Zu Artikeldetails zurückkehren Rezension zu: Hauke, Petra (Hg.): Praxishandbuch Ausstellungen in Bibliotheken. Berlin/Boston: de Gruyter Saur, 2016.
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Rezensionen

Hauke, Petra:
Praxishandbuch Ausstellungen in Bibliotheken / herausgegeben von Petra Hauke. – Berlin/Boston: De Gruyter Saur, 2016. – XI, 453 Seiten : Illustrationen. – ISBN 978-3-11-047279-0 : EUR 99.95 (auch als E-Book verfügbar)


Dass dieser Band, wie im Vorwort bemerkt, „eine deutliche Lücke in der Fachliteratur zu den Aufgaben und Aktivitäten von Bibliotheken“ füllt und damit ein Desiderat in der bibliothekarischen Fachliteratur darstellt, muss unbedingt bejaht werden. Die durch ein Projektseminar am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU Berlin organisierte und realisierte Publikation lässt in acht Themenkreisen (Planung, Konzeption / Management, Ausstellungstechnik / Kooperationen / Wanderausstellungen / Virtuelle Ausstellungen / Öffentlichkeitsarbeit / Themen / Reflexion) 33 Einzelautorinnen und -autoren oder Autorenpaare zu Wort kommen, die allesamt Berufspraxis und -erfahrung auf dem Gebiet vorweisen können.

Im Gegensatz zu den ohnehin spärlichen Veröffentlichungen, die sich bisher eher am Rande der eigentlichen Thematik bewegen oder von konkreten Ausstellungsprojekten ausgehen, werden hier nicht nur einzelne Aspekte behandelt. Vielmehr wird die gesamte Breite des Themenspektrums betrachtet, das im Zusammenhang mit der Erarbeitung und Durchführung von Ausstellungen in der Bibliothek begegnen kann. Von der Öffentlichkeitsarbeit im weitesten Sinne über die technischen und konservatorischen Rahmenbedingungen, die Entleihung nach außerhalb bis hin zu Rechtsfragen wird den Leserinnen und Lesern praktisch kein Aspekt vorenthalten, der bei der Beschäftigung mit den besonderen Anforderungen an die eigentlich berufsfremde Tätigkeit aufkommen könnte.

Denn Bibliothekarinnen und Bibliothekare sind an sich nicht für das Ausstellungsmachen vorbereitet, sie werden nicht dafür ausgebildet wie Kuratorinnen und Kuratoren in Museen. Vielmehr kommen sie meist zufällig mit dem Bereich in Berührung und können dann nicht etwa rasch ein Praktikum im Museum absolvieren, sondern müssen mehr oder weniger mühevoll durch Erfahrung lernen, dass Ausstellungen machen mehr ist als Bücher in Vitrinen zu legen.

Selbst auf dem Gebiet einigermaßen erfahrene Berufsgenossen (wie die Rezensentin) werden angesichts der Beschreibung einer hochprofessionellen Projektplanung, wie sie gleich im ersten Beitrag des Bandes als Idealbild der Ausstellungsvorbereitung und -durchführung vorgestellt wird, ins Grübeln kommen und sich umgehend vornehmen, die Planungsabläufe in Zukunft zumindest ein wenig an solch ausgefeilte, der Arbeit in Museen entlehnte Modelle anzupassen. Auch wenn in den meisten Häusern Ausstellungsvorbereitungen kaum derart akribisch und auf so hohem Personalniveau betrieben werden dürften, wird die Kernaussage des Beitrags, dass es vor allem anderen auf einen so genau wie möglich einzuhaltenden Zeitplan ankomme, allseits bestätigt werden. Der Praxisorientierung des Buches gemäß wird der Ablauf eines professionellen Projektmanagements noch einmal im Themenkreis Technik/Management anhand einer konkreten Ausstellung erläutert.

Der sozusagen dramaturgische Ansatz, ausstellungsrelevante Themen zwei- oder mehrfach sowohl aus grundlegend theoretischer als auch aus exemplarisch ereignisbezogener Sicht aufzubereiten, zieht sich durch den gesamten Band. So z.B. auch bei dem unerlässlichen Binnenthema der konservatorischen Betreuung und Einrichtung von Ausstellungen, wobei der Überblicksartikel zweier Restauratorinnen die Ausstellungsbegleitung aus Sicht der Bestandserhaltung gleichermaßen für Ausstellungen im eigenen Haus wie auch in externen Häusern behandelt. Vertieft wird die Thematik sodann durch einen speziellen Beitrag zur sich derzeit verbreitenden und durchsetzenden Technik der Buchstützen oder Buchwiegen zur Präsentation geöffneter Bücher in Ausstellungen – eben die professionelle Version des „Bücher-in-Vitrinen-Legens“.

Bücher in Vitrinen zu legen ist an sich eine Absurdität. Dass es vor allem dieser Aspekt ist, der das Ausstellungswesen in Bibliotheken zu einem so komplexen und teils „vertrackten“ Vorgang machen kann, wird sowohl aus konservatorischer wie aus konzeptioneller, kuratorischer Sicht thematisiert: „Für Bibliotheken und Bibliothekare ist das Ausstellen von Büchern im Prinzip fremd, da der Hauptzweck einer Bibliothek herkömmlich das Zur-Verfügung-Stellen von Büchern zum Lesen ist“ (S. 87), sowie: „Wie kaum eine andere Objektkategorie ist das Buch im musealen Schauraum ‚lahmgelegt‘. Es verschließt sich in – fast – jeder Hinsicht der wissen-wollenden Neugier des Museumsbesuchers: Nicht blättern können, nicht lesen … Beinahe alles, was das Buch ausmacht, bleibt außen vor, wenn das Buch in der Vitrine liegt“ (S. 132).

An mehreren Stellen wurde nun die multimediale Präsentation als eine Art Standard für gelungene Ausstellungen in Bibliotheken vorgestellt – also das Begleiten des gleichsam leblos in der Vitrine liegenden, originalen Buches mit (ebenfalls aus dem Bestand der Bibliothek stammenden) historischen Kommentaren, mit vergrößerten Reproduktionen von Ausschnitten in Rahmen oder auf Tafeln sowie mit medialer Begleitung wie z.B. einem blätterbaren Digitalisat. Daraus wird die Kernaussage abgeleitet, dass Buchausstellungen im 21. Jahrhundert sich nicht mehr in „Zimelienkammern (…) für ‚Eingeweihte‘ in abgedunkelten Räumen“ (S. 244) erschöpfen können, sondern dass sie „moderne Präsentationsmöglichkeiten“ benötigen. Nicht zufällig verlautet diese Aussage von der Institution, die Buch und Museum unter dem Dach einer Bibliothek vereint: dem Deutschen Buch- und Schriftmuseum in der Deutschen Nationalbibliothek. Denn eine solche Institution steht mehr als reine Bibliotheken unter dem Zwang, theoretisch zu rechtfertigen, inwiefern es eines Museums für Bücher überhaupt bedürfe – eine Frage, die unmittelbar darauf zielt, den Sinn und Nutzen von Buchausstellungen generell zu verteidigen.

Dieser Hintergrund der ausführlichen Darlegungen zum „musealen Objekt Buch“ führt zu Schlussfolgerungen im Sinne der multidimensionalen und räumlich offen konzipierten Ausstellung als Modell für die Gegenwart und Zukunft. Anhand der Dauerausstellung zur Buch- und Mediengeschichte im Museum werden zahlreiche, zur Nachnutzung geeignete Hinweise für eine zeitgemäße Präsentationen von Objekten und Informationen gegeben.

Eine der zentralen Aufgaben oder vielleicht sogar die zentrale Aufgabe schlechthin im Ausstellungswesen kann jedoch selbst durch die brillanteste Präsentation nicht gelöst werden: „Die Ausstellung steht. Und dann?“ (S. 257) lautet die Überschrift des ersten Beitrags zum Themenkreis Öffentlichkeitsarbeit. Der provokante Duktus ist, wie die Rezensentin aus eigener Erfahrung bestätigen kann, nicht übertrieben. Denn die Intensität der Arbeit, die geleistet werden muss, um die Ausstellung überhaupt fertigzustellen, bedeutet in den meisten Häusern an sich schon eine Überforderung des Personals. Deshalb dürfte ein die Ausstellung über ihre Laufzeit begleitendes Vermittlungsprogramm, wie es der Beitrag propagiert und beschreibt, normalerweise schwer durchzuführen sein. Gerade deswegen ist jedoch die Möglichkeit, das Modell im Fall des Falles zugrundelegen zu können, um so wertvoller.

Insgesamt wird die Öffentlichkeitsarbeit ausführlich behandelt, was ihrer Rolle im Umfeld des Ausstellungsbetriebes angemessen ist. Von einer hochprofessionellen Ausarbeitung des gesamten Ausstellungsprozesses für kooperative Projekte an der Bibliothek einer Technischen Universität führt der thematische Bogen über die optimale Sichtbarmachung von Ausstellungen einer stadthistorischen Bibliothek im kommunalen Kontext bis hin zu einem Leitfaden für Tafelausstellungen auf engem Raum, womit erneut ein breites Spektrum möglicher Anwendungsfälle des Themas beispielhaft abgedeckt ist.

Öffentlichkeitsarbeit respektive Marketing kann effektiver in einer Kooperation zweier oder mehrerer Partner – womit üblicherweise verschiedene Kulturinstitutionen an einem Ort oder auch Partnerinstitutionen im Ausland gemeint sind – durchgeführt werden. Im vorliegenden Band wird dieses Thema in seiner ganzen Bandbreite zwischen Synergien erzeugender Kooperation auf der einen Seite und dem schwierigen Umgang mit der Beherbergung von externen Ausstellern mit politischer oder weltanschaulicher Brisanz auf der anderen Seite abgedeckt.

Abgerundet wird das inhaltsreiche Buch durch die Schilderung mehrerer exemplarischer Ausstellungsprojekte in verschiedenen Bibliothekstypen, wobei als – offenbar gar nicht so seltene – Ausnahmefälle auch Kunstinstallationen beschrieben werden.

Den Begriff „Praxishandbuch“ im Titel trägt der Band zu Recht vor allem wegen seiner Betonung der Praxis. Jedoch handelt es sich eigentlich nicht um ein Handbuch, sondern um eine thematisch geordnete Aufsatzsammlung, die aber gerade aufgrund dieser Ordnung unbedingt zum Nachschlagen taugt. Schon weil alle Beiträge von praktisch ausgewiesenen Expert/inn/en verfasst sind, steht die Zielrichtung konkreter Anwendbarkeit des Beschriebenen jederzeit im Vordergrund. Dies wird durch die Beschränkung auf nur zwei Beiträge zu grundsätzlichen Überlegungen im letzten Themenblock „Reflexion“, von denen einer wiederum von einem konkreten Projekt ausgeht, untermauert. Konrad Umlaufs Grundsatzartikel über das Aufwand-Nutzen-Verhältnis sowie über die Frage, was Ausstellungen in Bibliotheken überhaupt zu bewirken in der Lage sind und ob sie vorrangig Marketing- oder kulturellen Vermittlungszwecken dienen möchten, nimmt sinnvoll die Rolle des Abschlusses am Ende des Bandes ein. Er nimmt viele Fragestellungen der Themenartikel auf und rundet sie theoretisch ab.

Kritisch anzumerken sind abschließend lediglich zwei Aspekte (die aber nicht wesentlich ins Gewicht fallen), ein formaler und ein inhaltlicher: die unter Umständen irreführende Bezeichnung „Handbuch“ – hier hätte man sich eine zum tatsächlichen Aufbau und Charakter des Buches besser zutreffende Bezeichnung einfallen lassen können – sowie einige thematisch-methodische Redundanzen unter den Beiträgen, indem mehrfach Ausstellungen einfach beschrieben werden, ohne dass der exemplarische Charakter deutlich würde.

Ungeachtet dessen bleibt festzuhalten, dass die Sammelpublikation mit Handbuchcharakter insgesamt eine ebenso gelungene wie flüssig und lebendig lesbare Lektüre bietet. Aufgrund der Zusammenstellung zahlreicher beispielhafter Fälle enthält sie eigentlich für jede im bibliothekarischen Ausstellungsgeschäft auftauchende Frage wertvolle Hinweise und Antworten.

Silvia Uhlemann, Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt

Zitierfähiger Link (DOI): http://dx.doi.org/10.5282/o-bib/2016H4S323-326