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Tagungsberichte

„Treiben wir oder werden wir getrieben?“

Bericht über die 13. InetBib-Tagung in Stuttgart

Die 1994 von Michael Schaarwächter (UB Dortmund) gegründete InetBib-Liste (kurz für „Internet in Bibliotheken“) ist seit vielen Jahren eine der wichtigsten bibliothekarischen Mailinglisten im deutschsprachigen Raum. 1996 wurde der virtuelle Betrieb auf der Mailingliste erstmals durch eine Tagung ergänzt, auf der sich die Abonnentinnen und Abonnenten der Liste auch real treffen konnten. Seitdem findet die InetBib-Tagung etwa alle zwei Jahre an wechselnden Orten statt. Vom 10. bis 12. Februar 2016 trafen sich ca. 320 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur 13. InetBib-Tagung in Stuttgart. Die Veranstaltung wurde gemeinsam von der UB Dortmund, der UB Stuttgart, der Stadtbibliothek Stuttgart und dem Studiengang Bibliotheks- und Informationsmanagement an der Hochschule der Medien ausgerichtet. Der Hauptteil der Tagung – das Vortragsprogramm und die Firmenausstellung – spielte sich im Hochhaus K2 der Universität Stuttgart am Rande des Stadtgartens ab, einem Gebäude mit dem Charme der 1960er Jahre. Die Workshops fanden teils in Räumen der UB Stuttgart, teils im Max-Bense-Forum der Stadtbibliothek statt.

Abb. 1: Mittagspause im K2

 

Im Vergleich zu großen Konferenzen wie etwa den Bibliothekartagen ist die Atmosphäre auf den InetBib-Tagungen geradezu familiär. Trotz des dichten Programms gab es immer genügend Pausen und daher auch viel Zeit für Gespräche und persönliche Begegnungen. Auch das Catering war reichlich und schmackhaft. Dies gehört zum Konzept der InetBib-Tagungen, wie es der Listenadministrator Michael Schaarwächter auf der InetBib-Website formuliert hat: „Bei den Tagungen legen wir auf zwei Dinge besonderen Wert: Natürlich steht ein attraktives Programm im Vordergrund, interessante Vorträge und aktuelle Themen. Aber auch an dem Wohlbefinden der Teilnehmer (Besucher wie Aussteller und Redner) soll es nicht mangeln. Nur in einem angenehmen Ambiente kann man Neues lernen.“1 Im Vortragsprogramm bot die Tagung eine große thematische Vielfalt und eine ausgewogene Mischung zwischen „WB-Themen“ und „ÖB-Themen“. Parallele Tracks gab es nicht; nur die Workshops fanden teilweise gleichzeitig zum Hauptprogramm statt. Diese Struktur ermöglichte den Teilnehmerinnen und Teilnehmern vielfach einen Blick über den Tellerrand, wie man ihn bei anderen Tagungen nicht bekommt – weil man dort typischerweise immer nur diejenigen Tracks besucht, die sich mit den „eigenen“ Themen beschäftigen.

„Wir können alles. Außer Hochdeutsch“

Abb. 2: Andreas Schüle beim Vortrag

Zur Eröffnung der Tagung am Mittwoch gab es einen Impulsvortrag von Andreas Schüle, dem Leiter des Referats Landesmarketing und Veranstaltungen im Staatsministerium Baden-Württemberg. Diese Abteilung ist für die bekannte Imagekampagne des Landes Baden-Württemberg verantwortlich: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“. Nach der Einführung 1999 war die Kampagne so erfolgreich, dass die anderen Bundesländer mit eigener Regionalwerbung im gleichen Format nachzogen. „Es ist die Mischung aus Größenwahn und Selbstironie, die den Erfolg ausmacht“, erklärte Andreas Schüle. Das habe dem Musterländle bis heute unglaublich viel Sympathie eingebracht.

Nach diesem Auftakt bot die Tagung insgesamt 20 Fachvorträge, die vom Programmkomitee aus ca. 30 eingereichten Abstracts für die Tagung ausgewählt worden waren und die hier in Auswahl vorgestellt werden. Einen Gesamtüberblick bietet das Tagungsprogramm.2 Ein großer Teil der Vortragsfolien ist online verfügbar.3

 

Zukunftsvisionen

Das Tagungsmotto „Treiben wir oder werden wir getrieben?“ brachte es mit sich, dass viele Vortragende die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Bibliotheken reflektierten. Immer wieder wurde dabei auch auf die provokanten Thesen von Rafael Ball (Bibliothek der ETH Zürich) Bezug genommen, die wenige Tage zuvor in der NZZ am Sonntag veröffentlicht worden waren.4

Bernd Schmid-Ruhe (Stadtbibliothek Mannheim) schickte seinem Beitrag ein Zitat Gandalfs in Tolkiens „Herr der Ringe“ voraus: „Flieht, Ihr Narren!“ Auch der Untertitel war provokativ: „Warum es Öffentliche Bibliotheken in 20 Jahren nicht mehr geben wird“. Seine Analyse war ernüchternd: An Megatrends wie Urbanisierung, Individualisierung und Gesundheit hätten Bibliotheken wenig Anteil. Selbst beim Megatrend „Wissenskultur“ seien sie nur „Wasserträger anderer Institutionen“. Bei der Medienbeschäftigung von Jugendlichen liege das Lesen von Büchern bei den Mädchen immerhin noch im Mittelfeld, bei den Jungen sei es weit abgeschlagen. Nur 7 Prozent der Kinder sagen, sie könnten nicht auf Bücher verzichten. Die bibliothekarische Community verglich Schmid-Ruhe mit einem „Haufen von Schafen, die wild in der Gegend herumrennen“; eine gemeinsame Linie fehle. Viele Kolleginnen und Kollegen würden darauf setzen, „dass das neumodische Zeugs irgendwann wieder vorbeigehen wird“. Auch die Ausbildung des bibliothekarischen Nachwuchses sei nicht zufriedenstellend: Es gebe „zu viele Büchertanten und zu wenige Geeks“. Als Konzepte schlug Schmid-Ruhe die „konsequente Pädagogisierung der bibliothekarischen Arbeit“ und ein “Herausgehen aus dem Gebäude ‘Bibliothek’ in das Konzept ‘Bibliothek’“ vor. Aktivitäten wie Sprach- und Leseförderung würden, so Schmid-Ruhe, künftig wichtiger sein als der Bestand. Das Fazit lautete: „Bibliotheken der Zukunft werden (...) eher eine Idee [sein] und kein Gebäude, keine Sammlung“.

Während Schmid-Ruhe die Bibliotheken ganz klar als Getriebene sah, stellte Karsten Schuldt (HTW Chur) die These auf: „Bibliotheken werden nicht getrieben, sie erfinden nur ständig die 1970er neu“. In seinem Beitrag „Neo-70er“ zeigte er an vielen Beispielen auf, dass heute Dinge aktuell sind, die schon in den 1970er Jahren im Bibliothekswesen diskutiert wurden. Dazu gehört die Vorstellung, dass reale Bücher verschwinden und die Bibliotheken immer mehr wie Rechenzentren wirken – in den USA sah man dies schon damals verwirklicht. Das Gegenbild war die Bibliothek als Treffpunkt und Kommunikationsraum – ein Konzept, das man vorrangig in Skandinavien verortete. Zu den „heißen“ Themen der 1970er Jahre, die heute ungemein modern klingen, gehört auch das lebenslange Lernen und die Idee, dass Bibliotheken einen kritischen Umgang mit Computern vermitteln sollten. Schuldt bot verschiedene Lesarten an, wie sich seine Ergebnisse interpretieren lassen. Eine mögliche Interpretation sei, dass Bibliotheken stets damit beschäftigt sind, in die Zukunft zu blicken – und darüber sozusagen „vergessen“, sich mit den tatsächlichen Veränderungen auseinanderzusetzen. Immer wieder treffe man, so Schuldt, auf „eine Rhetorik von ‘wir müssen uns verändern, sonst gehen wir unter’, die offenbar überzeugt, aber nicht unbedingt den Fakten entspricht“. Er plädierte deshalb für „mehr Ruhe“ und „einen etwas weiteren Blick“.

Neue Aufgaben

Neben solchen programmatischen Beiträgen standen eine Reihe von Vorträgen, die beispielhaft und sehr konkret aufzeigten, wie veränderte Aufgaben und neue Tätigkeitsspektren in Bibliotheken aussehen können. So berichtete Frank Nachtwey (Stadtbibliothek Ludwigsburg) von der seit Mitte 2013 betriebenen Online-Lernplattform der Stadtbibliothek Ludwigsburg mit E-Learning-Angeboten aus den Bereichen Sprache, Wirtschaft und EDV. Wie eine Nutzerbefragung ergab, haben sich 33 Prozent der E-Learning-Nutzerinnen und -nutzer gezielt wegen dieses Angebots einen Bibliotheksausweis ausstellen lassen! Mittlerweile sind weitere Bibliotheken am Projekt beteiligt und die Trägerschaft ist an den dbv-Landesverband Baden-Württemberg übergegangen, um das Angebot verstetigen zu können.

Sehr spannend war auch der Bericht von Anke Böhrnsen und Regine Lipka (ZBW – Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft) über die neue „e-preferred“-Strategie und ihre Auswirkungen. Denn im Rahmen der „Strategie 2015-2020“ plant die ZBW den Wandel zu einer digitalen Bibliothek.5 Neben das EconStor-Repository tritt in diesem Zusammenhang ein neues digitales Archiv, das nicht nur eine Vielzahl von Dateiformaten verarbeiten kann, sondern auch für den (in einigen Fällen nicht zu vermeidenden) „closed access“ geeignet ist. Freilich wird nicht alles selbst archiviert: Ist die Speicherung auf einem vertrauenswürdigen Server einer öffentlichen Einrichtung garantiert, so wird das digitale Objekt nur nachgewiesen. Die Referentinnen schilderten die großen Herausforderungen bei der Entwicklung und Umsetzung der Workflows in den Bereichen Lizenzierung, Retrodigitalisierung und Langzeitarchivierung. Sehr aufwendig ist etwa die Einholung der Rechte, um diejenigen Dokumente speichern zu können, die nicht unter einer offenen Lizenz veröffentlicht wurden. Hier müssen nicht nur die richtigen Ansprechpartner/innen recherchiert, sondern auch kulturelle Besonderheiten berücksichtigt werden, denn die ZBW sammelt Materialien aus vielen Ländern. Immerhin wird dies mit einer Erfolgsquote von über 60 Prozent belohnt. Doch die Komplexität ist hoch, und es wird deutlich mehr Personal benötigt als bei der Print-Erwerbung.

Mit der „Sacherschließung in einer RDA-Welt“ beschäftigte sich Heidrun Wiesenmüller (HdM Stuttgart). Das neue Katalogisierungsregelwerk „Resource Description and Access“ (RDA) beruht auf dem FRBR-Modell (Functional Requirements for Bibliographic Records), welches auch die Sacherschließung mit einbezieht – wird also nun mit RDA alles anders? Wiesenmüller betonte, dass RDA nicht den Anspruch habe, die bestehenden Sacherschließungsregelwerke zu ersetzen, sondern nur einen ganz allgemeinen Rahmen für die inhaltliche Erschließung bilden wolle. Es werde auch nur ein Teil dessen, was in der verbalen Erschließung benötigt wird, von RDA abgedeckt: Die Verwendungsregeln (z.B. Kombination von Schlagwörtern, enges vs. weites Schlagwort) fehlten völlig, und von den Entitäten, die als Schlagwörter benötigt werden, sei ebenfalls nur ein Teil vorhanden. Insbesondere gebe es keine Regeln zu Sachbegriffen, die für die Sacherschließung von zentraler Bedeutung seien. Einschränkungen bestünden auch deshalb, weil RDA nachvollziehbarerweise für die Bedürfnisse der Formalerschließung optimiert sei. Nichtsdestoweniger seien große Teile von RDA auch in der Sacherschließung nutzbar, und künftig sei mit einer noch engeren Zusammenarbeit zwischen Formal- und Sacherschließung zu rechnen. Das Nachfolgeregelwerk der RSWK, das ab 2017 entwickelt werden wird, soll deshalb gemäß einem Wunsch des Standardisierungsausschusses kein getrenntes Dokument mehr sein, sondern vollständig in die deutschsprachigen Anwendungsrichtlinien zu RDA (D-A-CH) integriert werden.

Openness

Der Begriff der „Openness“ war ein weiteres Schlüsselthema der Tagung. Ein Leitvortrag dazu kam von Felix Lohmeier von der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) Dresden – einer Bibliothek, die sich schon seit längerem sehr aktiv für Offenheit in einem umfassenden Sinne einsetzt.6 Ganz konkret ging es Lohmeier um „10 Schritte für mehr Openness in Ihrer Bibliothek“. Openness wird dabei ganzheitlich gedacht und umfasst nicht nur offene Inhalte, sondern auch offene Infrastrukturen und offene Prozesse – nachgerade eine Kultur der Offenheit. Wie Lohmeier feststellte, gebe es zwar „kaum eine Bibliothek, die sich nicht öffentlich für Open Access, Open Source und Open Data einsetzt“; dennoch mangele es „an der nötigen Konsequenz und Verbindlichkeit in der Umsetzung“. Lohmeier präsentierte nicht nur eine Reihe eigener Ideen für einfach umzusetzende konkrete Schritte, sondern lud die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch zum Sammeln weiterer Vorschläge ein. Diese konnten auf einer offenen Online-Plattform eingestellt werden, um daraus zu einem späteren Zeitpunkt eine Checkliste zu bilden.7 Denkbare Schritte sind u.a. die Auszeichnung des Katalogs mit schema.org, die Veröffentlichung von Projektanträgen, die Entwicklung einer Open-Data-Policy für Metadaten und eigene Inhalte (z.B. Digitalisate) oder die Unterstützung des Directory of Open Access Journals (DOAJ). Und natürlich: „Selbst nur OA publizieren!“ Als ein Vorbild wurde hier der VDB mit der Gründung der Open-Access-Zeitschrift „o-bib“ genannt.

Abb. 3: Vortrag im Tiefenhörsaal des K2

Über „Freie Bildungsmaterialien – Bibliotheken und Open Educational Resources“ referierte Jürgen Plieninger (Bibliothek des Instituts für Politikwissenschaft, Tübingen). Nicht nur Texte, sondern auch ganze Kurse fallen unter Open Educational Resources (OER). Eine offene Lizenz bedeutet dabei nicht nur, dass die Materialien frei zugänglich sind, sondern auch, dass man mit ihnen etwas machen kann (sie beispielsweise verändern oder in einen eigenen Kurs integrieren). Der Referent identifizierte verschiedene mögliche Dienstleistungsbereiche rund um OER: Bibliotheken könnten Lehrende in Sachen OER beraten (müssen wirklich alle Lehrmaterialien auf geschlossenen E-Learning-Plattformen wie Moodle stehen?) und sich – ähnlich wie beim Thema Open Access – allgemein als Lobbyisten für OER betätigen. Sie könnten Hilfsmittel für die Recherche nach OER bereitstellen, wobei unter Umständen auch die lange verpönten Linklisten wieder eine Rolle spielen würden, oder gleich eine umfassende Erschließung anbieten. Denkbar wäre beispielsweise auch das Bereitstellen einer Plattform zur Distribution von OER oder die eigene Produktion derartiger Materialien. Freilich ist der Umgang mit OER durchaus komplex; eine besondere Schwierigkeit stellt die Versionierung bei Änderungen dar.

Natürlich war auch Open Access ein Thema auf der Tagung. Unter dem Titel „ZB MED: Eine Zentralbibliothek als treibender Motor für Open Access in den Lebenswissenschaften“ präsentierte Ursula Arning (ZB MED – Leibniz-Informationszentrum Lebenswissenschaften) die umfangreichen Aktivitäten der ZB MED für Open Access mit den drei Schwerpunkten Beraten, Publizieren und Vernetzen. Eine zentrale Rolle spielt das Open-Access-Publikationsportal PUBLISSO mit insgesamt sechs Bereichen – u.a. Fachzeitschriften, Kongresspublikationen und Forschungsdaten.8 Neu ist die Möglichkeit, wissenschaftliche Handbücher als „Living handbooks“ zu publizieren. Die Beiträge eines solchen Handbuchs können jederzeit aktualisiert werden; auch das Einbinden von Multimedia-Elementen wie z.B. Videos ist möglich. Es ist bedrückend, dass solche wichtigen und innovativen Dienstleistungen unter Umständen nicht mehr weitergeführt werden können. Denn der Senat der Leibniz-Gemeinschaft hat, wie während der Abfassung dieses Tagungsberichts bekannt wurde, empfohlen, die gemeinsame Finanzierung der ZB MED durch Bund und Länder zu beenden.9 Man kann nur hoffen, dass diese völlig unverständliche Entscheidung rasch zurückgenommen wird.

Im selben Block stellte Sybille Geisenheyner das „Gold4Gold“-Programm der Royal Society of Chemistry (RSC) vor. Die von der RSC herausgegebenen Journale sind klassische Subskriptionszeitschriften, in denen bei Zahlung einer APC (article processing charge) auch Open Access publiziert werden kann. Bibliotheken, die an einer von der DFG geförderten deutschlandweiten Allianzlizenz teilnehmen, erhalten eine bestimmte Anzahl von Open-Access-Gutscheinen. Mit diesen können Beiträge von Autorinnen und Autoren der jeweiligen Einrichtung freigeschaltet werden. Im Jahr 2014 wurden in Deutschland 821 solcher Gutscheine genutzt, 2015 waren es 738. Der Open-Access-Anteil in den Publikationen der RCS hat sich dadurch erheblich erhöht, liegt allerdings immer noch deutlich unter 10 %. Auch wird das in Kooperation mit der Technischen Informationsbibliothek (TIB) Hannover entwickelte Pilotprojekt nach 2017 in dieser Form nicht mehr weitergeführt werden.

Tools und Technik

Typisch für die InetBib-Tagung ist auch eine gewisse Technik-Affinität vieler Vorträge sowie die Präsentation von praktischen Tools für die tägliche Arbeit. Ein Beispiel dafür ist der Beitrag „Arbeit 4.0 in der Benutzungsabteilung einer großen Universitätsbibliothek“ von Silke Glitsch und Kerstin Helmkamp (SUB Göttingen).10 Die Referentinnen zeigten an mehreren Beispielen auf, wie sich die Prozesse im Benutzungsbereich im digitalen Zeitalter verändern. So ist seit 2015 an der SUB Göttingen keine Bargeldzahlung mehr möglich. Stattdessen gibt es elektronische Kassen, die an die Kassensoftware des Studierendenwerks gekoppelt sind und über Schnittstellen zum Pica-Ausleihsystem sowie zur SAP-Software verfügen. Bezahlt wird mit der Geldbörsen-Funktion des Nutzerausweises, was bei den Nutzerinnen und Nutzern sehr gut ankommt. Für die Zukunft geplant ist außerdem die Einführung einer Dienstplansoftware.

Bereits seit drei Jahren existiert der „Seatfinder“ – der Wegweiser zu freien Lern- und Arbeitsplätzen für Studierende in Karlsruhe. Uwe Dierolf (KIT-Bibliothek) berichtete über die Entwicklung und den Stand dieses überaus nützlichen Werkzeugs, das sowohl in Form einer Tabelle als auch auf einer Karte anzeigt, wo es freie Lern- und Arbeitsplätze gibt. Das Monitoring erstreckt sich auf mehr als 1.800 von der KIT-Bibliothek betreute Plätze an zehn Standorten. „Jeder fängt mal klein an“, so Dierolf, denn am Anfang standen simple manuelle Zählungen im Stundentakt. Mittlerweile ist der Seatfinder erwachsen geworden: Die Daten beruhen auf der Messung der WLAN-Sessions in den Räumen, d.h. auf der Zahl der eingebuchten Notebooks, Handys etc. Werden bestimmte Störeffekte herausgerechnet (z.B. sind in der Mittagszeit viele Plätze mit einer „Parkscheibe“ besetzt, obwohl die zugehörigen Personen und ihre WLAN-Geräte nicht im Raum sind), so sind die Schätzungen von sehr guter Genauigkeit. Künftig sollen beim Betreten eines Bibliotheksbereichs Seatfinder-Informationen auch über „BiBlue“ zugreifbar sein. Diese von der ekz vertriebene App basiert auf Bluetooth und der Beacon-Technik. Der Seatfinder wird seit Juni 2015 als gehostete Lösung angeboten, kann also auch von anderen Bibliotheken nachgenutzt werden. Die Universität St. Gallen hat ihn bereits übernommen; demnächst wird er auch in Tübingen verfügbar sein.

Mit dem von Imma Hinrichs (UB Stuttgart) vorgestellten „Digitalen Assistenten BW – Version 2“ werden Sacherschließer-Träume wahr. Dabei handelt es sich um eine Weiterentwicklung des seit 2013 an der Zentralbibliothek Zürich eingesetzten Werkzeugs der Firma Eurospider. In einem Kooperationsprojekt mit dem IBS-Konsortium11 und dem Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) wurde dieses für den Einsatz in Baden-Württemberg u.a. um eine Schlagwortfolgen-Funktionalität erweitert. Wie der Begriff „Assistent“ schon andeutet, ist das Ziel nicht etwa, die intellektuelle durch eine automatische Erschließung zu ersetzen, sondern sie mit automatischen Verfahren zu unterstützen. Dies leistet der Digitale Assistent ganz hervorragend: Er sucht automatisch nach bereits vorhandener Sacherschließung des zu bearbeitenden Titels in verschiedenen Datenquellen (z.B. Verbünde, WorldCat) und präsentiert diese in übersichtlicher Form. Dabei werden auch aus anderen Schlagwortsystemen (z.B. LCSH) sowie DDC-Notationen Vorschläge für GND-Schlagwörter generiert. Ein weiteres Element ist eine Ähnlichkeitssuche, d.h. es werden automatisch ähnliche Titel ermittelt, die bereits eine GND-Erschließung aufweisen. Den Erschließenden werden damit zahlreiche Recherchen abgenommen, die sie früher händisch in verschiedenen Systemen durchführen mussten. Integriert sind außerdem eine sehr gut aufbereitete Web-Version der GND (mit Visualisierung der Hierarchien) sowie ein Scratch-Pad, um häufig benötigte Schlagwörter abzuspeichern. Die Auswahl und Kombination der Schlagwörter erfolgt bequem und intuitiv im Digitalen Assistenten selbst – also ohne Wechsel in den Katalogisierungsclient WinIBW. Über Nacht wird die Verschlagwortung dann automatisch in den Südwestdeutschen Bibliotheksverbund (SWB) exportiert.

Abb. 4: Angeregte Gespräche in der Pause

Für viele überraschend war der Bericht von Christof Rodejohann (SLUB Dresden) über die „neue schlanke Discovery-Lösung der SLUB Dresden“. Anders als man vielleicht erwartet hätte, hat man sich in Dresden nicht nur gegen ein kommerzielles, geschlossenes System entschieden, sondern auch gegen bestehende Open-Source-Lösungen. Deren Nachteile seien vor allem die Abhängigkeit von der bestehenden Community (in der es unterschiedliche Meinungen über die weitere Entwicklung geben kann) sowie die hohe Komplexität der Systeme, welche viel Einarbeitung und Pflege erfordert. An der SLUB war man vor allem an „agilen Prinzipien“ interessiert. Dazu gehöre es, schnell und kontinuierlich gute Software auszuliefern sowie ein „ständiges Augenmerk auf technische Exzellenz und gutes Design“ zu haben. Eine hohe Agilität sei am besten bei einer Eigenentwicklung möglich; auch könne diese modular aufgebaut werden und genau auf die Nutzeranforderungen zugeschnitten sein. Die Basis für das neue Discovery-System bildet „d:swarm“, eine in Dresden entwickelte Plattform für Datenmanagement. Für die Präsentation kommt das Content-Management-Framework TYPO3 zum Einsatz, mit dem man in Dresden bereits viel Erfahrung hatte. Ergänzt wird es durch die in Göttingen entwickelte Extension „find“. Nur drei Monate lagen zwischen der Evaluierung und der öffentlichen Beta-Phase des neuen Katalogs. Ein großer Vorteil ist, dass mit derselben Technik sehr leicht neue Sichten mit einer anderen Darstellung und anderen Daten erzeugt werden können – beispielsweise für den Fachinformationsdienst arthistoricum.net. Eine kontinuierliche Weiterentwicklung unter Einbezug der zahlreichen Nutzerrückmeldungen ist geplant.

Rechtsfragen

Mehrere Beiträge beschäftigten sich mit rechtlichen Fragen, insbesondere mit Urheberrecht und Datenschutz. Lebhafte Diskussionen löste der Vortrag „Sollen wir das Thema Eigentumsklärung treiben lassen? Zu den Chancen, bei Forschungsdaten festgefahrene Verwertungs- und Rechteketten aufzubrechen“ von Thomas Hartmann (Max Planck Digital Library) aus. Das Urheberrecht wird in unserem Berufsstand vielfach als eingrenzend und beschränkend empfunden. „Stellen Sie sich“, so lud der Referent das Publikum zum Träumen ein, „eine Welt ohne Urheberrecht vor: Die Probleme würden nicht bestehen.“ Ein solches Utopia gibt es aber laut Hartmann bereits, denn in bestimmten Fachdisziplinen seien Forschungsdaten urheberrechtsfrei. Zu denken ist hier an zahlenbasierte Daten aus dem STM-Bereich, z.B. Messwerte, Labor- und Versuchsergebnisse sowie statistische Werte. Auf dem Feld der Forschungsdaten biete dies enorme Chancen für Bibliotheken. Auf der anderen Seite bestehe aber auch die Gefahr, dass Forschende ihre Daten „in der Schublade“ behalten, wenn sie befürchten müssen, dass diese ohne ihr Einverständnis publiziert werden können.

Auf großes Interesse stieß auch der Vortrag „Software as a Service und Datenschutz – die Erfahrungen der UB Mannheim bei der Einführung von Alma“ von Marion von Francken-Welz und Christian Hänger (UB Mannheim). Das neue Bibliothekssystem Alma wird vom israelischen Unternehmen Ex Libris als „Software as a Service“ angeboten; die Server stehen in den Niederlanden. Rechtlich betrachtet handelt es sich um eine Auftragsdatenverarbeitung in der EU. Der Auftraggeber bleibt verantwortlich für den Datenschutz. Der Auftragnehmer ist weisungsgebunden; er ist sorgfältig auszuwählen und zu überwachen. Dies muss aber nicht durch Kontrollen vor Ort geschehen, sondern kann auch über Zertifizierungen, Prüfberichte oder Referenzen erfolgen. 2015 wurde die Ex Libris Group vom US-amerikanischen Unternehmen ProQuest übernommen. Damit stellte sich die Frage, ob womöglich personenbezogene Daten an US-Behörden herausgegeben werden könnten – denn die Firma könnte sich in einem Dilemma zwischen einem Verstoß gegen EU-Recht und einem Verstoß gegen US-Recht befinden. In dieser Situation ließ sich die UB Mannheim von der Zentralen Datenschutzstelle der baden-württembergischen Universitäten (ZENDAS) beraten. Laut Ex Libris dürfen weder die europäischen Tochtergesellschaften noch Ex Libris Ltd. Daten europäischer Kunden an US-amerikanische Behörden herausgeben. Anhaltspunkte für ein zu erwartendes rechtswidriges Verhalten gebe es nicht. Zwingend war für ZENDAS jedoch ein Datenschutz- und Sicherheitskonzept. Als unproblematisch wurde auch der Support durch Ex Libris Ltd. (Israel) eingestuft, bei dem in Ausnahmefällen auf die Anwendung zugegriffen werden muss, zumal Israel über ein angemessenes Datenschutzniveau verfüge. Der cloudbasierte Dienst habe, so das Fazit, „womöglich ein höheres Datenschutz-Niveau als manche lokal betriebene Anwendung“. Doch manche Zuhörerinnen und Zuhörer blieben skeptisch, ob man der Zusicherung von Ex Libris, keine Daten an US-Behörden herauszugeben, wirklich trauen könne.

Workshops

Als weiteres Format neben den Fachvorträgen wurden insgesamt fünf Workshops angeboten. Diese dauerten jeweils zwischen eineinhalb und zweieinhalb Stunden und boten vielfach die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden. Uwe Dierolf (KIT-Bibliothek) führte Interessierte in den Umgang mit jQuery – der weltweit meistverwendeten Javascript-Bibliothek – ein. Rudolf Mumenthaler, Karsten Schuldt und Bruno Wenk (HTW Chur) beschäftigten sich mit dem Thema „Makerspace“ und stellten in diesem Rahmen auch ein studentisches Projekt vor. Heidrun Wiesenmüller (HdM Stuttgart) bot einen „Schnupperworkshop RDA“ an.

Um Fragen des Publizierens ging es gleich in zwei Workshops: Ein Ziel der „Schreibwerkstatt“ von Rudolf Mumenthaler, Karsten Schuldt (beide HTW Chur) und Lambert Heller (TIB Hannover) war es, Kolleginnen und Kollegen zum Schreiben eigener Texte zu animieren. Die Teilnehmenden erhielten Einblicke in die Redaktionsarbeit und Tipps für den Publikationsprozess. Und bei Christina Riesenweber (FU Berlin) und Christin Wohlrath (Universität Konstanz) konnte man erfahren, wie man eine Open-Access-Zeitschrift mit der weit verbreiteten Software „Open Journal Systems“ (OJS) – mit der übrigens auch „o-bib“ erstellt wird – einrichtet und betreibt.

Ausstellung und Firmenvorträge

Ein wichtiges Element der InetBib-Tagungen ist stets auch die Firmenausstellung. Diesmal waren insgesamt 19 Aussteller mit Ständen vertreten. Die beiden Ausstellungsbereiche waren strategisch in der Nähe des Catering platziert und gut besucht.

Im Hauptprogramm waren mehrere Slots für Firmenvorträge vorgesehen: Günther Hansen (Elsevier) präsentierte in diesem Rahmen das Bibliometrie-Tool „SciVal“. Ebenfalls mit dem Thema Bibliometrie, jedoch auch mit alternativen Metriken, beschäftigte sich Stephan Buettgen (Plum Analytics, Ebsco). Alper Alici (ImageAccess) erläuterte den Einsatz von Bookeye-Buchscannern im Self-Service an der Bayerischen Staatsbibliothek. Die Funktionalitäten und Dienstleistungen, die Ex Libris im Linked-Data-Bereich anbietet, wurden von Bettina Schmid vorgestellt. Petra Hauschke (Glomas) berichtete über das Federated Search Modul „eSearch“. Bénédict Ripperger (OCLC GmbH) gab eine Live-Demonstration des cloud-basierten Bibliotheksmanagementsystems WorldShare Management Services. Nicolai Sternitzke (Walter Nagel GmbH) schließlich zeigte, wie man mit dem „Visual Library Reader“ elektronische Lehrbücher in urheberrechtskonformer Weise bereitstellen kann.

Rahmenprogramm

Doch was wäre eine Fachtagung ohne ein interessantes Rahmenprogramm? Die Hauptattraktion war die Abendveranstaltung „Blue Night“ am Donnerstag in der Stadtbibliothek am Mailänder Platz. Nach einem klassisch schwäbischen Buffet trat das Duo „Großraumdichten“ auf und trug mit schönen Stimmen eigene Texte zu Musik vor. Licht- und Toneffekte schufen im „Herz” – dem zentralen Innenraum der architektonisch eindrucksvollen Stuttgarter Stadtbibliothek – eine ganz besondere, geradezu surreale Stimmung. Danach konnte getanzt werden. Darüber hinaus gab es verschiedene Führungen in der Stadtbibliothek Stuttgart, der UB Stuttgart und der Hochschule der Medien (wo auch der 2014 eröffnete Erweiterungsbau besichtigt werden konnte).

Abb. 5: Blue Night in der Stadtbibliothek

Fazit

Die InetBib-Tagung 2016 bot ein dichtes und anregendes Programm in einer sehr angenehmen Atmosphäre. Wie bei bibliothekarischen Konferenzen mittlerweile üblich, wurde unter dem Hashtag #inetbib16 fleißig getwittert, sodass auch Daheimgebliebene etwas vom aktuellen Geschehen mitbekommen konnten. Aber am Ende geht eben doch nichts über das persönliche Erleben, wie es der folgende Tweet deutlich machte: „Hach, trotz aller twitterei (#danke!) wäre man manchmal einfach gern dabei... #schade #inetbib16“!12

Heidrun Wiesenmüller, Hochschule der Medien

Zitierfähiger Link (DOI): http://dx.doi.org/10.5282/o-bib/2016H2S85-95

1 „InetBib: Tagungen,“ zuletzt geprüft am 30.03.2016, http://www.inetbib.de/tagungen/.

2 „13. InetBib-Tagung,“ zuletzt geprüft am 30.03.2016, http://www.inetbib.de/inetbib16/.

3 Die veröffentlichten Vorträge können im Eldorado-Repository abgerufen werden, zuletzt geprüft am 30.03.2016, https://eldorado.tu-dortmund.de/handle/2003/34415.

4 Rafael Ball, „Weg mit den Büchern!“, Interview geführt von Michael Furger, Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, 07.02.2016, zuletzt geprüft am 30.03.2016, http://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/bibliotheken-weg-mit-den-buechern-interview-rafael-ball-eth-ld.5093.

5 Vgl. ZBW – Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft Kiel/Hamburg, Strategie 2015-2020 (Kiel, Hamburg: ZBW, 2015), 11, zuletzt geprüft am 30.03.2016, http://www.zbw.eu/fileadmin/pdf/ueber-uns/2015-strategie.pdf.

6 Vgl. Jens Mittelbach, „Modernes Datenmanagement: Linked Open Data und die offene Bibliothek,“ o-bib 2, H. 2 (2015): 61-73, http://dx.doi.org/10.5282/o-bib/2015HS61-73.

7 Folien unter http://hdl.handle.net/2003/34901, Stoffsammlung unter http://slidewiki.org/deck/12541, zuletzt geprüft am 30.03.2016.

8 „Publisso,“ zuletzt geprüft am 30.03.2016, http://www.publisso.de/.

9 Vgl. Leibniz-Gemeinschaft, „Leibniz-Einrichtungen in Dresden, Köln/Bonn, Großbeeren/Erfurt und Kühlungsborn evaluiert,“ Pressemeldung vom 18.03.2016, zuletzt geprüft am 30.03.2016, http://www.leibniz-gemeinschaft.de/medien/presse/pressemitteilungen/details/article/leibniz_einrichtungen_in_dresden_koelnbonn_grossbeerenerfurt_und_kuehlungsborn_evaluiert_100002394/.

11 Das IBS-Konsortium wurde für die Einführung eines integrierten Bibliothekssystems in Baden-Württemberg gegründet; beteiligt sind Universitäts-, Landes- und Hochschulbibliotheken.

12 Tweet von Martina Obst vom 10.02.2016, zuletzt geprüft am 30.03.2016, https://twitter.com/martinaobst/status/697464562510118912.

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