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Personalia

Nachruf auf Dr. Harro Heim (19192016)

Direktor der Universitätsbibliothek Bielefeld 19681984:
Leidenschaft für Bielefeld

Als Gründungsdirektor hat Dr. Harro Heim den Aufbau und die Gründungsjahre der Universitätsbibliothek Bielefeld maßgeblich gestaltet und geformt. Bibliotheksbau bzw. Bibliotheksorganisation, das viel zitierte Bielefelder Modell, Bibliothekstechnologie, Datenverarbeitung in der Bibliothek und der Servicegedanke für die Nutzerinnen und Nutzer standen im Zentrum seiner Zielsetzungen. Seine pragmatische, moderne und unkonventionelle Herangehensweise führten zu Schlagzeilen, die insbesondere das computergestützte Katalog- und Ausleihsystem hervorhoben, mit dem sich Bielefeld einen internationalen Namen machte.

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Harro Heim war sich im Klaren über seine innovative Leistung, die er wie folgt sachlich und klar formulierte: „Das Bielefelder Modell war zur Zeit seiner Entstehung, d.h. 1968, durchaus etwas Besonderes und in der Bundesrepublik – sieht man von Konstanz ab – singulär, wenn auch nicht folgenlos. Die bis dahin übliche Zwei- und Mehrgleisigkeit des Bibliothekswesens an Universitäten wurde durch ein integriertes Bibliothekssystem, durch eine Gesamtbibliothek abgelöst.“1

Für seine modernen Ideen musste Harro Heim Kritik von hochrangigen Kollegen hinnehmen, aber noch heute profitieren Wissenschaftler/innen und Studierende von den grundlegenden Strukturen, die damals unter der Leitung von Harro Heim gelegt wurden. Kurze Wege zwischen den Fakultäten und der baulich zentral auf der Ebene 1 direkt unter den Fakultäten angeordneten Bibliothek, deren Bestand nicht im Magazin steht, sondern im Lesesaal frei zugänglich direkt neben den Arbeitsplätzen untergebracht ist, und die hervorragenden langen Öffnungszeiten bis in die Nacht hinein sowie die Zugänglichkeit der Bibliothek am Samstag und Sonntag: All dies sind heute Selbstverständlichkeiten – damals war es revolutionär! Mit dieser völlig neuen Struktur und der neuartigen Organisation für eine Universitätsbibliothek zeigte Harro Heim, wie mittels baulicher Struktur ökonomisiert und optimiert werden konnte. Wo andere Bibliotheken noch mit dem Zettelkatalog arbeiteten, setzte er gleich von Anfang an auf die Technik. Als die Universität Bielefeld 1969 ihren Lehrbetrieb aufnahm, lag bereits der erste vollständig mittels EDV erzeugte Bibliothekskatalog vor; sowohl die konsequente Einführung der EDV in der Katalogisierung als auch in der Verbuchung waren von Anfang an in Bielefeld Standard. Zu dieser Zeit war das unglaublich innovativ. 1984, im letzten Jahr seiner Leitung, fand der Bibliothekartag an der Universität Bielefeld statt. Es war mein erster Tagungsbesuch überhaupt, aber auch wenn ich noch jung und ohne bibliothekarische Erfahrung war, war ich sicher nicht die einzige, die schwer beeindruckt war von dieser innovativen Bibliothek.

Die neuen Grundideen, die Harro Heim gesetzt und umgesetzt hat, haben alle folgenden Direktoren weitergeführt – und sie sind noch bis heute hochaktuell und haben ihre Gültigkeit behalten, nicht nur in Bielefeld. Die derzeitigen Schwerpunkte der heutigen Bielefelder Bibliothek sind überschrieben mit „Dienstleistung aus Überzeugung“ und „Innovation aus Tradition“. Selbst beim Personalaufbau in der damaligen ADV-Abteilung gab es schon dieselben Probleme wie heute im IT-Umfeld. „Bei der Besetzung der ADV-Abteilung kam erschwerend hinzu, dass geeignete bibliothekarische Kräfte mit spezifischen, dazu möglichst fundierten DV-Kenntnissen nirgendwo zu finden waren. In der Fachausbildung fehlte das Gebiet der ADV damals völlig. (…) Daher war es zu Beginn nur möglich, (…) berufsfremde Anfänger in Programmierung ausbilden zu lassen“.2 30 Jahre später freuen wir uns über gut ausgebildete IT-Kolleginnen und -Kollegen, die die Bereitschaft mitbringen, sich in bibliothekarische Sachverhalte einzuarbeiten.

Auch wenn sich die Rahmenbedingungen des wissenschaftlichen Arbeitens seit 1984 stark verändert haben, gelten die von Harro Heim gesetzten Grundlinien weiterhin. Die Universitätsbibliothek Bielefeld kann für sich in Anspruch nehmen, den Wandel ins digitale Zeitalter immer wieder mit neuen Entwicklungen angestoßen zu haben. Seit ihrem Bestehen gehört die Bibliothek zu den Pionieren elektronischer Informationsdienste.

Harro Heim wurde am 4. April 1919 in Hamm geboren. Nach dem auf ein Studium der Germanistik und Biologie folgenden, in Köln absolvierten Referendariat und Tätigkeiten als stellvertretender Direktor zuerst an der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, dann an der ebenfalls gerade gegründeten Bochumer Universitätsbibliothek war er ab 1968 Gründungsdirektor der Universitätsbibliothek Bielefeld. Am 3. Juli 1996 wurde er zum Ehrenbürger der Universität ernannt. Zum letzten Mal war Harro Heim zum 40jährigen Jubiläum 2009 noch selbst in die Universitätsbibliothek gekommen, um mit uns zu feiern – wo ich ihm einmal persönlich begegnet bin. Seine Leidenschaft für das Bibliothekswesen und für seine Bibliothek war ungebrochen.

Dr. Harro Heim starb am 12. Oktober 2016 im Alter von 97 Jahren in Wien.

Barbara Knorn, Direktorin der Universitätsbibliothek Bielefeld

Zitierfähiger Link (DOI): http://dx.doi.org/10.5282/o-bib/2016H4S347-349

1 Harro Heim, Die Universitätsbibliothek Bielefeld 1968-1984 (München u.a.: Saur, 1984), 11.

2 Harro Heim, Die Universitätsbibliothek Bielefeld 1968–1984 (München u.a.: Saur, 1984), 39.

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