Zu Artikeldetails zurückkehren Söllner, Konstanze; Sühl-Strohmenger, Wilfried (Hg.): Handbuch Hochschulbibliothekssysteme. Leistungsfähige Informationsinfrastrukturen für Wissenschaft und Studium. Berlin/Boston: de Gruyter Saur, 2014.
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Rezensionen

Söllner, Konstanze; Sühl-Strohmenger, Wilfried (Hg.): Handbuch Hochschulbibliothekssysteme. Leistungsfähige Informationsinfrastrukturen für Wissenschaft und Studium. Berlin/Boston: de Gruyter Saur, 2014. 608 Seiten. – ISBN: 978-3-11-030991-1. – € 159,95. Auch als E-Book (PDF, E-PUB) verfügbar.

Dass ein Rezensent einen Band bespricht, zu dem er selbst beigetragen hat, ist unüblich. Im vorliegenden Fall erklärt sich dies durch die unübliche Breite des Bandes, der 46 repräsentative Beiträge von Expertinnen und Experten aus den großen Hochschulbibliotheken Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und Frankreichs vereint und somit das Feld möglicher Rezensenten von vornherein ausdünnt. Es bietet sich hierdurch jedoch eine wiederum unübliche Chance – die einer Re-Zension, einer Wiedervornahme und erneuten Prüfung eines Konzepts, die Einnahme zweier verschiedener, auch zeitlich unterschiedener Perspektiven als Autor und Leser. Die Herausgeber bezeichnen im Schlusswort die Herausgabe des Bandes als „Wagnis“ – das Verfassen dieser Rezension ist ein ebensolches.

Selten wurde ein bibliothekarischer Band mit solch hymnischem Gestus eingeleitet: Walt Whitmans Gedicht Crossing Brooklyn Ferry (1860) geleitet die Leserinnen und Leser in den Band und setzt die wesentlichen Themen: Das Zitat beschwört eine Gemeinschaft über Raum und Zeit hinweg, die sich in den im Band beschriebenen gemeinsamen bibliothekarischen Strategien und Problemen durchaus widerspiegelt. Und es lässt anklingen, womit sich der Band hauptsächlich beschäftigt – dem Wandel von Infrastrukturen über die Zeit hinweg (die von Whitman beschriebene Fähre wurde bald nach Verfassen des Gedichts durch eine Brücke ersetzt…), der Suche nach dem „simple, compact, well-join’d scheme“ der Bibliotheksorganisation.

Das Handbuch strebt eine „Standortbestimmung sowie eine Darstellung der Zukunftsaufgaben anhand modellhafter Bibliotheksstrukturkonzepte“ (S. 1) an. Es stellt sich zentralen strukturellen Fragen im digitalen Zeitalter: „Was sind genuine Aufgaben und Funktionen dezentraler und fachlich ausgerichteter bibliothekarischer Einrichtungen? Müssen Bibliotheken in der Fläche präsent bleiben, wenn die digitale Transformation zentralisierte Etats und koordinierte Verwaltungsstrukturen erzwingt?“ (S. 4) Sieben Sektionen versuchen die Beantwortung dieser Fragen. Die erste Sektion, „Hochschulpolitik, Hochschulentwicklung und Hochschulrecht – Vorgaben für die Ausgestaltung von Bibliothekssystemen“ analysiert die Rahmenbedingungen, die die Entwicklung von Hochschulbibliothekssystemen mit bestimmen, u.a. hochschulpolitische und rechtliche Grundlagen, auch wenn hier auch auf Innovationsmanagement und zukünftige Aufgaben für Hochschulbibliotheken eingegangen wird. Die zweite Sektion, „Bibliotheksstrukturen im Spannungsfeld von Zentralität und Dezentralität“, widmet sich insbesondere klassischen Strukturfragen zwischen Ein-, Zwei- und Mehrschichtigkeit sowie spezifischen Fragen wie der Personalführung. In der dritten Sektion wird der „Funktionswandel dezentraler Bibliotheken in der Hochschule im Lichte der Wissenschaftsdisziplinen und Fachkulturen“ anhand von Beispielen aus verschiedenen Fächern dargestellt. Die vierte Sektion präsentiert „Beispiele lokaler Entwicklungs- und Planungskonzepte für dezentral strukturierte Bibliothekssysteme“. Die fünfte Sektion widmet sich der Entwicklung „Flexibler Informationsinfrastrukturen durch Clusterbildung und Kooperation mit Einrichtungen innerhalb und außerhalb der Hochschule“. Die sechste Sektion diskutiert den „Beitrag zentraler Koordinierungseinrichtungen für die Informationsinfrastrukturen der Hochschulen“, u.a. Konsortien, Infrastrukturen für die Langzeitarchivierung, Fachinformationsdienste und Standards für Informationskompetenz. Die letzte Sektion schließlich untersucht „Praxisprobleme der Reform von universitären Informationsinfrastrukturen“, mischt allerdings die Diskussion von grundsätzlichen Fragen wie Flächenplanung oder Etatbedarfsmodellen mit der Darstellung von Einzelbeispielen. Im Schlusswort präsentieren die Herausgeber Thesen und Perspektiven zur zukünftigen Entwicklung – während allerdings Whitmans Blick in die Zukunft „many generations hence“ umfasst, wagen die Herausgeber im Schlusswort nur einen Blick auf sechs Jahre hin – auf „Hochschulbibliothekssysteme 2020“.

Selten gab es einen Band, der einen grundlegenderen Überblick über strukturelle Fragen deutscher Hochschulbibliotheken und über die Entwicklungen der einzelnen Standorte deutschlandweit und darüber hinaus ermöglicht hätte. Von führenden Praktikern verfasst, ist der Band an Aktualität nicht zu überbieten und stellt ein Muss für die bibliothekarische Ausbildung dar – praktische und strategische Fragen zwischen Ein- und Zweischichtigkeit werden hier bislang oft vernachlässigt, obwohl in der Hochschulrealität die Konzentrierung von Bibliotheksstandorten trotz oder gerade wegen der digitalen Medien wieder an Bedeutung gewinnt. Der Band greift das von Wissenschaftsrat und Gemeinsamer Wissenschaftskonferenz geprägte Konzept der Informationsinfrastruktur auf und definiert den Begriff des Hochschulbibliothekssystems neu als „die funktionelle Gesamtheit der – arbeitsteilig mit anderen Institutionen abgestimmten – Dienste und Einrichtungen einer Bibliothek zur Unterstützung von Forschung, Lehre und Studium durch Literatur-, Informations- und Medienressourcen sowie durch weitere Supportstrukturen.“ (S. 5) So einheitlich jedoch die Begriffe Informationsinfrastruktur und Hochschulbibliothekssysteme zu sein scheinen (die der Band durchaus mit Inhalt zu füllen hilft), so klar spiegeln die Beiträge den Föderalismus, die Bedeutung lokaler Bedingungen und den Kontrast zwischen politischen Rahmenvorgaben und praktischer Realität der Hochschulen wider – und erschweren damit systematische Schlüsse. Die erkennbaren Konstanten fassen die Herausgeber im Schlusswort treffend zusammen und belegen u.a. stichhaltig den bleibenden Wert fach- und standortnaher Freihandbibliotheken im digitalen Zeitalter. Sie ergeben stabile Leitlinien für die strukturelle Entwicklung von Hochschulbibliothekssystemen in den nächsten Jahren.

Die Rolle als Rezensent gebietet es jedoch, dass man es auch in gewissem Maße wieder einmal besser gewusst habe – so seien hier einige minimale Verbesserungsvorschläge für die aus Aktualitätsgründen im Jahre 2020 ohnehin nötige Neuauflage erwähnt: Auffällig ist die Überlast ehemals zweischichtiger Systeme, die Beschreibung einschichtig gegründeter Systeme und die durchaus sinnvolle kontrastierende Überprüfung von deren Leistungsfähigkeit (!) kommen zu kurz. Zur Erörterung systematischer Fragen wäre zudem der große Umfang wohl nicht erforderlich gewesen: So wird jenseits der Praxisfälle manches Mal Gängiges auf Basisniveau referiert, etwa zum Qualitätsmanagement – für den Praktiker ist dies nicht ausreichend, wenn auch vielleicht für die Lehre. Ebenso wie eine genauere Publikumsausrichtung würde man sich auch eine Klärung der Nutzungsart wünschen: Soll man den Band ganz durchlesen, sachlich suchen, einzelne Fälle studieren – aber nach welchen Kriterien? Das Register mindestens ist für eine sachliche Suche wenig geeignet. Mehr Internationalität hätte schließlich dem Band gut getan, insbesondere mit Blick auf den anglo-amerikanischen Raum, für den Alice Keller mit Universitätsbibliotheken in Großbritannien (de Gruyter Saur, 2013) einen ersten systematischen und analytisch scharfen Überblick geliefert hat – ein Band, dessen Ansatz sich durchaus fruchtbringend mit dem des vorliegenden Bandes kontrastieren lässt.

Kommen wir nach der abenteuerlichen, aber durchaus eindrucksvollen und erfrischenden Durchquerung von mehr als 600 Seiten zu einem Fazit. Das Handbuch Hochschulbibliothekssysteme ist ein unentbehrliches Standardwerk für die Ausbildung und bietet ein umfassendes Repertoire an Vergleichsfällen und -strukturen für den Praktiker. Es bildet eine stabile Ausgangsbasis für weitergehende bibliothekspolitische Diskussionen und Förderstrategien – kann aber nur einen Zwischenstand festhalten: Die Entwicklung der Hochschulbibliothekssysteme wird – unterstützt durch die Leitlinien des Handbuchs und letztlich doch getragen durch die oft turbulenten Strömungen universitärer Finanzierung – weitergehen. Und so kann man nur mit Whitman schließen: „Flow on, river! flow with the flood-tide, and ebb with the ebb-tide! Frolic on, crested and scallop-edg’d waves!”

Dr. André Schüller-Zwierlein

Universitätsbibliothek der LMU München

Geschwister-Scholl-Platz 1, 80539 München

andre.schueller-zwierlein@ub.uni-muenchen.de

Zitierfähiger Link (DOI): http://dx.doi.org/10.5282/o-bib/2015H2S74-76