Zu Artikeldetails zurückkehren „Schreibberatung an Hochschulen – auch eine Aufgabe für Hochschulbibliotheken?“ – Bericht über eine Fortbildungsveranstaltung des VDB-Regionalverbandes Südwest an der UB Mannheim
TGB_Hinrichs

„Schreibberatung an Hochschulen – auch eine Aufgabe für Hochschulbibliotheken?“

Bericht über eine Fortbildungsveranstaltung des VDB-Regionalverbandes Südwest an der UB Mannheim

Maria Gramlich, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart (VDB-Regionalverband Südwest)
Imma Hinrichs, Universitätsbibliothek Stuttgart (VDB-Regionalverband Südwest)

Unter dem Titel „Schreibberatung an Hochschulen – auch eine Aufgabe für Hochschulbibliotheken?“ hatte der VDB-Regionalverband Südwest zu einer Fortbildung am 26. April 2017 eingeladen. Gastgeberin war die Universitätsbibliothek Mannheim, die selbst Schreibberatung anbietet. Fast 30 Interessierte waren der Einladung gefolgt. In ihrer Begrüßung wies die stellvertretende Direktorin der UB Mannheim, Dr. Annette Klein, gleich auf einen „Knackpunkt“ der Schreibberatung an Hochschulen hin: die unterschiedliche Akzeptanz, die Schreibberatung bei Hochschullehrer/inne/n erfährt, von „Studierende können das allein“ bis zu der Sicht, dass Schreiberatung für jedes Curriculum wichtig sei. An der Universität Mannheim überwiegt die zweite Position, daher wurde der UB die Aufgabe übertragen, Schreibberatung anzubieten. Der Vorsitzende des Regionalverbandes, Dr. Robert Scheuble, führte in das Thema ein und moderierte die Veranstaltung. Motivation für die Veranstaltung war die Beobachtung, dass sich an den Hochschulen immer mehr Schreibberatungen formieren und dass der Bedarf steigt. Hochschulbibliotheken stellen nicht nur wissenschaftliche Informationen bereit, sondern beraten bei Recherche und Literaturverwaltung. An Hochschulen, die noch keine institutionalisierte Schreibberatung haben, könnte die Beratung zum Schreibprozess, der eng mit Recherche und Literaturverwaltung verzahnt ist, eine sinnvolle Ergänzung zu den Dienstleistungen der Bibliothek sein. Um einen Einblick in die theoretischen Grundlagen von Schreibberatung und einen Überblick über die derzeit institutionell verankerten Formen von Schreibberatung an Hochschulen zu geben, wurde die Veranstaltung in Mannheim konzipiert. Sie sollte aber auch einen Meinungs- und Erfahrungsaustausch ermöglichen.

Im ersten Teil der Veranstaltung führte Dr. Gerd Bräuer, der das Schreibzentrum der Pädagogischen Hochschule Freiburg leitet, unter dem Thema „Peer tutoring – Peer-Lernen: Das amerikanische Konzept der nicht-direktiven Schreibberatung auf dem Weg nach Europa“ in das weite Feld ein, was Schreibberatung ausmacht und wie sie durchgeführt werden kann.

Schreibberatung gehört überall dahin, wo mit Texten gearbeitet wird. In den USA hat man Schreiben als Mittel und Medium des Lernens schon lange erkannt. Mit der „zweiten Alphabetisierung“ der zurückkehrenden Soldaten Ende der 40er Jahre, über „fix-it-shops“ der 50er und 60er Jahre, über die Gründung der ersten Schreibzentren in den 70er Jahren und durch die daraus resultierende Schreibforschung sind das Wissen und das Bewusstsein gewachsen, dass Schreiben nicht nur einmal zu Beginn der Schullaufbahn, sondern ständig weiter gelernt werden muss. Die Wichtigkeit von Schreibforschung, -lehre und -beratung in den USA spiegelt die „International Writing Centers Association“ (IWCA) mit ihren über 600 Mitgliedern wider. Die „European Writing Centers Association“ (EWCA) hat dagegen nur ca. 150 Mitglieder. Blickt man auf Deutschland, so konnte Gerd Bräuer hier ca. 80 Schreibzentren, davon 15 in Baden-Württemberg, ausmachen. Die ersten Ansätze, Schreibberatungen zu gründen, gab es in Deutschland erst in den 90er Jahren. Beratung rund ums Schreiben wird an deutschen Hochschulen von Studierenden in Schreibzentren, von Mitarbeiter/inne/n zentraler Einrichtungen, von Freiberuflern oder auch von Externen an diversen Treffpunkten geleistet. Ein steigender Bedarf an Institutionalisierung ist vorhanden. Aber noch immer herrscht oftmals die Meinung vor, dass spätestens mit dem Schulabschluss auch das Erlernen des Schreibens abgeschlossen sei. In schreibenden Berufen wie dem Journalismus weiß man das besser, dort wird das Thema ab dem ersten Schreibauftrag wieder aktuell. Mit dem Qualitätspakt Lehre 2011, erneuert 2017, und der Förderung durch den Bund bahnt sich zwar eine Veränderung an, jedoch mangelt es oft noch an Interesse, Rückendeckung und Finanzierung an den Hochschulen.

Anschließend beleuchtete Gerd Bräuer einige der Prinzipien der „nicht-direktiven Schreibberatung“, deren wichtigstes die Hilfe zur Selbsthilfe ist. Die Berater und Beraterinnen sollen nicht anweisen oder gar am Text mitschreiben, sondern als interessierte Leser und Leserinnen die Schreibenden dort abholen, wo sie sich gerade befinden, und in einem festgelegten Rahmen ein Stück weiter begleiten. Die Beratenden müssen keine Fachkräfte für Schreiben sein, sie sollten aber selbst eine Ausbildung zur Schreibberatung absolvieren, um eine gute Ausgangsposition zu haben und auch linguistisches und anderes Fachmaterial nach Bedarf heranziehen zu können.

In Hinsicht auf die Schreibberatung an Hochschulen ging Gerd Bräuer darauf ein, dass an Hochschulen oftmals erst noch die Textarbeit sichtbar und die Textsortenvielfalt bewusst gemacht werden muss. Auch die Feedbackkultur müsse noch ausgeprägter und ein prozessorientiertes Aufgabendesign in der Hochschuldidaktik etabliert werden. Eine bessere Lernkultur hängt unmittelbar mit einer etablierten Schreibkultur zusammen, nach dem Motto: Geschrieben wird immer und überall. Bündnispartner für eine bessere Lehre des Schreibens können Schreibzentren, die Hochschuldidaktik, Sprachenzentren, Studienberatung, Career Center und auch die Hochschulbibliotheken sein.

Nach dem einführenden Vortrag von Gerd Bräuer folgten am Nachmittag vier Berichte aus der Praxis über unterschiedliche Konzeptionen der Schreibberatung.

Zu Beginn berichtete Jessica Kaiser über die Schreibberatung an der Universitätsbibliothek Mannheim. Die Schreibberatung entstand hier im Zusammenhang mit der Einrichtung eines neuen Learning-Centers und wird von drei Kolleginnen und Kollegen aus dem Stammpersonal des höheren Dienstes direkt im Learning-Center durchgeführt. Die Beratung findet in Form von offenen Sprechstunden für die Studierenden statt. Auch Terminvereinbarungen sind möglich, sollen jedoch keine Hemmschwelle darstellen. Darüber hinaus werden regelmäßig Kurzvorträge zu Themen rund um das akademische Schreiben angeboten. Themen für die Beratung sind Literaturrecherche, das Finden der richtigen Fragestellung, Gliederung und Struktur, wissenschaftlicher Schreibstil und Verständnis des Schreibprozesses. Beraten wird grundsätzlich immer zu einer konkreten Schreibaufgabe. Es wird Wert darauf gelegt, dass diese Beratung keinen Korrekturservice, kein Feedback zu wesentlichen Teilen der Arbeit (Textfeedback von maximal sieben Seiten) und keine psychologische Betreuung bietet.

Die Schreibberatung wird gut angenommen, ist aber kein „Massengeschäft“. Die Veranstaltungen zu Schreibthemen stoßen darüber hinaus auf großes Interesse. Die Studierenden, die die Beratung in Anspruch nehmen, sind in erster Linie für die Fächer BWL sowie Geistes- und Sozialwissenschaften eingeschrieben. Dabei handelt es sich in mindestens 50% der Fälle um englischsprachige Arbeiten.

In Mannheim ist die Schreibberatung offiziell Aufgabe der Universitätsbibliothek, die ohnehin als Anlaufstelle für Beratungen hinsichtlich der Literaturrecherche und -verwaltung dient. Für die Studierenden handelt es sich bei der Bachelorarbeit oftmals um ihre erste wissenschaftliche Arbeit. Das wissenschaftliche Schreiben muss erlernt werden – genau dafür ist aber in Tutorien und anderen Veranstaltungen keine Zeit vorhanden. Daher bietet die Universitätsbibliothek mit der Schreibberatung diesen Service an, der die Lehrenden entlastet.

In einem zweiten Vortrag thematisierte Gerd Bräuer die studentische Schreibberatung (Peer-to-Peer-Beratung) sowie die Ausbildung zu Schreibberatenden an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.1

In der PH Freiburg findet die Schreibberatung im Schreibzentrum in der Nähe der Mensa statt. Dort befindet sich ein eigens für die Beratung vorgesehener Raum, in dem eine gewisse Intimität möglich ist, die für die Beratung einen wichtigen Aspekt darstellt. Die Beratung selbst findet teilweise an einem großen runden Tisch statt, teilweise werden Gedanken an Whiteboards gemeinsam entwickelt. Dieser Positionswechsel stellt einen wesentlichen Faktor während der Beratung dar.

Die Ausbildung kann als Teil der Deutsch-Ausbildung absolviert werden, wobei der Erwerb eines Zertifikats möglich ist. Aber auch einzelne Bausteine der Ausbildung lassen sich als Leistungen im Fach Deutsch anrechnen. Die Ausbildung für Externe findet im Rahmen eines kostenpflichtigen Fernstudiums statt und beinhaltet Einblicke in die Schreibprozess- und Lernstilforschung. Weitere Themen sind das Schreiben in Fremd- und Zweitsprachen, die Vermittlung pädagogischer und didaktischer Grundlagen sowie Rollenspiele für eine mögliche Beratung. Schließlich wird ein Beraterpraktikum absolviert, das zehn Beratungen umfasst, die protokolliert und ausgewertet werden. Die Dauer einer solchen Ausbildung kann sehr unterschiedlich sein. In der Regel dauert sie mindestens ein Jahr.

Anna-Maria Wenzel-Elben, erfolgreiche Absolventin der von Gerd Bräuer angebotenen Ausbildung zur Schreibberaterin, ist zusammen mit Susanne Klug am Sprachenzentrum der Universität Stuttgart für die Schreibberatung zuständig. Themen der Beratung sind das Organisieren und Strukturieren, das Formulieren und die Texterstellung sowie die Literaturrecherche und -verwaltung. Die beiden letztgenannten Bereiche werden dabei von der UB Stuttgart übernommen. Neben der individuellen Beratung werden auch Seminare und Workshops angeboten. Dieses Angebot kann auf das wissenschaftliche Schreiben in den einzelnen Studienfächern ausgerichtet sein, in Form von Minikursen, Onlinekursen (z.B. Fit in 15 Minuten) oder Peer-Workshops stattfinden. Die Stuttgarter Schreibberatung hat sich Folgendes als Motto gesetzt: individuell planen, unbeschwert schreiben, logisch strukturieren, wissenschaftlich formulieren, effizient überarbeiten. Das grundsätzliche Ziel dabei ist, das Unwohlsein beim Schreiben zu verbessern.

Die Beratung findet auf unterschiedlichen Wegen statt: Skype, Chat, Telefon, im offenen Lernraum des MINT-Kollegs (MINT-oLe) und persönlich, sowohl in der UB Vaihingen als auch in der UB Stadtmitte. Es werden außerdem Gruppenberatungen und Peer-Feedbacks angeboten. Die Beratung findet – außer im MINT-oLe – in geschlossenen Räumen statt, um die zugesicherte Anonymität der Ratsuchenden zu gewährleisten.

Im März 2017 wurde eine Erhebung über die Schreibberatung durchgeführt. Zu den Bedürfnissen der Studierenden zählt die Stärkung der Bibliothek als Lern- und Schreibort, die Bibliothek als Instanz der Informationskompetenz und die Schaffung und Erhaltung von Beratungsmöglichkeiten. Aber auch die Idee der verstärkten Zusammenarbeit mit den einzelnen Fachgruppen und Fachbereichen resultierte aus den Antworten. Weiterhin soll die Zusammenarbeit der Schreibberatung mit der Bibliothek fortbestehen.

Abschließend berichtete Heike Meyer über die Schreibberatung an der Universität Konstanz. Hier wird ausschließlich eine Peer-to-Peer-Beratung angeboten. Formal gehört die Beratung nicht zur Universitätsbibliothek, sie wird aber in deren Räumlichkeiten durchgeführt. Aufsteller weisen auf das Angebot hin. Die Bibliothek eignet sich als Ort, weil hier auch andere Schulungen und Angebote stattfinden. Außerdem ist sie ein Mittelding zwischen einem geschützten und öffentlichen Raum.

Die Beratung soll auf Augenhöhe stattfinden, damit keine Lehrer-Schüler-Situation entsteht. Die Studierenden können dabei ihre eigene Schreiberfahrung einbringen. Die Beraterinnen und Berater sind als Hilfskräfte mit 20 Stunden im Monat angestellt. Sie beraten für alle Studienabschlüsse außer der Promotion. Einmal pro Woche wird eine offene Sprechstunde angeboten, die allerdings weniger gut frequentiert ist. Feste Termine, die man online buchen kann, werden deutlich besser angenommen. Für die Schreibberaterinnen und -berater werden jedes Semester Ausbildungskurse durchgeführt. Eine wöchentliche Teamsitzung dient dem gegenseitigen Austausch. Auch wenn die Peer-to-Peer-Beratung einen relativ hohen Organisations- und Verwaltungsaufwand mit sich bringt, wird sie in dieser Form sehr gut angenommen.

Für die Diskussion zu den einzelnen Vorträgen war genügend Zeit eingeplant und die Gelegenheit für Rückfragen und vertiefende Antworten wurde rege genutzt. Der UB Mannheim und insbesondere Frau Kaiser sei herzlich gedankt für die hilfreiche Organisation vor Ort. Die Folien zu den Vorträgen der Fortbildung können im Veranstaltungsarchiv des VDB-Regionalverbandes Südwest unter der Fortbildungsveranstaltung am 26. April 2017 eingesehen werden: https://www.vdb-online.org/veranstaltungen/736/.


1 Vgl. die Details zur Ausbildung auf der Webseite der Akademie für Wissenschaftliche Weiterbildung an der PH Freiburg, zuletzt geprüft am 26.06.2017, http://www.akademie.wi-ph.de/schreibberatung.html.