Zu Artikeldetails zurückkehren Planung von Hochschulbibliotheken - Tagungsbericht
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Tagungsberichte

Planung von Hochschulbibliotheken

Im Frühjahr 2013 erschien in der Kulturzeitschrift „Lettre International“ unter dem Titel „Bibliothek und Internet. Die Identitätskrise einer Institution im digitalen Informationszeitalter“1 ein Artikel, welcher sich wie ein Schwanengesang auf die Berufsgruppe der Hochschulbibliothekarinnen und -bibliothekare liest: Spielball gleichsam der vielfältigen Paradigmenwechsel in der zunehmend digital funktionierenden Wissenschaftswelt, sucht sie sich zwar neue, vermeintlich existenzsichernde Zukunftsfelder zu erschließen, büßt aber in der Konfrontationsstellung zu einem stark autonom agierenden Benutzer („Selbstermächtigung des Nutzers“) ihre Rolle als „Intermediär“ ein.2 Wenn sodann Information nicht mehr des physischen Ortes bedarf, muss sich die Bibliothek neu erfinden, etwa „als ein multimedial verstärktes Starbucks (…); bestimmt von Funktionen, die mit ihren Beständen und ihren bestandsbezogenen Vermittlungsleistungen nur noch wenig zu tun haben.“3 Zukunft hätten bestimmt nicht alle, aber manche Bibliotheken – und hier denken die Autoren nicht ganz zufällig besonders an jene Einrichtungen wie Staats-, Landes- und Forschungsbibliotheken, die über alte und kostbare Bestände oder Sondersammlungen verfügen und als Stätten des menschlichen Kulturerbes in vielerlei Hinsicht Alleinstellungsmerkmale besitzen.

Die pointiert geschriebene Kulturkritik hat wenig Resonanz in der Bibliothekswelt hervorgerufen, vielleicht, weil sie an etwas entlegener Stelle publiziert wurde, vielleicht aber auch deshalb, weil der hier artikulierte Pessimismus an der Vitalität moderner Hochschulbibliotheken schlicht abprallt.

Es ist ein Gemeinplatz: Bibliotheken müssen sich in einer fundamental veränderten Umgebung behaupten, die Selbstverständlichkeiten der Vergangenheit sind passé. Immer weniger bestimmen Bibliotheken Standards und Methoden, vielmehr sind sie einer Dynamik unterworfen, die alle strategischen Felder bibliothekarischen Handelns betrifft. Wieviel Innovationskraft Hochschulbibliotheken im digitalen Zeitalter eignet, wie sie die analoge und die digitale Welt synchronisieren, mit welchen Ideen, Projekten und Angeboten sie auf die Bedürfnisse von Lernenden, Lehrenden und Forschenden antworten und damit auch und gerade auf dem angeblich verlorenen Terrain von E-Books bis Open Access Akzente setzen, zeigen zahlreiche gelungene Beispiele aus der Praxis, aber auch herausragende Publikationen, in denen die Kernfragen nach der Existenzberechtigung von (Hochschul-)Bibliotheken auf hohem theoretischen Niveau ebenso wie anhand praktischer Beispiele nachdrücklich beschrieben werden. So haben Konstanze Söllner und Wilfried Sühl-Strohmenger mit dem im de Gruyter-Verlag erschienenen Handbuch „Hochschulbibliothekssysteme. Leistungsfähige Informationsinfrastrukturen für Wissenschaft und Studium“ ein Standardwerk herausgegeben, das über Jahre hinweg seine Gültigkeit behalten wird.4 Über 50 Autoren aus Deutschland und dem deutschsprachigen Ausland ziehen Bilanz und schauen in die Zukunft: Sie beleuchten die rechtlichen und ordnungspolitischen Rahmenbedingungen, erläutern, welche Antworten Hochschulen auf die Frage nach der Proportion von Zentralität und Dezentralität finden, deklinieren den Funktionswandel dezentraler Bibliotheken in unterschiedlichen Fachkulturen und Wissenschaftsdisziplinen durch, stellen die Konzepte einzelner dezentral strukturierter Bibliothekssysteme vor, kontrastieren diese mit gelungenen Beispielen inner- und außeruniversitärer Kooperationen, zeigen auf, welche Parameter der Planung von Informationsinfrastrukturen zugrunde liegen und welchen Beitrag zentrale Koordinierungseinrichtungen für diese Infrastrukturen leisten.

Das HIS-Institut für Hochschulentwicklung (HIS-HE) unterstützt mit seinem Arbeitsbereich „Bauliche Hochschulentwicklung“ Hochschulen bei der Erstellung baulicher Entwicklungskonzepte. Berührungspunkte nahmen die Herausgeber des Handbuchs und die Verantwortlichen der HIS zum Anlass, eine gemeinsame Tagung zum Thema „Planung von Hochschulbibliotheken“ auszurichten, die am 18. November 2014 in Hannover stattfand. Hier ging es um ausgewählte Aspekte der Planung und Steuerung von Hochschulbibliotheken, gleichsam ein Extrakt der im Handbuch behandelten Fragestellungen. Wie organisieren Hochschulen am Beginn des 21. Jahrhunderts Lernräume? Wie schaffen sie die Konvergenz zwischen physischen und digitalen Wissensräumen? Wie reagieren Hochschulen organisatorisch und baulich auf die Paradigmenwechsel im Lernverhalten und auf die finanziellen Herausforderungen? Welche Parameter und Kennzahlen liegen der Ermittlung von Nutzungsfrequenzen zugrunde? Welche Rolle spielen zentrale und dezentrale Einheiten, und wie geht man im digitalen Zeitalter mit Printbestand um? Dass sich dieses Themenspektrum in den praktischen Alltagsaufgaben von Entscheidern aus Hochschulen, Bibliotheken, Wissenschaft und Forschung widerspiegelt, zeigte die überaus große Nachfrage. Über 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer fanden den Weg in das Gewerbe- und Tagungszentrum „Werkhof“ am Rande der Niedersächsischen Landeshauptstadt und erlebten unter der kundigen Moderation von Konstanze Söllner, Dr. Wilfried Sühl-Strohmenger und Dr. Bernd Vogel eine effizient organisierte, kompakte Konferenz.

Dr. Bernd Vogel, stellvertretender Abteilungsleiter der HIS-Hochschulentwicklung, stimmte in seiner Begrüßung die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf das nachfolgende Programm mit einer kondensierten Positionsbestimmung ein. In großen Strichen skizzierte er die Wandlung der Bibliotheken von „Bücherverwahranstalten“, die ihre genuine Aufgabe in der Aufbewahrung von Printmedien sehen und digitale Medien nur ergänzend anbieten, zu „elektronischen Speichern digitaler Informationsangebote“, welche gleichermaßen Zugang zu eigenen Medienbeständen wie dezentral verteilten Ressourcen gewähren. Zwar ermöglicht die ortsungebundene Bereitstellung weltweit zugänglicher Informationen die dezentrale Nutzung der Bibliothek auf dem gesamten Campus oder von zu Hause aus, doch gewinnt auf der anderen Seite die Bibliothek zunehmend Bedeutung als Lern- und Arbeitsort. Und damit waren die Themen der Tagung benannt: Der Versorgungsauftrag der Bibliothek verlagert sich, nicht mehr Besitz ist prioritär zu organisieren, sondern Zugang zu Informationen. Dieser Strukturwandel betrifft die drei Kernkomponenten Personal (ein Thema, das auf der Hannoverschen Tagung ausgeklammert bleiben musste), Medien und Nutzerarbeitsplätze – sie wurden in den nachfolgenden Beiträgen unter ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet.

Die Einführung in das Tagungsthema setzten Konstanze Söllner (Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg) und Dr. Wilfried Sühl-Strohmenger (Universitätsbibliothek Freiburg) in ihrem Grundsatzreferat Kernpunkte zukünftiger Planung von Hochschulbibliothekssystemen fort. Im Handbuch, dessen Agenda im Zentrum des Vortrags stand, definieren die beiden Autoren den Begriff Hochschulbibliothekssystem wie folgt: „[…] die funktionale Gesamtheit der – arbeitsteilig mit anderen Institutionen abgestimmten – Dienste und Einrichtungen einer Bibliothek zur Unterstützung von Forschung, Lehre und Studium durch Literatur-, Informations- und Medienressourcen sowie durch weitere Supportstrukturen. Diese Dienste sind interdisziplinär ausgerichtet und werden lokal erbracht. Ein Hochschulbibliothekssystem ist somit der wesentlich von bibliothekarischen Einrichtungen und Dienstleistungen getragene Teil der universitären Informationsinfrastruktur.“5 Diese Begriffsdefinition bildete die Folie der nachfolgenden Überlegungen. Die Referenten skizzierten zunächst vielschichtige Trends und Entwicklungen. Als Folge von Interdisziplinarität, Cluster-Bildung oder multilateraler Wissenschaftsförderung liegen immer mehr neue Hochschuleinrichtungen quer zu traditionellen Fach- und Fakultätsstrukturen. Gleichzeitig nivellieren sich die Unterschiede zwischen dezentralen Strukturen und zentral organisierten einschichtigen Systemen. Söllner und Sühl-Strohmenger benannten als Mainstream eine Tendenz zur Zentralisierung. Sie bezieht sich zum einen auf die Kernressourcen Personal und Finanzmittel, die in Hochschulbibliothekssystemen zentral koordiniert werden, zum anderen auf die zentrale Lizenzierung und für das gesamte System flächendeckende Bereitstellung elektronischer Ressourcen. Doch die Hochschullandschaft ist zu heterogen, um sich gänzlich einer derartigen Schematisierung zu fügen. Beispiele aus unseren Nachbarländern zeigen, dass auch das Modell der „Dreischichtigkeit“ (Bibliothekssystem der Universität Zürich mit Zentralbibliothek, Hauptbibliothek und eigenständig agierenden dislozierten Institutsbibliotheken zur Literaturversorgung vor Ort)6 oder eine abgestimmte „Standortpolitik“ (am Beispiel der koordinierten universitären Literaturversorgung im Elsass)7 effiziente Strukturen hervorzubringen vermögen.

Für das Funktionieren von Hochschulbibliothekssystemen formulierten die Referenten sodann Prämissen, zu denen sowohl im Handbuch als auch auf dem Workshop Praxisbeispiele und Erfahrungen vorgestellt wurden.

Transparenz: Unter den Leitbegriffen Wirtschaftlichkeit, Nachfrage- und Zielgruppenorientierung sowie Nutzernähe sollten Bibliotheksplanungen abgestimmt, vorausschauend und damit transparent erfolgen.

Koordination: Eine unter den Bedingungen starker Dislozierung der einzelnen Bibliotheksstandorte besondere Herausforderung bildet das koordinierte Vorgehen der verschiedenen am Planungsprozess beteiligten Einrichtungen einer Hochschule (Bibliotheksleitung, Institute, Flächen- und Gebäudemanagement).

Raummangel: Der Flächennutzungsdruck in den Hochschulen trifft auch die Bibliotheken, deren Raumbedarf für die Unterbringung der Printmedien und die Bereitstellung moderner Nutzerarbeitsplätze mit dem inneruniversitären Flächenhunger konkurrieren muss.

Auslagerung: Können größere Bibliothekssysteme durch Konzentration die Platzprobleme sicherlich besser bewältigen als kleinere Einrichtungen, so wird der Lösungsansatz der Depotbibliothek (Storage-Prinzip) wieder auf die Planungsagenda gehören.

Wenn nun versucht wurde, diese heterogene Gemengelage zu einigen Trends zu verdichten (fachnahe Bibliothekssysteme, differenzierte Bibliotheksdienstleistungen, Koordination, klientenzentrierte und personalisierte Informationsvermittlung), so wurde doch deutlich, dass es eine Ideallösung nicht geben kann. Das gern zitierte Prinzip des one-size-fits-all greift nicht. Welche Konsequenzen ergeben sich aber daraus für die Planung von Hochschulbibliotheken? Die Referenten hoben insbesondere zwei Ansätze hervor. Der eine ist eine benutzerzentrierte Sichtweise, nach der es gilt, für das nach Fachkulturen zu unterscheidende Lern- und Arbeitsverhalten der Studierenden adäquate Arbeitsplatztypen zu entwickeln und Raumkonzepte („Lernarrangements“) zu schaffen. Die andere Perspektive stellt – konservativ gesprochen – die Bestände in den Fokus, läuft aber auf die gleiche Aufgabenstellung hinaus. Da Universitätsbibliotheken mittlerweile die Hälfte ihrer Etats oder mehr für die Finanzierung digitaler Ressourcen aufwenden, müssen bauliche Konzepte den gewandelten Formen ihrer Präsentation und Nutzung Rechnung tragen.

Die Tagungsdramaturgie sah als dritten Beitrag nun einen Praxisbericht vor. Wie dezentral darf / kann / muss es sein? fragten Dr. Dorothea Sommer (Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle/Saale) und Dr. Heiner Schnelling (Universitätsbibliothek Frankfurt/Main) und stellten zentrale und dezentrale Bibliotheken an den Universitäten Frankfurt und Halle vor.

Die Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) Sachsen-Anhalt in Halle, gegründet 1696 und seit 1948 mit den Aufgaben einer Landesbibliothek betraut, ist die größte wissenschaftliche Allgemeinbibliothek des Landes, mit einem Bestand von nahezu 6 Mio. Medien, der jährlich um 45.000 Einheiten wächst, einem Erwerbungsetat von über 4,5 Mio. Euro und einem Versorgungsauftrag für 31.000 Nutzerinnen und Nutzer. Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg verfügt über eine historisch gewachsene dezentrale räumliche Struktur, und so nimmt es nicht Wunder, dass auch die Bibliothekslandschaft eine starke Streulage aufweist. Eine Standortkarte zeigte eine weiträumige Verteilung über die Stadt. Umso ehrgeiziger waren und sind die Planungen in Halle, diese Zersplitterung zu überwinden und durch organisatorische und bauliche Maßnahmen eine stärkere Konzentration zu erreichen, wenngleich die ULB ein zwar einschichtig strukturiertes, aber räumlich dezentrales System bleiben wird. Die Referentin illustrierte diesen durch eine Stellungnahme des Landesrechnungshofes angestoßenen Reorganisationsprozess, für dessen Motto der ebenso schlichte wie anspruchsvolle Begriff „rethink“ gefunden wurde, mit eindrucksvollen Zahlen und interessanten Bildern, die Einblicke in neue und renovierte Bausubstanz vermittelten. So wurde binnen eines Vierteljahrhunderts (1990-2015) die Zahl der Zweigbibliotheken von 111 auf 13 abgeschmolzen, von ursprünglich drei Außenmagazinen blieb eines übrig. Das Land Sachsen-Anhalt investierte für die Rekonstruktion des bibliothekshistorisch bedeutsamen Altbaus sowie für Renovierungen vorhandener Gebäude und für Neubauten von insgesamt acht Zweigbibliotheken bislang über 60 Mio. Euro. Ausführlich stellte die Referentin dann das laufende Bauvorhaben für die Geistes- und Sozialwissenschaftliche Bibliothek am Steintor-Campus vor, in der 1 Mio. Bände in Freihandaufstellung und Kompaktmagazinierung untergebracht und 155 Benutzerarbeitsplätze eingerichtet werden sollen. Hierfür werden nochmals 15 Mio. Euro aufgewendet. Im zweiten Teil ihres Vortrages ging Sommer vor dem Hintergrund des Medienwandels, der auch in Halle zu einer starken Umschichtung der Erwerbungsmittel zugunsten elektronischer Ressourcen geführt hat, auf die Verteilung der Finanzmittel auf die einzelnen Fächercluster und auf die Lokalisierung der Bestände und Dienstleistungen ein. „So zentral wie nötig, so dezentral wie möglich“, so könnte also die Antwort auf die eingangs gestellte Frage lauten.8

Einer ähnlichen Agenda folgte Dr. Heiner Schnelling, und auch für die Frankfurter Bibliothekslandschaft könnte ein vergleichbares Fazit wie für Halle gezogen werden. Schnelling stellte zunächst das Bibliothekssystem der Goethe-Universität über seine Kennziffern vor: An acht Standorten werden 56.000 aktive Nutzerinnen und Nutzer versorgt, 6,9 Mio. Print-Medien sind überwiegend in der Zentrale und dort primär magaziniert untergebracht, während in den dezentralen Standorten die Bestände in einer Freihandaufstellung präsentiert werden. Von 22 Mio. Euro des Gesamtbudgets entfallen 7 Mio. Euro auf die Erwerbung, weitere 3,2 Mio. Euro Drittmittel ergänzen das Medienbudget. In Frankfurt herrscht eine „dezentrale Mentalität“. Ein Vizepräsident ist für die Universitätsbibliothek und das Hochschulrechenzentrum zuständig; eine Bibliothekskommission des Präsidiums respektive des Senats gibt es nicht, statt dessen erfolgt die Steuerung über Zielvereinbarungen, in denen die Bibliothek unter der Prämisse einer dreijährigen Planungssicherheit die jenseits eines Sockelbetrages liegenden Literaturmittel aushandelt. Keinen Gegensatz zur Dezentralität bildet die seit 2003 betriebene „Bereichsbildung“, die – ähnlich wie am Beispiel Halle zuvor dargestellt – zu einer drastischen Reduktion dezentraler Bibliotheken (vormals über 150) und zur Konzentration auf mittlerweile sechs Bereichsbibliotheken geführt hat. Perspektivisch wird die Bereichsbildung auch in den kommenden Jahren fortgesetzt und soll bis 2017 zur Integration mehrerer Institutsbibliotheken in die Bereichsbibliotheken am Campus Westend führen.

Dass es für Unternehmen lebenswichtig ist, sich strategisch zu positionieren und ihr Leistungs- und Produktportfolio flexibel an den Gesetzen und Bedürfnissen des Marktes auszurichten, dürfte unstrittig sein. Lassen sich ähnliche Kriterien an eine Hochschulbibliothek anlegen? Oder anders formuliert: Eine für alles? Unter dieser Fragestellung stellte Dr. Achim Bonte (Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden) Überlegungen zu Hochschulbibliotheken der nächsten Generation an, nicht ohne strategische Defizite zu diagnostizieren und damit den bibliothekarischen Entscheidern die Leviten zu lesen. Auch Bonte führte seine Analyse zunächst an ihren Ursprungsort zurück, nämlich die konventionelle Definition der Bibliothek als „Büchersammlung“ oder „Medienspeicher“, flankiert von bestandsbezogenen Dienstleistungen. Dieses Selbstverständnis ist im Zuge der „digitalen Revolution“, die zahlreiche Rahmenbedingungen unwiderruflich und dauerhaft verändert hat, unter Druck geraten: das Internet als maßgebliche Infrastruktur, die dynamische Weiterentwicklung webbasierter Angebote, eine (ungewohnte) Wettbewerbssituation für Bibliotheken durch konkurrierende Informationsanbieter, die „Mobilisierung des Mediengebrauchs“, die veränderte Sozialisierung der Nutzer als digital natives. Dies hat zu einer „Erosion der Papierbibliothek“ geführt, was sich in signifikant sinkenden Ausleihzahlen manifestiert. Ausgehend von dieser Bestandsanalyse, die noch keine substantiell neuen Erkenntnisse vermittelte, forderte der Referent, die Bibliothek grundlegend neu zu denken, und beklagte, durchaus im Einklang mit vielen anderen, die den Blickwinkel bibliothekarischer Planung nach wie vor zu stark vom althergebrachten, papierfixierten Verständnis der Bibliothek dominiert sehen, dass dies bisher noch zu wenig oder zu wenig konsequent geschehe. Bonte benannte hier fünf strategische Defizite vieler Bibliotheken: Bibliotheken unterschätzen oder verdrängen die Herausforderungen und Gefährdungen der Zukunft; Bibliotheken besitzen keine ausreichenden Zukunftskonzepte; Bibliotheken reagieren in ihren Entscheidungs- und Entwicklungsprozessen zu langsam auf die rasanten Veränderungen der Informationslandschaft; Bibliotheken entwickeln ihr Dienstleistungsportfolio eher in die Breite als in die Tiefe, was zu Lasten der Qualität einzelner Dienste geht; für Printmedien werden zu viele, für die digitalen Produkte hingegen zu wenige Personalressourcen eingesetzt. Was also ist die Bibliothek der nächsten Generation, und was macht sie aus? Sie ist ein „zentraler Ort von gemeinschaftlichem/r Wissensaufbau, Wissensstrukturierung, Wissensaustausch mit dem Charakter eines kommerzfreien öffentlichen Treffpunkts und konkurrenzfähigen Service- und Aufenthaltsqualitäten“, so lautete die Antwort des Referenten. In dieser Umschreibung freilich würde die überwiegende Mehrheit der Leiterinnen und Leiter von Hochschulbibliotheken ihre Einrichtung sicherlich schon jetzt korrekt charakterisiert sehen. Das Innovative, Weiterführende und schlussendlich Zukunftssichernde muss die praktische Ausgestaltung dieses Anspruchs leisten. Konkrete Entwicklungschancen sieht Bonte in strategischen Allianzen, auch und gerade solchen, an die Hochschulbibliotheken, wenn sie auf ihren primären Versorgungsauftrag fokussiert sind, nicht oder vielleicht nicht prioritär denken. Bonte empfiehlt den „kraftvollen Ausbau des Veranstaltungsprogramms“ und die Profilierung der Bibliothek als „Forum für das kulturelle und (populär-)wissenschaftliche Gespräch, als öffentlicher Salon einer Stadt“. Bibliotheken sollten mit anderen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen und Initiativen der Zivilgesellschaft Kontakte etablieren und sich als „Innovationszentrum für die Coworking- und Maker-Szene“ empfehlen. Da sich der Studienalltag zunehmend umfassend vernetzt, hat die Bibliothek Potential zur Entwicklung einer „Smart Library“. Wie dies konkret in der Praxis aussehen kann, zeigte der Referent an zwei Beispielen aus seinem eigenen Haus auf, der SLUB Dresden, an der Zusammenarbeit mit einem Coworking-Startup und an dem Makerspace-Projekt in der Bereichsbibliothek DrePunct. Auf die Frage, ob die Bibliothek mithin als Lernort „eine feste Bank“ bildet, konnte es nur eine ambivalente Antwort geben. Gewiss spielt die Bibliothek hier eine Rolle, allerdings nur dann, wenn sie über herausragende Ausstattungsmerkmale verfügt, wie dies bei spektakulären Neubauten der Fall ist, die Bibliotheken als „Lern-, Kommunikations- und Erlebnisraum“ inszenieren. Durch den Verlust traditioneller Aufgaben können sich Dienstleistungen aber auch losgelöst vom physischen Ort der Bibliothek etablieren, wie etwa die autonom funktionierenden Lern- und Studierendenzentren belegen. Hochschulbibliotheken der nächsten Generation werden nach Einschätzung von Bonte ihre räumliche Struktur flexibilisieren, ihre Philosophie nicht mehr am Bestand ausrichten, sondern neue Parameter wie Zugriffs-, Service- und Erlebnisorientierung in den Fokus rücken und ihr Leistungs- und Angebotsportfolio stärker am Markt ausrichten, also gegebenenfalls umbauen und verengen auf Alleinstellungsmerkmale, um dort Exzellenz zu erreichen. Eine für alles? – in der nächsten Generation dann wohl nicht mehr.

Die von der britischen Architektin Zaha Hadid entworfene Bibliothek der Wirtschaftsuniversität in Wien ist binnen kurzem zum beliebten Pilgerort von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren aus aller Welt geworden und gehört mittlerweile zu den Ikonen des modernen Bibliotheksbaus am Beginn des 21. Jahrhunderts. Findet in einem derart kühnen, innovativen Bau überhaupt noch ein klassischer, gedruckter Medienbestand Platz? Nikolaus Berger (Bibliothek der Wirtschaftsuniversität Wien) gab in seinem Vortrag mit dem Titel Print-Aufstellung im digitalen Zeitalter – Lernplatz oder Regal first? interessante Einblicke in die Genese des bibliothekarischen Konzepts sowie die Bauhistorie: In nur sechs Jahren wurden alle relevanten Planungsschritte von der Standortentscheidung (2007) über den Architektenwettbewerb (2008) bis zur Aufnahme des regulären Studienbetriebs (Oktober 2013) abgewickelt. Die Ausgangssituation war in Wien vergleichbar der vieler anderer Hochschulbibliotheken. Neben der Hauptbibliothek mit 630 Leseplätzen, 30.000 Bänden in Freihandaufstellung und 200.000 magazinierten Medien sowie einem weiteren, 90.000 Bände umfassenden Bestand in einem externen Magazin existierten, verteilt auf 9 Gebäude, 70 Institutsbibliotheken mit nochmals 350.000 Printmedien. Dagegen stand die Idee, mit dem Library & Learning Center eine Einrichtung zu schaffen, die als „Haus der Studierenden“ das Herzstück des neuen Campus bildet und der Universitätsbibliothek, als 24/7-Betrieb organisiert, hinreichende Entwicklungsoptionen eröffnet: die Unterbringung von 630.000 Büchern, Wachstumsmöglichkeiten für einen Zeitraum von 30 Jahren und schließlich 1.500 moderne Leseplätze. Gilt das Gebäude als Herzstück des neuen Campus, so ist die Bibliothek unzweifelhaft das Herzstück des neuen Gebäudes, in dem weitere universitätsinterne sowie externe Dienstleister, Studienservices und Veranstaltungsräume untergebracht sind. Berger zeigte in seinem Vortrag auf, wie im Verlaufe der Planungen aus dem Nebeneinander von „Medien-Speicher“ und „Lernraum“ konzeptionell und schließlich in der architektonischen Umsetzung ein Miteinander, eine organisatorisch-räumliche Verschränkung wurde, in der zeitliche Zäsuren die Entscheidung für die Aufstellung in Kompaktregalen (ältere Literatur) oder in der stationären Regalanlage (aktuelle Fachliteratur) determinieren. Die Ansprüche an die Präsentation des Medienbestandes, davon 10.000 Bände in der stark frequentierten Lehrbuchsammlung, waren hoch, galt es doch, 70 unterschiedliche Aufstellungssystematiken weitgehend zu vereinheitlichen. Die Bibliothek hat hier insofern einen pragmatischen Ansatz gewählt, als die RVK als Aufstellungssystematik zur Anwendung kommt, für zwei Fächercluster (Betriebswirtschaft, Sozialwissenschaften) allerdings erst nach definierten Schwellenjahren und für zwei weitere Fächer für den kompletten Bestand (Recht, Wirtschaftssprachen). Der Anforderungskatalog an die Gestaltung der 1.500 Lernplätze war ähnlich elaboriert, ging es hier darum, unterschiedlichen Nutzerbedarfen gerecht zu werden und die Plätze zugleich in eine Infrastruktur einzubetten, die Modernität und Flexibilität für die Zukunft garantiert. Das Ergebnis ist eine starke Zonierung nach Kriterien wie Lärmpegel, Arbeitsintensität oder sozialem Arbeitsverhalten, aber auch weichere Faktoren („Blickbezüge“, „sich wohl fühlen“, „intuitive Orientierung und Verhalten“, „mein-Bereich-Abgrenzung“, „nicht zum Schlafen einladend“ oder „mein-Arbeitsplatz-Feeling“) formulierten innerhalb des Raum- und Funktionsprogramms klare Forderungen an die architektonische Realisierung. Wer die Bibliothek auf dem neuen Campus der Wirtschaftsuniversität am Nordrand des Wiener Praters besucht hat, weiß, dass die Strategie, „alles, was möglich ist“, öffentlich zugänglich nach einer einheitlichen Fachsystematik aufzustellen und ansprechende, hochwertige und funktionale Lernplätze in unterschiedlichen Zonen über das ganze Haus zu verteilen und damit im digitalen Zeitalter analoge und digitale Lernwelten friedlich zu synchronisieren, zum Erfolg geführt hat.

Dass nach dem reichen Mittagsbuffet keine nachmittägliche Trägheit aufkam, dafür sorgte der Vortrag von Dr. Bernd Vogel. Er referierte über die Nutzung von Hochschulbibliotheken und formulierte auf der Basis empirischer Erhebungen Planungsempfehlungen für die Ausstattung der Bibliotheken mit Nutzerarbeitsplätzen. Vogel stellte zunächst die HIS-Studie „Orte des Selbststudiums“9 vor, in der im Frühjahr 2012 mit Hilfe des HISBUS-Panels 30.000 registrierte Studierende zu ihren Studiengewohnheiten und hier insbesondere zu ihrem Selbststudium befragt wurden. Mit einem Rücklauf von 27% dürfen die Ergebnisse dieser Online-Befragung als repräsentativ gelten. Welchen Zeitaufwand veranschlagen die Studierenden für das Selbststudium, definiert als „alle außerhalb des Besuchs von Lehrveranstaltungen im Zusammenhang mit dem Studium erforderliche Tätigkeiten“? Wo findet dieses Selbststudium statt? Wie schätzen die Studierenden ihre Situation an der eigenen Hochschule ein, und welche Gründe machen sie für die Wahl des Ortes beim Selbststudium geltend? Vogel erläuterte anhand zahlreicher Diagramme die Ergebnisse der Befragung: Studierende investieren rund 35 Stunden pro Woche für ihr Studium, davon entfallen 18 Stunden auf das Selbststudium, 16,5 Stunden verbringen sie in Lehrveranstaltungen. Im Rahmen des Selbststudiums arbeiten die Studierenden rund 12 Stunden pro Woche zu Hause, wobei sie tendenziell lieber noch mehr dort lernen würden, 7 Wochenstunden des Selbststudiums werden in der Hochschule durchgeführt. Als Gründe für das häusliche Lernen führten die Befragten die flexiblere Zeiteinteilung und die bessere Verpflegung ins Feld, während die Ausstattung der Hochschule kaum zu Buche schlägt. In der Hochschule ist die Bibliothek der präferierte Lernort, wobei sich eindeutige Unterschiede zwischen Universitäten (4 Std/W) und Fachhochschulen (1,7 Std/W) ergeben. Vogel hat eine „deutliche Polarisierung“ bei der Nutzung der Hochschulbibliotheken festgestellt: 70-80% der Studierenden verbringen weniger als zwei Wochenstunden in der Bibliothek, 5% der Fachhochschulstudierenden und 14% der Studierenden an Universitäten arbeiten mehr als 8 Stunden in der Bibliothek. Die intensivsten Bibliotheksnutzer sind die Juristen: 33% verbringen hier mehr als 8 Stunden in der Woche. Aus diesen Befunden der empirischen Zeitbudgets für das Selbststudium und auf der Grundlage einer empirischen Untersuchung einer mittelgroßen (norddeutschen) Universität, deren Bibliothekssystem zweischichtig organisiert ist (auf drei Standorte verteilte Zentralbibliothek, 55 Fachbibliotheken mit über 70% aller Arbeitsplätze), ermittelte die HIS Platzfaktoren für den Bedarf an Bibliotheksarbeitsplätzen: Bezogen auf Studienplätze bzw. Studierende in der Regelstudienzeit sind für Universitäten 8% und für Fachhochschulen 6% an Lernplätzen in der Bibliothek anzusetzen.10 Diese Befunde wie auch die Methodik der empirischen Einzelfalluntersuchung eines zweischichtigen Systems evozierten bei zahlreichen Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmern erheblichen Diskussionsbedarf, ließen sich doch die hier vorgestellten Zahlen und die reale Situation an den Heimathochschulen mit zu Spitzenzeiten überfüllten Lesesälen, Wartezeiten für Sitzgelegenheiten und Platzmanagement mit den mittlerweile an vielen Standorten gebräuchlichen „Parkscheiben“ kaum in Einklang bringen. Hier wäre mehr Zeit für Nachfragen und eine kritische Aussprache mit dem Plenum nötig gewesen; die Tagungsregie gestattete freilich nur eine kurze Diskussion, so dass die Unruhe im Saal nicht beseitigt werden konnte.

Information Commons, Learning Commons, Learning Center, Learning Grid, Learning Ressource Center: Diese Begriffe stehen für neue Servicekonzepte in Bibliotheken, die in angloamerikanischen Universitäten entwickelt wurden und die Lernraumdiskussion hierzulande nachhaltig inspiriert haben. Christine Gläser (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) stellte sie in ihrem Beitrag Lernräume in Bibliotheken – neu gedacht vor. Impressionen etwa aus dem Saltire Centre Glasgow oder der North Carolina State University zeigten, worin das Innovative besteht. Traditionelle Leseplatz-Architektur wird aufgebrochen zugunsten variabler Raum- und Möblierungskonstellationen, anpassbar ebenso an individuelle Arbeitssituationen wie an dynamische gruppenzentrierte Lernarrangements, dies alles unterstützt durch eine elaborierte IT-Infrastruktur. Mit derartigen Raumangeboten tragen Bibliotheken veränderten Interessen und Bedürfnissen ihrer Nutzerinnen und Nutzer Rechnung; sie sind zugleich ein Reflex auf den Paradigmenwechsel in der akademischen Lehre und im studentischen Lernverhalten, in dem selbstbestimmtes Lernen und Arbeiten mit einer starken Gruppen- und Projektorientierung in den Vordergrund treten. Gläser erläuterte dies am Beispiel des „Lernraums als Lernkontinuum“, einer Sequenz einzelner Arbeitsschritte rund um die Erstellung eines Referats in einer studentischen Arbeitsgruppe, wobei in jeder Phase innerhalb des organischen Fortgangs der Arbeit charakteristische Konzeptelemente von der Chill-out-Zone über das IT-Carrel und die PC-Arbeitsplätze bis hin zum Gruppenraum zur Einübung der Präsentation in Anspruch genommen werden. Dass Lernraumforschung auch eine ganz praktische Komponente hat, erläuterte die Referentin zum Abschluss anhand eines studentischen Projekts in der Fakultät Design, Medien und Information (DMI) der HAW Hamburg, wo es galt, Informationsdienstleistungen und Lernortkonzepte für die neu erbaute Fakultätsbibliothek zu erarbeiten.

Eine weitere Variante des Themas Lernräume entwickelte Olaf Eigenbrodt in seinem mit reichem Bildmaterial aus europäischen Bibliotheken unterlegten Vortrag Entwicklung und Konvergenz physischer und digitaler Wissensräume, in dem er seine Idee der „Fluiden Bibliothek“ zum Thema machte. Zunächst nahm der Referent seine Zuhörer mit auf eine Tour d’Horizon durch die Bibliothekswelt mit ihren klassischen, also analogen und an einen speziellen physischen Ort gebundenen Angeboten auf der einen Seite und der hybriden Sphäre auf der anderen, wo digitale Informationen ubiquitär, dynamisch und interaktiv zur Verfügung stehen. Die Frage, wie diese Transformation gestaltet wird und was dies für die Planung bedeutet, ist für Eigenbrodt eine der zentralen Zukunftsfragen, wie er an anderer Stelle prägnant formuliert hat: „Wie können sich sowohl die digital verfügbaren als auch die auf physischen Medien gespeicherten Informationen so aufbereiten und präsentieren lassen, dass sinnvolle Zusammenhänge entstehen und die Qualitäten beider Räume zur Geltung kommen?“11 Seine Antworten kreisten stets um den Gedanken des komplementären Miteinanders analoger und digitaler Angebote und der dynamischen Interaktion. Einige Thesen seien genannt: Bibliotheken müssen eine zeitgemäße technische Infrastruktur anbieten; damit ermöglichen sie ein format- und medienübergreifendes Lernen. Bibliotheken müssen Dienstleistungen und Beratung „neu denken“. Dabei gilt es, Beratung als Kernkompetenz auszubauen, was unter baulichen Aspekten Anforderungen an die Infrastruktur wie etwa die Thekengestaltung stellt. Digitale Ressourcen sind ortsunabhängig, ihre Nutzung ist es ebenso. Will die Bibliothek eine Rolle spielen, muss sie im digitalen und physischen Raum gleichermaßen präsent sein. Alle Medien müssen unabhängig von ihrem Format schnell verfügbar sein. Für Printbestände spielt die Automation (Beispiel: storage management) eine große Rolle. Arbeitsumgebungen, Lernräume sind flexibel gestaltet und nehmen in Architektur und Ausstattung die Vielfalt moderner Lern- und Arbeitsformen auf. All dies schließlich bildet die Grundlage der „Fluiden Bibliothek“, die Eigenbrodt wie folgt definiert hat: „Es geht um die Gleichzeitigkeit von ortsgebundener und ortsungebundener Nutzung verschiedener Medienformen als Teil einer ubiquitous computing Strategie […]. Nutzer/innen und digitale Informationen sind hierbei per se dynamische Elemente.“12 Hochschulen, so Eigenbrodts Schlussfolgerung, brauchen angesichts des Umstands, dass digitale und physische Räume gleichermaßen real sind, eine individuelle „Lernraumstrategie“, die so verschieden sein wird, wie die Hochschulen verschieden sind, die aber ohne klassische Arbeitsumgebungen nicht auskommen kann. Dass der Leitsatz One-size-fits-all nicht mehr funktioniert, war mithin die Quintessenz nicht nur dieses Vortrags.

Im letzten Beitrag des Tages nahm Martin Lee das Thema Zentralität/Dezentralität wieder auf und gestattete in seinem Werkstattbericht aus der FU Berlin Einblicke in die herausfordernde Neugliederung dezentraler Bibliotheken. Hinter der Chiffre 24 in 1: Neue integrierte Bibliothek verbirgt sich das Vorhaben, 24 über den Stadtteil Dahlem verstreute Bibliotheken der sogenannten „kleinen Fächer“ des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften zusammenzuführen: organisatorisch, indem alle Bestände für die Freihandaufstellung nach RVK vorbereitet werden, baulich durch die Konzentration in einem vom Münchner Architekturbüro Florian Nagler errichteten Neubau, der an das bereits bestehende Gebäude der Erziehungswissenschaft, Fachdidaktik und Psychologie andockt, das wiederum seit Juni 2012 saniert wird. Die Grundsteinlegung für den Neubau fand im August 2012 statt, beide Bauvorhaben, Sanierung wie Neubau, sollen im Frühjahr 2015 zum Abschluss gebracht werden. Dann finden auf rund 10.000 Quadratmetern insgesamt 1,1 Mio. Bände aus den Kulturwissenschaften Platz, ergänzt um weitere Bestände aus fünf mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Den Nutzerinnen und Nutzern werden ca. 1.000 Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, die Konzentration wird überdies längere Öffnungszeiten gestatten. Lee erzählte anschaulich von den Mühen der Ebene. Besondere Schwierigkeiten ergeben sich für die Planer aus der Inkonsistenz der Zahlen, konkret der Differenz zwischen der Bibliotheksstatistik und den auf RFID basierenden Zählungen. Die zweite große Herausforderung stellt der Anspruch einer konsistenten, fächerübergreifenden Präsentation der Bestände dar, der mit erheblichem Personaleinsatz die Umarbeitung der Bücher erforderlich macht. Mit der komplexen Umzugslogistik benannte Lee den dritten Arbeitsschwerpunkt. Bereits 2014 wurden erste Magazinbestände in den sanierten Altbau umgezogen, kleinere Bestände werden überdies vorab virtuell thematisch integriert. Die Bibliothek setzt für die Belegungs- und Umzugsplanung das Softwareprodukt v:scout ein, das für das Berliner Projekt eigens weiterentwickelt und um eine Umzugskomponente ergänzt wurde. 24 in 1 – das bedeutet, wie Lee weiter ausführte, auch im Bereich der Personalführung eine besondere Herausforderung. In einem langen Überzeugungsprozess, der durch professionelles Coaching begleitet wurde, mussten Vorbehalte entkräftet und Widerständen gegen das Neue begegnet werden. Das Integrationsprojekt der FU, das Martin Lee in seinem mit zahlreichen Baustellenimpressionen garnierten Vortrag seinen Zuhörern näher brachte, ist ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Vorhaben. Hervorgegangen aus der Initiative einer Professorin, die sich für die Gründung eines „culture lab“ stark machte, gelang schließlich die Anerkennung des Neubaus als Forschungsbau nach § 91b GG. Bemerkenswert ist dieses Projekt aber auch insofern, als hier die Bibliothek eine Heimstatt für Fächer schafft, in denen das Buch nach wie vor seinen Stellenwert als Medium und Schauplatz des wissenschaftlichen Diskurses verteidigt; dementsprechend wird ein fast schon frappierend hoher Ressourcenaufwand für eine angemessene Präsentation der analogen Medien betrieben, allerdings nicht ohne auf der anderen Seite komplexe Lernraumkonzepte umzusetzen, die der Digitalisierung des Arbeitens Rechnung tragen.

Als Fazit der Veranstaltung sei ein Aspekt herausgegriffen, der in der abschließenden Podiumsdiskussion von verschiedenen Referenten thematisiert wurde, wenngleich in unterschiedlicher Akzentuierung. Bibliotheken befinden sich in einem herausfordernden Veränderungsprozess. Obzwar die Notwendigkeit der Weiterentwicklung klar erkannt wird und vielfältige Ideen, Initiativen und Projekte wirkungsvoll die Konkurrenz- und Zukunftsfähigkeit unserer Einrichtungen befördern, lauert permanent die „Autosuggestionsfalle“ (Bonte): Bibliotheken wiegen sich mitunter in der falschen Sicherheit, ihre Hausaufgaben – vermeintlich – schon erledigt zu haben. Stattdessen tut schonungslose Selbstbespiegelung not, wenn der Anschluss gehalten werden soll. In diesem Sinne war die Hannoversche Tagung ein wichtiger und interessanter Beitrag zu diesem offenen Diskurs, der nie zum Ende kommen sollte.

Felicitas Hundhausen, Universitätsbibliothek Osnabrück

Zitierfähiger Link (DOI): http://dx.doi.org/10.5282/o-bib/2015H2S77-87

Fußnoten

1 Bonte, Achim; Ceynowa, Klaus: Bibliothek und Internet. Die Identitätskrise einer Institution im digitalen Informationszeitalter. In: Lettre International 100 (2013), S. 115-117.

2 Bonte/Ceynowa (wie Anm. 1), S. 115.

3 Bonte/Ceynowa (wie Anm. 1), S. 116.

4 Söllner, Konstanze; Sühl-Strohmenger, Wilfried (Hg.): Handbuch Hochschulbibliothekssysteme. Leistungsfähige Informationsinfrastrukturen für Wissenschaft und Studium. Berlin / Boston: de Gruyter Saur, 2014.

5 Ebd., S. 5.

6 Siehe dazu auch den Aufsatz von Lochbühler, Wilfried: Dreischichtigkeit zwischen Diversifikation und Kooperation. Das Bibliothekssystem der Universität Zürich. In: Handbuch Hochschulbibliothekssysteme (wie Anm. 4), S. 112-120.

7 Siehe dazu auch den Aufsatz von Poirot, Albert; Didier, Christophe: Die „Standortpolitik“. Eine neue Chance für das universitäre Bibliothekswesen Frankreichs – am Beispiel Elsass. In: Handbuch Hochschulbibliothekssysteme (wie Anm. 4), S. 365-378.

8 Siehe hierzu auch den Beitrag von Schnelling, Heiner; Sommer, Dorothea: So viel Zentralität wie nötig, so viel Dezentralität wie möglich! Das Konzept der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. In: Handbuch Hochschulbibliothekssysteme (wie Anm. 4), S. 103-111.

9 Vogel, Bernd; Woisch, Andreas: Orte des Selbststudiums. Eine empirische Studie zur zeitlichen und räumlichen Organisation des Lernens von Studierenden. Hannover: HIS, 2013 (HIS: Forum Hochschule, 7/2013).

10 Siehe hierzu auch den Beitrag von Vogel, Bernd: Flächenplanung für Hochschulbibliotheken. In: Handbuch Hochschulbibliothekssysteme (wie Anm. 4), S. 471-488.

11 Eigenbrodt, Olaf: Auf dem Weg zur Fluiden Bibliothek. Formierung und Konvergenz in integrierten Wissensräumen. In: Eigenbrodt, Olaf; Stang, Richard (Hg.): Formierung von Wissensräumen. Optionen des Zugangs zu Information und Bildung. Berlin / Boston: de Gruyter Saur, 2014 (Age of Access? - Grundfragen der Informationsgesellschaft 3), S. 207-220, Zitat S. 207.

12 Ebd., S. 210.