Zu Artikeldetails zurückkehren Praxishandbuch Bibliotheksbau : Planung – Gestaltung – Betrieb / herausgegeben von Petra Hauke und Klaus Ulrich Werner
Praxishandbuch Bibliotheksbau : Planung – Gestaltung – Betrieb

Praxishandbuch Bibliotheksbau : Planung – Gestaltung – Betrieb / herausgegeben von Petra Hauke und Klaus Ulrich Werner. – Berlin, Boston: De Gruyter Saur, 2016. – XI, 528 Seiten : Illustrationen. – (Reference). – ISBN 978-3-11-040313-8 : EUR 99.95 (auch als E-Book verfügbar)

Die Herausgebenden verstehen das vorliegende Handbuch bewusst als Praxishandreichung für den Bibliotheksbau, aber auch für den Betrieb von Bibliotheksflächen als Räumen mit unterschiedlichen Funktionen unter den Vorzeichen des Wandels. Auch wenn die im Vorwort zitierte „Renaissance“ des Bibliotheksbaus inzwischen arg strapaziert und in die Jahre gekommen ist, erscheint es gerade vor dem Hintergrund einer in diesem Jahr erschienenen, in vielen Bereichen problematischen und lückenhaften DIN-Norm 67700 „Bau von Bibliotheken und Archiven“ notwendig, den am Bibliotheksbau Beteiligten Hilfestellungen für diese besondere Bauaufgabe an die Hand zu geben. Sowohl die Breite an Themen, als auch die Auswahl qualifizierter Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Bereichen des Bibliotheksbaus erscheinen auf den ersten Blick geeignet, diesen Anspruch auch zu erfüllen. Das Handbuch gliedert sich in fünf Themenfelder mit je unterschiedlichen Ansätzen. Diese klare Einteilung macht es den Lesenden einfach, sich innerhalb des Bandes zu orientieren. Hilfreich ist auch die sehr umfangreiche und nach Themen gegliederte Auswahlbibliografie von Petra Hauke im Anhang, obgleich sie angesichts der derzeit schnellen Entwicklung von Bibliotheksbau und -technik schnell zu veralten droht.

Der erste Teil des Bandes widmet sich der „Bibliothek als Bauaufgabe“ und wirft damit die Typologiefrage auf. Daher ist es auch schlüssig, hier den Einstieg einer Architektin und einem Architekten zu überlassen, die sich in ihren Überlegungen dennoch stark an der Praxis orientieren. Der Beitrag entfaltet seine Qualität dort, wo er über die eher verstaubten Typologievorstellungen hinausgeht. Die Auswahl der Beispiele hätte aber etwas aktueller ausfallen können. Dazu passt aber der gewählte Ansatz von Andrew McDonald aus den 1990er Jahren. Ein wenig merkwürdig mutet auch die Kategorisierung von Bibliotheken an, die dem Thema nicht ganz gerecht wird; so ist die Technische Nationalbibliothek in Prag eher eine Technische Universitätsbibliothek, während die SLUB Dresden sowohl von der Funktion als auch vom Gebäude her dem, was als „Nationalbibliothek“ definiert wird, viel näher kommt. Wesentlich weiter greift Ulrich Niederer mit seinem Überblick der verschiedenen „Exzellenzen“ im Bibliotheksbau der letzten 20 Jahre aus. Er wählt einen originellen Zugang, um die typologische Vielfalt von herausragenden Bibliotheksbauten zu beschreiben. Die Wertung überlässt er dem Betrachter, indem er das Lernen am Beispiel als Grundpfeiler guter Bibliotheksplanung setzt. Auch wenn sich die im folgenden Beitrag angestellten Überlegungen zur Nachhaltigkeit von Bibliotheksbauten teilweise sehr im Detail verlieren und darin dann auch nicht zwingend bibliotheksspezifisch sind, erscheint es doch sinnvoll, sie an dieser Stelle im Band zu positionieren. Eher an Planungsabteilungen von Kommunen oder Universitäten wendet sich Konrad Umlauf mit seinen Gedanken zur Standortwahl für Bibliotheken. Ausgehend von der Erkenntnis, dass es oft genug mehr oder minder glückliche Zufälle sind, die den zukünftigen Standort einer Bibliothek bestimmen, entwickelt er einen schlüssigen und weit über die bibliothekarische Literatur zum Thema hinausweisenden Kriterienkatalog. Zur stadträumlichen Einbindung passen auch die im folgenden Beitrag von Irene Lohaus beschriebenen, leider in der Praxis oft vernachlässigten, Außenraumtypologien, die hier gut mit Beispielen illustriert sind. Nach einer sehr stark am individuellen Beispiel orientierten und daher nur schwer übertragbaren Übersicht über die Planung und Realisierung eines Bauvorhabens aus dem Hochschulbereich folgt abschließend zum ersten Teil Bernd Vogels Übersicht über den Flächenbedarf von Hochschulbibliotheken. Obwohl im Vorwort explizit ausgeschlossen, erscheint es an dieser Stelle hilfreich, einen Ansatz zu formulieren, der jenseits der funktionalistischen Rigorosität der neuen DIN 67700 auch die individuellen Unterschiede und möglichen Spannbreiten von Kennzahlen berücksichtigt.

Ein besonderes Verdienst des Praxishandbuchs ist es, die Bauaufgabe Bibliothek nicht nur aus der Perspektive des Neubaus, sondern auch aus der – im Hinblick auf die gebaute Fläche – wesentlich wichtigeren Perspektive des Bauens im Bestand zu betrachten. Ganz in diesem Sinne beginnt Robert Niess seinen informativen Beitrag, der den zweiten Teil des Bands „Bibliotheken bauen im Bestand“ einleitet, mit der Setzung einer auch qualitativen Gleichwertigkeit von Bauen im Bestand und Neubau. In sorgfältig gewählten Dichotomien von Kontinuität und Wandel sowie, origineller, von Respekt und Respektlosigkeit erläutert er Grundzüge des Bauens im Bestand unter besonderer Würdigung des Denkmalschutzes. Die zwei folgenden Beiträge widmen sich einmal aus bibliothekarischer und dann aus architektonischer Perspektive der Sanierung der Universitätsbibliothek Konstanz. Oliver Kohl-Frey gelingt es sehr geschickt, generelle Überlegungen zur Funktionsanpassung wissenschaftlicher Bibliotheken der 1970er Jahre mit dem konkreten Projekt zu verbinden, während Michael Frank intensiv nicht nur auf gestalterische Grundfragen, sondern auch auf ganz konkrete bauliche Themen eingeht. Jörg Weinreich beschreibt in seinem Beitrag dann sehr praktisch den Weg zur Nachnutzung eines Bestandsgebäudes, das zuvor nicht als Bibliothek gedient hat – in diesem Falle ein ehemaliges Textilkaufhaus.

Der weitaus umfangreichste, dritte Teil des Bandes widmet sich der räumlichen Gestaltung von Bibliotheken („Räume gestalten“). Obwohl hier, wie im gesamten Handbuch, keine verbindende Klammer im Sinne einer gezielten Auswahl von Themen zu erkennen ist, sind die einzelnen Beiträge jeweils für sich gesehen bei allen qualitativen Unterschieden doch lesenswert. Nach der Vorstellung der Ergebnisse eines Gestaltungswettbewerbs durch Klaus Ulrich Werner folgt ein Überblicksbeitrag zur Gestaltung von Schulbibliotheken. Dieser leidet ein wenig unter dem eher deskriptiven Ansatz, den die Autorinnen Birgit Lücke und Angelika Holderried gewählt haben, vermittelt aber einen guten Überblick über die spezifischen Fragen und die Trends. Die folgenden Überlegungen zu Jugendbibliotheken und – gut und richtig in einem separaten Beitrag – Kinderbibliotheken sind wesentlich analytischer und erläutern gestalterische Prinzipien anhand gut gewählter Beispiele. Mit den Makerspaces wird dann auch noch ein nach wie vor aktueller Trend aufgegriffen, wobei die Autorin Gabriela Lüthi-Esposito allerdings über das bereits allgemein Bekannte hinaus keine Entwicklungsperspektive aufzeigt.

Jenseits dieser Vorstellung einzelner Bibliotheks- bzw. Raumtypen widmet sich Jutta Eiberger der sehr oft vernachlässigten Planung und Gestaltung bibliothekarischer Büroräume, die sie in „Bib-Office“ umbenennt und damit die Frage verbindet, ob nicht die auf Kommunikation und Partizipation ausgerichtete Bibliothek auch entsprechend gestaltete und eingerichtete Hintergrundarbeitsplätze braucht. Ob das von ihr angeführte Beispiel der Universitätsbibliothek Freiburg Vorbild für andere Bibliotheken sein kann und soll, sei dahingestellt. Die folgende, eher kursorische Zusammenfassung von Prinzipien, aber auch von Details der Barrierefreiheit gibt einige originelle Denkansätze wieder und hinterlässt die unausgesprochene Frage, ob sich Bibliotheken nicht auch in Deutschland mit den Prinzipien des Universal Design auseinandersetzen sollten. Eher Einzelfragen der Gestaltung werden in den folgenden Beiträgen von Peter Dehoff und Roman Rabe behandelt, die sich kenntnisreich und mit einem guten Blick für bibliotheksspezifische Bedürfnisse mit den Themen Licht und Bodenbelag auseinandersetzen. Auch wenn dies tatsächlich zentrale Fragen für die Gestaltung von Bibliotheken sind, wirkt die Auswahl der Themen bzw. die Nichtberücksichtigung anderer baulicher Detailfragen an dieser Stelle etwas willkürlich. Dies gilt im Übrigen auch für die Beiträge zur „Bibliothekstechnik“ im folgenden vierten Teil (abgesehen von der Frage, warum Leitsysteme in diesem Band zur Technik gezählt werden, die Beleuchtung aber zur Gestaltung gezählt wird).

Das Thema der Partizipation von Nutzerinnen und Nutzern sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei der Gestaltung von Bibliotheken zieht sich durch jene Beiträge des Praxishandbuchs, die sich von der veralteten Vorstellung, Bibliotheksbau sei ausschließlich Expertensache, lösen können. Hervorzuheben ist hier besonders der Beitrag von Robert Zepf und Jens Ilg zur partizipativen Planung von Bibliotheksräumen im Teil „Räume gestalten“. Dabei definieren die Autoren nicht nur, was aus ihrer Sicht partizipative Gestaltung ausmacht und befördert, sondern sie geben, gestützt auf die eigene Arbeit an der Universitätsbibliothek Rostock, auch wichtige methodische Hinweise.

Der vierte Teil zur Bibliothekstechnik beginnt mit einer ausführlichen Erläuterung zur Konzeption und Planung von Leitsystemen in Bibliotheken. Die darauf folgenden Anregungen zu RFID-Anwendungen sind insofern originell, als die Autoren nicht auf die allgemein bekannten, zum bibliothekarischen Standard gehörenden, Anwendungen eingehen, sondern bewusst Erweiterungsoptionen durchspielen, die einen Mehrwert in der RFID-Anwendung für Bibliotheken darstellen. Auch Janin Präßler baut ihren schon bekannten Ansatz zur Konvergenz digitaler und physischer Räume aus und reichert ihn mit den sich allmählich durchsetzenden Praxisbeispielen an. Wichtig, weil von der DIN 67700 schlichtweg ignoriert und in Deutschland immer noch nicht wirklich angekommen, sind Ulrich Niederers Erläuterungen zum Hochregallager als Bibliotheksmagazin. Dabei schafft er es nicht nur, mit gängigen Vorurteilen aufzuräumen, sondern zeigt auch ganz praktisch die Wirtschaftlichkeit und den Betrieb des Hochregallagers der Kooperativen Speicherbibliothek Schweiz. Milena Pfafferott gelingt es in ihrem folgenden Beitrag zum Brandschutz, das sehr komplexe und in der Regel bei Planenden wenig beliebte Thema Brandschutz mit einem konzisen Blick für das Wesentliche auch für Laiinnen und Laien verständlich zu machen. Genauso kenntnisreich erörtert Christine Sauer die Fragen der Klimaregulierung für empfindliche Bestände. Insbesondere aufgrund der im Rahmen der Revision der DIN ISO 11799 entstandenen Verunsicherungen ist hier weitere Klärung notwendig, die die DIN 67700 nicht bietet. Die Autorin beschreibt die Kriterien zur Erarbeitung eines individuell abgestimmten Klimakonzepts sehr gut anhand der Sanierung des Luitpoldhauses in Nürnberg.

Der abschließende fünfte Teil des Handbuches widmet sich dem Management von Bauprojekten und Gebäuden („Management im Kontext von Bauprojekten“). Martin Lee leitet seine sehr praxisorientierten und hilfreichen Checklisten zur Umzugsplanung von Bibliotheken mit einer generellen Ablaufbeschreibung ein. Etwas merkwürdig wirkt hingegen Ilona Muniques sehr defizitorientierte Beschreibung des mit einem Bauprojekt verbundenen Change Managements als Wider-Widerstand. Angesichts der oben hervorgehobenen Abkehr vom eher abgehobenen Expertenansatz stellt sich insbesondere die Frage, ob und in welcher Form Widerstände auftreten und inwiefern sie nicht eher als konstruktiv zu verstehen sind. Die folgenden Beiträge zum Betriebs- und Gebäudemanagement fassen zwar die wesentlichen Themen zusammen, wirken aber im vorliegenden Handbuch zu knapp und aus betriebspraktischer Sicht eher kursorisch. Hier stellt sich die Frage, ob den offensichtlich sehr kenntnisreichen Autorinnen und Autoren für das Thema nicht mehr Raum hätte gegeben werden müssen. Julia Weiß stellt ihre Überlegungen zur Aufenthaltsmessung in Bibliotheken einerseits in den breiteren Kontext der Diskussion um die sozialen Faktoren des Bibliotheksraums, andererseits verbindet sie sie mit der Leistungsmessung von Bibliotheken. Trotz der etwas merkwürdigen formalen Gestaltung sind die von ihr daraus abgeleiteten Indikatoren für die Aufenthaltsmessung schlüssig und geben die wesentlichen Möglichkeiten der Nutzungsevaluierung sehr gut wieder. Dass die Architektur ein wesentlicher Faktor der Identitätsbildung und Öffentlichkeitsarbeit von Bibliotheken sein kann, wird von Dirk Wissen abschließend anhand gut gewählter Beispiele beschrieben. Auch wenn das Thema für ein Handbuch eher ungewöhnlich ist, schließt dieser Beitrag sehr gelungen den Bogen zu den typologischen Beiträgen im ersten Teil. Die folgende deutschsprachige Übersetzung des sehr hilfreichen Fragenkatalogs der IFLA Library Buildings and Equipment Section zur Evaluation von Bibliotheksgebäuden hätte dann auch eher in den Anhang gepasst.

Wollte man das Praxishandbuch nach rein formalen Kriterien als Handbuch rezensieren, dann müsste man feststellen, dass es aus mehreren Gründen seinem Anspruch nicht gerecht wird. Zum einen erscheint die Systematik zwar auf den ersten Blick klar, die Zuordnung der einzelnen Beiträge ist aber nicht immer logisch und wirkt inkonsistent. Zum anderen leidet das Handbuch daran, das Themengebiet Bibliotheksbau einerseits zu überdehnen und deshalb den einzelnen Themen wiederum zu wenig Raum zu geben. Eine Beschränkung oder Aufteilung in Teilbände, etwa zu Konzeption und Planung oder zu Einrichtung und Technik wäre sinnvoller gewesen. So erscheinen die Auswahl und die Zusammenstellung der Einzelbeiträge bei aller gegebenen Qualität als eher willkürlich. Es würde aber der Leistung der Herausgebenden nicht gerecht, dies als einzigen Maßstab anzulegen. Denn trotz der sichtbaren Lücken und der nicht ganz logischen Auswahl ist es ihnen gelungen, praxisorientierte Beiträge zum Bibliotheksbau zusammenzubringen, die in den meisten Fällen aktuell und qualitativ sehr gut sind. Unterhaltsträger, Planende sowie natürlich Bibliothekarinnen und Bibliothekare finden hier zu vielen Themen schnell konzise Einstiege mit einer verlässlichen Informationsbasis. Einige Beiträge gehen mit ganz grundsätzlichen Überlegungen oder mit einer gewissen Vollständigkeit aber auch weit darüber hinaus.

Olaf Eigenbrodt, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2017H3S149-152