetzt,“ Die Welt, 12.08.2017, zuletzt geprüft am 15.08.2017, https://www.welt.de/kultur/kino/article167618004/Die-Berliner-Bibliotheken-streamen-jetzt.html.

10 Yunus Güllü, „Berliner Bibliotheken schaffen ihr eigenes Netflix,“ Der Tagesspiegel, 17.08.2017, zuletzt geprüft am 15.08.2017, http://www.tagesspiegel.de/berlin/neues-streaming-portal-berliner-bibliotheken-schaffen-ihr-eigenes-netflix/20136784.html.

11 Internet Movie Database, www.imdb.com.

12 Filmportal.de ist eine Abteilung des Deutschen Filminstituts DIF e.V. und ist die zentrale Internet-Plattform für umfassende Informationen zum deutschen Kinofilm www.filmportal.de.

13 Die divibib GmbH Wiesbaden ist ein Tochterunternehmen der ekz bibliotheksservice GmbH.

14 E-Learning-Kurse von Lynda.com im Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins: https://www.voebb.de/download/infoDA/Informationen_Lynda.pdf.

15 Fachinformationsdienst für Medien-, Kommunikations- und Filmwissenschaft „adlr.link“ der Universitätsbibliothek Leipzig, https://katalog.adlr.link/.

16 Vormals war der Verbundkatalog des KOBV unter folgender Webadresse zugänglich: http://digibib.kobv.de/.

17 Tilman Baumgärtel, „Guter Stoff fürs Heimkino,“ taz. die Tageszeitung, 24.07.2017, 24, zuletzt geprüft am 15.08.2017, http://www.taz.de/!5431583/.

18 Paul Klimpel und Eva-Maria König, „Urheberrechtliche Aspekte beim Umgang mit audiovisuellen Materialien in Forschung und Lehre,“ Rechtsgutachten von iRIGHTS law im Auftrag des Historikerverbands und der Gesellschaft für Medienwissenschaft, 20. September, 2015, zuletzt geprüft am 29.08.2017, http://www.historikerverband.de/fileadmin/_vhd/Stellungnahmen/GutachtenAVQuellen_Final.pdf.

19 Jörg Schröper, „Video-Streaming und IPTV steigern den Bandbreitenbedarf in Privathaushalten,“ Lanline, 28.02.2017, zuletzt geprüft am 29.08.2017, http://www.lanline.de/video-streaming-und-iptv-steigern-der-bandbreitenbedarf-in-privathaushalten/.

20 Rückfragen dazu können Sie gerne an die Cinemathek der Zentral- und Landesbibliothek richten unter film@zlb.de.