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Editorial

Eröffnungsrede des Vorsitzenden des Vereins Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare e.V. (VDB)

Klaus-Rainer Brintzinger

Meine Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

als Vorsitzender des Vereins Deutscher Bibliothekare freue ich mich, Sie heute am ersten Abend des diesjährigen Deutschen Bibliothekartages im Namen der beiden veranstaltenden Verbände VDB und BIB in Nürnberg begrüßen zu dürfen.

Ganz besonders willkommen heiße ich die Ehrengäste, die uns auch ihrerseits noch begrüßen werden: Herrn Bürgermeister Vogel für die Stadt Nürnberg, Herrn Staatssekretär Sibler für die Bayerische Staatsregierung und den Präsidenten der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Herrn Professor Hornegger. Neben den vielen heute Abend anwesenden Berufskolleginnen und Berufskollegen, den Vertreterinnen und Vertretern der ausstellenden Firmen und Organisationen möchte ich ganz besonders die über 400 ausländischen Gäste begrüßen, die aus 30 Ländern nach Nürnberg gekommen sind.

Es ist nicht das erste Mal, dass wir in Nürnberg zu einem Bibliothekartag zusammenkommen. Dieses erste Mal liegt schon lange zurück: Es war der 10. Bibliothekartag 1910, als sich hier 109 – größtenteils männliche – Teilnehmer versammelten.1 55 Jahre später, 1965, fand zum zweiten Male ein Bibliothekartag in Nürnberg statt; damals waren es etwas mehr als 600 Teilnehmer.2 Nun sind seitdem genau 50 Jahren vergangen – ein wahrhaft guter Grund, um heute wieder nach Nürnberg zurückzukommen. Und wenn ich mir die Teilnehmerzahlen ansehe, die sich seit dem letzten Bibliothekartag in Nürnberg etwa versechsfacht haben, dann zeigt dies, welche Bedeutung der Bibliothekartag als die zentrale bibliothekarische Fach- und Fortbildungsveranstaltung bekommen hat. Wir sind in diesem Jahr sehr gerne nach Nürnberg gekommen. Und wir können hier schon eine Tradition begründen: 1910, 1965, 2015 – bei den Abständen zwischen den Nürnberger Bibliothekartagen von jeweils einem halben Jahrhundert können wir mit vollem Recht sagen: Ein Bibliothekartag in Nürnberg ist ein – halbes – Jahrhundertereignis!

Bibliotheken – von Anfang an Zukunft! Das Motto unseres diesjährigen Bibliothekartags knüpft an unsere Tradition an. Auf die lange Tradition, die Bibliotheken haben, können wir mit Recht stolz sein. Aber Bibliotheken und Bibliothekare waren und sind immer auf die Zukunft ausgerichtet. Dies gilt selbst für die ganz traditionellen Arbeitsweisen des Sammelns und Bewahrens, die nur mit dem Blick auf die zukünftige Nutzung einen Sinn ergibt. So sind unsere heutigen Sammlungen das Ergebnis zukunftsgerichteten Handelns unserer beruflichen Vorfahren.

Doch die Zukunft hat heute noch eine ganz andere Dimension. Im Bereich des Publizierens erleben wir den größten Wandel seit 500 Jahren, und Bibliothekarinnen und Bibliothekare sind aktive Gestalter dieses Wandels. Die Rolle von Bibliotheken wie von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ist durchaus erstaunlich und war in keinem Drehbuch der Zukunft enthalten. Denke ich an meine Jugend zurück, dann waren die Zukunftsvisionen eng mit der Vorstellung von der Eroberung oder Besiedelung des Weltraums verbunden. Nichts davon ist bislang Wirklichkeit geworden. Die eigentliche technische Revolution der letzten beiden Jahrzehnte hat sich auf dem zunächst so beschaulich wirkenden Gebiet des Lesens und Schreibens vollzogen. Wie sehr sich das Publizieren und Rezipieren durch das Internet verändern würde, war bis vor kurzem weitgehend unvorstellbar. Bibliotheken sind in diesem Sinne durchaus gelebte Science Fiction.

Dieser epochale Medienwandel ist jedoch für uns jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung, und natürlich verunsichert dieser Wandel auch. Dies gilt keinesfalls nur für unseren Beruf. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller hat vor kurzem mit einem fast pessimistischen Blick auf die ungeheure Dynamik der digitalen Innovationen hingewiesen, die vor nichts Halt mache und letztendlich für alle existierenden Berufe eine große Unsicherheit darstelle.3 Eine sehr erstaunliche Anmerkung, denn Wirtschaftswissenschaftler fallen ansonsten nicht gerade durch Warnungen und Ängste vor Innovationen auf.

Wenn ich mir unseren Beruf ansehe, dann haben wir keinen Grund für Pessimismus. Bei allen Herausforderungen, die dieser große Umbruch für uns bedeutet, sind wir als Informationsspezialisten gut für den digitalen Wandel aufgestellt. Doch zur Selbstzufriedenheit haben wir keinen Anlass, wir müssen uns vielmehr Tag für Tag mit neuem Wissen auseinandersetzen und uns neue Fähigkeiten aneignen.

Und dies ist ja genau der Grund, warum wir hier in dieser Woche zusammengekommen sind. In neun Themenkreisen und über 400 einzelnen Vortragsveranstaltungen, Workshops und Arbeitssitzungen werden wir die aktuellen Trends im Bereich von Bibliotheken und Informationseinrichtungen in den nächsten drei Tagen diskutieren. Der Deutsche Bibliothekartag ist damit die größte bibliothekarische Fachtagung und Fortbildungsveranstaltung in Europa. Und – was ich besonders betonen möchte: Der Bibliothekartag ist eine Veranstaltung von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren für Kolleginnen und Kollegen. Darum ist uns, den beiden Personalverbänden als Vertretung der Bibliothekarinnen und Bibliothekare, der Bibliothekartag gerade so wichtig.

Wenn Bibliotheken sich ständig neuen Herausforderungen zu stellen haben, benötigen sie gut ausgebildete Bibliothekarinnen und Bibliothekare, und gut ausgebildete Bibliothekarinnen und Bibliothekare müssen angemessen vergütet werden. Dass – wie es derzeit der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder und der TVöD für die Kommunen vorsehen – ein Bachelorabsolvent in einer Bibliothek schlechter eingruppiert wird, als jemand, der mit einem Bachelorexamen im Einwohnermeldeamt arbeitet, kann und darf nicht länger so sein.

Erlauben Sie mir, nochmals einen Blick zurückzuwerfen: Als 1965 das letzte Mal der Deutsche Bibliothekartag in Nürnberg zusammenkam, waren Bibliotheksneubauten das zentrale Thema.4 Dies ist nun fünf Jahrzehnte her und lag damals in der Zeit, in der zahlreiche Universitäten und damit auch Bibliotheken neu gegründet und neu gebaut wurden. Heute erleben wir nun geradezu eine Renaissance des Bibliotheksbaus und wir freuen uns über neugebaute wissenschaftliche wie öffentliche Bibliotheken – in Nürnberg muss man natürlich die neue Stadtbibliothek im Bildungscampus besonders hervorheben.

Von einem Boom im Bibliotheksbau, der seltsam konträr zu den Entwicklungen der Informationstechnik stehe, spricht der Münchner Architekturhistoriker Winfried Nerdinger.5 Und die FAZ-Journalistin Inge Klöpfer titelte im letzten Frühjahr gar mit „Der irre Boom der Bibliotheken“6, um die Entwicklung der Bibliotheken in den letzten Jahren zu beschreiben. In der Tat: Was wir jeden Tag beobachten überrascht uns – wenn wir ehrlich sind – doch selbst ein wenig: Während allenthalben das Ende der Gutenberg-Galaxis ausgerufen wird, die Feuilletons sich mit apokalyptischen Szenarios von der beginnenden Analphabetisierung überschlagen, während Buchhandlungen schließen und Zeitungen ihre Ausgaben zusammenlegen, ist der Run auf Bibliotheken völlig ungebrochen. Ob Stadtbücherei, Universitätsbibliothek, Staatsbibliothek: Überall kennen wir das Phänomen, dass unsere Lesesäle, unsere Arbeitsplätze von Jahr zu Jahr voller werden – obwohl heute schon lange Öffnungszeiten am Abend, zum Teil bis Mitternacht und am Wochenende verbreitet sind. Auf dieses Thema komme ich gleich nochmals zurück.

Dieser Boom der Bibliotheken lässt sich sehr eindrucksvoll mit einer Zahl belegen: Die Deutsche Bibliotheksstatistik verzeichnet pro Jahr rund 220 Millionen Bibliotheksbesuche. Dagegen betragen die Zuschauerzahlen aller drei Fußball-Bundesligen zusammen gerade mal 21 Millionen, also nicht einmal ein Zehntel davon.

Der amerikanische Stadtsoziologe Ray Oldenburg hat 1989 in seinem Werk The Great Good Place7 eine Theorie des „dritten Ortes“ entwickelt. Menschen bräuchten nicht nur das Zuhause als ersten und den Arbeitsplatz als zweiten Ort, sondern noch einen dritten Ort, einen Ort der Begegnung und Kommunikation. Auch wenn Oldenburg diese Theorie im Kontext amerikanischer Wohnviertel entwickelt und dabei zunächst nicht an Bibliotheken gedacht hatte, so spricht vieles dafür, dass gerade Bibliotheken immer öfters diese wichtige Rolle des dritten Ortes einnehmen. Stadt- und Gemeindebibliotheken fungieren als Ort des informellen Lernens und der Wissensaneignung, aber auch als Ort des Austausches und der Kommunikation, Hochschulbibliotheken nehmen heute diese wichtige Rolle eines dritten Ortes zwischen Wohnheim und Hörsaal ein. Wenn wir durch unsere Bibliotheksräumlichkeiten gehen und sehen, dass alle Plätze besetzt sind, ja zum Teil sogar die Fensterbänke, dann ist dies der alltägliche Beweis der besonderen Attraktivität des Ortes Bibliothek. Und vielleicht kann man in diesem gemeinsamen Lesen und Lernen fast schon eine säkulare Reminiszenz an die Ursprünge der Bibliotheken in den Klöstern sehen, wo alle gemeinsam in einem Raum arbeiten, zwei Stunden sich gemeinsam konzentrieren und dann zusammen zum Essen oder zum Trinken gehen.

Doch aus aktuellem Anlass muss ich an dieser Stelle noch ein Wort anfügen zum Thema Sonntagsöffnung von Bibliotheken. Wenn Bibliotheken als Ort diese große Bedeutung bekommen haben, dann spricht doch vieles dafür, diesen Ort nicht gerade an einem Tag, an dem viele andere Orte geschlossen sind, zuzusperren. An den wissenschaftlichen Bibliotheken ist die Öffnung am Sonntag fast schon Standard. Für öffentliche Bibliotheken gibt es dagegen ein gesetzliches Verbot, sonntags zu öffnen. Natürlich wird die Frage der Sonntagsöffnung auch in unseren Kreisen kontrovers diskutiert. Doch wir sind uns alle einig, dass die Argumentation des Bundesverwaltungsgerichts vom letzten November8 völlig an der Sache vorbeigeht, wenn öffentliche Bibliotheken mit Videotheken auf eine Stufe gestellt werden und für Bibliotheken die Sonntagsöffnung kategorisch untersagt wird, während im Buchmachergewerbe – dies hat entgegen des Namens gar nichts mit Büchern, sondern ausschließlich mit Pferdewetten zu tun – die Beschäftigung an Sonn- und Feiertagen ausdrücklich zugelassen wird.

Bibliotheken sind viel mehr als nur Ausleihanstalten – wer diesen Bibliothekartag besucht, wird sich davon überzeugen!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ein Bibliothekartag bedeutet viel vorbereitende Arbeit. Dank gebührt allen unseren Unterstützern. Dazu gehört an erster Stelle das Nürnberger Ortskomitee, in dem alle Bibliotheken der Region vertreten waren. Stellvertretend dafür danke ich den Direktorinnen der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg und der Stadtbibliothek Nürnberg, den beiden Kolleginnen Konstanze Söllner und Elisabeth Sträter, für ihr großes Engagement. Mit der Organisation dieses großen Kongresses haben wir die Firma KIT beauftragt, ohne deren professionelles Management dieser Bibliothekartag nicht möglich wäre.

Besonderer Dank gilt auch den ausstellenden Firmen und den Sponsoren, deren Beitrag für das Gelingen des Bibliothekartags unverzichtbar ist. Der Bibliothekartag ist eine große Fortbildungsveranstaltung, aber es ist auch der Ort, an dem wir Bibliothekarinnen und Bibliothekare mit unseren Dienstleistern und Lieferanten ins Gespräch kommen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir tagen diese Woche in Nürnberg. Die Stadt Nürnberg sieht sich ganz besonders dem Frieden und den Menschenrechten verpflichtet. Dies ist eine bewusste Antwort auf die schwierige Rolle Nürnbergs in der jüngeren deutschen Geschichte, was uns in diesen Tagen, 70 Jahre nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft, besonders bewusst wird. Wir wollen daher das Thema Menschenrechte auch hier hervorheben und haben den Sonderberichterstatter des UNO-Menschenrechtsrats und Professor der hiesigen Universität, Heiner Bielefeldt gebeten, die Festansprache zu halten.

Meine Damen, meine Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, heute Nachmittag haben wir unsere Beratungen aufgenommen und zuvor um zwölf Uhr die Messe eröffnet. Nun kann ich auch offiziell den 104. Deutschen Bibliothekartag für eröffnet erklären.

Zitierfähiger Link (DOI): http://dx.doi.org/10.5282/o-bib/2015H4SV-IX
Autorenidentifikation:
Brintzinger, Klaus-Rainer: GND 11449925X

1 Das Protokoll erwähnt bei den sonstigen Gästen eine Frau und vier Fräuleins. Vgl. Elfte Versammlung Deutscher Bibliothekare in Nürnberg am 18. und 19. Mail 1910. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen 27 (1910), S. 20 f.

2 55. Deutscher Bibliothekartag Nürnberg: <Maschinenschriftliche> Teilnehmerliste. In: VDB-Archiv, 40.13,1 <Nürnberg 1965>.

3 Süddeutsche Zeitung v. 04.04.2015, S. 25.

4 Einladung zum 55. Deutschen Bibliothekartag in Nürnberg <gedrucktes Tagungsprogramm>. In: VDB-Archiv, 40.13,1 <Nürnberg 1965>.

5 Nerdinger, Winfried: Nachwort. In: Ders. (Hg.): Die Weisheit baut sich ein Haus. Architektur und Geschichte von Bibliotheken, München/London/New York: Prestel, 2011, S. 387–390.

6 Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 16.03.2014, S. 24.

7 Oldenburg, Ray: The great good place. Cafes, coffee shops, community centers, beauty parlors, general stores, bars, hangouts and how they get you through the day, New York, NY: Paragon, 1989.

8 BVerwG, Urt. v. 26.11.2014, Az. 6 CN 1.13.

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