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„Die Zukunft des Sammelns an wissenschaftlichen Bibliotheken“

26. und 27. April 2016, Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar

1. Fragestellung

Die Debatte um die Zukunftsfähigkeit und das Geschäftsmodell von Bibliotheken wird in letzter Zeit energischer geführt. Steht das Konzept der Bibliotheken, Inhalte zu sammeln und zur Verfügung zu stellen, in Konkurrenz zu Internet und digitalen Angeboten zu Recht auf dem Prüfstand? Die Weimarer Tagung „Die Zukunft des Sammelns an wissenschaftlichen Bibliotheken“ stellte in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek die Frage, wie Bibliotheken in dieser Situation ihren Sammelauftrag definieren und wie sie ihren Medienmix aus analogen und digitalen Medien aufstellen können. Dabei hatten die Tagungsleiter Klaus Kempf (München) und Michael Knoche (Weimar) gemeinsam mit den Referentinnen und Referenten aus Bibliothekswesen, Buch- und Kulturwissenschaft eher eine Problembeschreibung im Sinn als fertige Lösungen. Dass Bibliotheken die Monopolstellung für den Zugang zu Wissen heute nicht mehr zukommt, ist ein Faktum, das die Sammeltätigkeit der Bibliotheken und die Vergabe von Fördermitteln gleichermaßen beeinflusst. Ist die wissenschaftliche Universalbibliothek bisheriger Prägung ein Auslaufmodell? Was würde ihr Verschwinden sowohl für Einzelbibliotheken als auch für das Bibliothekswesen als solches bedeuten? Woher werden künftig valide Fachinformationen für die Wissenschaft stammen und auf welchem Weg werden sie zu Leserinnen und Lesern gelangen? Liegt die Zukunft der Bibliotheken tatsächlich in ihrer radikalen Spezialisierung? Kurzum: Es bedurfte in Weimar einer Reflexion über die Kernkompetenzen von Bibliotheken und ihre künftige Bedeutung für die Wissenschaft.

2. Positionen

Im Eröffnungsvortrag behandelte Bernhard Fabian (Münster) Sammlungen in einem weiten historischen Bogen: ausgehend von den Studioli und Wunderkammern der Renaissance über Bibliotheksgründungen vom 16. bis 18. Jahrhundert, die kulturstaatlichen Sammlungen im Frankreich, England und Deutschland des 19. Jahrhunderts bis hin zu den großen Privatsammlungen im 20. Jahrhundert (z.B. The Huntington, Frick Collection). Sammlungen versteht Fabian in diesem Zusammenhang als anthropologische Phänomene mit inhärenter „zukunftsoffener Latenz“. Sie lieferten für die Gestaltung der Zukunft und das Gewinnen neuer Erkenntnisse einen gewissen Vorrat an Material. Als besonders ergiebig für den weiteren Verlauf der Tagung erwies sich Fabians Dekonstruktion der auf die UNESCO zurückgehenden Begriffe „cultural heritage“ (kulturelles Erbe) als Globalbegriff für überliefertes Kulturgut und „memory institutions“ (Gedächtnisinstitutionen) als Sammelbegriff für Archive, Bibliotheken und Museen. Beide, so Fabians Befund, bestimmten seit Jahrzehnten das kulturpolitische Denken und Handeln in Europa und darüber hinaus, griffen aber zu kurz. Der Begriff „cultural heritage“ suggeriere Authentizität, sei tatsächlich aber a) zu stark von gegenwartsbezogenen, politischen wie ökonomischen Intentionen bestimmt und damit zu weit vom zugrundeliegenden materiellen Sub­strat entfernt, b) lasse er außer Acht, dass Sammlungsbestände häufig eben nicht vermacht, sondern beschafft worden seien. Um der „materiellen Kultur in ihrem Primärzustand“ terminologisch zu ihrem Recht zu verhelfen, schlug Fabian stattdessen die neutrale Bezeichnung „kulturelle Überlieferung“ vor. Unter Rückgriff auf den ursprünglich von Pierre Bourdieu geprägten Begriff des „kulturellen Kapitals“ werde Artefakten heute zudem vielfach ein immaterieller Vermögenswert zugeschrieben. Der auf die Vergangenheit gerichtete Begriff der „memory institution“ könne solche Gesichtspunkte heutiger Sammlungen jedoch nicht hinreichend erfassen. Es sei daher ein umfassenderes Konzept vonnöten. Beispielsweise könne man den Begriff des „Archivs“ in einem weiten Wortsinne durchaus prominenter ins Feld führen. Bibliotheken, so Fabians abschließende Forderung, müssten vor diesem Hintergrund auch zukünftig die umfassende Akkumulation der gedruckten Überlieferung zur Erforschung der eigenen und anderer Kulturen sicherstellen.

Stephan Füssel (Mainz) stellte die Veränderungen der Publikationsformen und ihre Auswirkungen auf den Sammelauftrag wissenschaftlicher Bibliotheken ins Zentrum seiner Ausführungen. Aufgrund der schieren Menge an digitalen Medienwerken sei die Kernfrage, wie bibliothekarische Selektionskriterien auf diese neuen Inhalte anzuwenden sind. Mit Hinweis darauf, dass Bücher und Druckwerke in deutschen Bibliotheken 90% der Medieneinheiten ausmachten, die Marktdurchdringung bei digitalen Publikationen in Europa bei 10% liege und in den USA sogar auf 15,5% zurückgegangen sei, plädierte er für eine etwas gelassenere Diskussion dieser und anderer Fragen. Gedruckte Information stelle einen hohen Wert dar. Dieser Wert habe zum einen mit der Materialität der Kommunikation zu tun, die in und mit Büchern stattfinde. Hier verwies Füssel, wie zuvor schon Fabian, auf den material turn als vitales Paradigma der Kulturwissenschaften in den letzten Jahren, das dem Zusammenspiel von Inhalt und Form besonderes Augenmerk schenke. Zum anderen lieferten nur Bücher Anhaltspunkte bei bestimmten Fragestellungen. So ließen sich ganze Verlagsprogramme des 19. und 20. Jahrhunderts ausschließlich anhand der publizierten Bücher selbst rekonstruieren. Vollständigkeit im jeweiligen Sammelgebiet bleibe daher oberstes Ziel der bibliothekarischen Arbeit. Der Reiz der Hybridbibliothek bestehe darin, die gedruckte Information zu erhalten und mit dem praktikablen Nutzen von elek­tronischer Information in eine gelebte Symbiose zu überführen. Indem er die verschiedenen Formen digitaler Information aufzeigte − Bewegtbilder und Audiodateien, E-Books, Websites, Blogs und Apps oder auch Forschungsdaten −, veranschaulichte Füssel, dass Bibliotheken Informationen ohne die nötigen technischen Voraussetzungen zur Wissensaneignung und Wissensvermittlung künftig nicht mehr in der erforderlichen Qualität zur Verfügung stellen werden können. Lizenzmodelle, die den Zugriff auf Werke zeitlich und örtlich beschränkten, würden dabei zu einem immer größeren Problem. Für die Zukunft gelte es, die genuine Informationskompetenz der Bibliothek als „Arbeits-Speicher des Wissens“ gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Forschung auszubauen.

Eine Krise des bibliothekarischen Selbstverständnisses konstatierte Klaus Kempf (München). Da bei Lizenzfragen kein einheitliches Konzept der Bibliotheken auszumachen sei, stünden der Besitz von Informationen und der Zugang zu diesen Informationen in einem immer größeren Spannungsverhältnis zueinander (ownership vs. access). Hinzu käme, dass Hybridbibliotheken nicht nur konventionelle und digitale Medien unter einem Dach vereinten, sondern ihren Service darüber hinaus an individualisierenden Nutzerbedürfnissen ausrichteten (Patron-driven acquisition), also nicht mehr primär medien- oder bestandsorientiert arbeiteten. Damit begäben sie sich in direkte Konkurrenz zu anderen Informationsdienstleistern. Zu den Herausforderungen der Bibliotheken zählten folglich das Finden und Auswählen potentieller Sammlungsbestände, deren Sichtbarkeit und Zugänglichkeit, Vollständigkeit und Nachhaltigkeit. Sammlungsobjekte müssten neu definiert werden, da sie a) immer seltener örtlich gebunden seien, b) bildlastiger würden, wodurch rechtliche Fragen an Bedeutung gewönnen, und sich c) die bisher maßgebliche Unterscheidung zwischen Original und Kopie allmählich auflöse. Diese Entwicklung werde Bibliotheken zu einer radikalen Arbeitsteilung zwingen und mit einer institutionellen Profilschärfung einhergehen. Für die Zukunft prognostizierte Kempf die Herausbildung zweier unterschiedlicher Sammlungstypen. Wenige große Bibliotheken würden als vernetzte „Knotenpunkte“ (Robert Darnton) Sammlungspflege als globales Projekt betreiben. Für diese Ausprägung brachte er den Begriff der „Archivbibliothek“ ins Spiel. „Gebrauchssammlungen“ als zweiter Typ, zu dem der Großteil der wissenschaftlichen Bibliotheken zu rechnen sei, hätten flankierend spezifische lokale Bedürfnisse im Blick. Bei ihnen trete der Bestandsaufbau gegenüber anderen Servicefunktionen in den Hintergrund. Eine langfristige gewinnbringende Perspektive, so auch Kempf, sei die „funktionale Partnerschaft“ zwischen Bibliothek und Wissenschaft.

Aleida Assmann (Konstanz) ordnete das Tagungsthema in einen größeren kulturgeschichtlichen Zusammenhang ein, indem sie die Medienschwellen um die Jahre 1500 und 2015 zueinander in Beziehung setzte. Der Übergang von der Handschrift zum gedruckten Buch habe mit den neuen Möglichkeiten der Vervielfältigung und Verbreitung zur Herstellung von neuer Öffentlichkeit geführt sowie insgesamt zu großer kultureller Dynamik. Das Buch sei in der Folgezeit zu einer Art Reliquie des Geistes aufgerückt. Die Medienschwelle um 1500 sei als Eintritt in die „Bibliosphäre“ zu kennzeichnen, der eine spezifische Metaphysik eingeschrieben sei. Druck und Schrift als Ausdruck des menschlichen Geistes erführen in ihr eine besondere Wertschätzung, Bücher fungierten als dauerhaftes Gesprächsangebot an die Nachwelt. Mit der Bibliosphäre einher gehe der herausgehobene Status von Bibliotheken als Kreativräume, in denen Wissen – besonders im Lesesaal – neu geordnet werde. Aus heutiger Sicht markiere das Buch jedoch auch den „Endpunkt einer sinnlich-haptischen Gestalt von Wissen“, so dass die Medienschwelle um das Jahr 2015 als Übergang von der Bibliosphäre in die „Infosphäre“ (Luciano Floridi) zu charakterisieren sei, in der ursprünglich Büchern zukommende Funktionen von neuen Techniken übernommen werden könnten. In der Infosphäre sei der Mensch nicht mehr auf Technologien angewiesen, sondern als ein intelligenter Akteur neben anderen intelligenten Akteuren abhängig von ihnen. Die Konsequenzen für das Medium Buch fielen erheblich aus, aber auch für das Lesen selbst, das sich durch die Migration von Texten auf die Bildschirme digitaler Endgeräte stark wandele. Der Beschleunigung des Informationsflusses in der Infosphäre stehe das Buch wie ein Bremsklotz im Wege. Für die Zukunft der Bibliotheken hielt Assmann fest, dass die Fachkompetenzen der Bibliothekarinnen und Bibliothekare an Bedeutung gewinnen dürften und zwar in der Konfrontation mit a) den explodierenden Datenmengen in der Infosphäre (Kompetenzen: Sortierung, Auswahl) sowie b) der Volatilität der digitalen Welt (Kompetenzen: Aufbau kultureller Nachhaltigkeit, Dokumentation früherer Zustände). Insofern bestehe die Aufgabe darin, die Bibliosphäre als geschützten Bereich innerhalb der Infosphäre zu bewahren.

Beim Gestalten der digitalen Zukunft könne man, so Robert Darnton (Harvard), die Bedeutung der Bibliotheken nicht überschätzen. Nötig sei es aber, die Bibliotheken radikal zu öffnen, da ihre Geschichte bislang zu stark von Exklusivität sowie von sichtbaren wie unsichtbaren Barrieren dominiert worden sei. Der über Jahrhunderte sukzessiv errungene freie Zugang zu Bibliotheken müsse unter Zuhilfenahme digitaler Techniken verstetigt und intensiviert werden. Die Entwicklung der digitalen Zukunft sei allerdings nicht nur determiniert durch Demokratisierung, sondern auch durch Kommerzialisierung, wobei Darnton besonders Googles Ambitionen kritisch einschätzte, ein nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten aufgebautes Monopol für den Zugang zu digitalisiertem Wissen zu errichten. Als Gegenmodell könne die seit 2013 bestehende „Digital Public Library of America“ (DPLA) herangezogen werden – auch, um dort gewonnene Erfahrungen für andere Projekte nutzbar zu machen. Die DPLA, zu der sich auf Initiative der Harvard Library zahlreiche Einrichtungen wie die New York Public Library, HathiTrust oder die Smithsonian Institution zusammengeschlossen hätten, sei getragen von einem demokratischen Selbstverständnis („democratic spirit“) und über 600 ehrenamtlich tätigen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren („Community Reps“), die beitragende Kooperationspartner („Content Hubs“) bei der Digitalisierung von Beständen beraten und unterstützen würden. Informatikerinnen und Informatiker hätten außerdem kostenfrei über 1.000 Vorschläge für die technische Infrastruktur unterbreitet. Die DPLA ermögliche dabei mehr als nur den Zugriff auf Bücher. So ließen sich Inhalte komfortabel im Volltext durchsuchen oder nach Ort und Zeit ordnen. Kuratierte Ausstellungen mit Zusatzmaterialien und Apps ergänzten das Angebot ebenso wie das „DPLA Bookshelf“, das die Zusammenstellung individueller virtueller Bibliotheken ermögliche. Eingeschränkt seien die Möglichkeiten der DPLA noch aufgrund der fehlenden Langzeitfinanzierung sowie durch teils lange Copyrightlaufzeiten. Da das kommerzielle Leben eines Buches hingegen tatsächlich kurz sei, versuche man hier mit der eigens geschaffenen „Authors alliance“ Autorinnen und Autoren mit Leserinnen und Lesern zusammenzubringen. Netzbasierte internationale und freie Kollaboration sei demzufolge der geeignete Weg, die Kompetenzen der Bibliotheken auf die digitale Welt zu transferieren.

Michael Knoche (Weimar) schließlich identifizierte als Alleinstellungsmerkmal von Bibliotheken ihre Verantwortung für die Verfügbarkeit von Veröffentlichungen, seien sie handschriftlich, gedruckt, digital oder auf anderen Trägermedien überliefert. Den Aufbau von Sammlungen begreift er als alternativlos, sofern Bibliotheken mehr sein wollten als „bloße Agenturen im weltweiten Informationsnetz“. Veröffentlichte Texte und Bilder nämlich seien keineswegs immer schon da und ließen sich bei Anfragen auch nur in begrenztem Umfang ad hoc beschaffen. Sie müssten tatsächlich selektiert, finanziert, erschlossen, aufbereitet, archiviert und vermittelt werden. Bibliothekssammlungen sei eine eigene epistemologische Qualität beizumessen, da sie ihre Objekte historisch verorteten und sich auf diese Weise selbst zu analysierbaren, kulturgeschichtlichen Gebilden entwickelten. Am Beispiel der Herzogin Anna Amalia Bibliothek exemplifizierte Knoche das Konzept der „Forschungsbibliothek“. Forschungsbibliotheken genössen besondere Freiheiten bei der Erwerbung, die sie primär nicht an den Benutzerinnen und Benutzern ausrichteten, sondern am eigenen Bestand. Der Bestandsaufbau einer Forschungsbibliothek beruhe dementsprechend a) auf der retrospektiven Verdichtung der Bestände, b) auf der Fortführung von Schwerpunkten und Traditionen im Bestand unter Gesichtspunkten der Gegenwart sowie c) auf der Beschaffung von aktueller Forschungsliteratur zum Kernbestand. Ziel der Profilbildung in Weimar sei gewesen, die besonders dichten Bestände aus der Zeit von 1750 bis 1850 zu einem Schwerpunkt auszubauen. Gemeinsam mit den Forschungsbibliotheken in Wolfenbüttel (Schwerpunkt: Frühe Neuzeit) und Marbach (Schwerpunkt: spätes 19. und 20. Jahrhundert) gewinne man so ein „tiefenscharfes Gesamtbild der deutschen Literatur in ihren Funktionszusammenhängen“. In diesem Sinne bewusst angelegte und auch gegeneinander profilierte Bibliotheken seien zweifelsohne dazu in der Lage, ihren Stellenwert weiterhin zu behaupten.

3. Fazit und Ausblick

Alle Vorträge und Diskussionen der Tagung zeigten auf, dass mit dem zunehmenden Loslösen der Information vom materiellen Träger eine tiefe Verunsicherung des Selbstverständnisses der Bibliotheken einhergegangen ist. So fiel es am Ende der Tagung auch nicht leicht, sich noch einmal terminologisch darüber zu verständigen, womit Bibliotheken es in ihren Sammlungen derzeitig zu tun haben. Während Thomas Bürger (Dresden), Klaus Ceynowa (München), Petra Hätscher (Konstanz) und Irmgard Siebert (Düsseldorf) in der Abschlussdiskussion eine angenommene Dichotomie zwischen gedrucktem Buch und digitaler Information rasch als irreführend erkannt hatten, blieb der als übergreifende Alternative diskutierte Begriff des „content“ doch unterbestimmt und somit unbefriedigend. Zur Beantwortung der Frage, was aus welchen Gründen im analogen wie im digitalen Bereich als sammlungswürdig qualifiziert werden kann und was nicht, bedarf es künftig also einer weiteren Verständigung. Für diese Aufgabe scheinen Bibliothekarinnen und Bibliothekare besonders prädestiniert, da als ihre spezifischen Kernkompetenzen wiederholt die Selektion und Kontextualisierung von Sammlungsbeständen hervorgehoben wurden. Sind die Bibliotheken den kommenden Herausforderungen also gewachsen? Mit Blick auf die nötige technische Infrastruktur für digitale Bestände würden viele Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer diese Frage vermutlich verneinen. Zu unterschiedlich stellten sich etwa die Verfahren zur Langzeitarchivierung dar, die zudem vielerorts nicht auskömmlich finanziert sind. Nationales Hosting müsse daher, so eine Forderung der Tagung, als gemeinsames Anliegen aller Bibliotheken verstanden und entwickelt werden. Allerdings seien der Bündelung von Kompetenzen durch den deutschen Föderalismus enge Grenzen gesetzt. Hier sind die Bibliotheken aufgefordert, Mechanismen zu entwickeln, die den Transfer von Wissen über Ländergrenzen hinweg und aus großen in kleinere Häuser dauerhaft gewährleisten können.
Mit ihrem Sammlungskonzept ist auch der gesellschaftliche Status von Bibliotheken als bislang maßgebliche Institutionen der kulturellen Überlieferung insgesamt ins Wanken geraten. Die enge Bindung an die Lizenzmodelle der Verlage gerät für die Bibliotheken vor diesem Hintergrund nicht nur zu einem schwer zu kalkulierenden finanziellen Risiko. De facto erschwert sie Nutzerinnen und Nutzern zusehends den Zugang zu Informationen, die Bibliotheken immer seltener selbst besitzen, sondern lediglich verwalten. Es sind aus diesem Grund neue Kooperationen zwischen Bibliotheken, Wissenschaft sowie Autorinnen und Autoren nötig, um zu verhindern, dass Informationen entweder aufgrund beschränkten Zugriffs oder gänzlich ausgefallenen Erwerbs als Forschungsgegenstand gar nicht erst zur Verfügung stehen. So könnten auch die Bibliothekarinnen und Bibliothekare wieder ihrer Rolle als „Gatekeeper der Wissenschaft“ (Michael Knoche) gerecht werden und im besten Fall die verlässliche und stabile Verfügbarkeit von Informationen garantieren. Die Vernetzung arbeitsteilig aufgebauter virtueller Bibliothekssammlungen könnte künftig Schnitte durch einen großen Wissensraum liefern. Dazu aber müssen einheitliche Standards für Erwerbungsarten, Publikationsformate, Lizenzmodelle und die Archivierung geschaffen werden. Die Digital Public Library of America weist bereits in diese Richtung. Bei alledem sollte aber nicht aus dem Blick geraten, dass Bibliotheken an ihren Standorten kulturelle Identität stiften. Da sie immer schon Orte des Entdeckens und der Überraschung waren, gehört es zu ihrem besonderen Reiz, im Regal auch das zu finden, was man nicht gesucht hat. Vielleicht lässt dieser Mehrwert sich für die Benutzung digitaler Bestände erhalten.

Timm Nikolaus Schulze, Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar

Zitierfähiger Link (DOI): http://dx.doi.org/10.5282/o-bib/2016H3S64-69

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