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RVK-Workshop in Halle

Am 2. März 2016 fand auf dem Steintor-Campus der Martin-Luther-Universität Halle der ganztägige Workshop „Umstieg auf RVK – Planung und Erfahrungsaustausch“ statt. Veranstalter waren die Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, der VDB-Regionalverband Sachsen – Sachsen-Anhalt – Thüringen, die VDB-Kommission Fachreferatsarbeit sowie das Netzwerk „Umstieg auf RVK“.1

Die Regensburger Verbundklassifikation (RVK) wird mittlerweile von ca. 170 wissenschaftlichen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum angewendet. Zahlreiche Bibliotheken planen oder erwägen zumindest einen Umstieg auf RVK, sei es im Zusammenhang mit Neubauvorhaben oder mit der Zusammenlegung von Standorten. Bis man von den angestrebten Vorteilen, die ein Umstieg bietet, profitieren kann, sind auf dem Weg dorthin, je nach Ausgangslage, allerdings zunächst zahlreiche Entscheidungen und Vorkehrungen zu treffen sowie vielfältige Probleme zu lösen. Hier setzte der Workshop, ähnlich wie der bereits 2014 in Fulda veranstaltete, an: KollegInnen aus ganz unterschiedlichen Einrichtungen, die einen entsprechenden Umstieg bereits bewältigt haben, berichteten detailliert von ihren Strategien, ihrem Vorgehen, den Erfolgen und auch Misserfolgen mancher Maßnahmen. Im Anschluss an die Vorträge bestand die Gelegenheit, sich in einer ausführlichen und intensiven Diskussion über vielerlei Probleme auszutauschen. Dass ein solches Format sehr sinnvoll ist, zeigte sich schon daran, dass ca. 40 KollegInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz der Einladung nach Halle gefolgt waren.

Nach der Begrüßung durch Silke Berndsen (ULB Halle) und einer Einleitung in das Workshop-Vorhaben durch Kai Steffen (UB Greifswald, Sprecher des Netzwerks „Umstieg auf RVK“) eröffnete Ines Häusler (UB Regensburg, RVK-Redaktion) mit ihrem Beitrag „Die RVK als Verbundklassifikation, das Systematisieren mit Fremddaten“ die Reihe der Vorträge. Sie beleuchtete schlaglichtartig die Geschichte und Struktur der RVK, um dann auf die Präsentation im RVK-Portal2 näher einzugehen (Verbundklassifikation mit vielfältigen Suchmöglichkeiten, RVK-Community, Pflege und Weiterentwicklung der Klassifikation, Wiki, CutterJo). Im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung der Verbundklassifikation berichtete sie über zwei aktuelle Projekte: Kürzlich abgeschlossen werden konnte das Vorhaben, die Registereinträge über GND-Nummern mit der Gemeinsamen Normdatei (GND) zu verknüpfen. Noch in Arbeit ist die Aufbereitung der RVK als Normdatei, deren wichtigstes Merkmal persistente Identifier darstellen, die für die Systemstelle stehen und die technische Grundvoraussetzung für maschinell zu verarbeitende Update-Lieferungen im Rahmen eines Änderungsdienstes bilden.

Über einen RVK-Umstieg an der ULB Halle berichteten Silke Berndsen für die neu eröffnete Zweigbibliothek Steintor-Campus und Martin Scheuplein für die Zweigbibliothek Geowissenschaften.

Die im Oktober 2015 eröffnete Zweigbibliothek Steintor-Campus umfasst ca. 760.000 Medien aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. In ihr ist der Bestand von 15 Fächern aus sieben Teilbibliotheken zusammengelegt worden. Die Entscheidung für eine Umstellung auf RVK wurde erst zwei Jahre vor dem Umzug getroffen, so dass keine Vorarbeiten am Bestand geleistet werden konnten. Seit dem Jahr 2015 werden die Neuzugänge nach RVK systematisiert, wobei auf eine Cutterung verzichtet und stattdessen auf Numerus currens zurückgegriffen wird. Die Teilbibliotheken sind mit ihrer alten Systematik eingezogen und aufgestellt, was natürlich einige Probleme mit sich bringt wie doppelte Signaturen, identische Titel unter verschiedenen Signaturen usw. Zurzeit ist eine halbe Etage mit nach RVK systematisiertem Bestand belegt, diese Fläche wird natürlich stetig wachsen. 15 BibliotheksmitarbeiterInnen und drei (externe) FachreferentInnen sind mit der Umsystematisierung des Freihandbestandes ab 1945 ohne die Zeitschriften (ca. 656.000 Bände) bei laufendem Betrieb beschäftigt, die Vergabe der RVK-Notationen erfolgt intellektuell. Die Reihenfolge der Umarbeitung richtet sich nach inhaltlichen und formalen Kriterien, aber auch nach personeller Kapazität, Platzbedarf und ähnlichem mehr. Zurzeit werden Hausregeln erarbeitet, ein einheitlicher Geschäftsgang hat sich aber noch nicht etabliert.

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Martin Scheuplein berichtete von der Umstellung der Zweigbibliothek Geowissenschaften auf RVK. Die Bibliothek umfasst ca. 120.000 Bände. Auf RVK umgestellt werden soll der Bestand ab 1990, wobei Zeitschriften, Reihen und Dissertationen ausgenommen werden, was die Menge auf 25.000 Bände reduziert. Als erster Schritt wurden inhaltliche Entscheidungen getroffen wie eine regionale Aufstellung, eine Begrenzung auf bestimmte Fachsystematiken der RVK und die Festlegung einer klar definierten Zuordnung für jedes Thema sowie der Ausschluss bestimmter Einzelnotationen. Auf dieser Grundlage wird seitdem anhand von Titellisten jeder Titel intellektuell geprüft und ggf. eine vorhandene RVK-Notation übernommen oder geändert. Der Vorteil bei einer Sortierung der Listen nach lokaler Signatur besteht darin, dass man „regalweise“ vorgehen und ggf. eine Konkordanz erstellen kann, der Nachteil besteht in der Vielfalt der RVK-Notationen, die jeweils betrachtet werden müssen. Eine Sortierung nach RVK-Notationen erlaubt die Konzentration auf bestimmte Notationen, die betreffenden Titel sind aber ggf. über die ganze Bibliothek verteilt und der Rest (ohne RVK-Fremddaten) verbleibt im Regal. Der Fachreferent vergibt anhand der Listen die RVK-Notationen, eine Bibliotheksmitarbeiterin und eine studentische Hilfskraft erledigen alle übrigen Arbeitsschritte.

Über den Umstieg auf RVK in zwei dezentralen geisteswissenschaftlichen Bibliotheken der UB Leipzig informierten Ute Stephan und Katharina Malkawi.

Ute Stephan berichtete über die im Jahr 2009 eröffnete Campus-Bibliothek, in der die vier Zweigbibliotheken Mathematik, Informatik, Wirtschaftswissenschaften sowie Kommunikations- und Medienwissenschaften und eine Lehrbuchsammlung zusammengeführt wurden. Die besondere Herausforderung bei diesem Umstieg lag zum einen im engen Zeitrahmen (die Umstellung sollte zur Eröffnung 2009 fertig sein), zum anderen in der heterogenen Ausgangslage der ehemaligen Zweigbibliotheken. Während die Kommunikations- und Medienwissenschaften (60.000 Bände) bereits vollständig mit RVK erschlossen waren, lag der Prozentsatz bei den Wirtschaftswissenschaften (100.000 Bände) bei nur 20%. Die Informatik (15.000 Bände) und die Mathematik (60.000 Bände) hatten jeweils eine Haussystematik, wobei diejenige der Mathematik so fein gegliedert war, dass mit Konkordanzen gearbeitet werden konnte. Es wurde jeweils ein Fachreferent mit begrenzter Stundenzahl eingesetzt, ein bis zwei BibliotheksmitarbeiterInnen, die diejenigen Titel bearbeiteten, die im Südwestdeutschen Bibliotheksverbund (SWB) bereits durch RVK erschlossen waren, und FaMIs und/oder Hilfskräfte für die Schlusskontrolle. Die einzelnen Bibliotheken hatten z.T. für mehrere Wochen geschlossen, dadurch konnten die Umstellungen aber auch zum Einzug in die neue Campus-Bibliothek im Oktober 2009 erledigt werden.

Katharina Malkawi berichtete über den Stand der Umarbeitung auf RVK in der Bibliothek Orientwissenschaften, die ca. 120.000 Bände umfasst, die aus sieben Fachbibliotheken mit eigenen Systematiken stammen (Indologie, Zentralasienwissenschaften, Religionswissenschaften, Ethnologie, Sinologie, Arabistik, Japanologie). Im Gegensatz zur Campus-Bibliothek der UB Leipzig war die Umstellung auf RVK für den Zeitraum nach der Zusammenführung der Bibliotheken geplant. Die Voraussetzungen waren recht schwierig, da zunächst kein Fachreferent bzw. keine Fachreferentin zur Verfügung stand und die Umstellung auf eine integrierte Erwerbung zeitgleich mit der Umstellung auf RVK erfolgte. Es wurde ein detaillierter Projektstrukturplan für die Umstellung entwickelt3, der aber in manchen Punkten nicht umgesetzt werden konnte, was sowohl mit personellen als auch inhaltlichen Gegebenheiten zusammenhing. So scheiterte z.B. der Plan, mit Hilfe von Konkordanzen zu arbeiten. Problematisch ist auch, dass die RVK für den Orient z.T. noch unzureichend ausgearbeitet ist. Während die systematischen Fächer, z.B. Ethnologie, gut abgebildet sind, sieht es bei den Regionalwissenschaften anders aus. Die momentane Lösung besteht darin, mit einem Lokalkennzeichen vor der Notation zu arbeiten und dann die RVK in ihrer vollen Breite anzuwenden. Inzwischen haben sich Geschäftsgänge etabliert, ein Fachreferent arbeitet mit.

Katja Selmikeit beendete die Vortragsreihe mit einem Werkstattbericht, in dem sie einen Einblick in das Umstiegsvorhaben der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart gab. Die Bibliothek umfasst ca. sechs Millionen Bände, die auf Magazine und zwei Lesesäle (Hauptlesesaal und Sonderlesesaal) verteilt sind. Im Jahr 2018 soll ein Erweiterungsbau eröffnet werden, wodurch sich der Lesesaalbestand nahezu verdoppeln wird. 2010 fiel die Entscheidung für den Umstieg des Lesesaalbestandes auf RVK, die Arbeiten sollen zum Einzug in das neue Gebäude abgeschlossen sein und müssen bei laufendem Betrieb stattfinden; für das Projekt wurde ein gemischtes Team aus gehobenem und höherem Dienst gebildet. Für die Jahre 2010-2017 wurde ein gestaffelter Zeitplan für Schulungen der Mitarbeitenden sowie die Umsystematisierung und Umstellung des Bestandes der Handbibliothek Info (ca. 8.000 Bände), des Hauptlesesaals (ca. 50.000 Bände) und des Sonderlesesaals (<50.000 Bände) aufgestellt. Im Hauptlesesaal sind bisher 40% der Titel mit einer RVK-Notation erschlossen, 30% mit mehreren Notationen und 30% ohne RVK-Notation; im Sonderlesesaal sind ca. 55% der Titel ohne RVK. Die FachreferentInnen systematisieren anhand von Listen um, wobei ihnen für die Signaturenbildung ein eigens entwickeltes Softwareprogramm zur Verfügung steht; der Lesesaalneuzugang wird ab 2016 gleich mit RVK systematisiert. Die Umstellung verläuft Fach für Fach, wobei zunächst RVK-Schattensignaturen vergeben werden. Anhand von Listen, die auch den Barcode enthalten, werden die Bücher ausgehoben, Signatur und Schattensignatur im SWB ausgetauscht, neue Signaturschilder gedruckt und die Bücher wieder am alten Ort in neuer Reihenfolge aufgestellt.

An die Vortragsreihe schloss sich eine von Kai Steffen moderierte Gesprächsrunde an, in der zahlreiche praktische Aspekte, die in den verschiedenen Vorträgen angesprochen wurden, zur Diskussion standen, z.B. der Umgang mit der Skepsis der WissenschaftlerInnen gegenüber einem Umstieg auf RVK, die Aufwandsabschätzung für Umarbeitungen (Bestandsanalyse, Qualitätsansprüche, Personalbedarf), Geschäftsgänge für retrospektive Signaturenänderungen (Einsatz von Hilfskräften, Fremddatenübernahme, Platzbedarf, spezielle Sprachkenntnisse), Teambildung, integrierte Umarbeitung oder Arbeitsteiligkeit, Individualsignaturvergabe und Cutterung, lokale Besonderheiten bei der Aufstellung (Lokalkennzeichen) usw. Die Ergebnisse dieser Diskussion sind in dem Dokument „Checkliste zur Planung Umstieg auf RVK“ niedergelegt , das 2014 im Anschluss an den in Fulda veranstalteten RVK-Workshop von Kai Steffen erstellt und jetzt um die Ergebnisse aus Halle ergänzt wurde. Zu finden ist das Dokument über das RVK-Portal unter der Überschrift „Umstieg auf RVK“ , Rubrik „Materialien“,4 wo auch noch weitere Materialien zum RVK-Umstieg gesammelt sind.

Insgesamt bot der Workshop sowohl durch die Vorträge als auch durch die lebendigen Diskussionen einen sehr guten Einblick in die vielfältigen Aspekte eines Umstiegs auf RVK und hilft sicherlich vielen KollegInnen weiter, die einen Umstieg auf RVK noch vor sich haben.

Führungen durch den beeindruckenden Neubau der Zweigbibliothek Steintor-Campus und eine Besichtigung des historischen Magazingebäudes der ULB Halle rundeten den ertragreichen Workshop ab.

Sabine Bruck, Universitätsbibliothek Kiel

Zitierfähiger Link (DOI): http://dx.doi.org/10.5282/o-bib/2016H2S98-102

1 Die Folien der Veranstaltung werden auf den Seiten des RVK-Portals unter der Rubrik „Umstieg auf RVK, Materialien“ eingestellt (http://rvk.uni-regensburg.de/65-rvk-rundbrief/144-umstieg-auf-rvk-steffen-ubgreifswald, zuletzt geprüft am 11.04.2016).

2 RVK, zuletzt geprüft am 11.04.2016, http://rvk.uni-regensburg.de.

3 Katharina Malkawi, Die Einführung der RVK als Aufstellungsklassifikation: ein Projekt an der Bibliothek Orientwissenschaften der Universitätsbibliothek Leipzig, Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft 280 (Berlin: Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, 2010), urn:nbn:de:kobv:11-100174401.

4 Vgl. Anm. 1.

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