Zu Artikeldetails zurückkehren "Positionsbestimmung Fachreferat und Fachinformationsdienste" - Gemeinsame Veranstaltung der VDB-Kommission für Fachreferatsarbeit und der AG Fachinformationsdienste (AG FID) auf dem 106. Deutschen Bibliothekartag, 31.05.2017, Frankfurt am Main, 16-18 Uhr
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„Positionsbestimmung Fachreferat und Fachinformationsdienste“

Gemeinsame Veranstaltung der VDB-Kommission für Fachreferatsarbeit und der AG Fachinformationsdienste (AG FID) auf dem 106. Deutschen Bibliothekartag, 31.05.2017, Frankfurt am Main, 16-18 Uhr

Kai Steffen, Universitätsbibliothek Greifswald (Mitglied der Kommission für Fachreferatsarbeit)

Vortragende/Hauptdiskutierende:

Jakob Jung, Universitätsbibliothek Frankfurt am Main, FID Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaften

Matthias Kaun, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, FID Asien, CrossAsia

Julia Kreusch, Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung, Frankfurt am Main (DIPF), FID Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung

Tim Schardelmann, Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, FID Politikwissenschaft, GESIS

Johann Schaible, GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Köln, FID Soziologie

Stefan Wulle, Universitätsbibliothek Braunschweig, FID Pharmazie

Im Publikum nahmen auch Vertreter/innen weiterer Fachinformationsdienste teil.

Einführung:

Matthias Harbeck, UB der HU Berlin, VDB-Kommission für Fachreferatsarbeit und AG FID

Moderation:

Eva Elisabeth Kopp, Saarländische Universitäts- und Landesbibliothek Saarbrücken, VDB-Kommission für Fachreferatsarbeit

Rund 100 interessierte Hörerinnen und Hörer kamen zu dieser Podiumsdiskussion in Form einer „Invited Session“ von der VDB-Kommission für Fachreferatsarbeit und der AG Fachinformationsdienste (AG FID) in den Saal „Spektrum 2“ im CongressCenter der Messe Frankfurt am Main.

Im Mittelpunkt der Erörterung stand der Blick auf die künftige Rolle von Fachreferentinnen und Fachreferenten bei der Vermittlung von Angeboten und Modulen der neuen Fachinformationsdienste an ihre Zielgruppen. Es ging sowohl um die konkreten Direktservices der FIDs für die spezialisierte Forschung als auch um Feedbackstrukturen und um grundsätzliche Veränderungen in den Erwerbungsoptionen, die aus dem Übergang vom früheren Sondersammelgebiete-System zu den Fachinformationsdiensten resultieren. Die Veranstaltung ist damit eng auf die berufliche Praxis ausgerichtet worden und bezog sich vor allem auf die operative Ebene in den Bibliotheken. Sie war komplementär zu der von der Bayerischen Staatsbibliothek koordinierten Veranstaltung des Folgetages zu der Zukunft des DFG-Programms der FIDs und den politischen Implikationen der Umstellung in den Fördersystemen.

Je ca. zehnminütige Impulsreferate und Hinweise auf Best-Practice-Beispiele veranschaulichten das Angebot und das Vorgehen der hier eingeladenen sechs FIDs.

Diskutiert wurden im Besonderen:

  • die Kommunikation gegenüber den FID-Zielgruppen und Fachreferaten und die Öffentlichkeitsarbeit der FIDs;
  • Auswirkungen der veränderten Versorgungslage für spezialisierte Literatur auf Fachreferatsarbeit und Leihverkehr;
  • FID-Lizenzen in der Praxis mit persönlicher oder institutioneller Anmeldung, die Berechtigtenkreise und Nachweissysteme;
  • die Sichtbarkeit der FID-Dienstleistungen in der jeweiligen Community;
  • die Einbindung der Wissenschaftler/innen in die Fortentwicklung;
  • die Ermittlung der Bedarfe für spezialisierte Forschungsliteratur;
  • die bisherigen Erfahrungen von Fachreferent/inn/en mit dem FID und ihre künftigen Erwartungen an den FID.

Im ersten Impulsvortrag stellte Jakob Jung den Fachinformationsdienst Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaften vor (im Folgenden auch kurz als FID-AVL), der seit dem 1.1.2016 seine Arbeit aufgenommen hat. Zentrale Säulen des FID sind ein neues Discovery-System auf VuFind-Basis, das als Rechercheplattform dienen soll, Open-Access-Ansätze durch ein Repositorium (CompaRe) sowie ein Hosting-Service für E-Journals und erste überregionale Lizenzen für E-Books des transcript-Verlags. Über einen Blog (avl.digital/wordpress.com) und ein Forscher/innen/verzeichnis sowie die enge Zusammenarbeit mit dem Fachverband DGAVL soll die Vernetzung vorangetrieben werden. Allerdings ist es schwierig, die Community einzubeziehen: Teils gibt es scharfe Abgrenzungen der Einzelphilologien, teils dezidiert einzubeziehende interdisziplinäre und intermediale Gebiete für die vergleichende Forschung.

Als zweites Kurzreferat präsentierte Julia Kreusch Informationen zum FID Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung. An diesem Projekt sind fünf Partnereinrichtungen beteiligt, davon vier ehemalige SSG-Bibliotheken sowie das DIPF. Zentrale Elemente sind das Fachportal Pädagogik, das Open-Access-Repository „peDOCS“ für lizenzfreie Zweit- und Erstpublikationen sowie ein entstehendes Forschungsdatenzentrum für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung. Es konnte aus dem SSG für die FID-Dienste übernommen werden. Das Fachportal basiert auf dem erweiterten Fachinformationssystem FIS-Bildung, sein Suchraum ist ähnlich einem Discoverysystem aufgebaut, das zudem Nachweise für solche ausländische Literatur einschließt, für die in Deutschland bisher keine Bestandsnachweise zu finden sind. Für Titel, die nicht mehr verfügbar sind, kommt eine On-demand-Herstellung in Betracht. „Digitisation on demand“ soll u.a. für die historische Schulbuchforschung angeboten werden. Überregionale Lizenzen wurden auch bereits verhandelt, allerdings werden wegen der großen Zielgruppe Nationallizenzen angestrebt.

Von den Fachreferentinnen und Fachreferenten erhoffen sich die Projektverantwortlichen eine aktive Vermittlung an die Zielgruppen, auch bei Forschungsdatenhaltung und OA-Repositorien des FID. Zur Eruierung von Bedarf wie von Erwartungen wurde eine Direkt-Mailingaktion an 140 Fachreferate gestartet, die einen positiven Rücklauf hatte. Zu beachten ist, dass ggf. künftig mehr Informations- und Beschaffungsnachfragen durch die Wissenschaftler/innen ohne Einbeziehung der Fachreferate vor Ort direkt beim FID eingehen werden – und obwohl die Fachreferentinnen und Fachreferenten für das FID als maßgebliche Multiplikator/inn/en erkannt wurden. Ihr regelmäßiges Feedback wird dringend erbeten.

Zur Vernetzung und Information wurde – gemeinsam mit der VDB-Kommission für Fachreferatsarbeit – eine Fortbildung für Fachreferate der Bildungswissenschaften am 29.06.2017 durchgeführt.

Das FID Soziologie wurde von Johann Schaible vorgestellt. Er betonte, dass beim Wechsel vom SSG-System zu den Anträgen der FIDs das wichtigste Erfordernis eine umfassende Kontaktaufnahme und Kontaktpflege zur Fachcommunity war. Allein die Gesellschaft für Soziologie habe ca. 3.000 Mitglieder. Vor der Antragstellung wurde daher eine Umfrage unter ca. 300 Fachleuten durchgeführt – mit einer Rücklaufquote von fast 88 %. Sie zeigte vor allem drei Wünsche:

  1. eine integrierte Suche für die Recherche mit einem zentralen Sucheinstieg, fachlich eng gehalten und technisch eher ähnlich wie „Google Scholar“;
  2. Hosting für und Beratung zu Open-Access-Publikationen;
  3. ein soziales Netzwerk für die Fachcommunity, evtl. auch experimenteller Art.

Mit SSOAR besteht bereits ein OA-Repository im FID. Gewünscht wird eine OA-Plattform mit Personalisierungsdiensten und Selbstarchivierung, aus der eigene Publikationslisten für CV etc. generiert werden könnten. Ein Claiming-Dienst soll es dabei Autor/inn/en ermöglichen, mit ihrer Veröffentlichung einem OA-Zweitpublikationsort zuzustimmen. Hier kommt eine Kooperation mit „deep green“ zum Tragen, einer Software, die automatisiert anzeigen würde, wo für einen nicht freien Publikationsort auch ein paralleles Dokument mit OA-Lizenz vorliegt. Dieses System soll später zur Nachnutzung freigegeben werden.

Weniger Zuspruch der Community fand hingegen die Idee eines sozialen Netzwerks im FID, da sich viele Sozialwissenschaftler/innen in ResearchGate und LinkedIn auskömmlich bewegen. Das FID bevorzugt daher den Ausbau spezieller Mehrwertdienste; auch ein Literatur-Empfehlungsdienst wird erwogen.

Stefan Wulle vom FID Pharmazie übernahm die vierte Kurzvorstellung. Trotz vieler thematischer Überschneidung mit Nachbardisziplinen (neben Medizin und anderen Lebenswissenschaften z.B. auch mit den Ingenieurwissenschaften) ist diese Community durch Fachgesellschaften wie die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft gut vertreten und über einen Fachbeirat am FID beteiligt.

Der Suchraum wird durch das Recherchemodul PubPharm bedient, dessen Name in einer Analogie zu PubMed anzeigen soll, dass mit diesem Discovery-Service ein kostenfreies Angebot nutzbar ist. Er enthält ca. 45 Millionen Publikationsdatensätze (mehr als Medline). Eingängige Symbole (grüner Hahn für freie Quellen, ein Äskulapstab für die FID-Lizenzen) zeigen dabei die Formen der Zugänglichkeit. Wichtig sind für Anwender/innen hierbei eine standortabhängige, lokale Verfügbarkeitsanzeige sowie die Möglichkeit, auch nach Merkmalen von chemischen Verbindungen und Molekülstrukturen suchen zu können.

Lizenzen werden vom FID Pharmazie möglichst immer auch als Campuslizenzen für die 22 Hochschulen in Deutschland verhandelt, an denen Pharmazie Lehrfach ist.

Als fünfter Referent fasste Matthias Kaun für den FID Asien die neueren Entwicklungen zusammen. Dieser FID vertritt kein einzelnes Fachgebiet, sondern eine heterogene Vielzahl von Fächern, bezogen auf eine große Weltregion. Das SSG und sein Portal CrossAsia weisen bereits eine lange Vorgeschichte mit erfolgreichen Diensten auf. Gegenüber dem ehemaligen SSG wurde der FID noch um den Bereich Südasien durch die UB Heidelberg erweitert sowie durch die Bereiche Wirtschaft und Recht Ost- und Südostasiens.

Eine Besonderheit dieses FID ist zudem die vielgenutzte Belieferung im „blauen“ Leihverkehr (eine Direktbelieferung für die ost-, südost- und zentralasienwissenschaftlichen Fachinstitute der deutschen und europäischen Universitäten sowie wissenschaftlicher Einrichtungen, die auf diesen Kulturraum ausgerichtet sind).

Für die Vernetzung der Community bietet der FID ein CrossAsia-Forum an sowie einen Newsletter. Über Webinare werden die Nutzer/innen mit den Angeboten des FID vertraut gemacht; sie werden bereits stark nachgefragt.

Bei Lizenzen kann der FID auf sein aus SSG-Zeiten bewährtes Modell mit eigenem Rechtemanagement zur persönlichen Anmeldung für die FID-Lizenzen zurückgreifen, in das auch ein Shibboleth-Verfahren integriert wurde. Beim Abschluss für neue Lizenzen werden Text-Data-Mining-Rechte mitverhandelt.

Für die Erwerbung von Serienveröffentlichungen wird ein PDA-Verfahren angeboten. Bedingt durch schwierige Beschaffung und geringe antiquarische Dichte der Veröffentlichungen aus Asien wird eine weitgehend prospektive Erwerbung fortgesetzt. Ältere und vergriffene Werke können durch „digitisation on demand“ verfügbar werden.

Ein Textarchiv für Volltextdaten – auch als Grundlage für das Text-Data-Mining – wird aufgebaut, das die jeweiligen zum Text gehörenden Rechte berücksichtigt und darstellt. Ein enormes Konvolut chinesischer Tageszeitungstexte seit 1945 und Lokalchroniken aus Asien sind beispielsweise hierin enthalten.

Der sechste Kurzvortrag, gehalten von Tim Schardelmann, stellte den FID Politikwissenschaft vor, der nach dem Ende des Hamburger SSG durch die UB Bremen zur Förderung beantragt und aufgebaut wurde. Im Vorfeld des Förderantrags an die DFG wurde der Ist-Zustand der deutschen Literaturversorgung für Politikwissenschaft mittels Workshops, Befragungen und Interviews analysiert. Die DVPW ist als Fachgesellschaft involviert. Geprüft wurde auch die Bestandsverteilung für 200 politikwissenschaftliche Kernzeitschriften in deutschen Einrichtungen.

Hauptziel für die Dienste dieses FID sei die schnelle Verfügbarkeit. Dabei gelte „E-first“ und Print­erwerbung dort, wo nötig. Bei Monographien setzt der FID sehr auf PDA. Bei Zeitschriften wurden auch Pay-per-View-Zugänge geschaffen.

Besonders relevant für das Fach sind Zeitungsarchive. Hier ist ein Lizenzmodell für die Volltextsammlung Factiva geplant. Bei den Lizenzzugängen sind unterschiedliche Authentifizierungsverfahren nötig.

In die Literaturrecherche sollen Nachweise zu Forschungsdaten der GESIS (aus SOWIPORT) einbezogen werden. Wissenschaftler/innen sollen künftig vom FID auf ihre Forschungsfelder „passgenau“ zugeschnittene Neuerscheinungslisten erhalten können, dies teils durch Filterung von Sacherschließungsdaten, teils durch Daten aus der Personalisierung im FID-Portal. Letzteres warf kritische Fragen aus dem Publikum zur Verwendung und zum Hosting der persönlichen Nutzungsdaten auf.

An diese Kurzvorträge schloss sich eine rege Diskussion zur Erörterung der Arbeitsbeziehung von FIDs und Fachreferaten an. Zentrale Fragen richteten sich auf

  • a) den Bedarf von Wissenschaftler/inne/n, die nicht der eng definierten Nutzergruppe für die FID-Lizenzen angehören: Zu welchen Beschaffungswegen können Fachreferent/inn/en raten, wenn die klassische Fernleihe nicht über die Titel verfügt? Die FID-Vertreter/innen meinen, dass die meisten Wissenschaftler/innen den Lizenzrahmen nutzen können. Darüber hinaus lösen Nationallizenzen dieses Problem, erzeugen aber hohe Kosten. Einzelne FIDs bemühen sich um „nicht zu enge“ FID-Lizenzen oder weite Zielgruppendefinitionen, auch Campuslizenzen verbessern den Zugang zu lizenzierten Medien. Beim FID Asien, insbes. beim Themenbereich Ostasien, reichen der kleine Nutzercommunity in Deutschland wohl die persönlichen Registrierungen für die Lizenzen.
  • b) die Nachhaltigkeit und langfristige Sicherung der FIDs und ihrer Angebote: Dies wird von allen FIDs angestrebt, es gibt jedoch noch keine Erkenntnisse zur dauerhaften Sicherung der Angebote. Hier werden sich aus der gerade gestarteten Evaluierung der DFG vielleicht Empfehlungen ableiten lassen.
  • c) das Verhältnis zu den lokalen Fachreferaten.
  • d) Formen der internationalen Kooperation.

Indem sich sechs der aktuell 35 Fachinformationsdienste den Fragen und der Diskussion stellten, zeigt sich als Fazit dieser Veranstaltung, dass der Austausch nicht nur unter den FIDs, sondern auch mit den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren an Nicht-FID-Bibliotheken dringend notwendig ist. Gerade die Fachreferentinnen und Fachreferenten vor Ort sind Multiplikator/inn/en für die Wissenschaftler/innen am Campus. Anschaulich wurden die im Förderprogramm gewollte systemische Heterogenität, perspektivisch aber auch Unsicherheiten auf dem Gebiet der künftigen Forschungsliteraturversorgung.

Die gut besuchte Veranstaltung verdeutlichte, dass das Thema FID in der Notwendigkeit einer ständigen fachlichen Debatte steht, regelmäßig in Fachreferentenfortbildungen eingebunden werden sollte und der Austausch zwischen Akteuren und Rezipient/inn/en auch auf den Bibliothekartagen intensiviert werden könnte.

Zitierfähiger Link (DOI): https://doi.org/10.5282/o-bib/2017H2S113-117