obib_2015-4_5-1_Doerpinghaus-Tappenbeck

Informationskompetenz

Informationskompetenz neu erfinden: Praxis, Perspektiven, Potenziale

Ulrich Meyer-Doerpinghaus, Hochschulrektorenkonferenz
Inka Tappenbeck, Technische Hochschule Köln

Zusammenfassung:

Im Jahr 2012 forderte die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in ihren Empfehlungen „Hochschule im digitalen Zeitalter“ dazu auf, Informationskompetenz neu zu begreifen und die Praxis der Vermittlung von Informationskompetenz an den Hochschulen auf den gesamten Prozess von Lehre und Forschung auszuweiten. Die Rektor/inn/en und Präsident/inn/en der deutschen Hochschulen setzten damit das Thema ganz oben auf ihre Agenda. Der vorliegende Beitrag stellt anhand ausgewählter Praxisbeispiele dar, wie die Bibliotheken bisher auf diese Anforderungen reagiert haben und welche praktischen Konzepte und konkreten Ansätze der Umsetzung dieses erweiterten Verständnisses von Informationskompetenz in der Praxis erkennbar sind. Ferner werden Perspektiven und Potenziale für die zukünftige Entwicklung in diesem Bereich aufgezeigt.

Summary:

In its recommendations “Universities in the digital age” from 2012, the German Rectors’ Conference (HRK) called for a new understanding of information literacy. The practice of teaching information literacy at universities should be expanded to include all processes of teaching and research. The rectors of the German universities put the issue on the top of their agenda. On the basis of selected case studies, this paper illustrates how libraries have responded to these demands so far and what concepts and practical approaches in implementing this expanded understanding of information literacy can be identified in current practice. Furthermore, prospects and potentials for future development in this area are discussed.

Zitierfähiger Link (DOI): http://dx.doi.org/10.5282/o-bib/2015H4S182-191
Autorenidentifikation:
Meyer-Doerpinghaus, Ulrich: GND 1076492622;
Tappenbeck, Inka: GND 121248496
Schlagwörter:
Wissenschaftliche Bibliothek; Informationskompetenz

1. Impulse für die Neuausrichtung

Im Jahr 2012 forderte die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in ihren Empfehlungen „Hochschule im digitalen Zeitalter“1 dazu auf, Informationskompetenz neu zu begreifen und die Praxis der Vermittlung von Informationskompetenz an den Hochschulen auf den gesamten Prozess von Lehre und Forschung auszuweiten. Damit wiesen die Rektor/inn/en und Präsident/inn/en der deutschen Hochschulen den Bibliotheken ihrer Einrichtungen eine neue, sämtliche Prozesse in Forschung und Lehre tragende Rolle zu. Hintergrund dieser Forderung war der massiv gestiegene Bedarf insbesondere der Wissenschaftler/innen und Studierenden an Unterstützung im Umgang mit digitalen Daten, Instrumenten und Infrastrukturen, die heute in vielen Disziplinen zum festen Bestandteil der wissenschaftlichen Praxis geworden sind.

Dieser „Wandel der Informationspraxis“2 in den Wissenschaften macht es notwendig, neu über die Ausrichtung der bibliothekarischen Dienstleistungen für Lehre, Forschung und Studium nachzudenken. Dies gilt auch für die Angebote der wissenschaftlichen Bibliotheken zur Vermittlung von Informationskompetenz. Neue Herausforderungen wie bspw. das Management von Forschungsdaten, der Umgang mit virtuellen Forschungsumgebungen, die Kenntnis und Nutzung der verschiedenen Varianten des elektronischen Publizierens einschließlich der damit berührten Thematik des Open Access, das Wissen um die Grundzüge des wissenschaftlichen Urheberrechts, aber auch Scientometrie und die Anforderungen an gute wissenschaftliche Praxis sollten vermehrt Eingang in die bibliothekarischen Schulungsprogramme finden. Derzeit, so das Ergebnis einer Analyse von Horstmann, Jahn und Schmidt, vermitteln die Bibliotheken jedoch vor allem konventionelle Inhalte. Die Autor/inn/en kommen in ihrer Untersuchung zu der Diagnose einer Entkopplung der zunehmend technik- und datenintensiven Informationspraxis in den Wissenschaften von der Schulungspraxis der Bibliotheken.3 Zugleich aber sollten die Bibliotheken – auch dies eine Forderung der HRK-Empfehlung – die Wissenschaftler/innen mehr als bisher mit ihren Dienstleistungen in allen Phasen des Forschungsprozesses aktiv unterstützen. Gleichlautende Forderungen kommen aus dem internationalen Bereich: „It is clear that as the nature of research within our institutions changes, so must the role of the library in supporting research.”4 Aber was bedeutet diese Forderung konkret für den Aufgabenbereich der Vermittlung von Informationskompetenz? Welche Schulungsinhalte und -formate sind geeignet, um adäquat auf die neuen Herausforderungen zu reagieren? Und gibt es in der aktuellen Praxis der Bibliotheken bereits Ansätze und Beispiele für ihre Umsetzung?

2. Wegweisende Praxisbeispiele

Im Folgenden wird anhand ausgewählter Praxisbeispiele gezeigt, wie Bibliotheken bisher auf die genannten Anforderungen reagiert haben und welche praktischen Konzepte und konkreten Ansätze der Umsetzung dieses neuen, erweiterten Verständnisses von Informationskompetenz in der Praxis bereits erkennbar sind. Dabei wird deutlich, dass die Diagnose einer Entkopplung der Informationspraxis in Wissenschaft und Bibliothek zu relativieren ist und wissenschaftliche Bibliotheken auch in Deutschland auf dem Weg sind, Informationskompetenz – im von der HRK geforderten Sinne – neu zu begreifen und zu vermitteln.5

So bietet etwa die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) Dresden ihren Nutzer/inne/n nicht nur Kurse an, in denen Kenntnisse und Fähigkeiten in Themengebieten wie u.a. dem Recherchieren, Publizieren, der Literaturverwaltung und der Textverarbeitung vermittelt werden, sie verfügt mit der „Wissensbar“6 seit dem Jahr 2013 auch über ein umfassendes, strukturiertes Angebot von individuellen Beratungsleistungen zu eben den von Wissenschaftler/inne/n und Bibliothekar/inn/en explizit geforderten neuen Themenbereichen. Dieses im Jahr 2014 von der Gemeinsamen Kommission Informationskompetenz von VDB und dbv im Rahmen des Best-Practice-Wettbewerbs zum Thema „Vermittlung von Informationskompetenz an fortgeschrittene Studierende, Promovierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“ mit einem ersten Preis ausgezeichnete Konzept umfasst Angebote aus den Bereichen Schreiben/Publizieren, Lernen/Forschen und Technik/Technologien. Dazu zählen im Bereich Schreiben/Publizieren konkret die Themen Informationsvisualisierung, elektronisches Publizieren, Open Access, Bibliometrie, Forschungsdaten und wissenschaftliches Schreiben. Im Bereich Lernen/Forschen gibt es u.a. Beratungsangebote zur Nutzung von Web-2.0-Tools im Rahmen des wissenschaftlichen Arbeitens, zur thematischen Recherche in unterschiedlichen fach- bzw. medienspezifischen Quellen und zu virtuellen Forschungsumgebungen. Der Bereich Technik/Technologien umfasst Themen wie Sicherheit im Internet und Langzeitarchivierung. Mit diesem inhaltlichen Programm reagiert die SLUB Dresden erkennbar auf die Veränderungen der Informationspraxis in den Wissenschaften. Darüber hinaus hat sie mit der „Wissensbar“ aber auch ein attraktives Modell des Zugriffs auf ihre Angebote realisiert: Diese können ein Beratungsgespräch bei den für die einzelnen Bereiche zuständigen Personen direkt online buchen. Die Anmeldung erfolgt über ein Web-Formular, in dem die Nutzer/innen ihren individuellen Beratungsbedarf genau benennen können. Bei der Buchung hat er/sie die Auswahl zwischen einer persönlichen, einer telefonischen oder einer Beratung via Skype. Damit vereinigt die „Wissensbar“ der SLUB Dresden ein auf die aktuellen Bedarfe der Wissenschaftler/innen zugeschnittenes Spektrum an Themen, attraktive Vermittlungsformate und komfortable Zugriffsmöglichkeiten.

Neben diesem in Form und Umfang sicher besonders beeindruckenden Beispiel finden sich aber auch an anderen Bibliotheken innovative Konzepte: Die Technische Informationsbibliothek/Universitätsbibliothek Hannover bietet u.a. Workshops für Fortgeschrittene zum Themenspektrum „Digitales Publizieren und Open Access“ an.7 An der Bibliothek der RWTH Aachen existieren neben zahlreichen Kursangeboten zu verschiedenen Aspekten der Informationskompetenz ebenfalls differenzierte Service- und Beratungsangebote für Forschende zu den Themen elektronisches Publizieren, Bibliometrie und Forschungsdatenmanagement.8 Auch die Universitätsbibliothek Heidelberg verfügt über ein beeindruckendes Spektrum an Kursen und Tutorials für verschiedene Zielgruppen, darunter zu aktuellen Themen wie elektronisches Publizieren, Plagiaterkennung, Social Media, Forschungsdatenmanagement, Bibliometrie, Open Science und Urheberrecht.9 Die Bibliothek des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) bietet neben diversen Schulungsangeboten, Coffee Lectures und E-Learning-Angeboten mit dem Onlinekurs „Informationskompetenz − methodisch planen, recherchieren und schreiben“ ein flexibel zu absolvierendes Angebot mit tutorieller Betreuung und Unterstützung bei konkreten Übungsaufgaben für Studierende und Promovierende der Natur- und Ingenieurwissenschaften, das in Verbindung mit dem House of Competence des KIT entwickelt wurde.10 Auch die Universitäts- und Landesbibliothek Münster bietet zielgruppenspezifische Kurse und Beratungsangebote an, z.B. für Wissenschaftler/innen in den Bereichen Forschungsdatenmanagement, elektronisches Publizieren und Open Access sowie Digitalisierung.11 Ebenso unterstützt die Universitätsbibliothek Freiburg ihre Nutzer nicht nur durch ein breites Spektrum an allgemeinen und fachlichen Schulungsangeboten, sondern bietet ebenfalls Beratung und Service in den Bereichen Medienproduktion, Forschungsunterstützung (u.a. virtuelle Forschungsumgebungen) sowie elektronisches Publizieren.12

Schon dieser kursorische Überblick zeigt, dass einige wissenschaftliche Bibliotheken bereits auf die neuen Anforderungen reagieren und neue Schulungs- und Beratungsangebote in den geforderten Themenbereichen aufgesetzt haben und bereitstellen. Insbesondere im Bereich des digitalen Publizierens existieren an vielen größeren wissenschaftlichen Bibliotheken elaborierte Schulungs- und Beratungsangebote. Nur vereinzelt gibt es dagegen bislang Angebote zum Forschungsdatenmanagement und zum Umgang mit speziellen digitalen Werkzeugen in der Forschung. Hier besteht also weiterhin Entwicklungsbedarf.

Insgesamt ist die dargestellte Entwicklung aus Sicht der Hochschulrektorenkonferenz jedoch sehr zu begrüßen und es ist zu hoffen, dass die genannten vorbildlichen Praxisbeispiele zur Vorlage für entsprechende Entwicklungen auch an anderen Bibliotheken werden. Darüber hinaus bietet auch ein Blick ins Ausland Anregungen für die Weiterentwicklung im Bereich der Vermittlung von Informationskompetenz an wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland.

3. Blick ins Ausland

An der Bibliothek der Universität Lincoln13 gelingt es in besonderer Weise, Dienstleistungen, Beratungsangebote und Schulungen im Rahmen eines ganzheitlichen Modells der Förderung von Informationskompetenz zu integrieren.14 Diesem Modell liegt die Betrachtung des Forschungsprozesses als „research content ecology“ zugrunde: Alle Arbeitsprozesse, von der Entwicklung der Forschungsfrage bis hin zur Publikation und Archivierung der Ergebnisse, werden dabei als zusammenhängender Prozess begriffen. Die Aufgabe der Bibliothek ist es, in allen diesen Arbeitsschritten des Forschungsprozesses Präsenz zu zeigen und bedarfsspezifische Angebote zu adressieren. Dazu begleitet ein aus Wissenschaftler/inne/n und Bibliothekar/inn/en zusammengesetztes „Library, Teaching and Learning Team“ die Studierenden, Graduierten und Doktoranden während ihrer Ausbildungsweges an der Universität und unterstützt sie situationsspezifisch mit Angeboten zur Informationskompetenz und zum wissenschaftlichen Arbeiten, aber auch bei der Karriereplanung. Dieses Team arbeitet eng mit dem „Research Office“ der Bibliothek zusammen, das Schulungen, Beratungen und Services für Fortgeschrittene anbietet.

Eine zentrale Funktion haben in diesem Szenario die Subject Librarians der Bibliothek, die sich den Studierenden und Wissenschaftler/inne/n der Universität Lincoln als „your first contact for research“15 empfehlen. Ihre Leistungen umfassen Schulungen, Beratungen und Services bis hin zu fachspezifischem „Research Support“. Betont wird dabei explizit ihre Schnittstellenfunktion zwischen den Fakultäten und der Bibliothek. Dieses Selbstverständnis der Fachreferent/inn/en als Liaison Librarian, als Bindeglied zwischen Bibliothek und Wissenschaft, ist Ausdruck eines Konzepts von Fachreferatsarbeit, in dessen Zentrum nicht mehr der Bestand steht, sondern die Nutzer/innen mit ihrem je individuellen Bedarf. Auf diese Weise ergänzen die Subject Librarians die Arbeit des „Library, Teaching and Learning Teams“ und des „Research Office“. Durch dieses integrierte System aus allgemeinen und fachbezogenen Dienstleistungen sowie Schulungs- und Beratungsangeboten am jeweiligen „point of need“ der Zielgruppe wird die Bibliothek zu einem Raum, der die Entwicklung von Informationskompetenz durch vielfältige, sich ergänzende und verstärkende Lernerfahrungen aktiv fördert.

4. Entwicklungsperspektiven

Für die weitere Entwicklung im Kontext der Vermittlung von Informationskompetenz lassen sich folgende Handlungsfelder benennen:

Inhaltliche Ausweitung: Die bibliothekarischen Angebote im Bereich der Vermittlung von Informationskompetenz sollten – entsprechend der Veränderung der Informationspraxis in den Wissenschaften – insbesondere in folgenden Bereichen erweitert werden: Forschungsdatenmanagement, virtuelle Forschungsumgebungen, elektronisches Publizieren (einschließlich Open Access), Bibliometrie/Scientometrie, digitale Werkzeuge (einschließlich Social Media), Wissen um die Grundlagen des Urheberrechts sowie die Anforderungen an gute wissenschaftliche Praxis. Ferner ist insbesondere für die Zielgruppe der Postgraduierten und Forschenden ein auf die fachlichen Besonderheiten zugeschnittenes Angebot attraktiv.

Methodische Differenzierung: Neben klassischen Präsenzschulungen sollten vermehrt auch individuelle Beratungsangebote nach dem Modell der „Wissensbar“ der SLUB Dresden sowie alternative Formate wie die Coffee Lectures der KIT-Bibliothek realisiert und direkt mit Dienstleistungen zur Unterstützung des Forschungsprozesses kombiniert werden. Im Bereich des E-Learning eignen sich neben klassischen Tutorials ebenfalls Lehrvideos und Webinare, um die verschiedenen Zielgruppe zu erreichen.

Ganzheitliche Sichtweise: Informationskompetenz lässt sich nicht allein in Lehrveranstaltungen erwerben. Sie kann nur in einem Kontext angeeignet werden, der vielfältige, einander ergänzende Erfahrungsmöglichkeiten bietet. Bezogen auf den Lernraum Bibliothek gehört dazu – neben Schulungsangeboten – die konsequent an diesem Ziel ausgerichtete Gestaltung der Bibliothek als physischer und virtueller Raum, der Serviceangebote wie Auskunft und Beratung, der technischen Schnittstellen wie OPACs und Discovery Systeme, der Erschließung und Verfügbarmachung von Informationen sowie der Websites der Bibliothek.16 Die Diskussion über die Förderung von Informationskompetenz sollte sich daher nicht auf Schulungen beschränken, sondern die Bibliothek als Ganzes einbeziehen, von der Raumgestaltung über die Medienbearbeitung und -präsentation bis zu den einzelnen Servicebereichen.

Stärkung und Veränderung der Rolle und Aufgabengebiete der Fachreferent/inn/en: Während die klassischen Aufgabengebiete des Fachreferats – Erwerbung, Bestandsentwicklung und Erschließung – mehr und mehr an Bedeutung verlieren, steigt der Bedarf an fachbezogener Unterstützung der Studierenden und Wissenschaftler/innen im Umgang mit den digitalen Objekten, Infrastrukturen, Instrumenten und Produkten ihrer Arbeit. Hier liegen wichtige Zukunftsfelder der Fachreferatsarbeit, die sich, wie am Beispiel der Bibliothek der Universität Lincoln gezeigt, dazu jedoch nach dem Konzept des „Liaison Librarian“ als Bindeglied zwischen Fachwissenschaft und Bibliothek neu konstituieren muss. Der fachbezogenen Vermittlung von Informationskompetenz, die bereits heute von vielen Fachreferent/inn/en als wichtiger Teil ihrer Arbeit begriffen und praktiziert wird, sollte dabei zukünftig noch mehr Bedeutung zugemessen werden.

5. Neuausrichtung der bibliothekarischen Qualifikation: MALIS an der TH Köln17

Diese Veränderungen können nur realisiert werden, wenn sich auch die bibliothekarische Ausbildung an den geforderten Maßgaben ausrichtet. Auch vor diesem Hintergrund wurde im Jahr 2015 das Studiengangkonzept des berufsbegleitenden Masterstudiengangs MALIS (Master in Library and Information Science)18 reformiert, sodass ab dem Sommersemester 2016 verschiedene Wahlpflichtmodule zu den geforderten Themenbereichen fester Bestandteil des Curriculums sind.

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Alle Wahlpflichtmodule sind im dritten Studiensemester angesiedelt. Sie haben einen Workload von je 120 Stunden und ermöglichen den Erwerb von je 4 ECTS. Zur Auswahl stehen den Studierenden folgende Themenbereiche, aus denen jeder Studierende zwei Bereiche auswählen muss:

T1: Wissenschaftliche Dienstleistungen für Lehre und Forschung / Fachreferat

T2: Strategische Positionierung einer Öffentlichen Bibliothek

T3: E-Science und Forschungsdatenmanagement

T4: Digitalisierung und Langzeitarchivierung

T5: Rechtsfragen und Ethik in der Berufspraxis

T6: Vermittlung von Informationskompetenz

T7: Aktuelle Entwicklungen der Wissenschaftspolitik

T8: Bibliotheks- u. Organisationskonzepte im Spiegel von Raum und Bau

T9: Aktuelle Themen und Entwicklungen

Die Lehrveranstaltungen der Module werden in Kooperation mit renommierten Vertreter/inne/n der bibliothekarischen Praxis realisiert, sodass gewährleistet ist, dass die Studierenden nicht nur die theoretische Seite der unterschiedlichen Themenfelder kennenlernen, sondern auch von der fundierten Erfahrung der im Studiengang lehrenden Berufspraktiker/innen profitieren können.

Exemplarisch soll dies hier anhand der Wahlpflichtmodule T1 und T6 gezeigt werden. Das Grundverständnis der Moduls T1 „Wissenschaftliche Dienstleistungen für Lehre und Forschung / Fachreferat“ entspricht dem oben am Beispiel der Bibliothek der Universität Lincoln dargestellten Konzept des Fachreferenten als „Liaison Librarian“: „Wissenschaftliche Dienstleistungen für Lehre und Forschung an wissenschaftlichen Bibliotheken (Hochschulbibliotheken, wissenschaftlichen Spezialbibliotheken) gehen heute weit über die des klassischen Fachreferats hinaus. In den Vordergrund treten fachliche und strukturelle Dienstleistungen, die unter Einbeziehung digitaler Ressourcen und Arbeitsumgebungen realisiert und in die fachspezifische Informationsberatung integriert werden. Gegenstand des Moduls sind sowohl die fachspezifischen und strukturellen Aspekte wie die zu ihrer Vermittlung erforderlichen Beratungskompetenzen.“19 Um den Praxisbezug dieses Konzepts abzusichern, wurde die inhaltliche Gestaltung des Moduls bereits im Vorfeld der Planungen mit der VDB-Kommission für Fachreferatsarbeit20 diskutiert. Neben dem klassischen Aufgabenspektrum der Fachreferatsarbeit (Erwerbung und Bestandsentwicklung, Erschließung) umfasst es auch die fachliche Informationsvermittlung sowie die Vermittlung von Informationskompetenz. Ergänzt werden diese grundständigen Themen durch aktuell geforderte Aspekte wie u.a. Publikationsdienstleistungen, virtuelle Forschungsumgebungen und Forschungsdatenmanagement. Sowohl für die Themen aus dem klassischen Spektrum der Fachreferatsarbeit als auch für die neueren, technikaffinen Themen des Moduls konnten renommierte Vertreter/innen der bibliothekarischen Praxis als Lehrende gewonnen werden.

Auch im Modul T6 „Vermittlung von Informationskompetenz“ steht die Praxis im Vordergrund: „Inhalt des Moduls sind neben den einschlägigen Konzepten der Informationskompetenz vor allem didaktische und methodische Aspekte ihrer Vermittlung und deren praktische Anwendung.“21 Neben den Grundlagen der Informationskompetenz geht es hier vor allem um die didaktischen Grundlagen und die methodische Gestaltung von Schulungsveranstaltungen, um Fragen des Medieneinsatzes und um Verfahren für die Leistungsmessung und Evaluation. Auch in diesem Modul unterstützen ausgewiesene Expert/inn/en aus der Praxis die Lehre.

Alternativ zur Belegung von zwei der oben ausgewiesenen Wahlpflichtmodule (T1 – T9) haben die Studierenden im Rahmen des MALIS-Studiengangs auch die Möglichkeit, den Zertifikatskurs „Teaching Librarian“ des Zentrums für Bibliotheks- und Informationswissenschaftliche Weiterbildung der TH Köln als Wahlpflichtleistung zu absolvieren, in dem ebenfalls Lehrende aus Hochschule und Praxis beteiligt sind.22

6. Fazit

Die dargestellten Entwicklungen lassen klar erkennen, dass die wissenschaftlichen Bibliotheken die an sie adressierten Anforderungen annehmen und neue Schulungs- und Beratungsformate sowie Services zur Unterstützung der Studierenden und Wissenschaftler/innen entwickeln. Auch die Ausbildungseinrichtungen reagieren erkennbar auf die neuen Bedarfe und reformieren, wie am Beispiel der TH Köln gezeigt, ihre Curricula auf entsprechende Weise. Eine für die Zukunft entscheidende Fragestellung besteht – neben den oben aufgeführten Entwicklungsperspektiven – darin, wie das Leitziel bibliothekarischen Handelns angesichts der neuen Herausforderungen definiert werden kann. Was ist die Kernaufgabe wissenschaftlicher Bibliotheken unter den Bedingungen eines relativen Bedeutungsverlustes des lokalen Bestandes auf der einen und eines gestiegenen Bedarfs der Studierenden und Wissenschaftler/innen an Unterstützung im Umgang mit Informationen auf der anderen Seite? Der Vorschlag, die Ermöglichung des Erwerbs von Informationskompetenz als ein solches Leitziel zu definieren,23 verdient es, ernst genommen und diskutiert zu werden. Dies ergibt sich auch aus der von der HRK beschriebenen neuen strategischen Herausforderung der „Hochschule im digitalen Zeitalter“: Die Hochschulen können nur dann ihr hohes Niveau in Forschung und Lehre aufrechterhalten, wenn sie sich auf die Herausforderungen und Chancen einlassen, die sich aus der zunehmenden Digitalisierung ergeben. Auf dem Weg zur „Hochschule im digitalen Zeitalter“ kommt den Hochschulbibliotheken und besonders der dort gelebten neuen Informationspraxis eine Schlüsselstellung zu.

Literaturverzeichnis

Auckland, Mary: Re-skilling for research. An investigation into the role and skills of subject and liaison librarians required to effectively support the evolving information needs of researchers, 2012. http://www.rluk.ac.uk/wp-content/uploads/2014/02/RLUK-Re-skilling.pdf (15.10.2015).

Hochschule im digitalen Zeitalter: Informationskompetenz neu begreifen – Prozesse anders steuern. Entschließung der 13. Mitgliederversammlung der HRK am 20. November 2012 in Göttingen, 2012. http://www.hrk.de/uploads/tx_szconvention/Entschliessung_Informationskompetenz_20112012_01.pdf (15.10.2015).

Horstmann, Wolfram; Jahn, Najko; Schmidt, Birgit: Der Wandel der Informationspraxis in Forschung und Bibliothek. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 62 (2015), H. 2, S. 73–79.

Modulhandbuch des Masterstudiengangs Bibliotheks- und Informationswissenschaft. https://www.th-koeln.de/mam/downloads/deutsch/studium/studiengaenge/f03/bib_inf_ma/malis_modulhandbuch_mai_2015.pdf (15.10.2015).

Schoenbeck, Oliver: Informationskompetenz als Gestaltungsaufgabe. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 62 (2015), H. 2, S. 85–93.

Steiner, Katrin: Forschungsdatenmanagement und Informationskompetenz: neue Entwicklungen in Hochschulbibliotheken Neuseelands. Fachhochschule Köln, 2013. http://publiscologne.fh-koeln.de/frontdoor/index/index/docId/311 (15.10.2015).

1 Hochschule im digitalen Zeitalter: Informationskompetenz neu begreifen – Prozesse anders steuern. Entschließung der 13. Mitgliederversammlung der HRK am 20. November 2012 in Göttingen. http://www.hrk.de/uploads/tx_szconvention/Entschliessung_Informationskompetenz_20112012_01.pdf (15.10.2015).

2 Horstmann, Wolfram; Jahn, Najko; Schmidt, Birgit: Der Wandel der Informationspraxis in Forschung und Bibliothek. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 62 (2015), H. 2, S. 73–79.

3 Horstmann (u.a.): Der Wandel der Informationspraxis in Forschung und Bibliothek (wie Anm. 2), S. 75.

4 David Prosser: Preface. In: Auckland, Mary: Re-skilling for research. An investigation into the role and skills of subject and liaison librarians required to effectively support the evolving information needs of researchers. 2012, S. 1. http://www.rluk.ac.uk/wp-content/uploads/2014/02/RLUK-Re-skilling.pdf (15.10.2015).

5 Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die Informationen zum Schulungs- und Beratungsangebot, die die genannten Bibliotheken auf ihren Websites präsentierten. Mit dieser Darstellung ist kein Vollständigkeitsanspruch verbunden.

6 Wissensbar. SLUB Dresden. http://www.slub-dresden.de/service/wissensbar/ (15.10.2015).

7 Digitales Publizieren und Open Access. Technische Informationsbibliothek/Universitätsbibliothek Hannover. http://www.tib.uni-hannover.de/de/beratung-und-service/digitales-publizieren-und-open-access.html (15.10.2015).

8 Wissenschaftliches Publizieren. Universitätsbibliothek der RWTH Aachen. http://www.ub.rwth-aachen.de/forschung/wissenschaftliches_publizieren/ (15.10.2015).

9 Schulungen und Lernangebote. Universitätsbibliothek Heidelberg. http://www.ub.uni-heidelberg.de/schulung/Welcome.html (15.10.2015).

10 E-Learning. KIT-Bibliothek. Karlsruher Institut für Technologie. http://www.bibliothek.kit.edu/cms/e-learning.php (15.10.2015).

11 Wissenschaftler. Universitäts- und Landesbibliothek Münster. http://www.ulb.uni-muenster.de/wissenschaftler/index.html (15.10.2015).

12 Unterstützung. Universitätsbibliothek Freiburg. https://www.ub.uni-freiburg.de/ (15.10.2015).

13 The Library. University of Lincoln. http://library.lincoln.ac.uk/ (15.10.2015).

14 Eine ausführliche Darstellung des Programms der Bibliothek der Universität Lincoln findet sich in: Steiner, Katrin: Forschungsdatenmanagement und Informationskompetenz: neue Entwicklungen in Hochschulbibliotheken Neuseelands, Fachhochschule Köln, 2013. http://publiscologne.fh-koeln.de/frontdoor/index/index/docId/311 (15.10.2015).

15 Academic Subject Librarians. The Library. University of Lincoln. http://library.lincoln.ac.uk/home/learning-teaching/academic-subject-librarians/ (15.10.2015).

16 Vgl. Schoenbeck, Oliver: Informationskompetenz als Gestaltungsaufgabe. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 62 (2015), H. 2, S. 87.

17 „TH Köln. Technology Arts Sciences“ ist seit dem 1. September 2015 der Name der bis dahin als „Fachhochschule Köln“ bekannten Hochschule. https://www.th-koeln.de/ (15.10.2015).

18 Bibliotheks- und Informationswissenschaft / MALIS (Master in Library and Information Science). TH Köln. https://www.th-koeln.de/studium/bibliotheks--und-informationswissenschaft-master_3202.php (15.10.2015).

19 Modulhandbuch des Masterstudiengangs Bibliotheks- und Informationswissenschaft, 2015, S. 36. https://www.th-koeln.de/mam/downloads/deutsch/studium/studiengaenge/f03/bib_inf_ma/malis_modulhandbuch_mai_2015.pdf (15.10.2015).

20 Kommission für Fachreferatsarbeit des VDB. http://www.vdb-online.org/kommissionen/fachreferat/ (15.10.2015).

21 Modulhandbuch des Masterstudiengangs Bibliotheks- und Informationswissenschaft (wie Anm. 19), S. 40.

22 TH Köln, Zentrum für Bibliotheks- und Informationswissenschaftliche Weiterbildung: Zertifikatskurs „Teaching Librarian“. https://www.th-koeln.de/weiterbildung/zertifikatskurs-teaching-librarian_9840.php (15.10.2015).

23 Vgl. Schoenbeck: Informationskompetenz als Gestaltungsaufgabe (wie Anm. 16), S. 86.

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