Zu Artikeldetails zurückkehren Die IFLA in Polen zu Gast: aktuelle Diskussionen um Informationszugang und Informationsgerechtigkeit auf dem 83. Weltkongress in Wrocław
Die IFLA in Polen zu Gast

Die IFLA in Polen zu Gast: aktuelle Diskussionen um Informationszugang und Informationsgerechtigkeit auf dem 83. Weltkongress in Wrocław

Kathrin Schwärzel, UB der LMU München (Mitglied der VDB-Rechtskommission)1

Zu ihrem 83. Weltkongress lud die International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) in diesem Jahr nach Wrocław in die polnische Woiwodschaft Niederschlesien ein. Ließ das straffe und vielfältige Tagungsprogramm mit regulärem Veranstaltungsbeginn um 8 Uhr in der Früh bisweilen nur wenig Gelegenheit, die Schönheit dieser rund 600.000-Einwohner-Metropole an der Oder zu entdecken, entschädigte – neben den Veranstaltungen – der architektonisch beeindruckende Tagungsort in der letztjährigen Kulturhauptstadt Europas, die Jahrhunderthalle (Hala Stulecia), für so manche Entbehrung. In ruhiger Umgebung gelegen und seit 2006 als Weltkulturerbe der UNESCO anerkannt, bot sie vom 19. bis zum 25. August 2017 Tausenden von Informationsspezialistinnen und -spezialisten aus der ganzen Welt einen Rahmen, um unter dem diesjährigen Motto „Libraries. Solidarity. Society“ die aktuellen Herausforderungen des Bibliotheks- und Informationswesens aus unterschiedlichsten Perspektiven zu diskutieren.

Abb.1 Hala Stulecia in Wrocław

Abb.2 Hala Stulecia in Wrocław

Fragen des Informationszugangs und der Informationsgerechtigkeit erwiesen sich dabei ein weiteres Mal als derart grundlegend und zeitlos, dass sie auch in diesem Jahr wieder in zahlreichen Veranstaltungen beleuchtet wurden. Ihre Vielgestaltigkeit im Kontext der Tätigkeit von Parlamentsbibliotheken und -verwaltungen wurde in der Veranstaltung „Parliament and the People: Transparency, Openness, Engagement – Library and Research Services for Parliaments“ illustriert. Die Vortragenden von drei Kontinenten schlugen einen Bogen von der Öffentlichkeitsarbeit über Informationsfreiheitsrechte hin zur technischen Umsetzung für die Informationsvermittlung an die Öffentlichkeit. Die Session „How to Find It? International Legal Institutions Informing the Public – Government Information and Official Publications” am Folgetag schloss inhaltlich daran an und vermittelte einen Eindruck davon, wie europäische und internationale Einrichtungen – unter ihnen der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und die Internationale Arbeitsorganisation – freien Zugang zu Rechtsinformationen gewähren.

Auf der viel beachteten Open Session „Information Inequality“ des IFLA Freedom of Access to Information and Freedom of Expression (FAIFE) Advisory Committee wurden Fragen des Informationszugangs und der Informationsgerechtigkeit im breiteren Kontext des Internetzeitalters diskutiert. Martyn Wade, Vorsitzender des FAIFE Committee, erinnerte in seiner Einführung an die vor zwanzig Jahren gehegte Hoffnung, die digitale Spaltung würde mit einer Verbreitung des Internets und besseren Zugangsmöglichkeiten zu online verfügbaren Informationen überwunden. Doch obwohl heutzutage Milliarden von Menschen weltweit Zugang zum Internet hätten, blieben Informationen, wie die drei folgenden Beiträge beispielhaft zeigen sollten, aus vielerlei Gründen – wirtschaftlichen, technischen, sprachlichen, intellektuellen, rechtlichen oder politischen – unzugänglich. Der Auftaktvortrag führte die Zuhörerinnen und Zuhörer – nur auf den ersten Blick verblüffend – in die USA.

In ihrem Vortrag „Information Poverty: Case Studies from Chicago and How Libraries Can Help” warf Barbara M. Jones, Bibliothekarin und Direktorin des Office for Intellectual Freedom der American Library Association (ALA), einen Blick auf die Informationsarmut in sozial benachteiligten Vierteln Chicagos. In ihre gemeinsam mit CM Winters-Palacio, Bibliothekarin und Assistant Professor am Malcolm X College, geführte Untersuchung wurde dem Fachpublikum bereits auf der diesjährigen Konferenz der ALA unter dem Titel „Information Poverty, Information Deserts, Information Castes: What Can Libraries Do?“ Einblick gewährt. Darin analysieren die beiden „librarian-activist authors“, wie sie sich selbst nennen, aus einer ressourcenorientierten Perspektive anhand von Fallbeispielen, in welchem Ausmaß u. a. die Schließung von (Schul-)Bibliotheken die persönliche und berufliche Entwicklung der überwiegend schwarzen, einkommensschwachen Bevölkerung ohne eigenen Internetzugang und Zugang zu qualifizierten Informationen im Süden und Westen der amerikanischen Großstadt beeinflusst und welche Handlungsspielräume Bibliotheken bleiben, um den Teufelskreis der Informationsarmut und sozialen Ausgrenzung zu durchbrechen. Ihre Ergebnisse sollen Entscheidungsträgerinnen und -trägern in Politik und Verwaltung gleichermaßen wie Bibliothekarinnen und Bibliothekaren aufzeigen, warum finanzieller Aufwand für die Unterhaltung von Bibliotheken lohnt und, wie Barbara Jones es zugespitzt formulierte, „that libraries are better solutions than prisons“.

Laurie Bridges, Bibliothekarin und Associate Professor an der Oregon State University, lenkte in ihrem Vortrag „Language Minorities = 404 Language not found“2 die Aufmerksamkeit des Publikums auf den Aspekt der Sprachenvielfalt im Internet und ging der Frage nach, ob das Internet die Sprachendiversität fördere oder vielmehr einschränke. Sie verwies auf folgende Beobachtung: Während 25 Prozent der Internetnutzerinnen und -nutzer englischsprachig und 20 Prozent chinesischsprachig sind, werden lediglich 2 Prozent der Webseiten in chinesischer Sprache, 51 Prozent hingegen in englischer Sprache angeboten. Übrige Sprachen wie Russisch, Japanisch, Deutsch und weitere europäische Sprachen würden ebenfalls nur auf einem kleinen Bruchteil der Webseiten repräsentiert. Dass Englisch die dominante Sprache im Internet sei, stünde außer Zweifel. Der Anteil anderssprachiger Webseiten an der Gesamtzahl wachse jedoch: von 15 Prozent 1998 auf 49 Prozent 2017. Uneinheitlicher würden einzelne Untersuchungen beantworten, wie viele (lebende oder tote) Sprachen im Internet zu finden seien: Die Angaben schwankten zwischen 300 und 1.500 online repräsentierten Sprachen. Bis zum Beginn der 2000er Jahre wurden URLs ohnehin nur in lateinischer Schrift geführt. Anhand von Max aus den USA und Catriona aus Schottland, beide englische Muttersprachler und zugleich mit einer Minderheitensprache vertraut, illustrierte Bridges anschließend, welche Möglichkeiten das Internet für die Wiederbelebung, Pflege und Vermittlung exotischer Sprachen – im Falle von Max der Sprache des gleichnamigen, nordamerikanischen Indianerstammes Oneida und im Falle von Catriona des Schottisch-Gälischen – eröffnet. Sowohl Max als auch Catriona nutzen regelmäßig soziale Medien und mobile Anwendungen, um in ihren seltenen Zweitsprachen zu kommunizieren. Catriona, Bibliothekarin in Glasgow, schreibe sogar gelegentlich für ihre Bibliothek Texte und Kurznachrichten auf Facebook oder Twitter in gälischer Sprache. Bridges nahm sie zum Vorbild: Gerade Bibliothekarinnen und Bibliothekare sollten die Sprachendiversität und den Informationszugang für Sprachminderheiten im Internet fördern – durch vielsprachige Angebote in den sozialen Medien, mobile Anwendungen oder in bibliothekarischen Publikationsdienstleistungen. Mit mehrsprachigen Abstracts im eigenen, institutionellen Open-Access-Repositorium sei ein erster Anfang gemacht.

Olga Kyryliuk, Juristin mit Schwerpunkt im internationalen Recht und Mitbegründerin der ukrainischen Nichtregierungsorganisation Digital Defenders Partners, analysierte zum Abschluss der Veranstaltung in ihrem Vortrag „The Price of Freedom of Expression in Eastern Europe: Access Denied or Eagle-Eyed?“ unter Bezugnahme auf den aktuellen Report zur Freiheit im Internet „Freedom on the Net 2016“3 der internationalen Nichtregierungsorganisation Freedom House, welchen Einschränkungen die Meinungsäußerungs-, Informations- und Pressefreiheit insbesondere in den Staaten Weißrussland, Russland und Ukraine unterliegt und welche Restriktionsmaßnahmen staatlicherseits unternommen werden, um die Internetaktivitäten der Bürger und Bürgerinnen zu kontrollieren oder zu unterbinden. Dem Bericht zufolge verschlechtert sich, weltweit betrachtet, die Situation seit sechs Jahren in Folge: Gut zwei Drittel aller Internetnutzerinnen und Internetnutzer leben demzufolge in Staaten, die Zensur im Internet üben. Insbesondere Aktivitäten in den sozialen Medien würden verfolgt und hätten in den vergangenen Jahren in 38 Ländern u. a. aus politischen, sozialen oder religiösen Gründen zu Festnahmen geführt.

Die anschließende Diskussion wurde kenntnisreich und souverän von Martyn Wade moderiert, dem zwei Tage später für seine Verdienste um das internationale Bibliothekswesen, insbesondere den freien Zugang zu Informationen, auf der Abschlussveranstaltung des diesjährigen IFLA-Weltkongresses die IFLA-Medaille verliehen wurde. Das Publikum wie die Vortragenden betonten gleichermaßen die Bedeutung und Verantwortung des bibliothekarischen Berufsstandes für die Verbesserung des Informationszugangs und die Gewährleistung von Informationsgerechtigkeit unter den verschiedenen politischen und sozialen Bedingungen. Es war Barbara Jones, die zum Abschluss der Veranstaltung ihren Appell an die Zuhörerinnen und Zuhörer sowie an das Podium richtete: „Librarians need to quit being shy. Go out there and speak out more as a profession!“

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2017H3S127-130


1 Die Verfasserin dankt der BID-Kommission Bibliothek & Information international herzlich für die großzügige Förderung ihrer Teilnahme als Mitglied des IFLA Copyright and other Legal Matters (CLM) Advisory Committee am 83. IFLA-Weltkongress.

2 Die Folien zum Vortrag, zuletzt geprüft am 04.09.2017, können unter https://docs.google.com/presentation/d/1LxfQdvOQMTTVxZjFvbz_hssCkEk6tO-29KiU-hsOh9E/edit#slide=id.gcb9a0b074_1_0 abgerufen werden.

3 Der Bericht, zuletzt geprüft am 31.08.2017, kann unter https://freedomhouse.org/report/freedom-net/freedom-net-2016 abgerufen werden.