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10 Jahre RFID – Was hat sich bewährt, wie geht es weiter?

Fortbildungsveranstaltung des Landesverbands Bayern

Am 17. September 2015 lud der Landesverband Bayern zur Fortbildungsveranstaltung „10 Jahre RFID – Was hat sich bewährt, wie geht es weiter?“ in die Ludwig-Maximilians Universität München ein. Die ganztägige Veranstaltung, zu der sich insgesamt 40 Personen angemeldet hatten, beschäftigte sich mit den Erfahrungen und zukünftigen Perspektiven eines RFID-Einsatzes in wissenschaftlichen Bibliotheken.1

Marianne Pohl (Stadtbibliothek München) berichtete über die Erfahrungen der Stadtbibliothek München im Einsatz von RFID. Als eine der größten öffentlichen Bibliotheken Deutschlands gehört die Stadtbibliothek München zugleich zu den Pionieren des Einsatzes von RFID in Deutschland. Frau Pohl verwies auf die paradoxe Situation, dass die Bibliotheken als einer der wichtigsten Anwender mit Blick auf die Weiterentwicklung der Technik eigentlich eine hohe Marktmacht besäßen, diese aber mangels gemeinsamen Agierens und fehlender übergreifender Projekte nicht zum Tragen käme. Stattdessen wäre auf dem Markt der RFID-Systemanbieter über die Jahre ein Konzentrationsprozess zu konstatieren, der die Auswahl- und Entscheidungsräume der Bibliotheken immer mehr einschränke. Aus der Praxis einer nunmehr zehnjährigen Anwendung an der Stadtbibliothek München betonte sie die erheblichen Rationalisierungseffekte und den damit verbundenen Personalabbau, die mit dem Einsatz von RFID in den vergangen Jahren erzielt wurden. Ein Betrieb der Bibliothek sei daher ohne RFID nicht mehr denkbar.

Marcel Rüdiger (Firma SmartTec) erläuterte anhand verschiedener Anwendungsbeispiele die Bandbreite des RFID-Einsatzes in der Industrie. Dort wird RFID vor allem in der Logistik und der Produktion zur Steuerung und Verwaltung komplexer Fertigungs- und Managementprozesse eingesetzt, welche die Arbeitsprozesse beschleunigen, die Fehleranfälligkeit reduzieren und zunehmend automatisieren. Aktuelle Entwicklungen im Bereich der Near Field Communication (Nahfeldkopplung / NFC) ermöglichen die Endnutzer in zukünftige Anwendungsfelder miteinzubeziehen. Indem die NFC-Technik bereits in eine Vielzahl moderner Smartphones integriert ist, eröffnet sie auch neue Anwendungsszenarien in Bibliotheken. Beispielsweise indem mittels RFID-Tags relevante Titel- oder Ausleihinformationen unmittelbar auf das Smartphone des Bibliotheksnutzers übertragen oder dieses als Identifikations- und Ausleihinstrument genutzt wird.

Am Beispiel der UB Stuttgart beschrieb Markus Malo den Prozess der Einführung von RFID an seiner Universitätsbibliothek. Veraltete Verwaltungsstrukturen und eine defizitäre Etatsituation verursachten immer wieder Verzögerungen beim Einsatz von RFID zur Buchsicherung und Ausleihverbuchung. Letztlich erwies sich diese von ihm konstatierte „Epochenverschleppung“ jedoch auch als ein gewisser Vorteil, da man dadurch auf eine ausgereifte Technologie zurückgreifen konnte und gesunkene Investitionskosten sowie einen generell geringeren Innovationsaufwand hatte. So erweist sich RFID im Regelbetrieb seit Dezember 2013 als wichtige Rationalisierungsmaßnahme, die der Bibliothek zusätzliche Handlungsspielräume im Personaleinsatz eröffnete und mit der Entkopplung von Service- und Öffnungszeiten längere Öffnungszeiten ermöglichte. Effekte, die dafür sprechen, den Einsatz von RFID zur Buchsicherung auch an weiteren Bibliotheksstandorten der UB Stuttgart vorzubereiten.

Bernhard Tempel (UB TIB Hannover) konzentrierte sich in seinem Vortrag auf die Anwendungsmöglichkeiten von RFID in der Benutzerverwaltung. So wurde die bisherige gemeinsame Benutzerkarte der Hannoveraner Bibliotheken (Hobsy) durch einen modernen RFID-Ausweis abgelöst, der neben der Ausweis- und Ausleihfunktion weitere Funktionalitäten wie Zugangskontrolle und Schließfunktion sowie Zahlungs- und Kopierfunktion integriert. Dabei waren unterschiedliche individuelle Anforderungsprofile der beteiligten Bibliotheken in einem gemeinsamen Kartenprofil zu integrieren. Zusätzliche Schwierigkeiten ergaben sich im Betrieb auf Seiten des RFID Systemanbieters durch technische Defekte und eine fehlerhafte Kartencodierung sowie durch die mit dem Datenschutz und der Kartensicherheit verbundenen Anforderungen. Zwar erweist sich die RFID-Ausweiskarte der Hannoveraner Bibliotheken im täglichen Betrieb mittlerweile als zuverlässig, doch hat die RFID-Technik auch ihren Preis. Dieser liegt pro Benutzerausweis um das drei- bis fachfache über den traditionellen Barcodekarten.

Die Zusammenführung verschiedener Bibliotheksbestände an neuen Standorten wie dem Grimm-Zentrum und dem Campus Nord waren der äußere Anlass, um 2009 – mit Hilfe von EU-Fördermitteln – RFID zur Ausleihverbuchung an der Bibliothek der Humboldt Universität einzusetzen. Christian Winterhalter skizzierte in seinem Vortrag die wichtigsten Maßnahmen der RFID-Einführung und zog dabei eine positive Bilanz ihres mehrjährigen Einsatzes. So werden mittlerweile 85 % aller Ausleihen über RFID-Ausleihautomaten abgewickelt. Auch können Bücher an drei Standorten an Abholautomaten abgeholt werden. Gleichzeitig war der Einsatz der RFID-Technik ein weiterer Baustein, das Image der Bibliothek als innovativer und leistungsstarker Instanz der Wissenschaftsinfrastruktur zu verbessern. Weitere Schritte wie die Etablierung neuer Bezahlfunktionalitäten mittels NFC-Technologie sollen in den kommenden Jahren folgen. Neben allen, bereits aus anderen Vorträgen bekannten, Rationalisierungseffekten wurde allerdings auch die Problematik einer ständigen Innovationsbereitschaft betont, die von den betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht nur als Herausforderung, sondern mitunter auch als Bedrohung ihres Arbeitsumfeldes empfunden wird.

Charlotte Bauer (UB Leipzig) berichtete abschließend über die Einführung von RFID und deren Auswirkung auf die Geschäftsgänge und die Personalentwicklung an der UB Leipzig. Auch hier konnte im Rahmen eines mit EU-Mitteln geförderten Projekts Ausleihe und Rückgabe mittels RFID automatisiert und in deren Folge der Personaleinsatz optimiert werden. So waren deutliche Serviceverbesserungen wie eine 24h-Öffnung an einzelnen Standorten nur dank einer RFID-Selbstbedienungsausleihverbuchung möglich. Die Einführung von RFID wurde auch zur Umsetzung eines neuen Servicekonzepts genutzt, indem Geschäftsabläufe angepasst und die architektonische Gestaltung der Bibliothek durch eine Reduzierung der Ausleih- und eine Vergrößerung der Nutzungsbereiche verändert wurde. Die RFID-Einführung wurde dabei durch intensive Schulungs- und Ausbildungsangebote begleitet, die auch dazu dienten, etwaige Vorbehalte bei betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Ausleinbereichs gegen die Selbstverbuchung abzubauen. Die mit RFID an der UB Leipzig einhergehenden Service- und Nutzungsverbesserungen treffen auf eine hohe Akzeptanz der Nutzerinnen und Nutzer und haben mit dazu beigetragen, die Position der Bibliothek innerhalb der Universität zu stärken.

Eine intensive Diskussion rundete die Fortbildungsveranstaltung ab. Kritisch angemerkt wurde dabei die stetige Marktkonzentration auf Anbieterseite. Auch wurde eine Bündelung der Bibliotheksinteressen vermisst, wie es sie in der Erwerbung mit den Konsortien schon länger gibt. Sind die Perspektiven der RFID-Technik nach 10 Jahren Einsatz ausgereizt oder können neuere Entwicklungen im Bereich der Near Field Communication das Spektrum der Anwendungen noch einmal signifikant erweitern? Zwar waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Vorzüge von RFID im Bereich der Selbstverbuchung, Buchsicherung und Benutzerverwaltung weitgehend einig, eine Einschätzung zukünftiger Perspektiven musste jedoch, auch in Anbetracht aktuell fehlender Modellprojekte, noch offen bleiben.

Rainer Plappert, UB Erlangen-Nürnberg

Zitierfähiger Link (DOI): http://dx.doi.org/10.5282/o-bib/2015H4S321-323

1 Die Folien der Fortbildung können auf dem Server des VDB unter der Adresse http://www.vdb-online.org/veranstaltungen/690/ (3.12.2015) aufgerufen werden.

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